Reines Herz

VOR-SICHT: „Tatort: Das Mädchen, das allein nach Haus' geht“, Buch: Günter Schütter, Regie und Kamera: Ngo The Chau, Produktion: Provobis (ARD/RBB, 22.5.22, 20.15-21.45 Uhr)

epd „Gefühle sind was für hässliche Menschen“, sagt Karow (Mark Waschke), „willste irgendwas mit Liebe hören?“ - „Wat soll dat sein? Wer keine eigenen Kinder hat, bleibt in Sachen Liebe doch immer Amateur, hat mein Vater jesacht“, antwortet Rubin (Meret Becker). Ein Berliner Dialog, der den Stand der Beziehung der Hauptkommissare spiegelt. Genau wie das Setting, grau in grau, trostlos, unbehaust, Großstadtfeeling eben, in dem Karow und Rubin eben eine geköpfte Wasserleiche aus der Spree begutachtet haben.

Der Auftakt des Gesprächs war ganz Rubin, vorsichtig tastend in Richtung Gemeinsamkeit. „Theater?“ Gleich die Abfuhr. Nichts für Karow. Er will dem neuen Kollegen Malik Aslan (Tan Caglar) bei der Wohnungssuche helfen. Der hat jetzt immer Glasmurmeln dabei, die hier in Nahaufnahme aussehen wie die Kristallkugeln einer Wahrsagerin, wegen der schiefen Böden in Berlin. Bei der Rückkehr ins Präsidium fällt der Blick der Kamera auf die „Erinnerungswand“ mit Fotos der im Dienst getöteten Polizisten in Uniform. Ein achtloses Vorbeigehen. Die Bildgestaltung schaut hin. Arbeitet mit kleinen Widerhaken für die Netzhaut des Zuschauers, der vermutlich weiß, dass diese Folge des RBB-„Tatorts“ mit dem melancholischen Titel „Das Mädchen, das allein nach Haus' geht“ Meret Beckers letzter Einsatz als Nina Rubin sein wird.

Und während Karow abends in der Pathologie seine Hand zur Verfügung stellt, um mit der abgezogenen Haut der Wasserleiche eine Art Totenhandschuh zu formen, der man trotz fortgeschrittener Auflösung noch Fingerabdrücke nehmen kann - ein technisch gefilmter, gleichwohl gruselig anzusehender Vorgang -, geht Rubin durch die dunkle, beleuchtete Stadt nach Hause und wird verfolgt. Julie Bolschakow (Bella Dayne) bittet Rubin um Hilfe, erzählt ihr eine verzweifelte Geschichte in einem Souvenirladen, der voll mit sprechenden Artefakten aus der deutsch-deutschen Geschichte und sinnlosem Nippes ist. Eine Familiengeschichte aus der russischen Mafia, eine Ehegeschichte, die für die Frau als Märchen mit Prinz begann und sich nun in eine brutale Horrorerzählung verwandelt hat.

Glaubt man ihr, dann ist der Tote aus der Spree ein verdeckter Ermittler, der von ihrem Mann Yasha (Oleg Tikhomirov) im Beisein des Clans umgebracht wurde. Vertraut man ihrem Bericht, dann hat sie selbst hohe Summen über die Grenze gebracht, mit geliehenem Baby. Dann ist das Präsidium unterwandert, die Polizei, die Politik und das Flughafenpersonal. Rubin hört zu, glaubt schließlich, schmiedet mit dem Vorbehalt größter Geheimhaltung einen Deal mit ihrer Vorgesetzten (Nadeshda Brennicke). Was bedeutet, dass sie Karow hintergehen muss.

Misstrauen und Vertrauen, die Unmöglichkeit von Glück und die Sehnsucht danach - in vielen der 15 Fälle in sieben Jahren, in denen das verhinderte Liebespaar Rubin und Karow einander umschlich, einander kurz hatte, sich entfernte und für Momente wieder annäherte, ging es darum. Um Großstadtgefühle. Vor allem um Einsamkeit. Schon im ersten Fall, „Das Muli“, war der Berliner Flughafen - damals noch als Bauruine - Spielort, in dieser Folge wird sich nun im letzten Drittel Rubins Weg vollenden. Sie verlor ihre Familie, sie stieß sie vielmehr ab, bis ihr Mann in den Süden Deutschlands ging, und beide Söhne mit ihm. Sie suchte Lebensintensität im Nachtleben, Karow wechselte die Partner, mit größter Unverbindlichkeit.

Erst im zehnten Fall, „Das Leben nach dem Tod“, als Karow herausfand, dass er wochenlang Tür an Tür mit einer Leiche und Hunderttausenden Fliegen und Maden gelebt hatte, überwanden sich beide. In einem religiösen jüdischen Ritual, das Rubin vormachte und das Karow Halt gab. Beide zerrissen ihr T-Shirt. „Machen Sie das dann auch für mich, wenn ich nicht mehr da bin?“ - „Du bist nicht alleine, Karow.“ Einer der wenigen zärtlichen Momente. Beim Sie bleibt es, obwohl die Nähe auch körperlich wird.

Nun, zum Finale, inszeniert Ngo The Chau, der vielfach ausgezeichnete Kameramann, in seinem ersten Polizeifilm die Einsamkeit, das Vertrauen und seine Abwesenheit, das „reine Herz“ von Rubin in einem berückend vielschichtigen Film, der in perfekten Gestaltungen Stimmungen einfängt oder erzeugt, in beispielloser Weise mit der Melodramatik der Figuren spielt und zuletzt sein aufrechtes Trio Rubin, Karow und Julie im Bauch des Berliner Flughafens BER durch labyrinthische Tunnel und Röhrensysteme schickt. Mit Gittertüren, die eines der liebenden Paare trennen und das andere in eine Art schicksalhafte Vollendung schickten.

So wenig Karow und Rubin zueinander kommen können, so unmittelbar geschieht es nämlich bei Julie und Rubin. Sie verabreden sich auf halber Zuneigungsstrecke in einem Tanzlokal für einsame Frauenherzen. Die Kommissarin erzählt von ihren Kindern, ihrem Schmerz. Beide tanzen eng umschlungen, küssen sich. „Lass es Liebe sein“, singen Rosenstolz.

Extrem spannend, fängt diese letzte Folge, brennglas-präzise geschrieben von Günter Schütter, die Essenz der Figur Nina Rubin ein, der Meret Becker eine nachvollziehbare Nonkonformität und eine große, meistens wie ungerichtet wirkende Zärtlichkeit gegeben hat. Karow wird allein weitermachen, in (s)einer Solistenrolle, bevor er eine neue Partnerin bekommt, gespielt von Corinna Harfouch. Zuvor aber gibt es diesen Abschied - einer der besten, schönsten „Tatorte“ überhaupt.

Aus epd medien 20/22 vom 20. Mai 2022

Heike Hupertz