Bratwurst-Spießer. Eklat um Deniz Yücel beim PEN-Zentrum

epd „Ich möchte nicht Präsident dieser Bratwurstbude sein, ich trete zurück! Und ich trete hiermit aus dem Verein aus!“ Das schrie der „Welt“-Autor Deniz Yücel am Abend des 13. Mai der Mitgliederversammlung des PEN-Zentrums Deutschland im thüringischen Gotha entgegen. Die Begründung für den Abgang: Der Schriftstellerverein, dem er rund sieben Monate vorgestanden hatte, bestehe „in der Mehrheit“ aus „selbstbezogenen kleinen Wichtigtuern“. Vorher hatten sich die Mitglieder mit 75 zu 73 Stimmen immerhin knapp gegen einen Abwahlantrag gegen ihn ausgesprochen. Seinen Weggefährten, den Schatzmeister Joachim Helfer, wollten die Mitglieder aber nicht mehr im Präsidium sehen.

„L’Eklat - c’est moi“, sei das Motto von Yücels Abgang gewesen, kommentierte die „Süddeutsche Zeitung“. Der negative Bratwurst-Bezug hatte bei ihm eine gewisse Tradition. Im April hatte Yücel sich in der „Zeit“ über die „dünkelhafte Bratwursthaftigkeit“ vieler PEN-Akteure aufgeregt. Es war der zwischenzeitliche öffentliche Eskalationspunkt einer Auseinandersetzung, in der auf einer Seite jene standen, die den PEN als Altherrenclub sehen, der sich zu großen Teilen dagegen wehre, in eine „moderne NGO“ umgewandelt zu werden - und auf der anderen Seite Mitglieder, die Yücel und Co. einen rüden Führungsstil vorwarfen.

„Wenn wir uns die Menschenrechte auf unsere Fahne geschrieben haben, müssen wir uns selbst auch daran messen lassen im Umgang mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“, sagte Yücels Vorgängerin Regula Venske nach dessen Rücktritt. Mit ähnlich schwerem Kaliber wartete auch die Pro-Yücel-Fraktion auf: Bei Twitter beschrieb die Krimiautorin Zoé Beck die Mitgliederversammlung als „inszenierte, konzertierte Ausübung psychischer Gewalt“ gegen Yücel.

Der „Eklat“ ging auch nach der Rücktrittserklärung weiter. „Spießer und Wichtigtuer Ü70“ dominierten den PEN, twitterte Yücel. Und auf einem Empfang „entriss“ er Volker Skierka, einem seiner Hauptwidersacher, „sein Weißweinglas, kippte ihm den Inhalt aufs Hemd und knallte das Glas auf den Boden“, wie Yücel selbst bei Facebook schreibt. Das sei „eine angemessene Reaktion“ auf Skierkas „Unverschämtheiten“ gewesen. Da im Literaturbetrieb Auseinandersetzungen früher auch schon mal mit den Fäusten geführt wurden - etwa zwischen Peter Handke und dem FAZ-Kritiker Jochen Hieber -, kann man Yücels Wein-Attacke vielleicht als zivilisatorischen Fortschritt werten.

Gravierender als die Beschimpfungen: Yücel verfolgt nun offenbar das Ziel, dass der Verein, der ihn gerade noch knapp im Amt bestätigt hatte, sein wichtigstes Projekt verliert: „Writers in Exile“, das von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) mit mehr als 690.000 Euro pro Jahr finanzierte Programm für verfolgte Schriftsteller. „Claudia Roth und die Bundesregierung wären gut beraten, dieses tolle Programm einem Träger zu übergeben, der es effektiver, professioneller und mit mehr Empathie macht“, sagte Yücel der „Süddeutschen“.

Möglicherweise hätte sich die BKM eher nach anderen Trägern umgesehen, wenn Yücels Truppe an der Macht geblieben wäre. Deren Kritiker erwähnen, dass die BKM den bisherigen Schatzmeister Helfer in einem Schreiben zurechtgewiesen haben soll. Roths Ministerium, heißt es, habe relativ empört betont, dass die aus Steuermitteln stammenden Zuwendungen für die verfolgten Literaten nicht mit anderen Ausgaben des Vereins vermengt werden dürften.

Er fürchte, dass „dieser Verein nicht mehr zu retten“ sei, sagt Yücel nun. Ob es dem Not-Vorstand - der sich in Gotha formieren musste, weil nach dem Abgang des ersten Mannes auch alle verbliebenen Präsidiumsmitglieder zurückgetreten waren - gelingt, den Verein neu aufzustellen, ist nicht absehbar. Sicher ist nur: Deniz Yücel wird von außen alles dafür tun, dass es nicht gelingt.

Aus epd medien 20/22 vom 20. Mai 2022

René Martens