Ein Plädoyer für guten Informationsjournalismus

Zuverlässige Nachrichten mit umfassenden und unabhängigen Informationen sind für freie Gesellschaften unverzichtbar, dieses Credo fehlt in keiner Rede zur Bedeutung der Medienfreiheit. Die digitale Revolution stellt die klassischen Nachrichtenanbieter in unserer Zeit vor zusätzliche Herausforderungen. Als Reaktion sind massive Veränderungen in der Distribution und Formatierung von Nachrichten ebenso wie in der Arbeitsorganisation von Nachrichtenredaktionen längst eingeleitet. Ähnlich viel Aufmerksamkeit verdient jedoch nach Meinung von Marco Bertolaso, Nachrichtenchef des Deutschlandfunks, der inhaltliche Kern des Informationsjournalismus. Aktualität, Relevanz und andere Nachrichtenfaktoren müssten überdacht werden. Bertolaso schlägt in diesem Beitrag eine Neubesinnung auf die Qualität der Information vor, ähnlich der gesellschaftlichen Wende hin zu gesünderer Ernährung. Realistische Nachrichten, so eine seiner Thesen, brauchen einen anderen Aktualitätsbegriff. Der Nachrichtenjournalist ist Autor des Buchs „Rettet die Nachrichten“, das im Herbert von Halem Verlag in Köln erschienen ist (epd 48/21). Der Text gibt seine persönliche Meinung wieder, nicht die des Senders.

epd Die Nachrichten sind in Gefahr, überall und immer. Freier Informationsjournalismus ist historisch betrachtet die absolute Ausnahme. Auch heute ist er eher selten, wie ein Blick auf die Weltkarte der Pressefreiheit zeigt. Dabei sind unabhängige und vertrauenswürdige Nachrichten unverzichtbar für Demokratie, Freiheit, Rechtsstaat und sozialen Zusammenhalt.

In der westlichen Welt hat der Informationsjournalismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine bisher beste Phase erlebt. Ikonische Momente wie die „Spiegel“-Affäre oder Watergate und der Siegeszug erst der Nachrichtensender wie CNN und später der großen Nachrichtenseiten im Netz zeugen von dieser Blütezeit. Der Informationsjournalismus besaß kulturelle Prägekraft, erlebte eine ungeahnte Akademisierung, zog engagierte junge Menschen an und warf auch noch erstaunliche Renditen ab.

Politisch besonders bedeutsam: Die stabilisierende Symbiose zwischen westlichen Massenmedien und der repräsentativen Demokratie währte lange und schien noch Ende des vergangenen Jahrhunderts unerschütterlich.

Inzwischen ist wieder offenkundig, wie zerbrechlich und wenig selbstverständlich unsere Nachrichtenkultur und unsere freien Gesellschaften sind. Die Gefahren gehen nicht nur von Diktatoren oder Ayatollahs aus, sie bestehen nicht nur aus dem ewigen Druck politischer oder wirtschaftlicher Interessen.

Neue Risiken

Der Übergang von der Ära linearer Massenmedien zur digitalen, smartphonebasierten Informationsgesellschaft hält neue Risiken bereit: Im privatwirtschaftlichen Teil des westlichen Informationsjournalismus sind eherne Finanzierungsmodelle zusammengebrochen. Für den jüngeren öffentlich-rechtlichen Sektor ist die Infragestellung von Sinn und Zweck, von Legitimation und Alimentierung durch die Gemeinschaft ähnlich bedrohlich. Teile der Gesellschaft haben den klassischen Nachrichtenangeboten das Vertrauen entzogen. Manche Menschen sind in einstellungsbestärkende Kommunikationsräume abgewandert oder „informieren“ sich auf einem Markt, auf dem vor allem gemeint und behauptet wird, oft laut, schrill und faktenarm.

