Mission gelungen. "Schloss Einstein" als interaktives Hörspiel

epd Sie hießen „Der Hexenmeister vom flammenden Berg” oder “Die Zitadelle des Zauberers”. Die "Fighting Fantasy”-Bücher der Autoren Steve Jackson und Ian Livingstone perfektionierten ab 1982 eine bestimmte Spielart der interaktiven Fiktion. In Abschnitte unterteilt überlassen sie den Lesenden immer wieder die Wahl, welchen Weg sie durch die meist verliesartigen Gänge der Handlung nehmen wollen, möglichst ohne zwischendurch an einem der strategisch platzierten Monster zu scheitern.

Das Prinzip metastasierte seit den ursprünglichen Büchern in Dutzenden Medien, vor allem in Videospielen. Die ARD-Anstalten experimentieren schon eine Weile damit, es auch in den Hörspielraum zu übertragen. Nach „Tag X” (2019, BR) und “Tatort: Höllenfeuer” (2021, WDR/BR) hat nun auch der MDR ein interaktives Hörspiel produziert. "Schloss Einsteins: Mission to Mars” hat jedoch als futuristisches Spin-off der beliebten Kika-Serie Kinder und Jugendliche als Zielgruppe, wie einst Livingstone und Jackson.

Seinen Ursprung hat das Hörspiel im MDR-Innovationsprogramm "MDR Next”, und obwohl es unter anderem auch auf Feedback der Instagram-Community zur Serie aufbaut, hat es nur vage mit ihr zu tun. Es spielt in einer Zukunft, in der Teile des Mars besiedelt sind und einige Ex-Bewohner*innen des Einstein-Internats Weltraum-Unternehmerinnen und Wissenschaftler geworden sind. Gesprochen werden sie natürlich von den aus der Serie bekannten Darstellern, auch einige Handlungsstränge aus der Vergangenheit der Serie werden aufgegriffen.

Die spielende Hauptfigur, also der Hörer oder die Hörerin, wacht an Bord eines Raumschiffs auf, das bereits zum Mars unterwegs ist. Sie durfte als "Weltraumtouristin” mitfliegen, trifft den Rest der Crew, muss notlanden und herausfinden, was auf dem Mars schiefgelaufen ist.

Die Interaktion generiert das Hörspiel weniger durch wild verzweigte Entscheidungslabyrinthe als durch kleine Loyalitäts- und Wissenstests. Die Besatzungsmitglieder Martha und Till sind ein zerstrittenes Pärchen, sie ziehen daher selten an einem Strang, und die Roboterdrohne M.I.L.A. stellt immer wieder "Sicherheitsfragen”, um nicht abzustürzen. Vorbildliches Verhalten merkt sich das Programm, es wird am Ende jeder der vier Episoden belohnt.

Der pädagogische Impetus - neben Weltraumwissen geht es, wie sich am Ende herausstellt, auch um den Klimawandel und seine Folgen - ist bei „Mission to Mars” nicht zu übersehen. Beides sei aber nicht allein dem öffentlich-rechtlichen Auftrag geschuldet, berichtet Projektleiterin Christin Schulz, sondern kam durch Nutzertests und Community-Feedback zustande. Klimawandel ist einfach das Thema Nummer eins bei jungen Menschen. Und Kinder, die “Schloss Einstein” gucken, sind gerne mal kleine Schlaumeier.

Beides spricht für den größeren Rahmen des Projekts, das sich, wie Christin Schulz erzählt, viel um die Herausforderungen nutzerzentrierten Erzählens drehte. Das erscheint logisch. Wenn der Zuschauer oder die Zuschauerin plötzlich im Zentrum der Geschichte steht und sich für Erzählstränge entscheiden kann, muss sich auch das Erzählte stärker den Wünschen und Gewohnheiten der Nutzer fügen. Für interaktive Fiktion ist das sicher die richtige Arbeitshypothese. Vielleicht können die Sender ja dafür in der linearen öffentlich-rechtlichen Fiktion in Zukunft etwas weniger Rücksicht darauf nehmen.

Aus epd medien 19/22 vom 13. Mai 2022

Alexander Matzkeit