Süffige Saga

VOR-SICHT: "Oktoberfest 1900", sechsteilige Serie, Regie: Hannu Salonen, Buch: Christian Limmer, Michael Proehl, Ronny Schalk u. a., Kamera: Felix Cramer, Produktion: Zeitsprung Pictures (ARD/BR, ab 15.9.20, 20.15-21.50 Uhr, seit 8.9.20 in der Mediathek)

So weit ist es in Corona-Zeiten schon gekommen: Dass man beim Anschauen dieses Sechsteilers dauernd schaudernd denkt, wie unmöglich das geschilderte Geschehen unter heutigen Seuchenschutzgesichtspunkten wäre, wie unverantwortlich es im Grunde damals schon war … Nicht umsonst fällt das Oktoberfest in diesem Jahr ja aus, die hier geschilderte Vorläufer-Version des größten Volksfests der Welt aber ist eine besonders saftige Ausgabe. Da wird nicht nur "oans, zwoa, g'suffa" und auf engstem Raum gesungen, getanzt und gebrüllt, da tropft Blut in den Schlamm, in den Bordellen werden Körperflüssigkeiten ausgetauscht, und es liegen von Fliegen bevölkerte Tierkadaver herum.

Die historische Wiesn vor 120 Jahren als Aufhänger zu nutzen für eine opulente Saga über den Kampf zweier Bierdynastien, angereichert mit Liebeswirren und viel Zeitkolorit (Erste Filmvorführungen! Völkerschauen!) - das erscheint zunächst mal als reizvolle Idee und dankbares, weil so noch nicht verhandeltes Sujet. Dennoch ist es keine Selbstverständlichkeit, dass ein solches Unterfangen gelingt. Bauten und Kostüme (die Theresienwiese anno 1900 wurde auf einem alten Güterbahnhof in Prag nachgestellt) können künstlich wirken, zu viele bekannte Versatzstücke dem Plot die Seele rauben, öffentlich-rechtliche Dramaturgie- und Ästhetik-Vorgaben die Kreativität der Macher killen. Umso respektabler, was Regisseur Hannu Salonen, der Writers' Room um Ronny Schalk und Christian Limmer sowie der exquisite Cast geschaffen haben.

Mit berserkerhafter Präsenz, die jede Kulissenhaftigkeit im Handumdrehen ausradiert, verkörpert Misel Maticevic die Hauptfigur, den Bierkönig Curt Prank. Der Emporkömmling aus Nürnberg, der frei dem realen fränkischen Großgastronomen Georg Lang nachempfunden ist, hat die Vision, das Oktoberfest neu zu erfinden: Sein Traum ist eine "Bierburg" mit 6.000 Plätzen. Um ihn zu realisieren, muss er fünf kleine Buden von ihren angestammten Plätzen vertreiben, wofür er den karrieristischen Wiesn-Beauftragten Alfons Urban (Michael Kranz) einspannt, den er mit seinem Wissen um dessen unehelichen Sohn erpresst. Je mehr Misstrauen und Verachtung dem Zugereisten entgegenschlagen, umso weiter treibt er seinen Plan voran.

Nur einer weigert sich, klein beizugeben: Ignatz Hoflinger (Francis Fulton-Smith), Inhaber der traditionsbewussten Deibel-Brauerei, die er mit seiner Frau Maria (Martina Gedeck) und den gemeinsamen Söhnen Roman (Klaus Steinbacher) und Ludwig (Markus Krojer) betreibt. Auch die bedrohlichen Besuche des Prank-Handlangers Glogauer (Martin Feifel), der stets einen knurrenden Rottweiler bei sich führt, können ihn nicht einschüchtern - was er im furiosen Finale der ersten 45 Minuten mit dem Leben bezahlt. Prank ist dadurch dennoch nicht am Ziel: Von nun an hat er es mit Maria Hoflinger als Gegenspielerin zu tun, die noch weniger ans Aufgeben denkt als zuvor ihr Mann.