Nicht verursacht, aber begünstigt wird diese Entwicklung durch die digitalen Plattformen, durch die psychologischen und ökonomischen Gesetzmäßigkeiten der Aufmerksamkeitswirtschaft. Die dort erfolgreichen Unternehmen neigen zu Monopolen und verfügen über immense, beinahe globale Macht. Diese Konzerne stellen die neuen öffentlichen Räume zur Verfügung und bestimmen deren Hausordnung weitgehend nach Gutdünken.

Es bieten sich gewaltige Desinformationsmöglichkeiten für Akteure aller Art und jeder Motivation. Nicht nur im Digitalen dominieren Marketing und PR die gesellschaftliche Kommunikation jedes Jahr mehr. Sie sind dem Journalismus längst an Ressourcen überlegen. Hybridformen wie „Content Marketing“ und die allgegenwärtigen „Corporate Newsrooms“ verwischen die Grenzen beider Welten zur Unkenntlichkeit - und zum Schaden der Information.

Nicht nur deshalb wird dringend eine hohe gesellschaftliche Nachrichtenkompetenz gebraucht. In Wirklichkeit ist sie allerdings bedenklich gering, was alle Alarmglocken läuten lassen sollte. Begriffe wie „News Avoidance“ oder „News Diet“ schließlich beschreiben, dass sich Menschen von der klassischen Information abwenden.

Es muss dringend etwas geschehen. Aber was? Der Vergleich mit dem Ernährungsbereich kann Hoffnung machen, auch wenn die Parallelen zunächst nicht ermutigend scheinen: Wie im Lebensmittelsektor haben auch viele Hersteller von Information bei Personal und Ressourcen gespart. Eine beachtliche Zahl beider Branchen kennt Gig-Economy-Arbeitsbedingungen. Manche Nachrichtenangebote haben kaum noch Nährwert. „Junk News“ werden nicht seltener konsumiert als „Junk Food“.

Informationelle Geschmacksverstärker, häufig polarisierender und spaltender Art, sollen Aufmerksamkeit und Reichweiten garantieren. Wie bei der Ernährung ist das Angebot unüberschaubar geworden, Billigangebote fluten den Markt. Viele Menschen tun sich auch bei der Information schwer, wertvolle Angebote von anderen zu unterscheiden.

Rückbesinnung auf Qualität

Wie manche Produzenten von guten Lebensmitteln haben auch Anbieter hochwertiger Information Fehler gemacht. Die Branche sollte sich fragen: Waren wir zu selbstsicher oder zu teuer? Haben wir nicht genug auf die Kundschaft gehört und zu wenig Dialog angeboten?

Aus Angst vor der Billigkonkurrenz haben sich manche Medien auf eine Angleichungsspirale nach unten eingelassen. Industrialisierung, neue Produktionsweisen, etwa unter Einsatz der Gentechnik, und Globalisierung haben den Lebensmittelsektor verändert. Digitalisierung sowie das Auftreten von Google, Facebook, Apple, Microsoft und anderen Multis haben den Informationsmarkt revolutioniert.

Doch bei Verbrauchern und Herstellern der Lebensmittel erleben wir inzwischen eine Rückbesinnung auf die Qualität. Preis und Verpackung, Werbung und Distribution der Produkte bleiben wichtig, sie sind aber für viele nicht mehr entscheidend. Zutaten, Nährwert, langfristige Folgen des Konsums, aber auch die sozialen und ökologischen Umstände der Fertigung sind von wachsender Bedeutung, ob nun bei Brot oder Obst, bei Fleisch oder Gemüse. Auch Subventionen werden teils schon in Richtung gesunder und nachhaltiger Produktion umgesteuert.

Einen solchen Neuanfang wünsche ich mir auch für die Information, und zwar im Sinne von „Bio für alle“. Er darf auch jenseits der öffentlich-rechtlichen Angebote nicht nur denjenigen zugutekommen, die sich viele Abos leisten können und für deren Portemonnaies Bezahlsperren kein Problem sind. Noch sieht es im Informationsjournalismus jedoch nicht nach einer solchen Wende aus.

