Langer Schatten

Wie das ZDF zum Krimi-Sender wurde

Vor zehn Jahren, am 20. Februar 2011, starb der 1926 geborene Produzent Helmut Ringelmann, der die Programmgeschichte des ZDF auf entscheidende Weise geprägt hat, weit über seine enorm erfolgreichen Krimiserien "Der Kommissar", "Derrick" und "Der Alte" hinaus (epd 8/11). In seiner Trauerrede sprach der ehemalige Leiter des Fernsehspiels Hans Janke, der lange mit dem Produzenten zusammengearbeitet hatte, von einem "buchstäblich namhaften Kapitel", das Ringelmann "bleibend" mit dem Sender verbinde und fügte hinzu: "Er war ja auf Erfolgsgipfelketten beinahe noch mehr und leidenschaftlicher aus als sein Auftraggeber." Im Herbst 2020 erschien im Münchner Hirmer Verlag die Biografie "Helmut Ringelmann. Der Produzent" von Wolfgang Jacobsen, auf die sich der Medienwissenschaftler Karl Prümm in diesem Beitrag bezieht.

Schon mit 17 Jahren fasste Helmut Ringelmann den Entschluss, Filmproduzent zu werden. Diesen Entschluss, schreibt Wolfgang Jacobsen in seiner Biografie "Helmut Ringelmann. Der Produzent", habe der junge Mann mit großer Konsequenz und viel Geschick in die Tat umgesetzt. Ein Selfmademan musste er gezwungenermaßen sein, denn nach 1945 gab es in Deutschland keine autorisierte Ausbildung zu diesem selbsterklärten Traumberuf. Die Stationen von Ringelmanns Lehrzeit quer durch die Medien sind beeindruckend. Sie begann 1946 als Schauspieler und als Assistent bei dem berühmten Theaterregisseur Heinz Hilpert, setzte sich Mitte der 1950er Jahre fort durch Assistenzen bei Produktionen so prominenter Filmregisseure wie Helmut Käutner, Harald Braun und Wolfgang Staudte und erfuhr erste glanzvolle Höhepunkte als Produktionsleiter internationaler Prestigeprojekte der Regiegiganten Max Ophüls ("Lola Montez", 1955) und Stanley Kubrick ("Paths of Glory", 1958).

Ihren Abschluss fand die Lehrzeit durch die Beteiligung an Planungen für das sogenannte Adenauer-Fernsehen, aus der sich ein fließender Übergang zum Auftragsproduzenten des ZDF ergab, das am 1. April 1963 auf Sendung ging. Ringelmann war klar, dass der neu gegründete Sender gerade in den Fiktionsprogrammen weit mehr auf Auftragsproduktionen angewiesen sein würde als die etablierte ARD. Die Tätigkeit als Geschäftsführender Produzent der Intertel Television GmbH war der letzte Zwischenschritt vor der Realisierung seiner Träume, der Gründung eigener Produktionsfirmen Neue Münchner Fernsehproduktion GmbH & Co KG (1967), Telenova Film- und Fernsehproduktion GmbH (1973) und R. Productions (1996).

Theaterfilmproduzentintendant

Dieses Imperium war einzig und allein für Krimiserien begründet worden, deren Erfolgsgarantie und programmpolitisches Potenzial Ringelmann frühzeitig erkannt hatte. Es wäre aber verfehlt, sein Werk auf den Kriminalfilm zu reduzieren. Jacobsen spricht von einer "verdeckten Vielfalt" seiner Produktionen und hat dabei vor allem die frühen Jahre von Ringelmanns Fernsehengagement im Blick. Neben einer ersten Krimiserie ("Das Kriminalmuseum") finden sich dort eindrückliche Theateradaptionen von Stücken von Schnitzler, Tschechow oder Ibsen, Dokudramen mit politischem Aufklärungsanspruch und ambitionierte Literaturverfilmungen.

