Leitmotiv Medienkultur

Dem Publizisten Norbert Schneider zum Achtzigsten

epd Der Publizist Norbert Schneider begeht am 7. August seinen 80. Geburtstag. Der Theologe Schneider wurde 1974 bei der Gründung des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik Grundsatzreferent dieser Einrichtung und zwei Jahre später, nach dem plötzlichen Tod von Gründungsdirektor Robert Geisendörfer dort Direktor. Von 1981 bis 1986 war er Programmdirektor beim Sender Freies Berlin und von 1993 bis 2010 Direktor der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen. Seither publiziert er regelmäßig in epd medien, in der "Medienkorrespondenz" und im "Tagesspiegel" zu aktuellen medienpolitischen Entwicklungen und medienethischen Fragen. GEP-Direktor Jörg Bollmann sagte, die evangelische Publizistik habe Norbert Schneider viel zu verdanken. In seinen verschiedenen beruflichen Positionen habe sich Schneider stets beharrlich für Qualitätsjournalismus engagiert. Volker Lilienthal, Professor für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg, würdigt Schneiders Rolle in Medienpublizistik und Medienpolitik.

Der deutsche Kulturprotestantismus, genauer: das evangelische Bemühen um gute Medien und freie Öffentlichkeit, hat immer wieder Persönlichkeiten hervorgebracht, deren Wirken weit ausstrahlte, Beachtung fand und oft auch nachhaltige Wirkung zeitigte. Der große Robert Geisendörfer gehört natürlich dazu, Friedrich Wilhelm Hymmen und auch Focko Lüpsen, der trotz seiner Verfehlung, die Rolle des epd in der NS-Zeit beschönigt zu haben (epd 48/2002), dennoch ein beachtliches Lebenswerk nicht nur im eigenen Interesse hinterließ.

 

"Engagement ohne Eigennutz" - ein großes Geisendörfer-Wort. In diese aus dem christlichen Glauben gespeiste Traditionslinie gehört auch Norbert Schneider, der am 7. August sein 80. Lebensjahr vollendet. 1940 im württembergischen Langenau als Sohn eines Mathematikers und Studienrats geboren, verlor er seinen Vater schon mit drei Jahren. Er kam im Krieg um. Die Mutter, die in der Nachkriegszeit Studienrätin für Deutsch, Englisch und Geschichte wurde, zog Norbert und seine zwei Schwestern allein auf. Seiner Mutter also verdankt er die frühe Förderung des Denkens und Wissens.

 

Widersprüche aufdröseln

 

Als Vorbild im Hintergrund wirkte aber auch der Großvater mütterlicherseits, Justus Hashagen, ein ehemaliger Professor für Mittlere und Neue Geschichte, den die Nazis 1939 aus der Universität Hamburg vertrieben hatten. Bis dahin hatten sie ihm schon drei Jahre lang zugesetzt. Wegen seiner Gegnerschaft zum NS-Regime wurde Hashagen eine angebliche Persönlichkeitsstörung und damit Dienstunfähigkeit attestiert. An dem Gutachten wirkte Psychiater Hans Bürger-Prinz mit, der NSDAP-Mitglied war und auch noch in der Nachkriegszeit eine einflussreiche Figur in der Hamburger Universitätsmedizin bleiben sollte.

 

Norbert Schneider hat darüber auch öffentlich gesprochen, 2016 in einem Hörsaal der Universität, an der auch sein Großvater lehrte: "Justus Hashagen, der 1877 geboren wurde und 1961 starb, war mein Großvater. Ich freue mich, dass ich heute an ihn erinnern kann." Als Schneider das sagte, griff er sich an die Stirn und kämpfte mit den Tränen. Ein bewegender Moment. Man kann sich seine hörenswerte Vorlesung zum Thema "Alles 'Lügenpresse' oder was? Zum Umfeld einer Hetzvokabel" noch heute ansehen (https://bit.ly/2ZLKTjO), ganz zum Schluss kommt er auf seinen geliebten Großvater zu sprechen.