Allerdings waren die Medienunternehmen in den vergangenen Jahren alles andere als untätig. Im Vordergrund der manchmal frenetischen Aktivitäten stand die Ökonomie der Information, standen immer neue Formate, in der Regel für von Dritten erdachte und etablierte Verbreitungswege. Nachrichten sollen heute passgenau für jede Plattform sein, vor allem social-media-kompatibel. Sie sollen unterschiedliche Gruppen oder Individuen gezielt ansprechen. All dem dienten und dienen einschneidende Reorganisationen redaktioneller Strukturen und die Umverteilung von Ressourcen. Alle, wirklich alle im Beruf wissen genau, wovon hier die Rede ist.

Slow News

Es ist wahr, die besten Inhalte nützen wenig ohne gesicherte Finanzierung, ohne angemessene Aufbereitung und Distribution. Doch reichen Formatoptimierung und plattformgerechtes Darbieten bis hin zu den Nachrichtenkrumen der „snackable news“ wirklich aus für eine informierte digitale Gesellschaft? Kann nutzerzentriertes Denken einschließlich des problematischen Auskundschaftens einer als Kunden vorgestellten Bürgerschaft dieses Ziel erreichen?

Ich habe da Zweifel und daher gilt meine Aufmerksamkeit im Folgenden dem journalistischen Kern der Nachrichtenarbeit. Dort besteht nämlich ebenfalls beachtlicher Veränderungsbedarf - und es tut sich durchaus etwas, inzwischen glücklicherweise deutlich über die Verschiebungen in Richtung „Infotainment“ und „gesprächswertige Nachrichten“ hinaus.

Da ist die „Slow News“-Bewegung, nicht nur vom Namen her angelehnt an die Grundsätze von „Slow Food“. „Slow News“ beteiligen sich nicht am Wettbewerb der Eilmeldungen. Für sie kommt es nicht darauf an, Informationen zuerst auf den Markt zu bringen, sondern ein Geschehen umfassend und korrekt darstellen zu können. Besonderes Interesse finden ausgehend vom „Solutions Journalism“ gerade die „Constructive News“. Sie wollen Negativität und Ausweglosigkeit als Grundton der Nachrichten überwinden, sie wollen Lösungen aufzeigen und Mut machen.

An Bedeutung gewinnt die Idee eines „Transformativen Journalismus“, der in die Gesellschaft einwirken und sich insbesondere dem Klimawandel entgegenstellen möchte.

Eine wohl noch machtvollere Bewegung ist ebenfalls aus der Kritik am Konzept der Neutralität erwachsen. Sie kommt aus den USA und erreicht nach den europäischen Universitäten nun auch unsere Redaktionen. Ihr geht es um einen sozial- und genderbewussten, antirassistischen Journalismus. Die einen halten das für lobenswert engagiert, die anderen für gefährlich aktivistisch.

Ich möchte ein anderes Konzept vorstellen, das der „Realistischen Nachrichten“. Das Ziel ist unideologisch, schlicht und doch enorm ambitioniert. Es geht darum, den Hauptjob der Nachrichten besser zu machen, nämlich die mediale Konstruktion von Wirklichkeit. Anders ausgedrückt: Die Welt soll im Kleinen und Großen realistischer dargestellt werden, um den Menschen Information und Meinungsbildung als Grundlage für die unterschiedlichsten Entscheidungen zu erleichtern.

Verzerrungen reduzieren

Johan Galtung hat recht: Der inzwischen hochbetagte Pionier der Nachrichtenwerttheorie sagte vor einiger Zeit, er habe nicht eine Anweisung entwickeln wollen, wie Journalismus sein sollte. Es sei ihm vielmehr mit seiner Theorie um eine Warnung gegangen, wie man es nicht machen sollte. Voraussetzung für wirklichkeitsgerechtere Nachrichten sind aber nicht nur veränderte Auswahlfaktoren. Redaktionen brauchen auch ein realistischeres Bild der eigenen Möglichkeiten, Grenzen, Vorurteile und Emotionen. Nur so können Filterungen und Verzerrungen reduziert werden.

