Dauerstreams und enge Höschen. Olympia bei ARD und ZDF

epd Als Pierre de Coubertin vor gut 125 Jahren die Idee der Olympischen Spiele wiederbelebte, stellte er die Wettkämpfe unter die Devise „Dabei sein ist alles“. Beim ersten Turnier der Neuzeit 1896 konnte das Publikum in der Tat problemlos sämtlichen Wettbewerben beiwohnen: Es waren bloß neun. Bei den 32. Sommerspielen mit ihren 339 Wettbewerben lässt sich dieses Ziel nur erreichen, wenn man sich mit zehn Monitoren umgibt: Insgesamt werden über 4.000 Stunden Programm produziert, ARD und ZDF senden im Netz auf bis zu zehn Kanälen quasi rund um die Uhr.

Wer also keine Lust auf die gute Laune von Jessy Wellmer oder das eingefrorene Lächeln von Katrin Müller-Hohenstein hat, ignoriert das kuratierte Angebot der Hauptprogramme und nutzt den Streaming-Service. Im Ersten und im Zweiten sollen natürlich möglichst viele Höhepunkte live zu sehen sein, weshalb zum Beispiel Claudia Neumann zum Judo abgeben musste, als die deutschen Kicker bei ihrem letzten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste auf den Führungstreffer drängten. Zuschauer mit Smart-TV konnten einfach zum Fußball-Livestream umschalten, nahmen sich mit dieser Konzentration auf bevorzugte Wettkämpfe aber auch die Chance, Neugier auf andere Sportarten zu entwickeln.

Olympia rückt zudem nicht nur Randsportarten in den Fokus, sondern auch Reporterinnen und Reporter, die sonst bloß in Kurzberichten zu Wort kommen. Wie es ihnen immer wieder gelingt, Begeisterung zu wecken und den Blick auf Details zu lenken, ist aller Ehren wert - auch wenn es nicht so lautstark sein muss wie der vergebliche Versuch von Christian Adolph (ARD), Dimitrij Ovtcharov ins Tischtennisfinale zu schreien. Die journalistische Distanz bleibt ohnehin mitunter auf der Strecke: Guido De Santis sprach im Ersten beharrlich von „wir“, als das deutsche Mixed-Team gegen die Niederlande um Bronze kämpfte.

Im Vergleich zur schematischen Führung vieler Interviews ist dieser Enthusiasmus allerdings verzeihlich. In den Mannschaftswettbewerben fiel nach überstandenem Achtelfinale regelmäßig die Frage: „Was ist jetzt noch drin?“, dabei stand die Antwort längst fest: „Wir denken von Spiel zu Spiel.“ Ist die Medaille dann endlich im Sack, gilt die erste Erkundung regelmäßig dem Gefühl, fast immer in Kombination mit der Frage, ob er oder sie den Sieg „schon realisiert“ habe (ein Anglizismus, der bei sprachsensiblen Menschen für Verstimmung sorgt).

Früher war so viel Gefühligkeit verpönt, heute sind Emotionen Quoten, und davon haben die Spiele wahrlich genug zu bieten. Zumindest in dieser Hinsicht hat sich Coubertins Vision von der Völkerverständigung bewährt. Natürlich ist es toll, wenn Alexander Zverev auf meisterliche Weise das erste deutsche Olympia-Gold im Herren-Tenniseinzel holt, aber angesichts der überschäumenden Freude des Italieners Gianmarco Tamberi über seine Goldmedaille im Hochsprung oder der Ekstase von Yulimar Rojas aus Venezuela nach ihrem Weltrekorddreisprung spielte die Nationalität keine Rolle mehr.

Wie immer in der Sportberichterstattung gab es auch Ausrutscher. Angesichts echter Skandale wie der „Kameltreiber“-Entgleisung von Radsportdirektor Patrick Moster blieb Claudia Neumanns Bemerkung „Kein Grund, schwarz zu sehen“, als die Kamera den ivorischen Torhüter zeigte, jedoch folgenlos. Kein Aufsehen erregte auch eine schlüpfrige Bemerkung von ZDF-Kommentator Gert Herrmann: Als Dressurreiterin Isabell Werth drauf und dran war, Jessica von Bredow-Werndl doch noch die Goldmedaille abzujagen, sprach er von einem „engen Höschen“. Die schräge Metapher hätte man eher bei den Beachvolleyballerinnen oder den Turnerinnen erwartet, die ja nicht ausnahmslos mit den Bekleidungsvorschriften einverstanden sind. Der Begriff fiel allerdings auch wenige Tage später beim 100-Meter-Vorlauf der Männer. Also wohl doch kein Sexismus.

Aus epd medien 31/21 vom 6. August 2021

Tilmann Gangloff