Ringelmann machte im Übrigen mit seinen unbedingten Qualitätsansprüchen keine Unterschiede zwischen Film und Fernsehen. Auf der Basis der reichen Erfahrungen seiner langen Lehrzeit übernahm er bei allen seinen Produktionen eine künstlerische Gesamtverantwortung. Er ging stets mit aller Leidenschaft aufs Ganze und brachte sich bei allen einzelnen Arbeitsschritten intensiv ein. Jedes Drehbuch bearbeitete er selbst. Dem Casting widmete er sich mit besonderer Sorgfalt und war darauf bedacht, Exzellenz bis in die kleinsten Nebenrollen zu gewährleisten. Häufig war er am Set anwesend und besprach sich mit den Regisseuren, den Schauspielern und den Kameraleuten. Bisweilen trat er sogar als Komparse auf. Selbst um die Musik kümmerte er sich persönlich. Der Komponist Eberhard Schoener bezeichnete ihn treffend als "Theaterfilmproduzentintendant".

Der selbstständige Produzent Helmut Ringelmann plante von Anfang an gemeinsam mit dem ZDF in großen Dimensionen. Er setzte auf lang laufende Krimiserien, auf "Dauerbrenner" mit einer Länge von 60 Minuten, die auf einem festen Sendeplatz in unregelmäßigem Rhythmus, aber mindestens einmal im Monat, zu sehen sein sollten. Aus der Kooperation mit vielen Drehbuchautoren wusste er, dass es in Deutschland nur einen gab, der den schier wahnwitzigen Anforderungen an Kontinuität und Qualität entsprechen konnte: Herbert Reinecker. Mit ihm schloss er ein Arbeitsbündnis, das ohne erkennbare Krisen und Unterbrechungen von 1969 bis in das Jahr 1997 dauerte.

Unfassbare 427 Krimifolgen hat Reinecker für Ringelmann verfasst, darunter 97 zu "Der Kommissar" (1969-1976) und 281 zu Derrick (1974-1998). Ringelmann konnte sich auf die Serienroutine und den Fleiß Reineckers verlassen. Aber er war im stetigen Produktionsfluss auch abhängig von seinem "Hausautor", war dessen Weltbild und Erzählrepertoire ausgeliefert. Für eine lange Periode wurde Ringelmanns Werk monoperspektivisch, Ambivalenzen und Fragwürdigkeiten wurden offenbar. Die dunkle Seite von Reineckers Schreiben war ihm sicher bewusst.

In seinem 2010 erschienenen, glänzend recherchierten, aber viel zu wenig beachteten Buch "Reineckerland. Der Schriftsteller Herbert Reinecker" hat Wolfgang Jacobsen zusammen mit Rolf Aurich und Niels Bickenbach das ausgedehnte Territorium dieses Autors auf das Genaueste erschlossen. Der 1914 geborene und schon seit frühester Jugend kreative Autor war bereits 1932 in die Hitler-Jugend eingetreten. Er stieg dann schnell zur Prominenz der NSDAP-Publizistik auf, trat 1940 der Waffen-SS bei, verherrlichte als Kriegsberichterstatter das Töten und den Heldentod, schrieb vielfach aufgeführte heroisch-nationale Dramen und war an dem berüchtigten Propagandafilm "Junge Adler" beteiligt.

Mord als "schöne Kunst"

All dies war spätestens seit den frühen 1980er Jahren bekannt und wurde öffentlich diskutiert. Das Buch von 2010 analysiert präzise, was bis dahin wenig beachtet wurde, wie Reinecker nämlich nach 1945 mit dieser Vergangenheit umging. Der Entnazifizierung entzog er sich, einem öffentlichen Schuldeingeständnis wich er bis zuletzt aus, bezeichnete die Zeit seines Aufstiegs von 1935 bis 1939 als die "glücklichste" seines Lebens. Er beharrte darauf, vor 1945 weder von der Reichspogromnacht am 9. November 1938, noch von der Ermordung der Juden, noch von Verbrechen der Wehrmacht je etwas gehört oder gesehen zu haben.

Den Rückzug Reineckers in seine Schreibstube, den permanenten Ausstoß von Mord- und Sühnegeschichten, die allein in der Gegenwart spielen, eine Beinahe-Identität von Leben und Schreiben deuten Jacobsen und seine Mitautoren als Fluchtbewegung, als ein "Verschreiben" der Vergangenheit.