Auf dem Weg zu „Realistischen Nachrichten“ müssen wir im Handwerk Regeln nachjustieren, Gewohnheiten aufgeben und Glaubenssätze hinterfragen. Dazu einige Vorschläge:

Redaktionen im Sinne „Realistischer Nachrichten“ bemühen sich um eine breitere Quellenbasis, weit über das Oligopol der Nachrichtenagenturen hinaus. Sie kommen so der Vielfalt der Wirklichkeit näher. Sie wirken der Verengung von Darstellungsbreite und Originalität der Berichterstattung entgegen, die unter anderem mit dem Zeitdruck und dem Trend zu Zentralredaktionen einhergeht. Die Abkehr vom gemeinschaftlichen Herunterbeten des „Evangeliums nach dpa“ ist auch enorm wichtig, um dem gefährlichen Eindruck von Einheitsberichterstattung keinen weiteren Auftrieb zu geben. Statt dpa könnte hier je nach Land natürlich AFP, PA, ANSA etc. stehen. Bei der erweiterten Themenfindung hilft eine stärkere Zusammenarbeit mit der Gesellschaft bis hin zu Formen des Netzwerkjournalismus.

Die Redaktionen sind hellwach und allergisch gegenüber jeder Form von PR, Marketing und Lobbyismus. Sie stellen sich gegen den Ansturm eines inzwischen oft zur Perfektion gebrachten „News Washing“. Damit meine ich Aktualitätssimulation und Relevanznachahmung, ausgehend von Mächtigen und Interessengeleiteten aller Couleur, ausgehend auch von oft als „die Guten“ Angesehenen wie NGOs oder Gewerkschaften. Momentan gelangen werbliche Texte viel zu häufig in die Nachrichten, manchmal sogar eins zu eins. Die Redaktionen sollten sich wieder stärker als „Kläranlagen“ bzw. als „Virenscanner“ der Information verstehen. Sie sollten aussortieren, was wie eine Nachricht aussieht, aber keine ist.

Redaktionen im Sinne „Realistischer Nachrichten“ verändern ihren Aktualitätsbegriff. Etwas ist nicht allein deshalb aktuell, weil es an einem bestimmten Tag gesagt und getan wird oder geschieht. Im Umkehrschluss können Ereignisse und Entwicklungen selbst dann nachrichtlich aktuell sein, wenn sie nicht über eine der klassischen Neuigkeitsmarkierungen wie Pressekonferenzen oder Sperrfristen verfügen.

Wichtige Querschnittsthemen

Ebenfalls neu zu verhandeln ist die Vorstellung von Relevanz. Ausgeschlossen gehören konstruierte und inszenierte Bedeutung, von denen sich manches im Bereich der vorgeblichen Exklusivinformationen, der interessegeleiteten Studien, Umfragen, Tagungen und Preisverleihungen findet. Ausgeschlossen gehört genauso ein großer Teil der sogenannten Soft News, insbesondere wenn es sich um „Junk News“ über Promis und Sternchen handelt, die die Kanäle der Information verstopfen. Für diese Elemente ist im Unterhaltungsbereich jenseits der Nachrichten genug Platz.

Neue, realistische Vorstellungen von Aktualität und Relevanz helfen den Redaktionen, künstliche Themenkonjunkturen zu vermeiden. Sie machen es wahrscheinlicher, dass über latente Themen wie Pflegenotstand, Altersarmut oder Krankenhauskeime, dass über wichtige Querschnittsthemen wie die Biodiversität und die zahllosen Aspekte der Globalisierung berichtet wird. Ein solches Umdenken macht den Weg frei für nachhaltige Nachrichten, in denen der Krieg in Syrien erst dann nicht mehr vorkommt, wenn er wirklich vorbei ist; Nachrichten, für die nicht nur das Erdbeben auf Haiti interessant ist, sondern auch dessen langanhaltenden Folgen.