 

Norbert Schneider besuchte Schulen in Langenau und Ulm und dann die berühmten evangelisch-theologischen Seminare Maulbronn und Blaubeuren. Dort legte er 1959 die Reifeprüfung ab und studierte anschließend evangelische Theologie und Publizistik an den Universitäten Tübingen, Marburg und Hamburg. 1964 legte er das erste theologische Staatsexamen ab, absolvierte anschließend ein Lehrvikariat unter dem Dach der württembergischen Landeskirche, im April 1965 dann die Ordination als Pfarrer.

 

Doch die wissenschaftliche Arbeit ging weiter. Schneider, damals Mitte 20, arbeitete an einer Doktorarbeit, mit der er drei Jahre später zum Doktor der Theologie promoviert wurde. Der Titel der Arbeit verdient zitiert zu werden, scheint er doch bis heute eine Nachwirkung in Schneiders Art zu denken und zu sprechen zu haben: "Die rhetorische Eigenart der paulinischen Antithese". Norbert Schneider liebt es bis heute, Widersprüche aufzudröseln. Dem biblischen "Du sollst dir kein Bildnis machen" würde er wohl erwidern: Aber klar doch, ganz viele, jedenfalls von der Welt um uns herum.

 

Eines der besten Mittel dazu aus seiner Sicht: das Fernsehen. "Fernsehen macht glücklich": Den schönen Titel einer Berliner Ausstellung von 2002 hat er sich zu eigen gemacht, er schmückt einen lesenswerten Sammelband von Schneider-Texten und -Reden, den die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen zu seinem Abschied aus dem Direktorenamt 2010 herausgebracht hat. Bei aller Ernsthaftigkeit seines Argumentierens blitzt in seinen Reden immer wieder Ironie auf. Die Diktion ist manchmal sehr pointenverliebt, aber immer mehr als nur Feuilleton. Dieser öffentliche Denker zeigt immer wieder die Lust, ein Schalk zu sein, was seine Ausführungen in der Regel sehr unterhaltsam macht.

 

Aber der hochgebildete Norbert Schneider setzt nicht nur ein ebenso präpariertes Publikum voraus, sondern auch eines, das bereit und fähig ist, seinen rhetorischen Volten mit gespannter Aufmerksamkeit zu folgen. Unmittelbar nach der Promotion absolvierte Schneider im ersten Halbjahr 1968 ein Hörfunkvolontariat beim Südwestfunk in Baden-Baden (eine Art Schnelldurchlauf also) und wechselte dann schon wieder an die Universität Marburg, wo er bis 1970 in der Theologischen Fakultät als wissenschaftlicher Assistent arbeitete. Das war im Aufbruchsjahr 1968 - die Studentenbewegung machte gerade Marburg mehr und mehr zur linken Uni.

 

Der neue Direktor

 

Im Jahr 1971 wechselte er nach Frankfurt am Main, wo er der Evangelischen Konferenz für Kommunikation als Referent diente. Mehr und mehr setzte sich somit das Interesse an Publizistik in Lebensweg und Karriere durch. 1974 wurde er Grundsatzreferent im neu gegründeten Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) in Frankfurt und zwei Jahre später nach dem plötzlichen Tod von Robert Geisendörfer Direktor des GEP, das damals noch im noblen Westend residierte.

 

Norbert Schneider war damals ein junger Mann von Mitte 30 und wohl nicht auf Anhieb als Chef zu erkennen. Kolportiert wird diese Anekdote, die ich nicht verifizieren kann, die mir aber glaubwürdig scheint, weil ich beide Protagonisten kenne. Im engen Geräteraum der GEP-Zentrale an der Friedrichstraße 2-6 stand mal wieder der Journalist Henrich von Nussbaum am Fotokopierer und müllerte ganze Bücher durch - entweder zum persönlichen Gebrauch oder aber zur Vorbereitung seiner feinziselierten Fernsehkritiken in "Kifu", wie epd medien damals hieß. Von Nussbaum galt als Adorno-Schüler und wurde an Tagungsbuffets schon mal mit zwei Plastiktüten gesichtet - ein früher Kämpfer gegen die Lebensmittelverschwendung. Von Nussbaum kopierte also, bemerkte aber irgendwann, dass jemand hinter ihm stand. Im Umdrehen soll er mit voreiligem Du gefragt haben: "Willst Du auch kopieren?" Schneider: "Nein, ich bin der neue Direktor."