Über Leitlinien und intendierte Wirkungen der Krimis sind sich der Produzent und sein exklusiver Autor absolut einig. Auf keinen Fall, so führt Ringelmann 1989 in einem Vortrag aus, dürfe der Fernsehkrimi den Mord, seinen "Urstoff", als bloßes Abbild, "schnörkellos" und "unkommentiert" zeigen, sondern ihn vielmehr aus "seiner brutalen Realität" herausheben und als eine "schöne Kunst" zur Anschauung bringen.

Reineckers Mordgeschichten sind dann auch konsequent ästhetisch überformt. Sie basieren keinesfalls auf Beobachtungen realer Verbrechen oder Recherchen, wie dies in der "Stahlnetz"-Reihe des Reporters Jürgen Roland in der ARD der Fall war. Reinecker verlagert den Mord in eine Fantasiewelt, seine Akteure sind reine Kunstfiguren. An den ausgefeilten Dialogen und hochartifiziellen Sprechakten ist dies zu erkennen. Reineckers Drehbücher sind in Wirklichkeit Bühnentexte, in den Ringelmann-Krimis kann er seine früh hervorgetretene dramatische Begabung ungehindert ausleben. Künstlichkeit offenbart sich auch in den Milieuzeichnungen und in der Anlage der Figuren. Den Frauenrollen mischt Reinecker gerne ein gehöriges Quantum an Sentimentalität bei.

Die Morde verlieren ihren Schrecken. Die Gewaltakte werden nur angedeutet durch nächtliche Schreie und Schüsse, durch Schattenspiele. Winzige Einschusslöcher in den Kleidern der Opfer und minimale Blutflecke zeigen an, dass hier jemand zu Tode gekommen ist.

Der Fernsehkrimi als moralische Anstalt

Eine kunstvolle Konstruktion ist auch die Kommissarfigur. Keller (Erik Ode) und Derrick (Horst Tappert) haben eine weiche, eine menschliche Seite. Sie verbergen ihren Schrecken über die Bluttat nicht, betrauern die Opfer, leiden mit den Angehörigen. Im Zuge der Ermittlungen bemühen sie gegenüber allen Beteiligten um Verbindlichkeit, Vertrauen und Verstehen. Oft genügt das, um den Täter zu einem Geständnis zu bewegen. In der Regel bedarf es aber einer förmlichen Entlarvung im Finale jeder Episode. In einem Showdown versammeln die Kommissare alle Verdächtigen im Büro oder am Ort des Verbrechens, enthüllen unter Einbeziehung aller Spuren und Indizien, in Offenlegung aller Motive und Täuschungen das eigentliche Mordgeschehen und demaskieren den Schuldigen. Den stumm in sich zusammengesunkenen Tätern diktieren die Kommissare die Geständnisse.

Spätestens hier ist ihr väterlich-warmherziger Bass in schneidende Schärfe umgeschlagen. Mit der Verbindung von Intuition, Scharfsinn und Kombinationsgabe setzen die Kommissare Ringelmanns und Reineckers die Tradition der Meisterdetektive des 19. Jahrhunderts fort. Mit diesen Vorbildern verbindet sie zudem ihre unantastbare Autorität und die Kluft zu ihren Assistenten, die nur Beiwerk und Zuträger sind.

Die Kommissare sind aber keine spleenigen Einzelgänger, sondern sie repräsentieren und rehabilitieren durch ihre unverbrüchliche Integrität die Staatsmacht und das Gewaltmonopol der Polizei und bereiten durch die Sicherung der Beweise und des Geständnisses den Schuldspruch des Gerichts wirkungsvoll vor. Sie sind Männer ohne Vergangenheit und allein der Aufklärung von Verbrechen verpflichtet. Somit sind sie die idealen Träger der moralischen Botschaften, die für Ringelmann das entscheidende Element des Fernsehkrimis darstellen.