Redaktionen im Sinne „Realistischer Nachrichten“ haben ihre aufklärerische und kontrollierende Aufgabe immer vor Augen. Sie werden diejenigen beobachten und kontrollieren, die tatsächlich mächtig sind, nicht nur die, deren Macht auf dem Papier steht. Wir sollten uns dringend fragen, ob die Hundertschaften rund um den Bundestag nicht einen Schauplatz teils nur vermuteter Macht beobachten. Wer kontrolliert den Co-Gesetzgeber, die Lobbyisten, warum schauen wir in Brüssel viel weniger hin? Und was müssen wir tun, um die Akteure einer globalisierten Welt in den überwiegend immer noch nationalen Medienlandschaften angemessen darzustellen?

Redaktionen im Sinne „Realistischer Nachrichten“ werden national und weltweit nach bestem Wissen die tatsächlichen Entscheidungswege ausleuchten, nicht nur die aus den Regelbüchern. Sie versuchen, möglichst viele Aspekte der Globalisierung zu verstehen und zu vermitteln. Ohne deutlich mehr grenzüberschreitende Zusammenarbeit wird das nicht gehen.

Die Redaktionen werden sich darum bemühen, Leben, Gesellschaft und Welt so vielfältig zu beschreiben, wie sie sind. Nicht nur im Sinne der Repräsentanz ist es hilfreich, wenn eine Redaktion nach Geschlecht, Herkunft, Alter, Ausbildung und anderen Aspekten divers ist. Entscheidend sind aber Offenheit und empathische Grundhaltung, die ein Verständnis für Gruppen und Akteure der unterschiedlichsten Art möglich machen. Redaktionen im Sinne „Realistischer Nachrichten“ werden allen relevanten Stimmen zu Gehör verhelfen, nicht nur den lauten.

Klischeefreie Auslandsberichterstattung

Das Vielfaltsgebot gilt auch für eine klischeefreie Auslandsberichterstattung. Italien ist nicht nur Regierungskrise, Mafia und Papst. Brasilien ist viel mehr als Karneval und Favelas mit Armut und Gewalt. Es gibt auch keinen Grund, über einen Sturm an der US-Ostküste mit einigen Verletzten viel mehr zu berichten als über einen Monsun in Indien mit 1.000 Toten.

Die Redaktionen sind an Gesetze und Grundrechte gebunden, sie achten die Menschenwürde und die Persönlichkeitsrechte. Das ist im anständigen Teil des Medienmarkts heute schon unbestritten. Nachrichtenredaktionen dienen weder politischen noch sonstigen Partikularinteressen, und seien es die eigenen. Die Nachrichten indoktrinieren nicht. Sie haben einen Auftrag zur Information und zur Bildung, nicht zur Erziehung. Interessenkonflikte mit Rollen und Funktionen außerhalb der journalistischen Arbeit sind zu vermeiden.

Redaktionen im Sinne „Realistischer Nachrichten“ beschäftigen sich beständig mit den eigenen Einstellungen, Emotionen und Vorurteilen, in der Absicht, deren Einwirkung so gering wie möglich zu halten. Sie beschäftigen sich genauso intensiv mit der Wirkung ihrer Nachrichtenarbeit auf das Publikum und versuchen, die bislang häufigen Negativverzerrungen und andere Fehlsteuerungen zu vermeiden. Sie verzichten in aller Regel auf Personalisierung, Zuspitzung, Konflikterzählung und auf verfremdende Formen des „Storytelling“.

Redaktionen im Sinne „Realistischer Nachrichten“ verschanzen sich nicht mehr hinter einem Anspruch der Allwissenheit und einem uneinlösbaren Objektivitätsversprechen. Damit hat sich der Informationsjournalismus ohne Not angreifbar gemacht. Die Redaktionen folgen stattdessen dem Prinzip der Wahrhaftigkeit. Es meint die Leitwerte Gründlichkeit, Exaktheit, Fairness, Transparenz und Unabhängigkeit. Fehler werden offengelegt und für alle nachvollziehbar korrigiert. Diese Transparenz und das beständige Erklären der Arbeit sind ein wichtiger Beitrag, um die gesellschaftliche Nachrichtenkompetenz zu erhöhen.

