Der zeitgeschichtliche Meister-Navigator Breloer wird 80

Der Regisseur und Autor Heinrich Breloer wird am 17. Februar 80 Jahre alt. Der WDR ehrt den Filmmacher, der - so der Sender - das Filmgenre „Doku-Drama maßgeblich konzipiert und etabliert“ hat, mit einer Werkschau im WDR Fernsehen und in der ARD-Mediathek. Breloer selbst lehnt das Etikett Doku-Drama für seine Filme, die mit dokumentarischem und mit fiktionalem Material arbeiten, ab. Er bevorzuge den Begriff „Offene Form“, schreibt Uwe Kammann in seiner Würdigung. Heinrich Breloer wurde 1942 in Recklinghausen geboren. Er wuchs dort und im benachbarten Marl auf. Seine Eltern betrieben in Marl das Hotel Loemühle. Für seine Fernsehfilme, von denen viele in Zusammenarbeit mit Horst Königstein entstanden, erhielt Breloer zahlreiche Preise, darunter auch acht Mal den Grimme-Preis. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören „Todesspiel“, „Die Manns - Ein Jahrhundertroman“ und „Kollege Otto - Die Coop-Affäre“.

epd „Heinrich, mir graut’s vor dir.“ Ob Goethe diesen Satz Gretchen in den Mund gelegt hätte, wäre er je Heinrich Breloer begegnet? Ein anderer Heinrich, mit Nachnamen Heine, hätte seinen schönen Satz aus den Reisebildern - „Die Natur wollte wissen, wie sie aussieht, und sie erschuf Goethe“ - bei genauerer Bekanntschaft mit Breloers Werk zeitgemäß ergänzen können: „Die deutsche Gesellschaft wollte wissen, wie sie aussieht, und sie erschuf Breloer.“ Und nichts wäre daran falsch gewesen.

Denn der Filmemacher und Autor Heinrich Breloer hat in seinem umfassenden Werk viele Perspektiven eröffnet, die einen genauen Blick auf wesentliche Ereignisse, Begebenheiten, Personen und Schicksalslinien Deutschlands erlauben. Was er seinem großen Thomas-Mann-TV-Dreiteiler als Untertitel beigab - „Ein Jahrhundertroman“ -, das ließe sich auch als Obertitel seines Werkes lesen - in einem umfassenden Sinne.

Stetige Annäherung an die Wahrheit

Roman? Ja, obwohl er in seiner Montage-Methodik neben filmischen Dokumentarmaterial das Fiktionale allein als Teil der Wahrheitsfindung benutzt. Auch wenn er selbst das weithin gebrauchte Genre-Etikett „Doku-Drama“ eher verschmäht - „vieles, was heutzutage an Dokumentationen mit Spielszenen so daherkommt, ist seicht und verlottert, gaukelt den Zuschauern bloß etwas vor“ -, auch wenn er die schon früher gebrauchte Bezeichnung „Offene Form“ bevorzugt, so ist eines trotzdem richtig: Doku-Drama, das ist gleichsam seine Erfindung. Mit einfachem Kern. Nämlich: zeitgeschichtliche Begebenheiten über eine Montage von historischen Aufnahmen, Interviewaussagen von Zeitzeugen und Experten sowie nachgespielten Szenen zu rekonstruieren und anschaulich werden zu lassen. Und dies auf der Basis akribischer Recherchen. Diese Verschränkung, verstanden als stetige Wahrheits-Annäherung, lässt dabei durchaus auch eine erzählerische Linie erkennen.

Breloers Erfindung - besser: sein experimentelles Erkunden - gehört zur Aufklärungsphase des Fernsehens, zu verorten in den 70er Jahren. Es gab damals Sendungen, die das eigene Medium kritisch befragten (wie „Betrifft: Fernsehen“) und genau damit dem vielerorts geteilten Verdacht entgegentraten, das Fernsehen (gerne als „Glotze“ geschmäht) sei vornehmlich eine Verdummungsmaschine.

Gegen dieses gängige Vorurteil arbeitete Breloer bewusst und gezielt an. Als Vorbild nennt er exemplarische Könner wie Egon Monk, der wiederum - bei seinen Fernseharbeiten ebenso wie beim Theater - die Brechtsche Schule der Verfremdung so verinnerlicht hatte, dass er sie in allen medialen Formen veräußerlichen konnte. Genau da setzte auch der junge Breloer an. So, als ob er das Hauptkriterium des von der Volkshochschule Anfang der 60er Jahre gestifteten Grimme-Preises selbst erfunden hätte: nämlich „die spezifischen Möglichkeiten des Fernsehens auf hervorragende Weise“ so zu nutzen, dass sie „nach Form und Inhalt Vorbild für die Fernsehpraxis sein können“. Kein Wunder, dass er, der vielfach Ausgezeichnete, auf diesen Preis geradezu abonniert war.