Der Theaterkenner greift auf Lessings Theorie eines bürgerlichen Trauerspiels zurück, definiert den Fernsehkrimi als "moralische Anstalt", der eine "Abkehr von Mord" durch die schlussendliche Wiederherstellung von Ordnung und Gerechtigkeit vor Augen führen und dem Zuschauer eine "Katharsis", eine Erlösung von Furcht und Schrecken ermöglichen soll. Das verlangt eine strenge, verlässliche und erwartbare Formgebung. Und die finden Ringelmann und Reinecker in der klassischen Detektivliteratur à la Agatha Christie mit dem Grundprinzip des Whodunit und dem obligatorischen Schema rätselhafter Mord - Tätersuche - Aufklärung, das eine strikt linear-chronologische Erzählweise zur Folge hat.

Das Rückwärtsgewandte der Grundformen findet eine Entsprechung in der typisch konservativen Klage über den Verlust der Werte und die Zumutungen der Moderne, die sich durch beinahe alle Reinecker-Krimis hindurchzieht. In der Summe erscheinen sie wie eine Elegie auf das Verschwinden bürgerlicher Tugenden wie Anstand, Würde, Selbstdisziplin, Zuverlässigkeit und Treue. Sie erscheinen wie ein Pendant zu Gerhard Löwenthals "ZDF-Magazin" und bedienen das konservative Stammpublikum des Senders.

Ordnung und Obrigkeit

1968 muss auch für Reinecker ein Trauma gewesen sein. Das Aufbegehren der jungen Generation gegen die erstarrte autoritäre Ordnung und die Verleugnung der Nazidiktatur erzählt er als soziale Katastrophe, als fehlgeleitete Rebellion, die nur in Verzweiflung, Verbrechen, Prostitution und Drogenabhängigkeit enden kann. Heillose Zerrüttung der Familien, Sprachlosigkeit und Hass zwischen Alt und Jung sind die Folgen. Wiederholt attackiert er eine vermeintliche Sexualisierung der Gesellschaft. Dass die jungen Frauen in Miniröcken ihre blanken Beine zeigen, wird von so vielen Figuren als "Aufreizung" beklagt, dass man vermuten muss, dass Reinecker darin ein ernsthaftes Problem zu erkennen glaubte.

Der Welterfolg der superlangen Serie "Derrick" eröffnete keine neuen Erzählmöglichkeiten, sondern war der Abschluss einer Epoche. Es war noch einmal ein Triumph gegen einen Erzähltypus, der sich in der Tradition des Film noir sehr viel stärker auf die Realität des Verbrechens einlässt, gegen die harten US-amerikanischen Polizeiserien und Straßenkrimis. Das starre Whodunit-Schema erfuhr im Fernsehen eine letzte Klassizität. Die Figur des Stephan Derrick wurde gegenüber dem "Kommissar" in ihrer Realitätsenthobenheit und Unberührbarkeit in eine fast schon metaphysische Repräsentanz von Recht und Gerechtigkeit getrieben.

Die Abstraktion konnte in den unterschiedlichen Ländern mit je eigenen Projektionen von Ordnung und Obrigkeit gefüllt werden. Die vollkommene Aufklärung der Morde, die griffigen und eingängigen Motive der entlarvten Täter waren für das Publikum in allen Gesellschaften ein willkommener Trost angesichts der zunehmenden anonymen Kriminalität in den Vorstädten und der Bedrohung durch den Terrorismus.

Einen gewichtigen Anteil an diesem gigantischen Erfolg hatte ohne Zweifel der Produzent Helmut Ringelmann, der einstand für handwerkliche Perfektion, der ausgewiesene Regisseure und die großen Theater- und Filmstars als Darsteller verpflichtete und damit allen seinen Produkten einen besonderen Glanz verlieh.

Grusel und Schaulust

Bis ins Jahr 1998 hielt sich "Derrick" im ZDF-Programm. Zuletzt wirkte er wie aus der Zeit gefallen, das Format hatte sich überlebt, die Entwicklung des Genres war über ihn hinweggegangen. Ringelmann reagierte mit seinen neuen Formaten "Der Alte" und "Siska" mit gemäßigten Eingriffen in sein Erfolgsmodell.

