Die Würde wird fühlbar

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Jörg Amonat
Kunstprojekt lässt Kinder, Obdachlose und Ehrenbürger zu Wort kommen
Erlangen (epd).

„Ich möchte, dass der einzelne Mensch sich seiner Würde bewusst wird“, sagt Jörg Amonat. Der 61-jährige Künstler sitzt in einem Café in Erlangen. Am Tisch neben ihm isst ein älteres Ehepaar Kaffee und Kuchen, einen Platz weiter trifft sich eine arabisch sprechende Familie zum Tee. Ein junger Mann schiebt einen Kinderwagen durch die Fußgängerzone. Diese ganze bunte Vielfalt der Stadtgesellschaft will Amonat in sein Kunstprojekt „WÜRDEMENSCHEN“ einbeziehen, um gemeinsam über die Würde jedes Einzelnen nachzudenken.

Das Thema der Würde beschäftigt ihn schon einige Jahre und so entstand ein Konzept, das er 2019 aus der Schublade holte und in Jena erstmalig realisierte. Denn dort hatte Schiller einst den Essay „Über Anmut und Würde“ geschrieben. „226 Jahre später wollte ich wissen: Was haben die Menschen in Jena über ihre ‚Würde‘ zu sagen“, erklärt Amonat seine Motivation. Das Projekt entwickelte sich schnell zum Selbstläufer. Viele Vereine, Initiativen und Organisationen der Zivilgesellschaft kamen auf ihn zu, um gemeinsam darüber zu reflektieren. „In Jena, der Partnerstadt Erlangens, wurde so die Würde zum allgemeinen Stadtgespräch“, fasst er das Ergebnis zusammen. Und ist guter Dinge, dass dies auch in Erlangen der Fall sein wird.

Den zentralen Kern des Projekts stellen Einzel- und Gruppengespräche dar. Bis zu fünf Gesprächstermine hatte Amonat am Tag, an denen er gemeinsam mit Schulklassen oder einzelnen Personen über Würde spricht. Etwa bei dem ambulanten Palliativ-Team der Kinderklinik Erlangen oder der Kontaktstelle für Arbeitslose. Weitere persönliche Kontakte knüpfte er in einer Queer-Gruppe, einer Studentenverbindung oder bei Besuchen im Obdachlosentreff „Willi“. Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) sowie alle vier Ehrenbürger Erlangens nehmen an dem Projekt teil.

Wichtig sei ihm die persönliche Perspektive der einzelnen Person, verdeutlicht Amonat. Dadurch werde ein abstrakter Satz wie „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ plötzlich fühlbar. Beeindruckt habe ihn das Vertrauen, das ihm die Teilnehmenden entgegengebracht hätten. „Das Gegenteil von Würde sind oft Erfahrungen von Erniedrigung und Scham“, berichtet er von den Gesprächen. Dabei sei es in den Menschen selbst zu einer Veränderung gekommen, die spürbar wurde, beschreibt der Künstler die Atmosphäre.

Zahlreiche positive Rückmeldungen hat er bekommen, sagt Adomat: „Viele sagten, sie hätten noch nie so intensiv über die eigene Würde nachgedacht“. Die Gespräche bilden die Grundlage für einen persönlichen Text sowie ein fotografisches Selbstbild, das die Person in Würde zeigt. Wie sehe ich mich selbst? Welche Kleidung, Gegenstände oder Symbole sagen etwas über mich als Person aus? Welche Körperhaltung oder Mimik nehme ich ein? „Die Würde jedes Einzelnen ist ein Gestaltungsprozess, eine Handlung, in die jeder aktiv eingreifen kann“, erläutert Amonat. „Bin ich mir bewusst, dass ich eine unumstößliche Würde habe, trete ich vielleicht in manchen Situationen anders auf“. Der Einzelne könne dadurch selbstbewusster handeln und so zwischenmenschliche Alltagsbegegnungen verändern. „Das Projekt soll diese Gestaltbarkeit der Würde aufzeigen, indem ich sehe: Ich kann mein näheres Lebensumfeld positiv beeinflussen“, bilanziert er.

Die Texte und Fotografien, die aus den Gesprächen heraus entstehen, setzt der Künstler auf Tafeln miteinander in gegenseitige Beziehung. Diese bilden wiederum den Kern der Ausstellung. „In Jena habe ich viele Menschen gesehen, wie sie sich vor den Tafeln stehend eigene Notizen machten“, erzählt Adomat. Ob auf handgeschriebenen Zetteln an einer Pinnwand, bei Podiumsdiskussionen oder per Kommentar in den sozialen Netzwerken - die Auseinandersetzung mit dem Selbstbild und Würdeverständnis soll interaktiv auf allen Ebenen erfolgen, wünscht er sich.

Dass diese Auseinandersetzung die Menschen bewegt, kann er aus eigener Erfahrung bestätigen. „Die Mitarbeitenden der Vereine und Organisationen in Jena und Erlangen waren begeistert und sprachen immer mehr Gruppen zum Mitmachen an“, berichtet er von der Eigendynamik. Besonders berührend sei die Reaktion in der Mönauschule in Büchenbach gewesen. Jedes Kind der 4. Klasse habe ihm am Ende des zweiwöchigen Workshops einen persönlichen Brief geschrieben, wie es die Woche erlebt und was es daraus mitgenommen hatte. Die Erlanger Grundschule fand das Projekt sogar so toll, dass es 2022 ein Folgeprojekt geben werde. Neben den Schülerinnen und Schüler werden dann auch Lehrkräfte, die Eltern, das Reinigungspersonal, der Hausmeister und weitere Beteiligte der kollektiven Würde-Frage künstlerisch nachgehen. (00/3943/23.11.2021)

Von Daniel Schneider (epd)