"Wir sind die letzten Mohikaner"

Ein epd-Interview mit "Maus"-Vater Armin Maiwald

Am 7. März wird die "Sendung mit der Maus" 50 Jahre alt. ARD und Kika feiern das Jubiläum dieses Klassikers des Kinderfernsehens mit mehreren Sendungen. "Väter" der "Maus", mit deren "Lach- und Sachgeschichten" inzwischen mehrere Generationen von Kindern in Deutschland aufgewachsen sind, waren der WDR-Redakteur Gert K. Müntefering, Dieter Saldecki und Armin Maiwald. Die "Maus" selbst wurde von der Künstlerin Isolde Schmitt-Menzel gestaltet. Mit den Geschichten erklärt Maiwald Kindern seit 1971 im Ersten die Welt. Der Autor und Regisseur wurde unter anderem mit dem Grimme-Preis mit Gold (1988) und dem Bundesverdienstkreuz (1995) geehrt. Die Filme produziert er mit seiner Kölner Produktionsfirma Flashfilm, die er seit 2009 gemeinsam mit seinem langjährigen Mitarbeiter Jan Marschner führt. Tilmann Gangloff sprach mit Maiwald über Entdeckungslust, die Entwicklung des Kinderfernsehens und darüber, dass Kinder keine Lobby haben.

epd Herr Maiwald, wie hat sich das Kinderfernsehen in den 50 Jahren, seit es die "Sendung mit der Maus" gibt, verändert?

Armin Maiwald: Die größte Veränderung hat sicherlich im Ersten Programm stattgefunden. In den 70ern und 80ern, zum Teil auch bis in die 90er, hatte das Kinderfernsehen unendlich viele Sendeplätze und ein großes dokumentarisches Angebot. Titel vom WDR, die mir spontan einfallen, sind unter anderem "Der Spatz vom Wallraffplatz", die Reportagereihe "Kein Tag wie jeder andere" oder "Kinder in der Kiste" mit dem kleinsten TV-Studio der Welt. Das lief alles in der Nachmittagsschiene. Heute gibt's im Ersten fast nur noch die "Maus", alles andere ist in den Kinderkanal abgewandert oder in die frühen Morgenstunden.

Wie steht es um die Qualität?

Maiwald: Bei den Privatsendern braucht man die Qualitätsfrage gar nicht erst zu stellen, aber im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat sie meiner Ansicht nach ebenfalls stark nachgelassen.

Für die Budgets gilt das vermutlich auch?

Maiwald: Ja, wir arbeiten seit zehn Jahren mit dem gleichen Etat. Aber in gewisser Weise kann ich die Sender verstehen: Es ist nun mal preiswerter und birgt weniger Risiko, Formate einzukaufen, als sie selbst zu entwickeln.

Ihr früherer Auftraggeber als Leiter des Kinderfernsehens beim WDR, Gert K. Müntefering, hat vor einigen Jahren bemängelt, dass das Kinderfernsehen heutzutage in der Öffentlichkeit keine Rolle mehr spiele. Tatsächlich galt die letzte größere Berichterstattung dem Unterschlagungsskandal beim Kika. Ist das deutsche Kinderfernsehen nicht mehr der Rede wert?

Maiwald: Diese Feststellung trifft ja nicht nur fürs Fernsehen zu. Kinder haben in unserem Land keine Lobby und sind nur dann Thema, wenn ein Missbrauchsfall für Schlagzeilen sorgt. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ging es zwar auch um die Öffnung von Kindergärten und Schulen, aber vor allem aus Sicht der Eltern, die sich im Homeoffice auch noch um den Nachwuchs kümmern mussten. Die Probleme der Kinder kommen viel zu selten zur Sprache. Vergleichen Sie das mal mit der erfolgreichen Lobbyarbeit der Autoindustrie, dann wissen Sie, was sich meine. Da ist es doch keine Überraschung, dass sich niemand für Kinderfernsehen interessiert.

Vermutlich haben Sie auch keine großen Hoffnungen, dass sich das in absehbarer Zeit ändern könnte.

Maiwald: Nein, das ist ja ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Im täglichen Leben der meisten Menschen spielen Kinder nur dann eine Rolle, wenn sie negativ auffallen, weil sie zu viel Krach machen; dann gibt es umgehend Ärger mit den Nachbarn. Dass Bewegungslust und Lärm Teil der kindlichen Entwicklung sind, wird ausgeblendet. Die meisten Erwachsenen haben vergessen, dass sie selbst auch mal Kinder waren und Blödsinn gemacht haben.

Täuscht der Eindruck, oder entspricht auch das hiesige Kinderfernsehen dieser Einschätzung? Eine gewisse Freude an der Anarchie ist doch ebenfalls ein Kindheitsmerkmal, aber in den Sendungen ist davon wenig zu sehen ...