In den 1980er Jahren hatte im deutschen Fernsehen mit der Figur des Horst Schimanski eine Entmythologisierung der Kommissarfigur eingesetzt. Ein Privatleben, Leidenschaften, Defekte, Krankheiten und Scheitern wurden ihr nun zugestanden. Die Kommissare wurden aus ihrer Einsamkeit erlöst, in gleichberechtigte Duos oder Teams eingruppiert. Frauen betraten die Szene, die Ringelmann explizit von diesem Beruf ausgeschlossen hatte. Der Körper der Opfer, der für die Ringelmann-Krimis tabu war, wurde seit den 1990er Jahren verstärkt zum Untersuchungsobjekt, an dem Tathergang und Vorleben des Toten ablesbar sind. Neue erzählerische Möglichkeiten ergaben sich. Die Pathologie wurde zu einem bevorzugten Schauplatz, der Grusel und Schaulust zugleich auslöste. Die Gerichtsmediziner dienen wahlweise als Helfer oder Antipode der Ermittler.

Ab der Jahrtausendwende eröffnen sich schließlich durch die Erfassbarkeit und digitale Verfügbarkeit von DNA-Spuren, durch die Allgegenwart von Überwachungskameras und Handys, die außerdem als Wissensspeicher und Bewegungsmelder genutzt werden können, ganz neue Darstellungsfelder und Darstellungsprobleme.

Bereits 1989 registrierte Helmut Ringelmann eine unglaubliche Vermehrung der Krimiangebote, so dass der Eindruck entstehe, "als seien sie bei jedem Programm das Eigentliche". Der umsichtige Produzent war noch darum bemüht, eine inflationäre Verbreitung der Mordgeschichten zu vermeiden und eine gewisse Balance zu anderen Erzählformen zu wahren. Solche Bedenken liegen den aktuell Verantwortlichen des ZDF-Programms offenbar fern. Schon seit längerem ist eine erdrückende Dominanz der Krimi-Formate zu verzeichnen, die sich in den letzten Jahren noch einmal verstärkte.

Crime-Sender ZDF

Im Januar dieses Jahres verging kein Tag im ZDF ohne Krimi. Von Montag bis Samstag ist das Vorabendprogramm ganz in den Händen der diversen "SOKOs". An den meisten Werktagen kann der Zuschauer durch "SOKO"-Wiederholungen in einen regelrechten Krimi-Flow eintauchen, der vom späten Vormittag bis in das Abendprogramm hineinreicht. Am Mittwoch und Samstag ist die Primetime von Krimis in Spielfilmlänge belegt. Seit Jahren schon wird auch noch der Montagabend, der dem "Fernsehfilm der Woche" vorbehalten ist, überwiegend mit düsteren Krimis befüllt. Und selbst nach den sonntäglichen Wohlfühlfilmen wird spät am Abend noch ein Krimi nachgereicht. Freitag, 20.15 Uhr, ist ohnehin seit den Erfolgen von "Der Kommissar" und "Derrick" ein geheiligter Krimitermin.

Fast schon könnte man vom ZDF als einem Crime-Sender sprechen, in den sich das unregelmäßig ausgestrahlte Fahndungsmagazin "Aktenzeichen XY - ungelöst" bestens einfügt.

Natürlich können die Programmmacher auf analoge Entwicklungen in allen Medien der Erzählkultur und auf die Krimimassierung in den Konkurrenzkanälen verweisen. Der US-amerikanische Kinofilm "Das Schweigen der Lämmer" löste 1991 in den Kinos aller westlichen Gesellschaften eine Welle von Thrillern aus mit immer fantasievolleren Serienmördern und hochtrainierten Profilern, die ihren Mordkünsten gewachsen sind. Kriminalhörspiele sind ein Dauererfolg. Horror- und Mysteryromane als Derivate der Krimis füllen die Präsentationstische auch der seriösen Buchläden. Kriminalromane sind bis in die letzten Winkel regionalisiert, jede mittelgroße Stadt hat ihr Krimifestival. Selbst die Regionalgeschichte wird bevorzugt in die Krimiform gegossen.

