Das eigene Leben leben. Iris Berben wird 70

Perfekt. Hannes Laudatio zur Pensionierung der Chefsekretärin, die 30 Jahre lang das Leben ihres Vorgesetzten strukturierte, könnte nicht professioneller sein. Jedes Wort trifft. Die Haltung tadellos. Keine Falte in der Bluse. Gratulanten lachen an den richtigen Stellen. Dabei kam gerade die Nachricht, dass der Chef einen Autounfall hatte. Er, nicht sie, hätte die Rede halten sollen. Auf sie, die gerade Abschied feiert. Aber sie hat den Text als Ghostwriterin in eigener Sache ohnehin selbst verfasst. Nichts spricht also gegen "business as usual". Oder alles. So absurd. Wie ein Leben, das ausschließlich für jemand anders gelebt wird.

In Dominik Grafs Film "Hanne" gab Iris Berben im vergangenen Jahr eine ihrer bislang beste Vorstellungen, auch wenn ihr das ZDF nun zum 70. Geburtstag die semifiktionale Diven-Hommage "Nicht tot zu kriegen" und die ARD den melancholisch-lebensweisen Frauenherbstfilm "Mein Altweibersommer" schenkt, beides ansehnliche Gaben.

Doch in Grafs Film ist Berben nicht Berben, sondern Hanne. Sie ist todkrank, vielleicht. Ein Wochenende muss sie auf den Befund warten und macht in dieser Zeit viele Dinge zum ersten Mal: Sie findet eine neue Freundin, fährt einen LKW, rupft ein Huhn, kocht Wochenbettsuppe. Lacht, hat unkomplizierten Sex, verzweifelt, lebt nicht das Leben einer Stellvertreterin, sondern endlich ihr eigenes. Iris Berben lässt ihre Hanne nach und nach von der Leine, gibt ihr sorgsam bemessenen Kontrollverlust - und zahlreiche Darstellungsfarben, von Wellness-Weiß bis Tiefschwarz, von Kühlblau bis Warmocker, sinnlich, patent, verloren, optimistisch, ganz nahbar. Keine Darstellung einer älteren Frau, sondern einer Frau mitten im Leben, wie man sie sonst im französischen Kino, etwa bei Fanny Ardant oder Cathérine Deneuve, sieht.

Iris Berbens öffentliches Leben dagegen durchzieht die Vorstellung von Selbstbestimmung wie ein roter Faden. Nicht nur in ihren Filmen gab es immer wieder Aufbruch und Neubeginn - von der sexy Ulknudel ("Zwei himmlische Töchter") zum Verkleidungsfuror mit Diether Krebs ("Sketchup"), von der übel misshandelten Gattin Evelyn von Guldenburg im deutschen Denver-Clan-Ableger "Das Erbe der Guldenburgs" zur Erfolgs-Fernsehkommissarin "Rosa Roth", von den Erwachsenendramen eines Matti Geschonneck ("Silberhochzeit", "Liebesjahre") zu historischen Frauenrollen.

150 Produktionen, so heißt es, in 55 Jahren. Die meisten davon entstanden in Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Oliver Berben. Als Bertha Krupp war sie für den "International Emmy" nominiert. Preise und Ehrungen auch für ihr gesellschaftliches und politisches Engagement hat sie zuhauf bekommen. Dass sich Prominenz als Währung des Engagements für Toleranz und gegen Hass einsetzen lässt, zeigt sie beispielhaft.

Von 1965 stammt ihre erste Filmarbeit "Noch und nöcher". Iris Berben ist seitdem immer attraktiver und vielfältiger geworden. Selbstironie als schauspielerisches Altenteil wie in "Nicht tot zu kriegen" ist hoffentlich nur eine Momentaufnahme.

Dann bitte immer weiter, zu neuen Rollen, weiter von der Leine. Rollen von Frauen, die auch gern unvorteilhaft erscheinen können wie "Die Protokollantin". Und die irgendwann mal alt sein werden, wenn auch später. Einstweilen aber: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Iris Berben!

Aus epd medien 32/20 vom 7. August 2020

Heike Hupertz