Der Menschenbeobachter

VOR-SICHT: „Die Glücksspieler“, sechsteilige Serie, Regie: Michael Hofmann, Buch: Michael Hofmann, Bert Koß, Kamera: Christian Marohl, Produktion: Die Film GmbH (ARD/BR/ORF/WDR, 27.4., 4.5. und 11.5. 22, 20.15-21.45 Uhr; seit 20.4. in der Mediathek)

epd Auf den ersten Blick lässt die Offerte ein unmoralisches Angebot vermuten: Ein Mann ist bereit, drei Menschen jeweils eine Million Euro zu zahlen, wenn sie ein Jahr lang versuchen, glücklicher zu werden. Es gibt ein paar Bedingungen, aber die sind nicht ehrenrührig: Die drei dürfen niemandem von der Abmachung erzählen, auch nicht der eigenen Familie. Sie müssen sich jeden Freitag in einem Notariat einfinden und von ihren Fortschritten berichten, der Wohltäter beobachtet die Sitzung per Webcam. Sollte einer von ihnen ausscheiden, ist der Deal auch für die beiden anderen geplatzt.

Natürlich fragen sich Anwältin Ines (Katharina Schüttler), Mathematiker Jasper (Manuel Rubey) und Kleinunternehmer Firat (Ekrem Bora alias Eko Fresh), warum jemand wildfremden Leuten ohne nennenswerte Gegenleistung drei Millionen Euro überlässt. Die Antwort ist einfach: Gottlieb Herzinger (Branko Samarovski) ist ebenso reich wie einsam. Seine Ehen sind gescheitert, zu seiner Tochter hat er keinen Kontakt, immerhin wird er von seinem ergebenen Butler Dietrich (Ovidiu Schumacher) umsorgt. Den Lebensabend vertreibt sich Gottlieb mit dem Beobachten von Vögeln. Als eines Tages ein Luftballon mit einer Weihnachtswunschkarte auf seinem großzügigen Anwesen am Starnberger See landet, bringt ihn das auf die Idee, dass es viel interessanter sein könnte, Menschen zu beobachten.

Auf dem Zettel haben Ines’ Kinder bei einer Kita-Aktion notiert, dass sich ihre Eltern nicht mehr streiten sollen und dass eine neue Vase prima wäre, denn die alte ist beim letzten Ehekrach zu Bruch gegangen.

Herzinger arrangiert eine vermeintlich zufällige Spielplatzbegegnung der Frauen von Jasper und Firat, Simone (Lena Dörrie) und Natascha (Karolina Lodyga), mit Ines' Mann Max (Sergej Moya). Max ist ein begnadeter Pianist, seine Kunst ist allerdings brotlos, deshalb ist Ines die Ernährerin der Familie. Von seinem Plan erzählt Gottlieb diesem Trio nichts, aber natürlich wundern sich die drei, dass Jasper, Firat und Ines neuerdings jeden Freitag um 18 Uhr verschwinden. So entsteht eine Dynamik, die sämtliche Beteiligten aus ihrem Alltagstrott wirft, neue Reizpunkte in den Beziehungen setzt und schließlich zu einem verblüffenden Rollentausch führt: Plötzlich finden sich Ines, Jasper und Firat auf der Spielplatzbank wieder.

„Die Glücksspieler“ hätte sich zwar auch kürzer erzählen lassen, aber in der Serie können sich Michael Hofmann und Bert Koß viel Zeit für ihre Figuren nehmen. Abgesehen von dem wöchentlichen Termin ändert sich im Leben des Trios zunächst nichts. Da das Glück keine Voraussetzung für die Auszahlung der Million ist, müssen sie sich nicht mal Mühe geben. Die ersten Treffen verlaufen daher auch eher einsilbig. Jasper sagt wenig bis gar nichts, und Ines macht nur mit, weil ihre Familie dringend eine größere Wohnung braucht. Die Gespräche werden daher zunächst vor allem vom leutseligen Firat bestritten. Nach und nach aber tauen auch die beiden anderen auf.

Am sichtbarsten sind die Veränderungen bei Jasper: Das am Arbeitsplatz gemobbte Zahlengenie signalisiert mit der gesamten Körpersprache Abwehr, doch dann entwickelt der buchstäblich bis obenhin zugeknöpfte Mann ein gewisses Zutrauen - zu Ines und Firat, aber auch zum Leben. Ausgerechnet der Autist mit seiner ausgeprägten Aversion gegen Unwägbarkeiten sorgt für die meisten Überraschungen.

Die Idee zu „Die Glücksspieler“ basiert auf dem Widerspruch zwischen dem Bewusstsein, dass Geld nicht glücklich macht, und der Realität: In westlichen Gesellschaften gilt dennoch das gesamte Streben der Vermehrung des Einkommens. Für die Botschaft der Geschichte steht ein Buch, das ein Buchhändler Ines empfiehlt: „Das Glück schreibt mit weißer Tinte.“ Den Aphorismus haben Hofmann und Koß zwar nicht erfunden, aber der Effekt ist verblüffend, denn das Buch besteht aus unbedruckten Seiten: Das Leben ist ein Roman, den jeder Mensch selber schreibt.

Neben den ausgezeichnet gespielten Szenen dreier Ehen, die auch dramatisch sein können, erfreut die Serie dank Eko Fresh durch allerlei Heiterkeiten. Firat besitzt eine Straßenreinigungsfirma, aber seit Hundebesitzer die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner selbst beseitigen, laufen die Geschäfte schlechter, was seine notorisch gute Laune jedoch allenfalls vorübergehend trüben kann. Die kleinen Scharmützel mit seiner Sekretärin (Ricarda Seifried) sind äußerst amüsant. Außerdem pflegt Firat eine Liebschaft mit Frau Unger von der Stadtverwaltung, die für die Auftragsvergabe zuständig ist.

Es gibt einige schöne Bilder wie das der in den Himmel aufsteigenden roten Kita-Luftballons, sonst ist die Bildgestaltung (Christian Marohl) zwar sorgfältig, aber eher unauffällig. Mitreißend ist dafür die Musik von Daniel Sus und Matthias Klein, die in den Jazz-Auftritten von Max und seiner Band gipfelt. Und famos sind die Dialoge. Spätestens die Schlussszene verdeutlicht die zweite Botschaft der Serie: Glück und Vas’, wie leicht bricht das.

Aus epd medien 16/22 vom 22. April 2022

Tilmann Gangloff