Es drängt sich der Eindruck auf, als wären in einer erkalteten, mit Bildern und Tönen überversorgten Welt Leben, Gefühle, Leidenschaften nur noch durch die Modelle und Muster des Krimis erzählbar und damit erfahrbar.

Hans Janke hatte völlig recht. Helmut Ringelmann ist "bleibend" mit dem ZDF verbunden, indem es dessen Erfolgsmuster fortzuschreiben versucht. Immer noch setzen die Programmplaner auf die Krimi-"Dauerbrenner", auf lang laufende Serien, auf strenge Regelhaftigkeit und den Konservatismus der Form. Nahezu alle ZDF-Krimis sind bis heute im Kern Whodunits mit dem besonderen Akzent auf der endgültigen Klärung des Täterrätsels am Ende, wenn das Verbrechen rationalisiert und das Böse damit gebannt ist.

Selbst der typischen Ringelmann-Form, dem 60-Minutenkrimi wird die Treue gehalten. Er ist immer noch der Mittelpunkt des Freitagabends. Die Serie "Der Staatsanwalt", die hier platziert ist, könnte aus dem Hause Ringelmann stammen. Der krimierfahrene Rainer Hunold füllt die Ermittlerrolle ganz nach dem Muster seiner Vorgänger Keller und Derrick aus. Die Besetzung der "Chefin" mit der wunderbaren Katharina Böhm folgt der Ringelmann-Praxis, das Serielle durch Starglanz mit Anziehungskraft auszustatten. Die oft simplen Geschichten werden durch Action und Gewalt attraktiver gemacht.

Deprimierend eintönig

Die "SOKO" als Universalprinzip des Vorabends erweist sich als ein simples, deprimierend eintöniges und beliebig reproduzierbares Muster. Die Ermittlerteams, die in Hamburg, Stuttgart, Wismar, Wien, Potsdam ausschwärmen, sind mit Ausnahme der "SOKO Kitzbühel" identisch zusammengesetzt. Die in der Regel älteren Chefinnen und Chefs strahlen noch etwas aus von der Autorität und dem grüblerischen Scharfsinn der Reinecker-Kommissare. Das eigentliche Handlungszentrum bilden aber zwei jeweils sehr attraktive junge Männer und Frauen. Sie sind nahkampferprobt, können fantastisch rennen und legen das deutlich sichtbare Pistolenhalfter niemals ab.

Komplettiert wird die Truppe durch die Gerichtsmedizinerinnen, die nach dem Vorbild des Münsteraner "Tatorts" ins Skurrile verschoben sind, sowie durch die Computerspezialisten, allesamt männlich, schräge Vögel, Technikfreaks und halbe Autisten. Das sagt einiges aus über den hierzulande verzerrten Blick auf die neuen digitalen Berufe. Die Ermittlungsmethoden sind auf der Höhe der Zeit, die KTU hat mächtig zu tun, um auch noch die feinsten DNA-Spuren zu digitalisieren, Algorithmen beschleunigen die Aufklärung, Handys sind die Instrumente der Wahl bei der Ortung und Verfolgung der Täter.

Aber viel zu schematisch und beinahe schon kodifiziert sind die Orte und die Dramaturgien. Lokalkolorit wird mit eingeschobenen Städtebildern vorgetäuscht. Von der originalen Außenansicht der Polizeistation geht es flugs in die Sterilität der Studios.

Zuverlässig beginnt jede Folge mit einem Leichenfund. Die Opfer werden unbarmherzig gezeigt, mit klaffenden Wunden in ihrem Blut liegend oder entblößt auf dem sterilen, kalten Seziertisch. Verbrechen und Tod werden banalisiert und zur kleinen Münze einer flüchtigen Vorabendunterhaltung gemacht. Formelhaft sind die Dialoge, die monotonen Fragen nach Motiven und Alibis. Unverzichtbar ist die noch altmodisch analoge Schautafel mit den Porträts der Opfer, der Verdächtigen und der Zeugen. Stets sind es drei Verdächtige, die ins Visier geraten, bis der wahre Täter/Täterin in den effektvoll illuminierten Verhörräumen gegenüber der Last der Beweise kapituliert und gesteht. Alles bricht nun aus ihm oder ihr heraus, der Ablauf der Tat, die Beweggründe und der erhoffte Profit.