Die Redaktionen entwickeln eine realistische Vorstellung der eigenen veränderten Aufgabe. Lange verstanden sich die Zwischenhändler der Information als „Gatekeeper“. In diesem schon zu Walter Lippmanns Tagen nicht unproblematischen Bild deckten sich Selbstwahrnehmung und externe Funktionszuweisung. In der digitalen Welt haben nun potenziell alle einen Zugang zu frei verfügbaren Informationen. Der damit einhergehende Bedeutungsverlust war für viele Redakteurinnen und Redakteure beruflich bedrohlich und für manche auch psychologisch belastend. Dabei bleibt die Herstellung von Öffentlichkeit die entscheidende Aufgabe der Nachrichten, sie hat sich nur gewandelt: Für die „Erben der Gatekeeper“ geht es nicht mehr nur um die Auswahl dessen, was Menschen erfahren sollen. Es geht genauso um eine Gewichtung und Einordnung all dessen, von dem Menschen aus anderen Quellen erfahren oder längst erfahren haben.

Hintergründe ausleuchten

Redaktionen im Sinne „Realistischer Nachrichten“ wissen, dass es um die Verständlichkeit vieler ihrer Angebote nicht gut steht. Sie werden alles tun, um komplexe Sachverhalte zu erklären und zu vermitteln. Sie werden dagegen nicht versuchen, Komplexität zu übergehen oder zu banalisieren. Die Nachrichten müssen dabei auch die Hintergründe ausleuchten und Einordnungen vornehmen. Sie können Vertiefung und Differenzierung nicht den Korrespondenten oder den großen Reportagen und Features überlassen. Die normale Nachrichtennutzung muss als informationelle Grundversorgung ausreichen. Was in der „Tagesschau“ fehlt, kann der Hinweis auf den „Weltspiegel“ oder auf das Investigativstück hinter der Bezahlsperre nicht wettmachen.

Mehr Realismus ist schließlich auch bei der Organisation gefragt. Die Industrialisierung der Nachrichtenarbeit stößt an ihre Grenzen. Nicht erst Corona hat gezeigt, dass die neuen Fabrikhallen, die „Newsrooms“, in manchen Fällen zu groß und zu distanzlos geraten sind. Konzentrierte, den Menschen angemessene Arbeit ist schwierig geworden. Der Arbeitsdruck, zumal im Schichtdienst, hat ebenfalls den Zenit erreicht. Zeitmangel führt zu Massenware, im besten Fall. Redaktionen benötigen Zonen unterschiedlicher Geschwindigkeit und Verfügbarkeit. Es muss Raum bleiben für Recherche, aber auch für eine ständige Qualitätskontrolle, die die genannten Kriterien „Realistischer Nachrichten“ Tag für Tag bedenkt.

Freie und demokratische Gesellschaften im Übergang zur digitalen Öffentlichkeit verdienen und benötigen einen Informationsjournalismus, der die inhaltliche Erneuerung so ernst nimmt wie die Veränderungen in der Distribution. Die skizzierten Leitlinien „Realistischer Nachrichten“ sind als Beitrag dazu gemeint, ich habe sie an anderer Stelle ausführlicher erläutert.

Ob es tatsächlich zu einer Wende wie im Ernährungsbereich kommen kann, haben aber nicht nur die Produzenten in der Hand. Genauso gefragt sind die Konsumenten der Information, also wir alle und diejenigen, die die politisch-regulatorischen Rahmenbedingungen schaffen. Das ist dann allerdings ein Thema für einen anderen Text.

Aus epd medien 14/15 vom 8. April 2022

Marco Bertolaso