Mumberg statt Mumbai

VOR-SICHT: "Servus Baby", vierteilige Serie, zweite Staffel, Regie: Natalie Spinell, Buch: Natalie Spinell, Felix Hellmann, Kamera: Jenny Bräuer, Produktion: Pssst! Film (BR 8.9.20, 20.15-22.15 Uhr, seit 1.9.20 in der BR-Mediathek)

Das nennt man einen Überraschungserfolg: Ursprünglich wollte Natalie Spinell in "Urban Divas", ihrem Abschlussfilm für die HFF München, das Lebensgefühl von vier Münchner Frauen um die 30 einfangen. Geplant war ein Kurzfilm, ähnlich wie "Sex and the City", aber in Weißblau und mit Weizen statt "Cosmopolitan"-Cocktail. Wo Carrie und ihre Freundinnen finanziell unabhängig waren, hatten Spinells "Generation-Praktikum"-Heldinnen Lou, Eve, Mel und Tati die Karriere größtenteils noch vor sich.

In der Gegenwart der "Urban Divas" war überhaupt das meiste Provisorium. Die Wohnungen, der Babywunsch, die beruflichen Ambitionen und die Männer. Von heute auf morgen konnte sich alles ändern, vor allem der Wunsch nach Beständigkeit. Nur die Ärztin Mel war beruflich schon angekommen, hatte dafür aber ein chaotisches Privatleben mit viel Sex, aber ohne Intimität. Tati arbeitete an ihrem Großfamilienprojekt, leider vergeblich, da Männer in ihr bloß die lustige Saufkumpanin sahen.

Die langweilige Lou, für die das Altwerden mit ihrem Partner Domi schon gesetzt war, stand an ihrem 30. Geburtstag plötzlich ohne Mann und kurz darauf auch ohne Wohnung da. Und Eve litt unter zwar charmanter, aber chronischer Entscheidungsnot - was dazu führte, dass sie den Basti vor lauter anderen Männern ganz vergaß.

Das alles sprengte die Kurzfilmform und war dann als Serienpilot-Abschlussarbeit genau passend. Aus "Urban Divas" wurde "Servus Baby", mit vier schnellen, sehr witzigen und bestens getimten Folgen mit überraschenden Wendungen, offenherzig wie ein Dirndl mit tiefem Ausschnitt, warm wie eine Brezn frisch aus dem Ofen, gelegentlich dem Fäkalhumor zugeneigt wie die Leute nach einem feuchtfröhlichen Wiesn-Besuch (Kritik in epd 36/18).

Ko-Autor Felix Hellmann, in Personalunion Spinells Lebensgefährte, sorgte für die männliche Sichtweise. Mit Domi, Basti, Linus, Jakob (den Hellmann selbst spielt) und Hugo sind in der Tat einige wirklich denkwürdige Varianten der Männerspezies entstanden. Manches erinnerte etwas an Lena Dunhams feministische Toleranzerkundungsserie "Girls". "Servus Baby" erhielt 2018 den Nachwuchsförderpreis des Bayerischen Filmpreises - und viel Aufmerksamkeit als Hoffnungsträger deutscher Comedy.

Jetzt gibt es vier neue Folgen, die, genau wie in der ersten Staffel, jeweils eine der Frauen in den Mittelpunkt stellen. Die Geschichten der anderen werden dabei am Rand jeweils weiter miterzählt - dieses Mal freilich weniger kunstvoll verschränkt als in der ersten Staffel. In "Indisch", "Sombrero", "Kindisch" und "Torero" wird nun überhaupt dramatisch einsträngiger erzählt. Was bleibt, sind vier halbstündige Geschichten, vier Lebensherausforderungserkundungen. Inhaltlich schließt "Servus Baby 2" da an, wo man aufgehört hat - bei der Krux mit dem anderen Geschlecht, den Schwierigkeiten, zwischen Fremderwartungen und Eigeninitiative den richtigen Weg zu finden und der weisen Einsicht, dass Humor und Frauenfreundschaft da am nötigsten sind, wo es bierernst wird.

Es beginnt mit Lou (Josephine Ehlert). Aus dem Bild weiblicher Mittelmäßigkeit ist eine zwischen dem Begehren zweier Verehrer hin- und hergerissene Neustarterin geworden. Knall auf Fall kündigt sie ihren Job, um mit Linus (Max Wagner) ganz romantisch im Bulli nach Indien zu fahren. Leider streikt das Klappergefährt nicht erst in Mumbai, sondern schon im bayerischen Mumberg. Irgendwie auch romantisch. Die Entdeckung ihrer Schwangerschaft auf dem Werkstattklo ist freilich eher weniger kitschromangeeignet. Zumal Domi (Frederic Linkemann) der Vater ist und fortan nichts unversucht lässt, um mit Lou den Kleinfamilientraum wiederzubeleben.

Eve (Teresa Rizos) plant mit Basti (Maxi Schafroth) und dem Geld der künftigen Schwiegereltern eine Luxushochzeit, will aber viel lieber möglichst schnell schwanger werden. Blöd nur, dass Basti höchstwahrscheinlich unfruchtbar ist. Bei der gemeinsamen Suche nach passenden Samenspendern - "rein hypothetisch" - weiß sie bald wieder nicht mehr, was sie eigentlich will. Nachwuchs in Fussballmannschaftstärke, den Basti egal wie, eine Hochzeit oder keine?

Mel (Genija Rykova) hat dagegen so lange auf Arztkollege Jakobs (Felix Hellmann) Gefühlen herumgetrampelt, dass dieser sich nach Kopenhagen wegbewirbt. Jetzt hat es sie so schwer liebesmäßig gepackt, dass sie für den Opernfan sauteure Zauberflöten-Karten gekauft hat, aber ganz auf Schweigen macht. Als ihre Oma plötzlich im Heim verstirbt, lädt sie Jakob dann doch ein: Zum Begräbnis, bei dem er als musikalische Begleitung die Rasseln spielen soll - er erscheint in komplettem Mariachi-Aufzug. Diesem Glück steht also nichts mehr im Weg.

Bleibt noch Tati (Xenia Tiling), die inzwischen als alleinerziehende Mutter mit Baby Finni an der Großfamilie arbeitet. In Hugo (Marcel Mohab) ist sie sehr verliebt, sein kleiner Sohn ist supersüß, leider aber zickt die pubertierende Tochter Sam (Gurentsche Kollewijn), und Hugo stellt Tati dauernd als "Nanny" vor. Auf Eves und Bastis Hochzeit eskaliert die Situation. Es kommt zum Tortenslapstick. Genauso wenig fehlt zum Schluss ein umgekipptes Dixieklo, aus dem der feige Hugo zum vorerst guten Ende zwar unverletzt, aber ordentlich besudelt krabbelt. Männliche Würde ist was anderes.

Die zweite Staffel von "Servus Baby" endet mit der deutlich ins Bild gesetzten Einsicht, dass Männer zwar Kacke sind, aber frau ihnen selbige aus Verliebtheit gern aus dem Gesicht wischt. Diese Einsicht muss man nicht teilen, aber auch die neuen Folgen enthalten davon abgesehen ein Füllhorn humoristischer Einsichten zum gegenwärtigen Stand des Verhältnisses von Männer und Frauen, der Qual der Wahl und den sonstigen Zumutungen des weiblichen Erwachsenseins. Um die Karrierefrage geht es dieses Mal nur am Rand. Vielleicht erfährt man darüber etwas in einer dritten Staffel, wenn erst einmal alle Babys da sind.

Aus epd medien 36/20 vom 4. September

Heike Hupertz