Stärken und Schwächen

Wie ARD und ZDF über den Krieg berichten

epd Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar ist die aktuelle Berichterstattung bei ARD und ZDF fast monothematisch geworden, stellt der Medienkritiker René Martens in diesem Beitrag fest. Nicht nur in den Nachrichtensendungen im Fernsehen, auch in den Auslands- und Politikmagazinen werde kaum noch über andere Weltgegenden oder andere Themen berichtet. Diese Art der Berichterstattung hat seiner Meinung nach Stärken und Schwächen.

epd Die ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf hat schon über zahlreiche Kriege und Krisen berichtet, etwa aus Tschetschenien und Afghanistan. „Aber dieser Einsatz ist der mit Abstand wichtigste, bei dem ich je dabei war, und ich werde so lange wie möglich versuchen, hier zu bleiben“, sagt die Reporterin, die während des Ukrainekrieges bisher hauptsächlich aus Chmelnyzkyj berichtete, einer rund 350 Kilometer südwestlich von Kiew gelegenen ukrainischen Großstadt. Als russische Militärs das Atomkraftwerk Saporischschja beschossen, sei aber auch sie „nachdenklich“ geworden, „da haben wir kurzfristig überlegt, das Land zu verlassen“.

Eigendorfs Äußerungen stammen aus einer vom Branchendienst „Medieninsider“ zusammengestellten Diskussionsrunde unter dem Titel „Journalismus im Krieg. Pressefreiheit in der Ukraine und Russland“, die am 6. März über das Twitter-Feature „Spaces“ zu hören war.

Wie viel Nähe ist gut?

Die Journalistin, die für ihre Berichterstattung aus Afghanistan für den Grimmepreis in der Kategorie „Besondere Journalistische Leistung“ nominiert ist, gehört zu den Betroffenen, die sich einmischen in die gerade wieder aufflammende Debatte, wie nah dran Journalistinnen und Journalisten am Geschehen in Kriegsregionen sein sollten. 2020 hatte es im Zusammenhang mit den wochenlangen Massenprotesten in Belarus und den staatsterroristischen Reaktionen der dortigen Regierung vergleichbare Diskussionen gegeben.

Einfluss auf die aktuelle Debatte über die Berichterstattung über den Ukrainekrieg dürfte auch der Tod des preisgekrönten US-amerikanischen Dokumentarfilmers und Journalisten Brent Renaud haben, der in der Ukraine für das Nachrichtenmagazin „Time“ an einer Dokumentation über die globale Flüchtlingskrise arbeitete. Er wurde am 13. März in Irpin nahe Kiew getötet, als russische Truppen sein Auto beschossen (vgl. Meldung in dieser Ausgabe).

Auch der neue ZDF-Intendant Norbert Himmler hat sich in die Diskussion eingeschaltet. „Analysen und Einordnungen macht man besser mit kühlem Kopf aus Mainz oder Berlin“, sagte er einen Tag vor seinem offiziellen Amtsantritt. Da ist natürlich etwas dran. Satellitenbilder und andere für den Kriegsverlauf aussagekräftige Daten und Dokumente lassen sich von Deutschland aus manchmal besser auswerten als vor Ort.

Was die Qualität von Vor-Ort-Berichterstattung ausmacht, lässt sich aber an einem vergleichsweise profanen Beispiel aufzeigen. Für einen Beitrag im „Auslandsjournal“ des ZDF traf Katrin Eigendorf in Chmelnyzkyj in einer Versorgungsstation für innerukrainische Geflüchtete eine 69-jährige Helferin. Ihre Wohnung hat die Frau Geflüchteten zur Verfügung gestellt, sie selbst hat sich bei einer Nachbarin einquartiert. Eigendorf ist mit ihrem Team an einem frühen Morgen in der Wohnung, in der die Geflüchteten auf dem Boden schlafen. Diese Bilder entwickeln weitaus mehr Kraft als all die durchaus eindrücklichen Videochats mit in der Ukraine lebenden Menschen, die die Berichterstattung seit der Invasion prägen.

