Chronik einer enttäuschten Liebe. Die "Süddeutsche Zeitung" und ich

Ach ja, die Liebe. Sie schreibt viele Geschichten, eben auch die der unglücklich endenden. So wie in dem Buch des ehemaligen Redakteurs der "Süddeutschen Zeitung", Birk Meinhardt, "Wie ich meine Zeitung verlor". Ich bin nur eine SZ-Leserin. Aber auch ich habe meine Geschichte mit dieser Zeitung. Und auch bei mir endet sie nicht glücklich. Die gute Zeit begann in den 1980er Jahren. Aufgewachsen in Hamburg in einem bürgerlich konservativen Haushalt, in dem die "Welt" gelesen wurde, begann ich mit der SZ-Lektüre erst im Abitur und später im Geschichtsstudium. Was für tolle Geschichten: die Seite-3-Reportagen, der Kulturteil, die Magazin-Geschichten! Großartig! Ihren Höhepunkt erreichte meine Liebesgeschichte mit dieser Zeitung, als unsere beiden Söhne (FC-Bayern-Fans im hohen Norden) dank des Sportteils der SZ mühelos lesen lernten. Im Skiurlaub in Österreich holten wir uns täglich morgens "unsere Zeitung" im Dorfkiosk gegen einen Gutschein (ja, das gibt es, auch heute noch) und lasen sie im Schnee.

Die SZ und ich, das war eine Lebenspartnerschaft, davon war ich überzeugt. Weit gefehlt. Stufe 1: PDF statt E-Paper. Toll, diese Digitalisierung in der Medienwelt. Als Berufspendlerin kann ich Zeitung lesen, wo und wie ich will. In den ersten Jahren fand ich schicke Apps klasse, mittlerweile lese ich lieber die schlichten E-Paper. Da muss ich nicht jeden Artikel anklicken, um zu sehen, ob er mich interessiert, sondern ich scrolle über die Seite und wechsle dann bequem in den Lesemodus. Das gilt für viele Zeitungen - vom "Spiegel" bis zum "Hamburger Abendblatt". Nur die "Süddeutsche" bietet diesen Service nicht. Das E-Paper, für das ich in meinem Digitalabo laut Rechnung zahle, ist in Wirklichkeit ein abgewandeltes PDF. Scheußlicher Lesemodus. Zum Offline-Lesen muss ich mich für das fiese Ding jeden Morgen neu einloggen, rumklicken, und es dann im Speicher meines iPads ablegen.

Warum die SZ kein richtiges E-Paper anbietet? Ein SZ-Kollege hat es mir mal erklärt: Mein Wunsch nach einem digitalen "Zeitungsfeeling" sei total altbacken, mit Ende 50 sei ich als Zielgruppe nicht mehr relevant.

Stufe 2: Zustellung zum Frühstück? Pustekuchen! 2016 zogen wir vom Hamburger Grindel-Viertel mit vielen Zeitungsabonnenten in die neue Hafencity. Ein Print-Abo hatte außer mir in dem siebenstöckigen Haus keiner mehr. Und da es für die gesamte Hafencity wohl nur einen Zusteller gibt, kam die Zeitung spät bis gar nicht. Monatelang war ich geduldig, mailte, telefonierte, reduzierte mein Voll-Abo auf das Wochenend-Kultur-Abo. Doch auch am Samstag war mir die Zustellung um 12 Uhr zu spät. Ich kündigte die Papierausgabe ganz.

Stufe 3: Der nicht vorhandene Kundenservice. Mails, Anrufe, Mails, Anrufe. Irgendwann kannte ich die Rufnummer der Hotline auswendig. In einer Mail schrieb ich: Hallo liebe SZ. Heute ist meine Zeitung schon wieder nicht gekommen. Ich hab zwar auch ein Digital-Abo. Aber zum Wochenende möchte ich die Zeitung im Print haben und zahl ja auch dafür. Erstattet ihr mir die Gebühren? Antwort: "Sofern Sie sich bei Ihrer Reklamation für die Lektüre der heutigen digitalen SZ entschieden haben, können Sie hier direkt zugreifen: https://www.sz.de/digital-lesen-freischalten". Und darunter: "Dies ist eine automatisch generierte Mail ..."

Irgendwann reichte es mir. Ich schrieb eine geharnischte Mail und kündigte mein gesamtes Print-Abo, nach vielen Jahrzehnten. Rief mich jemand an? Bot mir jemand einen Ausgleich, einen Appetithappen, irgendwas, um mich zu halten? Fehlanzeige. Stattdessen lapidar: "Wir haben die Abbestellung Ihres Abonnements zum 31.12.2018 notiert. Vielleicht dürfen wir Sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu unseren Abonnenten zählen - dies würde uns sehr freuen." Nee, SZ, hier endet die Liebesgeschichte.

Aus epd medien 34/20 vom 21. August 2020

Dorothea Heintze