Maiwald: Grenzen austesten ist genauso wichtig! Ich gebe Ihnen recht, aber wie sollte es auch anders sein; das Fernsehen, auch das Kinderfernsehen, ist schließlich ein Spiegel der Gesellschaft.

Und die sah in den 70ern anders aus?

Maiwald: Damals war das Fernsehen noch ein relativ junges Medium, man hatte Zeit, Geduld und Muße, um Dinge auszuprobieren. Wir durften auch sehr viel mutiger sein. Ich erinnere mich an einen Film über die Frage, wie ein geschlachtetes Rind verarbeitet wird. Der Beitrag begann mit dem Bolzenschuss im Schlachthof und endete mit dem Steak auf dem Teller. Natürlich gab es eine Diskussion mit der Redaktion, außerdem empörten sich viele Zuschauer darüber, dass wir so etwas zeigen. Wir wollten die Kinder keineswegs zu Vegetariern machen, sondern darstellen, wo das Fleisch herkommt, das wir essen. Ähnliche Filme haben wir auch über Hühner und Schweine gemacht. Das würde heute keine Redaktion mehr abnehmen. In den Sendern war allerdings auch die Bereitschaft größer, Zuschauerproteste auszuhalten und dazu zu stehen, dass unsere Filme die Wirklichkeit abbilden. Der aufbegehrende, um nicht zu sagen revolutionäre Charakter dieser Anfangszeit des Kinderfernsehens ist verloren gegangen. Dabei werden die Kinder heutzutage im Internet mit ganz anderen Dingen konfrontiert.

Hängt diese Entwicklung auch mit dem Personal in den Redaktionen zusammen? Gibt es überhaupt noch prägende Persönlichkeiten wie Müntefering oder Dieter Saldecki beim WDR, Wolfgang Buresch beim NDR oder Susanne Müller beim ZDF? Das Kinderfernsehen scheint heute eher eine erste Stufe auf der Karriereleiter.

Maiwald: Wenn ich mich dazu ehrlich äußere, werde ich viele Anrufe bekommen. Aber völlig falsch ist die Wahrnehmung an der einen oder anderen Stelle sicher nicht. Wobei es beim WDR bei der "Sendung mit der Maus" eine große Konstanz gibt.

Ein weiterer Eindruck: Das Fernsehen im Allgemeinen und das Kinderfernsehen im Besonderen sind an Innovation nicht interessiert. Heikle Themen werden gemieden, gefragt sind in erster Linie Formate ohne Ecken und Kanten.

Maiwald: Ja, es geht vor allem darum, dass Bewährte zu bewahren. Bloß keine Experimente, denn sie könnten ja schiefgehen. Aber ohne Experimente würde es keine Wissenschaft geben; bei jeder Versuchsreihe ist das Scheitern Teil des Versuchs. Ich sehe keine große Bereitschaft, mal was völlig Neues auszuprobieren. Mein Kollege Christoph Biemann hat mal einen Film über eine syrische Flüchtlingsfamilie gedreht, das gab Riesenproteste von vielen Zuschauern und Zuschriften voller fremdenfeindlicher Klischees. Die letzte größere Innovation im Kinderfernsehen war meines Erachtens die "Sendung mit dem Elefanten", eine gewissermaßen jüngere Version der "Sendung mit der Maus". Dabei böte der Kinderkanal die besten Voraussetzungen für innovative Ansätze.

Finden Sie es eigentlich gut, dass das öffentlich-rechtliche Kinderfernsehen seinen eigenen Sender hat?

Maiwald: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde: Toll, dass es ihn gibt. Das Programm ist mir zu aufgesetzt, zu dauerfröhlich. Der Kika müsste ein Sender sein, der sich ausschließlich um die Bedürfnisse der Kinder kümmert und neue Formate entwickelt. Das war aber offenbar nie der Plan. Der Sender sollte von Anfang bloß Abspielstation für die Produktionen von ARD und ZDF sein. Deshalb ist auch nie realisiert worden, was Müntefering vor 30 Jahren vorschwebte: ein Programm für junge Jugendliche.

Einen Aspekt haben Sie nicht erwähnt: Weil das Kinderprogramm der ARD nach einer gewissen Übergangszeit weitgehend aus dem Ersten und den Dritten Programmen verschwunden ist, erreicht es nicht mehr die Familie, sondern tatsächlich nur noch die Kinder.

Maiwald: Mit einer Ausnahme: Die Zuschauer der "Sendung mit der Maus" sind im Schnitt 40 Jahre alt. Aber Sie haben recht, früher hatte jeder ARD-Sender sein eigenes Kinderprogramm, das gibt’s alles nicht mehr.