 

Fünf Jahre lang blieb er das und garantierte den liberalen Geist des GEP und seiner zahlreichen Publikationen. Dann zog es ihn ins nächste Direktorenamt. Von 1981 bis 1986 war er Direktor für Hörfunk und Fernsehen (beides damals noch aus einer Hand) beim Sender Freies Berlin (heute RBB). Im Rundfunkrat hatte der Kandidat 13 Stimmen bekommen, zehn Mitglieder waren gegen ihn. Mit einem CDU-Politiker wie Klaus-Rüdiger Landowsky war der Rundfunkrat damals ziemlich politisiert und unter einem Intendanten wie Lothar Loewe zu arbeiten, war wohl auch kein Zuckerschlecken.

 

Einem "Zeit"-Bericht zufolge teilte Loewe dem Programmdirektor Schneider und dem damaligen Chefredakteur Joachim Braun erst kurz vor Jahresschluss 1985 mit, ihre 1986 auslaufenden Verträge würden nicht verlängert. So blieben es relativ kurze fünf Jahre beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk - eine Zeit, in der Schneider Heinz Drache als "Tatort"-Kommissar Bülow mit etablierte und auch an der Großproduktion "Heimat" beteiligt war.

 

Der Unabhängige

 

Schneider blieb in Berlin, wo er übrigens auch heute wieder im Ruhestand lebt. Als Geschäftsführer übernahm er die Allianz-Film GmbH, damals eine kreative TV-Produktionsfirma im Besitz der mächtigen WAZ-Gruppe. Rund sieben Jahre blieb er dort.

 

In eine wiederum neue Rolle schlüpfte Norbert Schneider im Jahr 1993: in die des Medienaufsehers. Er wurde zum Direktor der einflussreichen Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) gewählt (die damals noch Landesanstalt für Rundfunk, LfR, hieß). Schneiders Wahl zum LfR-Direktor fiel in eine Zeit, als sich die damals in NRW tonangebende SPD auch der Aufsicht über den Privatfunk bemächtigen wollte. Er als Unabhängiger war da die bessere Alternative. Für die zu beaufsichtigenden Privatsender war seine Wahl indes keine beruhigende Nachricht. Denn natürlich eilte Schneider der Ruf voraus, unerbittlich Programmqualität einzufordern. Schließlich hatte er davon seit Jahrzehnten gesprochen.

 

Seine Artikel und Reden zum Thema sind Legion. Kein bequemer Partner war da ins Amt gewählt worden. LfM-Direktor blieb er bis 2010, also weit über die berufliche Altersgrenze hinaus. Manche fanden damals, er hätte früher loslassen sollen. In 17 langen Jahren führte Schneider, einziger Nichtjurist unter lauter Juristen, noch dazu Theologe, die Aufsicht über so unterschiedliche Medien wie RTL und die NRW-Lokalradios und er engagierte sich vielfach innerhalb der Gemeinschaft der Landesmedienanstalten in unterschiedlichsten Ämtern (DLM, ZAK, KEK und so weiter).

 

Daneben fand er noch die Zeit, sich in vielerlei Funktionen rund um sein Leitmotiv Medienkultur zu engagieren: im Aufsichtsrat des Adolf-Grimme-Instituts beispielsweise, aber auch als Mitglied der Jury des Deutschen Fernsehpreises (1999 bis 2002), um nur einige zu nennen. Auch dem GEP blieb er lange treu, als Mitglied in dessen Verwaltungsrat und als vielgeschätzter Autor von epd medien sowieso.

 

Sein Leitmotiv Medienkultur gilt den Rezipienten ebenso wie den Produzenten. Beide brauchen aus seiner Sicht ein Bewusstsein davon, was gut ist und dem menschlichen Auge und Geist bekommt und was nicht. Und dass das Bessere der Feind des Guten ist.

 

Bald nach Amtsantritt bei der LfR/LfM hat Norbert Schneider denn auch den Dialog mit den privaten Sendern eröffnet, hat von ihnen bei allem Verständnis für die Quotenzwänge der Werbefinanzierung Beiträge zu einer gedeihlichen Informationsökologe verlangt. Sein Selbstverständnis damals: "Ich habe mit dafür zu sorgen, dass die mediale Entwicklung in einem weiteren Sinne gesellschaftsverträglich abläuft." Der Durchsetzungsmodus wurde damals "weiche Kontrolle" genannt, also "überzeugen statt monieren, überreden satt abstrafen", wie es Fritz Wolf 1997 in der "Zeit" zusammenfasste.

