Der Krieg und die Bilder

VOR-SICHT: "Der Bruderkrieg", dreiteilige Dokumentation, Regie und Buch: Hermann Pölking, Linn Sackarnd, Kamera: Jérôme Colin, Sebastian Lempe, Produktion: Looks Film (Arte/ZDF, 18.8.20, 20.15-22.55 Uhr); "1870/71 Fotografien eines vergessenen Krieges", Dokumentation, Regie: Grit Lederer, Buch: Grit Lederer, Paul Mellenthin, Kamera: Marcus Winterbauer, Produktion: Kinescope Film (Arte/Radio Bremen, 18.8.20, 22.55-23.45 Uhr)

Es gibt zahllose Dokumentationen zur Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts, doch der deutsch-französische Krieg von 1870/71 wurde im Fernsehen bisher nur selten beachtet. Dabei gilt er als einer der Wegbereiter des Schreckens, den der fanatische Nationalismus schließlich anrichten sollte. So ließ sich Wilhelm I. während der Belagerung von Paris am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser krönen. Welch eine Demütigung für Frankreich, das zudem nach dem verlorenen Krieg das Elsass und Teile Lothringens abtreten und gewaltige Reparationen zahlen musste. In deutschen Städten wurde national-besoffen gefeiert, im besiegten Frankreich wuchs das Verlangen nach einer Revanche.

Insofern füllt der Dreiteiler "Der Bruderkrieg" von Hermann Pölking und Linn Sackarnd, die auch ein Buch mit diesem Titel veröffentlicht haben, eine Lücke. Der 150. Jahrestag des Kriegsausbruchs macht es möglich.

Pölking und Sackarnd wählen für ihre fernsehspezifische Darstellung eine Methode, die Segen und Fluch zugleich ist. In jeder einzelnen Folge wird der gesamte Kriegsverlauf erzählt, von der diplomatischen Krise um die Nachfolge auf dem spanischen Thron im Vorfeld bis zum Waffenstillstand Ende Januar 1871. Dreimal siegen die Preußen und ihre verbündeten Armeen in den ersten Schlachten im Elsass, dreimal wird Metz belagert und eingenommen, dreimal kapituliert Napoleon III., dreimal wird in Paris die Republik ausgerufen, dreimal leiden die Bewohner der eingeschlossenen Hauptstadt an Hunger, Kälte und den Bombardements mit den Krupp'schen Kanonen.

Die Redundanzen relativieren sich allerdings, weil jede Folge eine andere Perspektive und auch andere Schwerpunkte bereithält. Zum Auftakt gibt das Tagebuch einer jungen Pariserin einen etwas pathetischen Ton vor. Den Krieg verabscheut die 20-jährige Geneviève Bréton, die Preußen aber nicht minder, so dass sie zwischen Pazifismus und Patriotismus zu schwanken scheint. Vor allem aber sorgt ihre Liebe zu einem jungen Maler für eine emotionale Achterbahnfahrt während der mehr als vier Monate dauernden Belagerung. Dagegen geben ihre Schilderungen über den harten Alltag wenig her, vielleicht weil sie aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie stammt.

Zehntausende Zivilisten starben an Hunger, Kälte und Seuchen, auch in anderen Städten wie in Straßburg, das ebenfalls sechs Wochen lang belagert und 31 Tage lang bombardiert wurde. "Wir haben Hass in den Herzen der unschuldigen Bevölkerung gesät", schreibt der damals 38 Jahre alte preußische Offizier Paul Bronsart von Schellendorff in seinen erst Jahrzehnte nach dem Krieg veröffentlichten "Geheimen Tagebüchern".

Die sonst nicht übermäßig selbstkritische Perspektive Bronsarts, der im Generalstab für Logistik und Nachschub zuständig war, bestimmt den dritten Teil. Medienspezifisch interessant ist vor allem die mittlere Folge, in der aus dem Tagebuch des britischen Journalisten William Howard Russell zitiert wird. Russell hatte für die Londoner "Times" schon über den Krimkrieg und den amerikanischen Bürgerkrieg berichtet. Nun durfte er den preußischen Generalstab begleiten, ein früher "embedded" arbeitender Kriegsreporter also, der an der Seite des Kronprinzen auf einer Anhöhe die Schlacht von Sedan verfolgte. Seine Kommentare sind bisweilen von feiner Ironie getragen, weniger pathetisch als die der Pariserin und weniger trocken als die des preußischen Offiziers.

