Täuschung als Therapie

VOR-SICHT: „Tatort: Flash“, Krimi, Regie: Andreas Kleinert, Buch: Sönke Lars Neuwöhner, Sven S. Poser, Kamera: Johann Feindt, Produktion: Tellux Film (ARD/BR, 19.6.22, 20.15-21.45 Uhr)

epd Es heißt, dass die Erinnerung das einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Die Erfahrung der Demenz straft den Dichter Lügen. Der Verlust des Paradieses durch Demenz steht häufig am Ende eines langen Lebens. Gedächtnis und Erinnerung, dieser Zentralbereich neurologischer Forschung, mögen wie ein Mysterium scheinen, obwohl man ihren physiologischen Ort mit bildgebenden Verfahren genau sichtbar machen kann. Medizinern und Therapeuten, die an der Wiedergewinnung der Erinnerung arbeiten, sind Meriten gewiss.

Auch im Kriminalfach kommt der Erinnerung ein Ehrenplatz zu. Zahllose „Tatorte“ arbeiten sich an der Unschärfe von Zeugenaussagen ab, an der Unzuverlässigkeit der individuell gespeicherten Beobachtungen. Oder am Nachweis der Lüge. Der Münchner „Tatort: Die Wahrheit“ (2016) von Erol Yesilkaya zum Beispiel zeigte nach einem wahren Fall, wie die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) sich an einer Vielzahl von einander ausschließenden Zeugenberichten abarbeiten.

Im 88. Fall von Batic und Leitmayr, dem „Tatort: Flash“, wird das Problem des Erinnerungsschwunds und der Gedächtnislücken wieder prominent verhandelt. Einen „historischen Fall“ habe man den Münchnern einmal aufgeben wollen, heißt es von Produzentenseite. Kleine Erinnerung: Den gab es bereits. Der Münchner „Tatort: Der oide Depp“ aus dem Jahr 2008 spielte auf verschiedenen Zeitebenen. 40 Jahre alte Prostituiertenmorde galt es in diesem Fall aufzuklären, verschiedene Zeiten waren durch verschiedene Bildgestaltungskonzepte klar unterschieden, die Zusammenführung von Historie und Gegenwart gelang auf herausragende Weise.

Ähnlich spielt nun auch „Flash“ mit der Zeit und den Erinnerungen, die Grundidee ist aber noch eine andere. Batic und Leitmayr werden auf einen Cold Case mit Gegenwartsbezug angesetzt, bei dem ihr mutmaßlicher Hauptzeuge fortgeschritten dement ist. Könnte man unter Zuhilfenahme einer pseudowissenschaftlichen „Reminiszenztherapie“ die relevante Information aus dem Gedächtnis des Zeugen herausholen, mithin das Problem wissenschaftlich und erst in zweiter Linie philosophisch angehen?

Die Geschichte, die Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser (Buch) hier entwerfen, scheint allerdings mehrere Strategien zu verfolgen. Manche davon hat Andreas Kleinert gelungen filmisch übertragen, andere weniger.

Der Ausgangspunkt: Im Demenzforschungs-Institut von Professor Vonderheiden (André Jung) und seiner Mitarbeiterin Dr. Lechner (Anna Grisebach) findet die Inszenierung von Vergangenheit in historischen Kulissen statt. Während der eigentliche Forschungsbau aus transparenten Glasflächen besteht, die die Außenwelt wie in einer gebauten Metapher in den Innenraum zu holen scheinen (Bildgestaltung Johann Feindt), wird ein paar Meter entfernt im fensterlosen Bauch oder Gehirnbereich des Architektentraums Erinnerungs-Theater aufgeführt. Einer der Räume imitiert ein Tanzcafé der 60er. Es gibt eine nachgebaute Schulklasse. Und auch das Büro, vielmehr die therapeutische Praxis des dementen Dr. Prinz (Peter Franke) ist ein Fake mit beabsichtigter Triggerwirkung.

So setzt dieser „Tatort“ mit Theater ein. Im Café tanzen ältere Herrschaften zur Musik der Zeit, wiegen sich in der entsprechenden Mode in seliger Erinnerung. Es sind lauter Demenzpatienten, deren Lebensqualität so für ein paar Stunden des Tages verbessert werden soll. Neutral gesagt: Sie fühlen sich wohl und sicher durch den Betrug an ihnen.

Diese „Reminiszenztherapie“, die den Kommissaren später wortreich erläutert wird, hat Ambivalenzen. Es geht um die Vorspiegelung falscher Tatsachen. In Ordnung ist das, meint man, solange es um den bloßen Lebensbereich des Individuellen geht. Batic und Leitmayr aber wollen die Versuchsanordnung nutzen, um aus Prinz Einzelheiten über den Aufenthaltsort seines ehemaligen Patienten Alois Meininger (Martin Leutgeb) herauszuholen. Meininger, vor 30 Jahren wegen Mordes an einer Diskothekenbesucherin verurteilt und im Maßregelvollzug verwahrt, scheint nach seiner gerade erfolgten Entlassung eine neue Tat begangen zu haben. Sein Aufenthaltsort ist vermutlich ein unbekannter „Bunker“, den Prinz kennt. Und an den er sich ebenso wenig erinnert wie an die Therapiegespräche mit Meininger, in denen dieser seinen Haarfetischismus und Quälfantasien beschrieb.

Es existieren Audioaufzeichnungen, also ein handfester Beweis. Subjektiv wird es unzuverlässiger. Wenn sich Prinz, der mit seiner Tochter Nele (Jenny Schily) in seltsam symbiotischer Pflegebeziehung lebt, erinnert, kann der Fall gelöst werden und Meininger gefasst. So schildern es zumindest die Kommissare dem Institutsleiter Vonderheiden und verabreden ein Experiment. Dass sie freilich noch eine ganz andere Agenda haben, weiß auch das Publikum nicht. Bis die verlassene Diskothek „Flash“, in den 80ern Mittelpunkt von Leitmayrs Welt, selbst zum Reminiszenzort inszeniert wird. Mit einem Schlusstwist, durch den sich mancher Zuschauer genauso getäuscht fühlen dürfte wie die dementen Patienten des Instituts.

Kleinerts Inszenierung überzeugt da, wo Erinnerungstrigger sinnliche Erfahrung auch beim Betrachtenden auslösen. Led Zeppelins „Whole Lotta Love“ als rockiges Disko-Leitmotiv, die Vorgänge in der Praxis-Kulisse mit nachgespielter Therapie, bei der man die Doppelbödigkeit mit Händen greifen kann, der berührende, halbverwahrloste Meininger in seinem Kellerversteck, der mit einem streunenden Hund sein Essen teilt.

Auf den zweiten Blick wirkt manches allerdings unangenehm überkalkuliert. Die berechnete Rührung, die Meiningers Hundefüttern und sein blutiger Sturz hervorrufen soll. Die Männer, die immer wieder ihre alt gewordenen nackten Oberkörper zeigen und ähnliche Unterhosen tragen. Alle Mitspieler haben den Hang zu seltsamen Fetischen, zu intimen Beziehungen oder Sexualpraktiken, von denen man nicht allzu viel wissen möchte. Dass Psychiater und Therapeuten mindestens ebenso deviant sind wie ihre Patienten, wird ziemlich plump vermittelt.

Aus epd medien 23/22 vom 10. Juni 2022

Heike Hupertz