Die Diskussion darüber, wie präsent ARD und ZDF in Kampfgebieten sein müssen, überlappt sich in diesem Krieg auch noch mit einer anderen: Wie gefährlich kann im Zweifelsfall die Verwendung bestimmter Formulierungen sein? Die Frage stellt sich seit der Verschärfung des russischen Mediengesetzes am 4. März. Seitdem steht unter anderem unter Strafe, den Krieg in der Ukraine als Krieg zu bezeichnen. Die Verabschiedung dieser Maßnahme führte dazu, dass ARD und ZDF ihre Berichterstattung aus Moskau für eine Woche aussetzten (vgl. Meldung in dieser Ausgabe).

Gefahren für Berichterstatter

Seit dem zweiten Märzwochenende hat sich infolge der Ausdehnung des Kriegsgeschehens in weite Teile der Westukraine hinein auch die Sicherheitslage für die Reporterinnen und Reporter dort verändert. Das betrifft deutsche Journalistinnen und Journalisten, die in die grenznahen Städte gereist waren, um über die permanente Ankunft innerukrainischer Kriegsflüchtlinge zu berichten. Unter diesen Journalistinnen und Journalisten sind der eigentlich für seine Berichterstattung über Sportpolitik bekannte WDR-Reporter Robert Kempe, der unter anderem aus Czernowitz nahe der Grenze zu Rumänien berichtet, und sein WDR-Kollege Georg Restle. Ihn kennen zumindest Jüngere vor allem als Moderator von „Monitor“. Allerdings war Restle, dessen Standort derzeit das nahe Polen gelegene Lwiw ist, von 2010 bis 2012 ARD-Korrespondent in Moskau und damit auch für die Ukraine zuständig.

Katrin Eigendorf sagt, die deutschen Journalistinnen und Journalisten, die im Auftrag der Sender in der Ukraine seien, seien „privilegiert“. Denn: „Wir werden hier im Zweifelsfall von unseren Häusern wieder rausgeholt, aber wir müssen auch an die ukrainischen Kollegen denken, mit denen wir hier zusammenarbeiten.“ Sie selbst habe eine ukrainische Journalistin im Team. „Wir haben es ja in Afghanistan erlebt, dass letztendlich die in Gefahr geraten, die mit uns zusammengearbeitet haben“, sagt Eigendorf. Das könne auch in diesem Krieg passieren, wenn die russische Armee ukrainische Städte einnehme.

Der erste aus Deutschland stammende Journalist, der in der Ukraine während der aktuellen Gefechte in Lebensgefahr geriet, war der freie Journalist Arndt Ginzel. Bereits am Wochenende vor der Invasion waren er und sein Team bei Dreharbeiten für das ZDF-Politikmagazin „Frontal“ in einem Dorf bei Mariupol unter Beschuss geraten - offenbar von russischen Separatisten. Wenige Tage nach der Invasion verließ Ginzel zunächst die Ukraine. Am 8. März berichtete er für das „heute-journal“ dann aber aus dem schwer umkämpften Kiew, um die Stadt kurz darauf wieder zu verlassen. Am 14. März war er dann wieder in der Sendung „ZDF Spezial“ mit einem Beitrag aus Kiew vertreten.

Einzelschicksale

ARD und ZDF haben bisher das Leid der Flüchtenden weitgehend angemessen ins Bild gesetzt. Diese Stärke ist aber zugleich mit einer Schwäche verknüpft. Jedes Einzelschicksal, das für einen Reporter greifbar ist, verdient es zwar, aufgegriffen zu werden. Die Kernelemente der Geschichten, die die Familien zu erzählen haben, sind aber zwangsläufig ähnlich: der Ehemann, der zurückgelassen wurde oder gerade zurückgelassen wird, weil er das Land nicht verlassen darf; die Kurzfristigkeit des Aufbruchs; die Überschaubarkeit der mitgenommenen Habseligkeiten, die physischen und psychischen Strapazen einer Flucht; das Bangen um die in stärker umkämpften Gebieten Zurückgebliebenen, oft illustriert durch Bilder, auf denen eine Person zu sehen ist, wie sie über ihr Mobiltelefefon Kontakt in die Heimat aufnimmt oder es versucht.