Sakrales Pathos

Die Geständnismomente werden wie in den Reinecker-Krimis überhöht. Das ganze Team ist dabei. Etwas Religiöses breitet sich aus, ein sakrales Pathos, eine tiefe Ergriffenheit des ganzen Teams. Und dann ist die Geschichte abrupt zu Ende, manchmal noch garniert mit einer humoristischen Pointe der in die Freizeit entlassenen SOKO.

Die Krimis in Spielfilmlänge, die an so vielen Wochentagen das ZDF-Abendprogramm prägen, sind keine Einzelfilme, sondern gehören zu Reihen, die zwar unregelmäßig gesendet werden, aber zum Teil schon seit Jahrzehnten ("Wilsberg" oder "Ein starkes Team") fest im Programm verankert sind. Diese Reihen sind inzwischen so zahlreich, dass der Eindruck entsteht, das ZDF-Fernsehspiel sei mit dem Krimigenre identisch.

Aus der auf dem Mainzer Lerchenberg besonders gepflegten Produktionsform sind in der Vergangenheit großartige, vielfach prämierte Reihen hervorgegangen. Man denke an "Bella Block" (1994-2018) mit Hannelore Hoger oder an "Unter Verdacht" (2002-2019) mit Senta Berger.

Auch in den ersten Wochen dieses Jahres gab es beispielhaft gelungene Filme wie den "Spreewaldkrimi: Totentanz" (Kritik in dieser Ausgabe) mit einem ganz eigenen Erzählrhythmus und starken Figuren, der Neustart der "Kommissarin Lucas" in Nürnberg, wo im Zusammenspiel mit einem Psychologen eine seltene Vertiefung eines schrecklichen Familiendramas möglich wurde oder die jüngste Folge von "Die Toten von Salzburg: Schwanengesang". Hier wird ein ironisch-spielerischer Grundton durchgehalten, die Figuren sind so fein gezeichnet, die um die Musik und den Kulturtourismus kreisenden Milieus so delikat aufgeblättert, dass der Mord nicht mehr das Zentrum der Story ist.

Überbietungswettbewerb der Todesarten

Aber das sind Ausnahmen. Die oft filmisch exzellent gemachten Reihenfilme in der Primetime sind eher düster, mit ausgebleichten Bildern, mit Schock- und Horroreffekten und einer brutalen körperlichen Gewalt. Die verdichtete Präsenz von exzessiven Mordgeschichten tut dem ZDF-Fernsehspiel nicht gut. Das Krimigenre ist überdehnt, die Symptome von Überlastung und Erschöpfung sind unübersehbar: ein Überbietungswettbewerb der bizarren Todesarten, weit her hergeholte, problemüberladene, überkomplexe Geschichten, bei denen das gesteigerte Erzähltempo die logischen Brüche überdecken soll. Es gibt schlicht zu viele Effektkrimis, einer löscht den anderen aus.

So ergibt sich in der Summe von Vorabend und Primetime ein Gesamttableau von Monotonie, von erstarrtem Festhalten an dem bewährten Quotenbringer Krimi, von fehlendem Mut, in neue Dimensionen des Erzählens vorzudringen. Das Erbe des großen Produzenten Ringelmann hat aber noch eine unentdeckte Seite, sein risikobereites, experimentierfreudiges Frühwerk, das fantastische Fernsehfilme hervorbrachte, wie sie damals im deutschen Kino undenkbar waren. Eine Besinnung auf dieses Erbe könnte helfen, Pluralität zurückzugewinnen und neue Geschichten zu erzählen, die wir so dringend benötigen.

Aus epd medien 7/21 vom 19. Februar 2021

Karl Prümm