Damit ist die "Maus" seit dem Ende von "Wetten, dass..?" das letzte echte Familienfernsehen.

Maiwald: Ja, wir sind die letzten Mohikaner, wobei ich sagen muss: Ich hätte nie gedacht, dass wir irgendwann dieses Jubiläum feiern würden, das ist für mich wie ein Wunder, genauso wie die vielen positiven Zuschriften, die wir immer noch bekommen. Menschen jedes Alters fühlen sich nach wie vor gut bei uns aufgehoben, das ist ein sehr schönes Gefühl.

Weil die "Maus" auch heute noch nach dem klassischen Rezept funktioniert? Oder erzählen Sie Ihre Geschichten anders als in den Anfangsjahren?

Maiwald: Zu Beginn sind unsere Filme komplett ohne Kommentar ausgekommen. Dann haben wir angefangen, gelegentlich Stichwörter oder Halbsätze einzustreuen, weil Kinder bestimmte Dinge sonst nicht verstanden hätten. Bei einem Film über die Herstellung von Streichhölzern war das kein Problem, aber versuchen Sie mal ohne Worte zu erklären, wie ein Smartphone funktioniert. Mittlerweile sind die Filme von vorn bis hinten durcherzählt, weil sich auch die Themen geändert haben. Stil und Darstellungsweise sehen heute ebenfalls ganz anders aus. Wir stehen immer wieder vor der Herausforderung, Dinge darzustellen, die nicht sichtbar sind.

Hat sich auch Ihre eigene Herangehensweise gewandelt?

Maiwald: Nein, die orientiert sich wie schon vor 50 Jahren an drei Punkten. Am Anfang steht eine saubere Recherche. Wo andere mal eben bei Wikipedia reinschauen, recherchieren wir, bis es weh tut; und die gefundenen Fakten hängen wir nicht einfach aneinander, denn das ergibt ja keine Geschichte. Damit bin ich bei Punkt zwei, und das ist die eigentliche Herausforderung: Wie kriegen wir eine Dramaturgie hin, damit tatsächlich eine Geschichte daraus wird, die zudem nicht langweilt? Und natürlich muss der Einstieg sofort die Neugier wecken. Danach gehen wir, drittens, in logischen Schritten vor, wobei diese Schritte kleiner sind als für Erwachsene. Dazu gehört auch der Verzicht auf Fremdwörter, und wenn wir Analogien verwenden, dann stammen sie grundsätzlich aus der alltäglichen Erlebniswelt der Kinder. Wir versuchen immer vom Bekannten ins Unbekannte vorzustoßen, oft auch über Umwege, die eine Geschichte aber meist erst richtig spannend und interessant machen. Am Anfang steht jedoch grundsätzlich die Einladung, uns auf dieser Entdeckungsreise zu begleiten: Ich ziehe jetzt los und habe keine Ahnung, wo ich landen werde, und wenn ihr Lust habt, könnt ihr mich begleiten.

Sind Sie tatsächlich mal woanders gelandet als geplant?

Maiwald: Na klar, es gab natürlich auch Sackgassen, aber Fehlversuche ergeben oft ebenfalls gute Geschichten. Außerdem kennen die Kinder das aus ihrem eigenen Leben, da klappt ja auch nicht immer alles beim ersten Mal. Wenn wir zugeben, dass uns ebenfalls nicht immer alles auf Anhieb gelingt, kann das für unsere Glaubwürdigkeit nur gut sein.

Hätten Sie ein Beispiel?

Maiwald: Es gab einen Versuch, der überhaupt nicht funktioniert hat. Ein schwedischer Botaniker hat vor 200 Jahren rausgefunden, dass eine spezielle Blumensorte ihre Blüten zu ganz bestimmten Uhrzeiten öffnet und wieder schließt. Also haben wir uns eine riesige Uhr besorgt und eine Gärtnerei gefunden, die diese Blumen für uns pflanzt. Zelt aufgebaut, Zeitrafferkamera installiert, Schichtbetrieb organisiert - aber außer Spesen nix gewesen. Dieter Saldecki hatte dann die Idee, dass wir eine Geschichte über unser Scheitern daraus machen. Daraufhin haben uns einige Zuschauer geschrieben, wir seien ja blöd, die Blumen bräuchten mindestens ein Jahr, um sich an die Umgebung zu gewöhnen. Gesagt, getan, aber das Ergebnis war das gleiche; nach drei Jahren haben wir aufgegeben. Aber aus solchen Misserfolgen lernen auch die Kinder: Es gibt immer die Möglichkeit des Scheiterns; das muss man sportlich sehen.

Welche Sachgeschichten sind Ihnen in besonders guter Erinnerung geblieben?