Man kommt nicht um die Befürchtung herum, dass sich hier ein Abnutzungseffekt einstellen könnte. Das gilt aus anderen Gründen erst recht für die Experteninterviews zum Thema. Die Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens scheinen kaum einen anderen Migrationsforscher zu kennen als Gerald Knaus, den Leiter der Europäischen Stabilitätsinitiative.

Harald Staun, Medienredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS), benennt noch einen anderen Kritikpunkt. Er stellte die Frage in den Raum, ob das Konzept der aktuellen Sendungen grundsätzlich noch zeitgemäß sei. „In den Nachrichten“ sehe er nur „noch einmal die Zusammenfassung all der Bilder und Nachrichten, die ich von Twitter kenne, nur noch verkürzter und ohne Möglichkeit draufzuklicken, weiterzulesen, mehr zu lernen“, schrieb er in der am 5. März erschienenen Ausgabe der FAS.

Wiederkehrende Bilder

Lässt man mal außer Acht, dass Twitter in Deutschland gesamtgesellschaftlich keine Rolle spielt, hat Staun hier einen Punkt: Die lineare nachrichtliche Berichterstattung mit all ihren wiederkehrenden Bildern und Schilderungen wirkt oft noch so, als gingen die Macher davon aus, dass die Nachrichten in den jeweiligen Sendungen für die meisten Menschen neu sind. Das ist in der derzeitigen Kriegslage aber nur schwer vorstellbar. Überdenken sollten die Sender zumindest die Angewohnheit, innerhalb weniger Minuten sowohl in der „Tagesschau“ um 20 Uhr als auch im darauf folgenden „Brennpunkt“ zu demselben Korrespondenten zu schalten, der in so kurzer Zeit zwischen den Schalten schwerlich neue Erkenntnisse gewinnen kann.

Kritik an der deutschen Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine übten am 14. März drei Kommunikationswissenschaftlerinnen der Freien Universität (FU) Berlin. „Verantwortungsvolle Kriegsberichterstattung statt Anti-Russland-Journalismus“, lautet eine Forderung in dem Positionspapier von Anna Litvinenko, Margreth Lünenborg und Carola Richter. „Ein von Kriegsrhetorik geprägter ‚Waffenjournalismus‘, bei dem militärstrategische Überlegungen, Heldenstilisierung und der Fokus auf Gewinnen/Verlieren im Vordergrund stehen, sollte vermieden werden“, fordert das Forscherinnentrio (vgl. Meldung in dieser Ausgabe). „Auch gilt es, diplomatische und verständigungsorientierte Stimmen zu stärken. Scharfmachern sollte man keine Bühne geben.“

Carola Richter schränkte im Gespräch mit dem epd allerdings ein: Dass „recht unreflektiert die Rhetorik von der zu verteidigenden Freiheit des Westens in der Ukraine genutzt wird und damit dann eben auch ein 'Waffenjournalismus' befeuert wird, der Krieg schlussendlich als Mittel rechtfertigt“ - das sei ihr eher in anderen Medien als im Fernsehen „begegnet“.

Ein Lob hat Richter auch parat: „Nach kursorischer Betrachtung kann ich sagen, dass ich die Berichterstattung in den ‚ZDF Spezial‘-Sendungen im Sinne des verantwortungsbewussten Journalismus am besten fand.“ Die Professorin lobt hier den „Fokus auf die Problematik des Leids der Menschen in der Ukraine“, die „Hintergrundinformationen auch zur russischen Zivilgesellschaft“ und zahlreiche „Versuche“, das Geschehen „mit Expert:innen“ einzuordnen - und zwar „nicht nur mit Militärstrategen“.