 

Wir waren nicht hart genug

 

Wir waren nicht dabei, halten es aber für vorstellbar, dass Direktor Schneider mit pastoraler Geduld viele Gespräche mit Helmut Thoma geführt hat - womöglich aber auch mit dem ihm intellektuell viel näherstehenden Alexander Kluge, der sich von einem wie Schneider vielleicht etwas hätte sagen lassen - etwas weniger Hermetik, etwas mehr populäre Zugänglichkeit.

 

Hat der Medienaufseher Schneider etwas bewirkt? Schwer bis unmöglich, das zu verifizieren. Weiche Aufsicht - natürlich löste dieses Konzept auch Spott aus, und sicherlich ist manche kluge Schneider-Rede, sind seine Appelle bei den Senderbossen in das eine Ohr rein- und durch das andere wieder ausgegangen. Sein Ausscheiden aus dem Amt Mitte 2010 fiel in eine Zeit, als private Fernsehsender das Informationsangebot mal wieder reduzieren wollten. Schneiders eigene Erfolgsbilanz als Medienaufseher fiel denn auch selbstkritisch aus: "Wir waren nicht hart genug. Wir müssen härter werden." Härter wohl auch gegenüber der Medienpolitik, denn von der fühlte er sich wohl des Öfteren im Stich gelassen.

 

Der Gesetzgeber war eher einer, der sich mit Kultur- und Regionalfenstern zufriedengab und bei der Konzentrationskontrolle nicht allzu streng sein wollte. Dennoch: Schneiders geistreiches Beharren auf Medienqualität ist unvergessen. Man kann sich dieser Einlassungen immer wieder erinnern, weil sie ja schriftlich festgehalten sind. Und es stimmt, was er am 9. September 1996 auf einer Veranstaltung des GEP in Berlin sagte: "Zukunftsformel Programmqualität" - das Fragezeichen im damaligen Vortragstitel lassen wir jetzt mal weg.

 

"Medienmanager" wird Norbert Schneider von Wikipedia genannt. Das war er wohl auch als Medienaufseher. Aber natürlich greift der Begriff "Medienmanager" in seinem Fall viel zu kurz. Wenn er das in allen seinen sehr unterschiedlichen Rollen war - beim GEP, dem SFB, der Allianz, der LfM -, dann ist er zweifelsohne der Intellektuelle unter den Medienmanagern. Dem Theologen, der 1970/71 an einer Habilitationsschrift gearbeitet hatte, das Vorhaben dann aber aufgab, verlieh das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium 2004 den Professorentitel auf Lebenszeit. Sehr zu Recht. Denn es gibt keinen Zweiten, der Mediengeschichte und Programmentstehung, der Bildung und Öffentlichkeit intellektuell derart durchdrungen hat wie er.

 

Seine bis heute inspirierenden, immer neuen Beiträge zu Mediengeschichte und Programmkritik beweisen, wie verdient der Professorentitel ist. Eine beeindruckende und nicht nachlassende Produktivität, zusammengefasst auch in mehreren Sammelbänden dieses public intellectual.

 

Tradition und Moderne

 

Vor allem aber darf sich die evangelische Publizistik glücklich schätzen, dass dieser große Stilist, der er auch noch ist, sich nicht von großen Blättern hat wegkaufen lassen, sondern dass er seine oft brillanten Einlassungen immer noch mehrheitlich an die Fachdienste epd medien und das katholische Schwesterblatt "Medienkorrespondenz" gibt. Schneider wird damit zur idealen Verkörperung der Ökumene in der deutschen Medienpublizistik.

 

Als heute 80-Jähriger kann er kein digital native sein. Aber Norbert Schneider ist im Denken derart jung geblieben, dass er sogar die digitalen Umwälzungen unserer Medienwelt noch mitzudenken vermag. Tradition und Moderne - in ihm gehen sie eine kongeniale Synthese ein. Und wir sind sicher: Das bleibt noch sehr lange so. Zum Nutzen des geneigten Publikums.

Aus epd medien 32/20 vom 7. August 2020

Volker Lilienthal