Maiwald: Vor allem zwei: die "Nachkriegs-Maus" und die Geschichte von Katharina. Als meine Tochter sechs wurde und in die Schule kam, bat mich Saldecki zu erzählen, wie die Welt ausgesehen hat, als ich 1946 mein erstes Schuljahr erlebt habe. Die Aufgabe erwies sich als ungeheuer schwierig, sodass ich zwischendurch kurz davor war aufzugeben, weil ich das Gefühl hatte, nur an der Oberfläche kratzen zu können. Ich sah keine Möglichkeit, die ganze Tragweite - den Hunger und das Elend in einem zerbombten Land - darstellen zu können. Ich habe dann trotzdem weitergemacht, war aber mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Nach der Fernsehausstrahlung hat eine Kölner Initiative eine Vorführung in einem Kino organisiert. Anschließend konnten mir die Kinder Fragen stellen. Das ist nach zehn Minuten vorbei, dachte ich mir; es dauerte eineinhalb Stunden.

Für viele erwachsene Zuschauer war die "Nachkriegs-Maus" eines der besten "Maus"-Specials, 1995 haben Sie für den Film den Bayerischen Fernsehpreis bekommen. Die Geschichte von Katharina ist zwei Jahre später entstanden. Wie kam es dazu?

Maiwald: Diese Geschichte war noch schwieriger zu erzählen, denn die Hauptfigur lebte nicht mehr: Katharina war in der Nacht zum 25. Geburtstag der "Maus" gestorben. Wir standen also vor der Herausforderung, einen Film über einen Menschen zu drehen, den wir nie kennen gelernt haben und von dem es nur Fotos gibt. Und wie geht man mit einer Familie um, die so einen Verlust erlitten hat? Ich habe mich erst mal eine Weile davor gedrückt, mit Katharinas Angehörigen Kontakt aufzunehmen, aber als es dann zur ersten Begegnung kam, bin ich wie ein Verwandter aufgenommen worden. Die Geschichte von Katharina war einer der ganz wenigen Filme, bei denen ich nur mit Gesprächen gearbeitet habe; Interviews sind bei uns eigentlich tabu, auch wenn in Ausnahmefällen mal der eine oder andere Experte auftritt. Außerdem war das der einzige Film, den ich nach der ersten Version komplett umgeschnitten habe, weil er zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt hat. Katharinas Familie hat uns erzählt, dass sie trotz ihrer unheilbaren Krankheit ein fröhliches Mädchen war, das dauernd Blödsinn gemacht hat, und das sollte der Film natürlich transportieren. Die zweite Fassung ist ihrem Wesen dann deutlich näher gekommen.

Sie wirken sehr mit sich im Reinen. Haben Sie nie bereut, in Ihrem Berufsleben nichts anderes als die Sachgeschichten gemacht zu haben?

Maiwald: Nein, die Frage habe ich mir nie gestellt. Gerade in den ersten 20 Jahren hat uns die Redaktion regelmäßig mit neuen Herausforderungen konfrontiert, was Form und Inhalt unserer Filme anging, deshalb war auch immer Abwechslung garantiert. Außerdem bin ich mein größter Kritiker und habe meine Arbeit stets hinterfragt. Natürlich ist mir nicht immer alles gleich gut gelungen, aber diese Erfahrung kennt jeder aus seinem Beruf. Wenn ich jemals festgestellt hätte, dass meine Neugier und meine Motivation nachlassen, hätte ich mit den Sachgeschichten aufgehört.

Würden Sie zustimmen, dass vor allem Ihre Sachgeschichten die Einzigartigkeit der "Sendung mit der Maus" ausmachen?

Maiwald: Da ist sicher was dran. Zeichentrickfilme und Lieder gab es und gibt es ja auch anderswo, heute noch viel mehr als damals. Außerdem sagen sogar Nobelpreisträger, dass sie von uns eine Menge gelernt haben, und der deutsche Astronaut Alexander Gerst hat mal erzählt, dass sein Interesse am Weltraum durch die "Maus" geweckt worden ist. Von jungen Frauen höre ich immer wieder, ich sei daran "schuld", dass sie in einem technischen Beruf gelandet sind.

Sie sind jetzt 81 und somit in einem Alter, in dem andere längst den Lebensabend genießen. Keine Lust auf Ruhestand?

Maiwald: Ich trete schon seit einiger Zeit etwas kürzer. Aber bevor ich zu Hause sitze, die Blümchen auf der Tapete zähle und meiner Frau auf die Nerven gehe, drehe ich doch lieber noch zehn oder zwölf Filme pro Jahr, solange Körper und Geist mitmachen.

Aus epd medien 8/21 vom 26. Februar 2021