Flüchtlinge erster und zweiter Klasse

Harsche Kritik üben die Wissenschaftlerinnen wiederum an der „Konstruktion von Geflüchteten erster und zweiter Klasse“. Die gelte es zu vermeiden. „Eine Konstruktion von ukrainischen Geflüchteten als 'uns‘ kulturell näher ist kontraproduktiv (beispielsweise im Vergleich zu afghanischen oder syrischen Geflüchteten), auch wenn diese aus akuten Kriegsgebieten aus einem angrenzenden Staat kommen.“

Hier könnten die FU-Forscherinnen die Sendung „Hart aber fair“ vom 28. Februar im Blick gehabt haben. Da war Moderator Frank Plasberg mit der Äußerung aufgefallen, dass nun Menschen kämen, „die unserem Kulturkreis näher sind“ als jene, die 2015 oder kurz darauf nach Deutschland kamen oder kommen wollten. „Es ist unser Kulturkreis, es sind Christen“, sagte kurz darauf der Gast Gabor Steingart, Gründer von „The Pioneer“.

Als problematisch erweist sich seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine auch, dass fast alle anderen Inlands- und Auslandsthemen aus dem Blickfeld gerieten. In dieser Hinsicht besonders auffällig war die 20-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“ der ARD am 10. März: Sämtliche Beiträge und Meldungen hatten einen Bezug zum Krieg - trotz eines an jenem Tag gemeldeten Höchststands bei den Corona-Neuinfektionen. Nicht einmal die fast obligatorische Sportmeldung schaffte es in die Sendung.

Auch die Magazine von ARD und ZDF waren seit Beginn der Invasion fast monothematisch. Das gilt für die Ausgaben des „Auslandsjournals“ im ZDF und für zwei von drei „Weltspiegel“-Sendungen im Ersten sowie für eine Ausgabe des sonntäglichen „Europamagazins“ im Ersten. Auch sämtliche Beiträge in den seit der Invasion im Ersten und im ZDF ausgestrahlten Politikmagazin-Sendungen - in dieser Reihenfolge: „Monitor“, „Report Mainz“ „Frontal“ und „Kontraste“ - hatten bis zum 14. März einen Kriegsbezug.

Angesichts der Tatsache, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine schon jetzt die größte Flüchtlingsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat, mag fast jedes andere politische Problem erst einmal klein wirken, dennoch: Wenn nicht einmal die Magazinsendungen anderen Themen Aufmerksamkeit verschaffen - wer soll es dann tun?

Die monothematischen Magazinsendungen seit Kriegsbeginn hatten aber durchaus ihre magazinspezifischen Stärken. Sie lieferten instruktive Ergänzungen zum täglichen Strom katastrophaler Nachrichten von Zerstörung und Flucht. „Report Mainz“ etwa griff das Thema häusliche Pflege mit Blick auf die Arbeitskräfte aus der Ukraine auf. Demnach dürften kriegsbedingt Hunderttausende von Ukrainerinnen in diesen Teilarbeitsmarkt drängen - und bereit sein, dort zu schlechten Gehältern zu arbeiten.

Putin beliebter als Biden

Aus anderen Gründen erhellend war ein Beitrag aus den USA für das „Auslandsjournal Spezial“ vom 3. März. Hier sagte der Politikwissenschaftler Michael Werz vom Center for American Progress: „Es gibt Umfragen, die belegen, dass unter den republikanischen Wählerinnen und Wählern Wladimir Putin beliebter ist als Joe Biden. Das ist eine neue innenpolitische Situation, weil wir es zum ersten Mal mit einer antiwestlichen Gesinnung im Zentrum des Westens zu tun haben - mit unabsehbaren politischen Folgen.“

Die Äußerung des Politologen wirft eine große Befürchtung auf. Wann auch immer in der Ukraine wieder ein Zustand herrschen sollte, der sich mit dem Begriff Frieden beschreiben ließe: Der Krieg wird, wenn auch mit anderen Mitteln, anderswo weitergehen.

Aus epd medien 11/22 vom 18.März 2022

René Martens