Ein Laden gegen die Verschwendung

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Auslage in der Teilerei in Erlangen
In der Teilerei in Erlangen bestimmen die Kunden den Preis
Erlangen (epd).

500 Kilogramm Bio-Tomaten stapeln sich in grünen Kisten, auf Tischen und in der Auslage eines kleinen Ladens in der Erlanger Altstadt. Johanna Wiglinghoff sortiert die Pakete, in denen immer sechs leuchtend rote Tomaten abgepackt sind, reißt einige auf und stapelt die einzelnen Früchte auf einem Tablett. Das Grün der Tomaten ist an einigen Stellen schon etwas pelzig, doch die Früchte an sich sehen aus, als wären sie gerade vom Feld gekommen. Trotzdem wären sie fast in der Tonne gelandet.

„Die Tomaten kommen aus dem Knoblauchsland“, sagt Wiglinghoff. „Das ist der Rücklauf von einem Supermarkt, der zurück an die Gärtnerei ging.“ Der Supermarkt wollte die Tomaten nicht annehmen. Für die Gärtnerei wäre das eigentlich Müll gewesen, für dessen Entsorgung Kosten anfallen. Stattdessen hat sie sich bei der Teilerei in Erlangen gemeldet. Wiglinghoff und ihr Geschäftspartner Jakob Rößner sind hingefahren und haben die 500 Kilo abgeholt. Auch einige Pflanztöpfe mit Kräutern sind im Lieferwagen gelandet.

Das Konzept der Teilerei ist, Lebensmittel, die noch genießbar sind, vor dem Wegwerfen zu retten. An diesem Vormittag sind die Regale in dem kleinen Laden schon gut gefüllt. Es gibt Brote, Brötchen und Gebäck vom Vortag, ein ganzes Regal voller Gläser mit Meerrettich in verschiedenen Geschmacksrichtungen, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, Kräuter, Obst und Gemüse, die nicht mehr taufrisch aussehen, aber noch genießbar sind. Läden wollen diese Produkte normalerweise nicht mehr verkaufen - dabei könnten sie es. „Die Verantwortung für ein Produkt, bei dem das MHD abgelaufen ist, liegt dann allerdings nicht mehr bei den Herstellern, sondern bei den Verkäufern. Und diese Verantwortung wollen sie nicht tragen“, sagt Wiglinghoff. „Aber wir tragen sie gern“, fügt Rößner hinzu.

Wer in der Teilerei einkauft, legt selbst fest, wie viel er zahlen möchte. Manche zahlen mehr, weil sie die Sache unterstützen wollen. Andere gehen, ohne Geld dazulassen. Für die beiden Geschäftsführer ist das okay. „Manchmal haben wir Leute, die sagen am Monatsende, dass sie gerade kein Geld haben und dafür im nächsten wieder was bezahlen.“ Solidarität und Nachhaltigkeit stehen in der Teilerei weit vor den Einnahmen. Schwarze Zahlen schreibt der Laden damit nicht. Umso mehr freut es die Lebensmittelretter, dass sie einen Mietkostenzuschuss von der Stadt bekommen und so viele Ehrenamtliche haben, die im Laden aushelfen oder Lebensmittel abholen.

Den Kontakt zu Supermärkten und anderen Anbietern stellen Johanna Wiglinghoff und Jakob Rößner selbst her. Manche geben Dinge, die sie wegwerfen würden, ab. Andere melden sich nicht zurück oder sagen, bei ihnen würde kaum Abfall anfallen. „Aber deren Mülltonnen sind voll bis obenhin“, ärgert sich Wiglinghoff, die auch Erfahrung im Containern hat.

Der Vorteil des Ladens ist, dass die Lebensmittel offiziell abgegeben werden und in viel größeren Mengen unter die Leute gebracht werden können. „Es könnte aber locker noch mehr Läden geben, um gerettetes Essen aufzunehmen“, stellt Jakob Rößner fest. „Es gibt die Tafel, es gibt uns, es gibt foodsharing, die rumfahren und das privat verteilen - und trotzdem wird immer noch so viel weggeworfen.“ Johanna Wiglinghoff ist klar, dass sie mit ihrem Laden nur Symptome bekämpfen. „Es ist keine Lösung für die Lebensmittelverschwendung, aber immerhin können wir die Menschen aufmerksam machen und zeigen: so viel wird überproduziert. Daran muss sich was ändern.“ (00/1745/13.05.2022)

Von Julia Riese (epd)