Intendant Buhrow: WDR hat ausreichend vor Flut gewarnt

Programmdirektor Schönenborn räumt Fehler bei der Berichterstattung ein
Köln (epd).

Der Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR), Tom Buhrow, hat den Sender gegen Kritik verteidigt, die Menschen in Nordrhein-Westfalen seien in Radio und Fernsehen nicht ausreichend vor der Flutkatastrophe Mitte Juli gewarnt worden. Bereits am Morgen des 12. Juli habe der WDR auf den bevorstehenden Starkregen hingewiesen und am Tag darauf die Unwetterwarnungen in seinen Programmen weitergegeben, sagte Buhrow bei der öffentlichen Sitzung des WDR-Rundfunkrats am 25. August in Köln.

Der Intendant wies auf die enormen Herausforderungen für den Sender während der Katastrophe hin. Während Katastrophenübungen immer von einem Ort ausgehen, habe es diesmal eine Vielzahl völlig unterschiedlicher Warnungen in den einzelnen betroffenen Kreisen und Kommunen gegeben. Der Sender befinde sich in Gesprächen mit den Behörden in Nordrhein-Westfalen, um den Katastrophenschutz zu verbessern. Insgesamt waren nach Angaben des Intendanten in den Tagen der Flutkatastrophe 153 Reporterinnen und Reporter an 143 Orten unterwegs.

Programmdirektor Jörg Schönenborn ergänzte, es habe in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli eine dreistellige Zahl von Warnmeldungen gegeben, die jedoch in der Summe ein widersprüchliches Bild ergeben hätten. Der WDR habe sich auch an die Landesleitstelle des Innenministeriums von Nordrhein-Westfalen gewandt. Aber der Katastrophenschutz sei lokal organisiert. „Es gab niemanden, der den Überblick hatte“, sagte Schönenborn.

Im Juli hatte der WDR nach Kritik an seiner Unwetter-Berichterstattung Fehler eingeräumt (epd 31/21). Als sich die Lage am Abend des 14. Juli dramatisch zugespitzt habe, habe der Sender zwar mehrfach ausdrücklich vor Lebensgefahr in bestimmten Gegenden gewarnt und lokale Warnmeldungen der Behörden redaktionell verarbeitet, teilte der Sender am 22. Juli mit: „Nach sorgfältiger Prüfung hätte dies in der Nacht engmaschiger passieren müssen, zum Beispiel mit einer durchgehenden Sondersendung bei WDR2.“ Buhrow unterstrich im Rundfunkrat, dies wäre aufgrund des „hohen Symbolwerts“ der Hörfunkwelle richtig gewesen.

Der WDR hat eine „Task-Force Lagen“ eingerichtet, die ein neues Onlineangebot für Menschen in Unwetterlagen vorbereiten soll. Dieses Angebot solle die Ausstrahlung der Hörfunkprogramme und über UKW und DAB nicht ersetzen, sagte ein WDR-Sprecher dem epd. Es solle vielmehr ein Zusatzangebot zu anderen Warnmeldungen im Programm sein.

In die Taskforce sind nach Angaben des Senders „alle relevanten Bereiche der beiden Programmdirektionen sowie der Verwaltungsdirektion und der Direktion Produktion und Technik eingebunden. Der Umgang mit Sondersendungen und die Abläufe in Krisensituationen würden neu betrachtet. Ziel sei, “bei Lagen auch in Randzeiten des Programms auf den verschiedenen Ausspielwegen noch schneller on air zu gehen." Auch die Zusammenarbeit mit anderen ARD-Anstalten in Krisensituationen solle optimiert werden.

Nachrichten jede halbe Stunde

Programmdirektor Schönenborn sagte, die Menschen seien zwar frühzeitig vom WDR gewarnt worden, er räumte aber ein, dass es nicht gut gelungen sei, „in dieser Nacht die nächste Eskalationsstufe zu erkennen“. An der personellen Ausstattung des WDR-Newsrooms habe es nicht gelegen. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli sei die Besetzung von zwei auf sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgestockt worden. Dass alle sechs WDR-Wellen jeweils zur halben und zur vollen Stunde das übernommene ARD-Programm für Nachrichten unterbrachen, habe es bis dahin noch nie gegeben. Dies sei von einem Abteilungsleiter entschieden worden.

„Leider“ sei aber nicht die Schlussfolgerung getroffen worden, sich ganz auf die Berichterstattung zu den Überschwemmungen zu konzentrieren, sagte Schönenborn: „Zum Teil hätten wir die Erwartungen besser erfüllen können, zum Teil hätten wir die Erwartungen auch mit den besten Mitteln nicht besser erfüllen können.“

Die Vorsitzende des Programmausschusses, Petra Kammerevert, sagte: „Es hat nicht alles optimal funktioniert, auch was den Newsroom angeht.“ Vergleiche mit mit dem privaten Lokalsender Radio Wuppertal, der für seine Berichterstattung in der Nacht der Überschwemmungen einen Sonderpreis beim Radiopreis erhält (epd 34/21), wies sie zurück. Der WDR sei ein landesweiter Sender, sagte sie.

Kammerevert sprach den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des WDR ausdrücklich ihren Dank aus „für eine ziemlich herausragende Leistung - bei allen Fehlern, die passiert sind“. Dem schlossen sich andere Rundfunkräte an. Gleichzeitig zeigten sich Mitglieder des Rundfunkrats von Gesprächen mit Betroffenen beeindruckt. Der Rundfunkrats-Vorsitzende Andreas Meyer-Lauber, der selbst aus der von der Flut stark betroffenen Stadt Hagen stammt, erklärte, Menschen hätten sich „sehr allein gelassen“ gefühlt. Auch seien die massiven wirtschaftlichen Schäden in der Berichterstattung „ein bisschen zu kurz gekommen“, kritisierte er. Durch das Juli-Unwetter sind in Deutschland mindestens 180 Menschen gestorben, 48 in Nordrhein-Westfalen.

Rundfunkrat stellt Fragen zu „Weltspiegel“

Der Rundfunkrat diskutierte auch über die mögliche Verlegung des ARD-„Weltspiegels“ im Ersten Programm vom Sonntag auf den späten Montagabend. Mehrere Mitglieder äußerten Kritik an den Plänen und forderten den Intendanten zu einer Stellungnahme auf. Tom Buhrow, der zurzeit auch ARD-Vorsitzender ist, lehnte dies ab, weil die Überlegungen zu einer Programmreform noch „im Beratungsstadium“ seien.

Schönenborn betonte, es seien keine Einschnitte im Informationsangebot geplant. Die Idee sei aber, wertvolle Informationen in die Mediathek zu tragen. Er wies darauf hin, dass der „Weltspiegel“ auf dem Sendeplatz am Sonntag „leider kontinuierlich“ Zuschauer verliere.

Im Juli waren entsprechende Überlegungen der neuen ARD-Programmdirektorin Christine Strobl bekannt geworden. In einem Brief an die ARD-Intendanten hatten sich 45 Auslandsredakteurinnen und Auslandskorrespondenten gegen die geplante Verlegung ausgesprochen. Die Sendezeit am Montag ab 22.50 Uhr sei eine „Todeszone“, schrieben sie (epd 28/21). Dem epd sagte Strobl, der „Weltspiegel“ solle am Montag nach den „Tagesthemen“ die Themen aus dem Nachrichtenformat vertiefen.

Aus epd medien 35/21 vom 3. September 2021

tgr/dir