War es nur ein glücklicher Zufall, oder war es eine so instinktiv wie bewusst ergriffene Fügung, dass er schon in der Anfangsphase (dem Literatur- und Philosophiestudium folgte erst einmal konventioneller Journalismus, mit Film- und Fernsehkritiken) einen kongenialen Partner für seine Ziele fand? Viele Arbeiten - auch die als Pionierleistung für Oral History wegweisende zehnteilige Reihe über private Tagebücher und Amateurfilme in der NS-Zeit („Geschichten von Überlebenden“, 1980) - sind in enger Kooperation mit dem NDR-Redakteur Horst Königstein entstanden. Und nicht von ungefähr wurden sie 2005 gemeinsam, als Kreativ-Duo, mit dem Siebenpfeiffer-Preis geehrt, benannt nach einem mutigen Kämpfer für demokratische Teilhabe und Pressefreiheit aus dem deutschen Vormärz (epd 72, 92/05).

Beiden gemeinsam war von Anfang an die Vision, im Fernsehen eine Schule des Sehens einzurichten, die gleichzeitig eine Schule des Verstehens und, nicht zum geringsten, auch eine Einladung zur schwelgenden Anschauung sein sollte. Und dies mit immer neuen Konturen, in allen Abstufungen, in jeglicher Farbe, in stets überraschender Bewegung - als ganz spezielle Reise durch die Republik, in der Funktion von „Navigatoren“ (Breloer).

Wie eng diese nicht nur professionelle, sondern auch freundschaftliche Verbindung war - sie fand mit dem Tod Königsteins 2013 ein jähes Ende -, das darf niemand vergessen, der Breloers einzigartiges Werk würdigt. Wobei immer galt, dass diese beiden exzellenten Macher (und Denker!) ihre jeweilige Individualität nie aufgaben, sondern produktiv verschränkten. Höchstes Lob erfuhr diese geballte Qualität durch den ehemaligen ZDF-Intendanten Dieter Stolte. Auf die Frage, wen er gerne unbedingt in seinem Senderportfolio hätte, nannte er einmal diese zwei Namen.

Dinge in Gang setzen

Breloer wusste stets um die spezifischen Eigenschaften seiner Methodik, seiner Stoffe und seiner Extra-Stellung im Großen und Ganzen einer oft uniformen medialen Branche. Königstein wirkte nach außen eher bescheiden. Während von Seiten der Kritik nicht mit Wertungen wie Perfektion, Raffinesse und Meisterschaft gespart wurde, beschrieb er das Werk-Ziel fast unscheinbar, wie etwa beim schon vom Sujet her spektakulären Zweiteiler „Speer und Er“: „Wir richten etwas an, von dem wir glauben, dass es Dinge in Gang setzt. Aber wir sind nicht so hochmütig, darüber Prognosen abzugeben.“ Aber das Ziel war klar: „Wir wollten einfach, dass bestimmte Dinge in diesem Land nicht wieder passieren.“

Dinge in Gang setzen. Mit einem „Nürnberger Trichter“ (auch das Wort fiel schon mal) hat das alles glücklicherweise wenig zu tun. Das A und O der vielbeschworenen Offenen Form besteht vielmehr in einer kunstvollen Verschränkung: mit ihrem Erkunden, ihrem Einkreisen, dem Hin- und Herwenden, den unerwarteten Perspektiven, dem zeitweise Flüchtigen, dem Aufspüren von Abzweigungen, dem Irritierenden - und dem sich dann wieder Verfestigenden.

Seine Themen findet Breloer in der jüngeren deutschen Geschichte. Sei es - unter dem Titel „Kampfname: Willy Brandt“ (1984) - die Zeit des Widerstandskämpfers und späteren Kanzlers im Exil; sei es die Nachzeichnung des Lebens eines schroff-unzugänglichen Politikers mit dessen prägender Zeit als deutscher Exil-Kommunist in Moskau („Wehner - die unerzählte Geschichte“, 1993); seien es Aufstieg und Fall des einst mächtigen Gewerkschafts-Bosses Bernd Otto („Kollege Otto“, 1991) als Folge des Neue-Heimat-Skandals. Stets gelingt es Breloer, neben dem Aufspüren oft unbekannten dokumentarischen Materials, viele Zeitzeugen aufzufinden und mit unwiderstehlicher Freundlichkeit zum Sprechen zu bringen. In raffiniert-virtuoser Montage wirkt das oft verblüffend, stets erhellend, und fördert einen stetig sich entwickelnden Prozess der Aufklärung.

Kraftfelder einer Epoche

Oft steckt darin auch eine hohe Brisanz. Wie beim Rekonstruieren der Entführung des Arbeitsgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF und den Versuch, inhaftierte Terroristen durch eine Flugzeugentführung freizupressen („Todesspiel“, 1997). Einen Grimme-Preis erhielt dieser packende Zweiteiler allerdings nicht, weil einige Jurymitglieder den Verdachts-Aspekt vermissten, der damalige Selbstmord der RAF-Inhaftierten sei von der Justiz fingiert worden. Breloer kann sich über diese ideologisch motivierte Ablehnung noch heute ereifern. Die Fakten habe er, wie immer, akribisch recherchiert.

