Medienverband sieht Zeitschriftenverlage in Gefahr

MVFP: Besonders konfessionelle Medien vor existenzieller Krise
Berlin (epd).

Besonders konfessionelle Medien in Deutschland sind dem Medienverband der freien Presse (MVFP) zufolge von einer existenziellen Krise in der Zeitschriftenbranche betroffen. „Wenn die aktuelle Entwicklung weiter anhält, werden bis 2024 insgesamt 30 Prozent der Fachmedien, bis zu 80 Prozent der konfessionellen Medien und 20 Prozent der Publikumszeitschriften in ihrer Existenz stark gefährdet sein“, sagte der Vizepräsident des Medienverbandes, Philipp Welte, am 26. April in Berlin.

Bis 2024 sei ein Großteil der durch den Verband vertretenen konfessionellen Zeitschriftentitel, unter ihnen Bistumsblätter und Kirchenzeitschriften, nicht mehr in der Lage, ihre bisherigen Geschäftsmodelle rentabel weiterzuführen, heißt es in einer repräsentativen Branchenanalyse der Unternehmensberatung Schickler aus dem Jahr 2021. Ihre eher ältere Leserschaft schrumpfe besonders stark, darüber hinaus kämpften die Titel damit, dass das Interesse für Themen des Glaubens und der Kirche bei der jüngeren Zielgruppe abnehme.

Die Analyse von Schickler nimmt rund 100 konfessionelle Einzeltitel in den Blick. Diese seien stark regional aufgeteilt und hätten 2021 eine Jahresauflage von mehr als 50 Millionen Exemplaren aufgewiesen. Jedoch verzeichneten viele Titel einen starken Rückgang der Auflagen. Mit 38 Wochentiteln habe der genossenschaftlich organisierte, überkonfessionelle Anzeigenvermarkter Konpress-Medien 2021 eine wöchentliche Auflage von 435.000 Stück vermarktet, im Jahr 2008 habe diese noch bei 1,6 Millionen Exemplaren gelegen.

Die Analyse verweist auch darauf, dass die Wochenzeitung „Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt“ ab dem Jahr 2000 in das evangelische Magazin „chrismon“ überging, „finanziert durch Zuschüsse der evangelischen Kirche“. Ähnlich stelle sich die Situation der katholischen Bistumsblätter dar. Der „Rheinische Merkur“ ist unter dem Namen „Christ und Welt“ mittlerweile ein Zusatzangebot für die Leser der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Chrismon“ erscheint unter dem Dach des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP), das auch die Zentralredaktion des Evangelischen Pressedienstes (epd) trägt.

Auch nicht-konfessionelle Zeitschriftentitel und deren Verlage seien „existenziell bedroht“, sagte Welte weiter. Grund dafür seien neben den Auswirkungen der Corona-Pandemie sowie den Auswirkungen des Angriffskrieges in der Ukraine auch die dramatisch steigenden Energie- und Papierpreise und die kontinuierlich zunehmenden Postzustellkosten.

„Wir sind in extremen Zeiten. Das Risiko irreparabler Schäden für die Pressefreiheit und die Pressevielfalt in diesem Land ist hoch“, sagte Stephan Scherzer, Bundesgeschäftsführer des Medienverbandes. Da die Branchenanalyse unter anderem die aktuell steigenden Energiekosten nicht berücksichtige, könne die Bedrohung einzelner Verlage deutlich akuter sein. Dies betreffe mindestens ein Drittel der insgesamt über 7.000 durch den Medienverband vertretenen Zeitschriftentitel.

Durch die digitale Transformation und ein verändertes Leseverhalten befinde sich die gesamte Branche im Umbruch, heißt es weiter in der Branchenanalyse. So planen 62 Prozent der Zeitschriftenverleger neue journalistische Digital-Angebote auf den Markt zu bringen. Ansteigende Produktkosten schränkten die Investitionen zur aktiven Gestaltung der digitalen Transformation jedoch ein. Jene Transformation gestalte sich für konfessionelle Presse der Einschätzung von Schickler zufolge aufgrund des großen Anteils älterer Leserinnen und Leser sowie des mangelnden Interesses der jüngeren Generationen besonders schwierig.

Die Umsätze der MVFP-Mitgliedsverlage in nahezu allen Bereichen der sonstigen Geschäftsfelder erholten sich der Analyse zufolge 2021 dagegen. Mit Veranstaltungen, Bildung, Software und Services, Stellen- und Transaktionsplattformen erwirtschafteten die Verlage insgesamt 4,42 Milliarden Euro (2020: 3,84 Milliarden Euro). Den weitaus größten Anteil machten mit 2,54 Milliarden Euro die Transaktionsplattformen aus, also jene Erlöse, die über Kanäle wie E-Commerce, Vergleichsportale und Online-Rubriken-Märkte hereinkamen. Über den Bereich Bildung wurden Umsätze in Höhe von 202 Millionen Euro, über Veranstaltungen 58 Millionen Euro sowie über Stellen-Plattformen 853 Millionen Euro erzielt. Das Geschäftsfeld Software und Services steigerte seinen Umsatz um 36 Prozent auf 771 Millionen Euro.

Vor dem Hintergrund der schlechten Prognose für das Überleben deutscher Zeitschriftenverlage sorgt sich Welte auch um die Stabilität der Demokratie in Deutschland und Europa. „Eine gesunde Demokratie braucht gesunde Verlage, denn die freie Presse ist unverzichtbar für die Stabilität und die Vielfalt unserer pluralistischen Gesellschaft“, sagte er. Weder die Freiheit an sich, noch das Überleben der freien Presse seien im 21. Jahrhundert jedoch eine Selbstverständlichkeit.

Der MVFP vertritt seit April 2022 die Interessen deutscher Zeitschriftenverlage beim Bund, in den Bundesländern sowie bei der Europäischen Union. Nach einem grundlegenden Reformprozess ist er aus dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) entstanden (epd 11/22).

Die Branchenanalyse von Schickler basiert auf Experteninterviews, einer quantitativen Umfrage sowie einer Analyse bereits erschienener Studien zu den Herausforderungen von Zeitschriftenmedien. Insgesamt wurden Daten von 665 Titel aus 69 Verlagen genutzt. Davon wurden 35 Prozent der Publikumspresse, 59 Prozent den Fachzeitschriften und sechs Prozent den konfessionellen Medien zugeordnet.

Aus epd medien 17/22 vom 29. April 2022

ija