Ganz ohne vertraute Muster kommt die Handlung nicht aus. So verguckt sich Pranks schöne Tochter Clara (Mercedes Müller) ausgerechnet in den Hoflinger-Spross Roman. Natürlich bleibt gleich ihre erste Liebesnacht nicht ohne Folgen. Und als Prank einmal mit einem Anliegen bei einer Münchner Gesellschaftsdame auf Granit beißt, findet diese wenig später ihren Lieblingskater tot auf dem Bettvorleger - der abgetrennte Pferdekopf aus "Der Pate" lässt grüßen. Aber solche Wendungen fügen sich recht beiläufig in die pralle, mit Parallelmontagen gepimpte Erzählung ein.

Bemerkenswerter ist ein ausgeprägter Mut zur Düsterkeit, der sich sowohl in der Farbgebung als auch auf der Tonspur widerspiegelt: "Schwarz is des wos übrig bleibt", singt die Band Dreiviertelblut im Titelsong, und Leonard Cohen stimmt "You want it darker" an. Dieses musikalische Durchbrechen des historischen Zeitrahmens verstört zwar kurz, belebt aber letztlich.

Zudem trauen sich die Macher, dem Publikum lange keinen eindeutigen Sympathieträger anzubieten. Prank besitzt zwar Charisma, ist für eine Identifikationsfigur aber zu böse; Ignatz Hoflinger ist zu früh tot. Und bis die jungen Liebenden sich ihrer Gefühle sicher sind und als Erntehelfer frugales Glück im Feld erleben, sind bereits vier Folgen vergangen.

Bis dahin werden noch zahlreiche schurkische bis ambivalente Charaktere eingeführt. In die erste Kategorie gehört der skrupellose Großbrauer Anatol Stifter (Maximilian Brückner), mit dem Prank seine Tochter gern verheiraten würde; zur zweiten zählen Claras falsche Anstandsdame Colina Kandl (Brigitte Hobmeier), die später als Biermadl zum ersten bayerischen Pin-up-Girl avanciert, und der Schwabinger Künstler Gustav Fierment (Vladimir Burlakov), dem Ludwig Hoflinger verfällt.

Überhaupt Schwabing: Das pulsierende Viertel, in dem zu jener goldenen Ära die satirische Wochenschrift "Simplicissimus" entstand und in dem sich Fanny zu Reventlow, Thomas Mann, Kandinsky, Rilke und Lenin tummelten, bildet die Gegenwelt zum bodenständigen Giesing, wo die Hoflingers ihr Wirtshaus "Zum Oiden Deibel" betreiben. Die überbordenden Partys der dortigen Bohème wirken wie Vorboten der in "Babylon Berlin" zelebrierten 20er-Jahre-Exzesse. Aber auch damit nicht genug: Die Tatsache, dass damals auf dem Oktoberfest bedauernswerte Südsee-Bewohner aus der Kolonie Deutsch-Samoa als "Menschenfresser" präsentiert wurden, nutzen die Autoren, um noch eine Prise Exotik beizumischen. Den "Kannibalen", die in den Isarauen hausen, soll der Mord an Ignatz Hoflinger untergeschoben werden - was dem Film ein paar surreale Momente und den etwas albernen Sinnspruch "Folge deinem Totem" beschert.

Mit einer wiederum schön dunklen Schlusspointe geht nach 270 Minuten ein Spektakel zu Ende, das nicht zuletzt in der Mediathek reüssieren dürfte und bei dem Etikettierungen wie "Event" und "High end" ausnahmsweise gerechtfertigt sind. So wundert es auch nicht, dass Netflix bereits die internationalen Rechte an dem Sechsteiler erworben hat und ihn ab dem 1. Oktober unter dem Titel "Oktoberfest - Beer & Blood" zeigt.

Aus epd medien 37/20 vom 11. September 2020

Peter Luley