Krieg und Medien seien schon damals "eng verflochten" gewesen, sagt der deutsche Historiker Daniel Schönpflug, der wie andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in allen Folgen zu Wort kommt. Inwiefern Russells Berichte die öffentliche Meinung beeinflussten, bleibt allerdings offen.

Bemerkenswert ist jedenfalls die Fülle an Bildmaterial, denn der Krieg von 1870/71 war der erste auf europäischem Boden, der fotografisch erfasst werden konnte. So verzichten Pölking und Sackarnd auf jede Form von Reenactment und greifen stattdessen auf zahlreiche Fotografien zurück, die sie allerdings häufig "vertonen", also mit Fußgetrappel, Geschützdonner und gedämpften Schreien und Rufen unterlegen. In Wahrheit gab es noch keine "Live-Bilder", aber die Fotografien von 1870/71 dokumentieren bereits die Folgen eines mit den modernen Waffen des Industriezeitalters geführten Krieges: Ruinen säumen ganze Straßenzüge in Straßburg oder in Bazeilles, das die Bayerische Armee in Schutt und Asche gelegt hatte.

Allerdings bleiben die Quellen des präsentierten Materials meist unklar. Eine kritische Reflexion über den Einsatz des neuen Mediums Fotografie liefert erst die sehenswerte Dokumentation von Grit Lederer, die bei Arte im Anschluss ausgestrahlt wird und die man geradezu als notwendige Ergänzung zum "Bruderkrieg"-Dreiteiler bezeichnen muss. In "1870/71 Fotografien eines vergessenen Krieges" geht der Kunsthistoriker Paul Mellenthin in Archiven, Museen und bei privaten Sammlern der Spur der zahlreichen Fotografien nach.

Dabei werden nicht nur tiefer gehende Fragen gestellt, etwa nach der Ästhetisierung von Gewalt oder der Inszenierung zum Zwecke der Propaganda. Auch greift der Film zumindest ein wenig über das Ende des Krieges hinaus, etwa mit den Fotos von den hingerichteten Kommune-Kämpfern. Die zeitgenössischen Fotos konnten noch nicht von Zeitungen abgedruckt werden, wurden aber vervielfältigt und verkauft und trugen so auch dazu bei, dass es nach 1871 eine Art "Ruinen-Tourismus" in Paris gab. Ab Juni hielten sich rund 300 Fotografen in der französischen Hauptstadt auf, Thomas Cook organisierte spezielle Führungen für die zahlreich einfallenden britischen Touristen - weshalb die Bevölkerung über eine "dritte Belagerung" spottete.

Nebenbei - und wohl unfreiwillig - enthüllen Lederer und Mellenthin einen leichtfertigen Umgang mit dem Bildmaterial im "Bruderkrieg"-Dreiteiler. Darin wird ein Zitat des britischen Kriegsberichterstatters Russell, der beschreibt, wie er einem toten französischen Soldaten nach dem Ende der Kämpfe in Sedan ein kleines Notizbuch aus der Tasche zieht, mit einem eindrucksvollen Foto illustriert: Soldaten liegen kreuz und quer und dicht gedrängt auf einem Haufen. Sie sind barfuß, tragen Uniform, haben die Augen geschlossen. Nur tot sind sie nicht, wie die Darstellung nahelegt.

Das weiß man allerdings erst, nachdem Sylvie Aubenas von der französischen Nationalbibliothek in Lederers Film eine Mappe hervorholt, die auch jenes Foto enthält. Aubenas erklärt, Fotograf Marconi habe solche Bilder als Vorlage für die zeitgenössische Historienmalerei inszeniert. Die vermeintlich toten Soldaten von Sedan waren in Wahrheit quicklebendige Leichen-Modelle.

Aus epd medien 32/20 vom 14. August 2020

Thomas Gehringer