Die Offenheit, mit der er Stoffe sucht, sie umreißt, vertieft und mit Verständnismustern versieht, um sie dann nach Art eines Puzzles zu realisieren, ist wesentlich für seine Arbeit. Sonst hätte er auch nicht ein Tabu-Thema in Angriff nehmen können wie bei „Speer und Er“ (2005) - also das Verhältnis des vermeintlichen Edel-Nazis zu Hitler. Auch da zeigte er sich als Autor, der es versteht, jene Linien zu finden, die eine Person, eine Konstellation und die Kraftfelder einer Epoche zusammenhalten und prägen - so dass sie in der Montage für ein breiteres Publikum aufgeschlossen werden können.

Immer geht es darum, die bekannten, uns lieb gewordenen Fassaden so nicht gelten zu lassen. Speer, der elegant sich Weg-Redende, Wehner, der unwirsch und barsch Abblockende, der aggressiv bis ausfallend Privates zu bewahren suchte: Das alles wird nicht als Nennwert der Münze genommen, bloß weil es die übliche, allseits akzeptierte Währung ist; eine Währung auch, die medial durch lauter Verabredungen im Endlichen gestützt wird, durch scheinbar verbriefte Wahrheiten - und durch lobbymächtige Deuter der Lage.

Diesem Lage- und Lagerblock setzt Breloer eigene Werkzeuge entgegen, um Aufschluss zu gewinnen, um die Landkarten neu zu vermessen, um die Uhren-Unruh in eine andere Schwingung zu versetzen. Sein wichtigstes Instrument? Eindeutig: eine unendliche Neugier. Er selbst hat sie einst im FAZ-Fragebogen als Hauptcharakterzug genannt. Er lässt sich entzünden von leisesten Signalen, lässt sich verlocken von verwaschenen Spuren, von zartesten Andeutungen. Je abgehangener eine Bewertung ist, umso stärker nimmt er Witterung auf. Erratisches, scheinbar Abirrendes, ist für ihn zielführend, um „Bilder zum Sprechen zu bringen“.

Überaus gefährlich und unwiderstehlich zudem ist diese Neugier, weil sie einen besonderen Nebenzug hat: Sie kommt überaus freundlich daher. Getragen von einem Naturell, das jedem Befragten - und wie viele, wie Unterschiedliche sind es! - etwas zubilligt: nämlich eine jeweils eigene Geschichte und Motivation, eine ganz persönliche Grundkonstellation zu haben - inklusive der Schwächen. Vorlaute Fragen, gierend auf die offene Flanke des Gegenübers, sie gehören nicht zur Methodik, bei aller Unnachgiebigkeit des Aufklärers.

Ein Aufklärer wiederum, der umfassend und akkurat recherchiert, der also bestens präpariert ist. Was immer Breloer sieht, hört, liest: Er behält es, kann es bei Bedarf - jederzeit und wohlgeordnet - wieder abrufen, auch bei verzweigten Sachverhalten und unübersichtlichen Personenverhältnissen. Wie penibel und umfassend dieser Lebens-Botanisierer und Konstellations-Strukturalist arbeitet, das bezeugt sein im Fernsehbereich der Deutschen Kinemathek gelagerter Vorlass mit 130 prallvollen Kisten. Per Online-Filter lässt sich dort Breloers Methodik studieren anhand von Drehbüchern, Storyboards, Standfotos, Aufzeichnungen.

Ein Junggebliebener

Und der Schöpfer und Herr dieses Riesenpuzzles der Aufklärung, vom früheren WDR-Intendanten Fritz Pleitgen einmal als „Vorzeigefigur der ARD und des öffentlich-rechtlichen Fernsehens überhaupt“ belobigt (inklusive der Realisierung des einzigen Spielfilms, „Buddenbrooks“ im Geschenkkarton), wie wirkt er als Jubilar? Nun, Heinrich Breloer ist noch lange nicht müde, zeigt sich als absolut Junggebliebener, urlebendig, neugierig, tatenlustig und beflügelt-beflügelnd wie eh und je.

Zuletzt, 2019, hatte er sich dem vielschichtigen Charakter Bertolt Brechts gewidmet, natürlich, wie auch anders, mit ganz ungewöhnlichen Sichtweisen (epd 12/19). Und in einer Art Rückgriff. Denn in einem frühen Film hatte er bereits eine Liebesgeschichte des jungen Autors erzählt („Bi und Bidi in Augsburg“, 1978).

Und jetzt, was werden wir demnächst sehen? Verraten will er noch nichts, deutet lediglich an, dass er wieder an einem großen Thema arbeitet. 80 Lebensjahre, das heißt eben auch: Genau zu wissen, was man tut und sagt. Und lässt.

Aus epd medien 06/22 vom 18. Februar 2022

Uwe Kammann