Vom kleinen Engagement Tausender

Bei der Aktion Tagwerk arbeiten Kinder und Jugendliche für Afrika

Eine Idee aus Rheinland-Pfalz machte bundesweit Schule: Bei der Aktion Tagwerk übernehmen Kinder und Jugendliche für einen Tag Gelegenheitsjobs, um Gleichaltrige in ärmeren Ländern zu unterstützen. Bereits zum 20. Mal findet die Kampagne statt.

Mainz (epd). Katharina Hösler weiß nicht mehr genau, wie oft sie früher selbst angepackt hat beim jährlichen Schüler-Aktionstag für Gleichaltrige in Afrika. „Ich habe Flyer für ein Autohaus verteilt, bei einem Büro-Umzug geholfen, Autos poliert“, erzählt die 32-Jährige. Nach mehreren Stationen im Ausland ist Hösler seit Kurzem wieder in Mainz - als Kampagnenleiterin der Aktion Tagwerk. Kinder und Jugendliche übernehmen dabei an einem Tag im Jahr eine Aushilfsarbeit und spenden den Lohn.

Seit der Premiere der Aktion Tagwerk 2003 haben sich bundesweit bereits über drei Millionen Kinder und Jugendliche an der Kampagne beteiligt. Bei der Auswahl der Arbeitsgelegenheiten sind ihrer Fantasie keine Grenzen gesetzt. Zehn Gymnasiasten hat am 21. Juni der Mainzer Winzer Stefan Fleischer in seinen Betrieb einbestellt, wo sie Hunderte Traubensaft-Flaschen etikettieren und verpacken sollen. Der Unternehmer bietet regelmäßig Schülerpraktika oder eben solche Aushilfsjobs für den Afrika-Aktionstag an. „Ich finde das auch wichtig, dass Schüler einen Einblick in praktische Berufe bekommen“, sagt er.

In den vergangenen zwei Jahren fand die bundesweite Schüler-Kampagne allerdings bestenfalls auf Sparflamme statt. Größere Aktionen waren durch die Corona-Regeln undurchführbar, und es gab kaum Firmen oder Organisationen, bei denen junge Leute einen Job übernehmen konnten. „Es war alles nicht so einfach in den vergangenen 26 Monaten, aber wir kommen zurück“, sagt Ewald Dietrich, Stiftungsvorstand der Aktion Tagwerk und Gründer der in Mainz ansässigen Kinder-Hilfsorganisation Human Help Network. Deren Projekte in Afrika waren von Beginn an Hauptnutznießer der Kampagne.

Ein Großteil der von den „Tagwerkern“ erarbeiteten Erlöse geht weiterhin an Kinder und Jugendliche in Uganda und Ruanda. So hilft Human Help Network sogenannten Kinderfamilien, in denen ältere Geschwister sich nach dem Tod der Eltern um die jüngeren Kinder kümmern müssen, mit Geld für Ausbildung und Lebensunterhalt. Dass die Idee der Aktion Tagwerk 20 Jahre lang tragen würde, habe er beim Start nicht geahnt, sagt Dietrich. Aber das Konzept sei offenbar richtig gewesen. Die meisten jungen Leute wollten etwas Sinnvolles tun, aber viele hätten keine Zeit, sich dauerhaft an einen Verein zu binden.

Dass die Aktion Tagwerk ausgerechnet vom Rhein aus ihren Anfang nahm, ist wohl kein Zufall. Auch die bundesweit einmalige „Graswurzelpartnerschaft“ zwischen Rheinland-Pfalz und Ruanda baut auf dem Prinzip auf, dass nicht allein Mächtige und Reiche, sondern auch viele gewöhnliche Menschen zusammen die Welt ein wenig besser machen können. Die „Jumelage“, die international als Vorbild für eine Entwicklungspartnerschaft zwischen Europa und Afrika gilt, feiert 2022 ebenfalls einen runden Geburtstag. Sie wird 40 Jahre alt.

„Das kleine Engagement Tausender hat wirklich etwas bewirkt“, lobt die rheinland-pfälzische Finanzministerin Doris Ahnen (SPD) die Hilfsbereitschaft der Kinder und Jugendlichen. Als frühere Chefin des Bildungsressorts hat sie die Kampagne von Anfang an gefördert, und, wie zahlreiche Landespolitiker auch, immer wieder selbst Schülergruppen tatkräftig unterstützt.

Rheinland-Pfalz blieb bis heute neben Nordrhein-Westfalen ein Schwerpunkt des Aktionstags. In diesem Jahr nehmen in beiden Ländern jeweils rund 90 Schulen an der Aktion teil. Insgesamt sind es bundesweit rund 250 - viel weniger als vor der Pandemie, aber doch schon wieder deutlich mehr als im vergangenen Jahr. Wenn eine Schule den diesjährigen Aktionstag verpasst habe, sei das nicht schlimm, versichert Kampagnenleiterin Hösler. Nachmeldungen seien immer noch möglich.

www.aktion-tagwerk.de

Von Karsten Packeiser (epd)