Kraft und Naivität. Mario Adorf zum 90. Geburtstag

"Isch mach disch nieder, Schimmerlos … Isch scheiß disch so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast." Es war keine große Rolle, die Mario Adorf in der legendären Fernsehserie "Kir Royal" spielte, aber die wenigen Sätze, mit denen der unverkennbar aus dem Rheinland stammende Generaldirektor Heinrich Haffenloher dem Klatschreporter Baby Schimmerlos droht, sind unvergesslich. Der Generaldirektor möchte, dass ihm der Reporter ein Entrée in die Welt der Münchner Reichen und Schönen verschafft, er möchte endlich auch dazu gehören.

Wie Adorf diesen Haffenloher spielt, ist typisch für ihn: Er trumpft nicht auf, er zieht keine große Show ab. Nein, er ist ganz bei sich. Er unterspielt die Rolle fast ein bisschen und erzielt so eine umso größere Wirkung. So bei sich, mit wenigen Gesten, die wirken, konnte man Mario Adorf in vielen Filmen erleben. In der Dokumentation "Es hätte schlimmer kommen können" von Dominik Wessely, die der BR aus Anlass von Adorfs 90. Geburtstag am 8. September zeigt, zitiert der Schauspieler einen Satz des Regisseurs Fritz Kortner, der einem Schauspieler auf die Frage, wie er denn auftreten solle, antwortete: "Treten Sie nicht auf, kommen Sie rein." Diesen Satz hat Adorf verinnerlicht: Er hat keinen Auftritt, er ist einfach da.

Schon Ende der 50er Jahre, als er und Jo Herbst in Rolf Thieles Film "Das Mädchen Rosemarie" die beiden Kleinganoven Horst und Walter gaben, bei denen Rosemarie Nitribitt zu Beginn wohnt, ist er einfach da: kein italienischer Schönling, eher ein kleiner Italiener, etwas gedrungen, schelmisch, ein bisschen tapsig, aber mit einer starken physischen Präsenz. Als Horst und Walter später den neuen Fernseher für Rosemarie in ihre neue Wohnung tragen, die ihr Liebhaber für sie angemietet hat, singen sie laut: "Wir haben den Kanal, wir haben den Kanal noch lange nicht voll" und karikieren so die Gier nach mehr, die die Zeit des Wirtschaftswunders in Deutschland prägte.

Auch 55 Jahre später, in dem hinreißenden Improvisationsfilm "Altersglühen - Speed-Dating für Senioren" von Jan Georg Schütte genügten Adorf wenige, sparsame Gesten, um den schüchternen Witwer Johann zu zeichnen, dem die vielen Gespräche mit den unbekannten Frauen schnell zu viel werden.

"Ich will Schauspieler werden", schrieb er Anfang der 50er Jahre in seine Bewerbung für die Schauspielschule in München. Genommen wurde er, wie er Jahre später erfuhr, weil einem Prüfer beim Vorsprechen zwei Dinge an ihm auffielen: Kraft und Naivität. Diese Naivität, die er sich bewahrt hat, ist es auch, die diesen Star so nahbar wirken lässt.

Mario Adorf gehört zu den vielseitigsten Schauspielern in Deutschland. In mehr als 200 Filmen hat er mitgewirkt, den Bösewicht Santer in "Winnetou 1" spielte er ebenso wie den Vater des kleinen Oskar Matzerath in der "Blechtrommel". Legendär waren seine Patriarchen-Rollen in den TV-Mehrteilern von Dieter Wedel, "Der große Bellheim" und "Der Schattenmann". In "Der große Bellheim" verkörperte er den ehemaligen Leiter einer Kaufhauskette, der, als diese in Schwierigkeiten gerät, noch einmal alles auf eine Karte setzt, um sein Lebenswerk zu retten. Seine Mutter, erzählt er in Wesselys Dokumentation, habe sich gefreut, dass er hier "endlich einmal einen Herrn" gespielt habe.

Vor zwei Jahren ging schließlich auch der Wunsch in Erfüllung, den Adorf zuvor immer wieder öffentlich geäußert hatte: Er spielte Karl Marx, den er sehr bewunderte, im ZDF-Dokudrama "Karl Marx - Der deutsche Prophet" - mit beeindruckendem Rauschebart. Er habe, sagt Adorf, viel Glück gehabt in seinem Leben. Aber er habe immer auch gewusst, "dass das Glück keine selbstverständliche Sache ist. Ich war ein Glückssucher. Ich habe es oft gefunden." Er hat die Gelegenheiten ergriffen und viel daraus gemacht.

Aus epd medien 36/20 vom 4. September

Diemut Roether