Soziologe Bude sieht Marke documenta schwer beschädigt

Kassel (epd).

Der Kasseler Soziologe Heinz Bude hat die Vorgänge um die antisemitischen Darstellungen auf einem documenta-Kunstwerk als „die größte Beschädigung der Marke documenta seit ihrem Bestehen“ bezeichnet. Das sei ein Fazit, das man schon jetzt ziehen könne, sagte Bude am 21. Juni auf einer Veranstaltung der Universität Kassel zum Thema „Holocaust und Postcolonial Studies: Fragen, die sich wissenschaftlich nicht lösen lassen“.

Bude ist Gründungsdirektor des documenta-Institutes und moderierte die Diskussion. Das documenta-Institut forscht als unabhängige außeruniversitäre Forschungseinrichtung zur documenta und zum internationalen Ausstellungswesen.

Bei der am 18. Juni eröffneten „documenta fifteen“ war auf einem riesigen Wimmelbild der indonesischen Künstlergruppe „Taring Padi“ auf dem zentralen Friedrichsplatz in Kassel ein Mensch mit krummer Nase, spitzen Zähnen und einem Hut mit SS-Runen zu sehen, außerdem ein Mensch mit Schweinegesicht und einem Helm mit der Aufschrift Mossad, dem Namen des israelischen Geheimdienstes. Nach öffentlichen Protesten wurde das Bild am 20. Juni zunächst mit schwarzen Tüchern verhängt, am 21. Juni dann auf Beschluss des documenta-Aufsichtsrates entfernt.

Der israelische Soziologe Natan Szaider sagte bei der Diskussionsveranstaltung, er hätte sich gewünscht, dass das Bild nicht entfernt würde. Antisemitismus sei ein integraler Bestandteil der Moderne, der nicht wegpädagogisiert werden könne. Juden müssten lernen, mit diesem Phänomen zu leben und damit umzugehen.

Die Entfernung des Kunstwerkes löse das Problem nicht. Er hätte es hingegen gut gefunden, wenn Vertreter der Künstlergruppe vor diesem „Bild der Schande“ Besuchern erklärt hätten, was sie damit bezwecken wollten.

„Es ist eine Illusion, dass man Antisemitismus aus dem öffentlichen Raum entfernen kann“, begründete Szaider, der unter anderem auch Mitherausgeber des Buches „Neuer Antisemitismus?“ ist, seine Ansicht. Der Abbau sei feige, weil er sich nicht dem Problem stelle.

Der Journalist Rene Aguigah hingegen begrüßte die Entscheidung, das Bild zu entfernen. Er sei von dem widerwärtigen Werk schockiert gewesen, erklärte er. Weiterhin kritisierte er auch die vorübergehende Verhängung des Werkes mit schwarzen Tüchern, das dadurch eine geheimnisvolle Aura bekommen habe.

Die seit 1955 alle fünf Jahre in Kassel zu sehende documenta gilt als eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Die „documenta fifteen“ dauert bis zum 25. September.