Komplexes Verhältnis

Wie Unterhaltung und Bildung zusammenkommen

Das zweite Werkstattgespräch der Reihe „Vom Wert der Unterhaltung“ unter Federführung des Grimme-Instituts ging der Frage nach, wie unterhaltende Fernsehformate zur Wissens- und Wertevermittlung beitragen. Den Impulsvortrag zum Thema „Unterhaltung bildet“ hielt am 22. November der Marburger Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger. In seinem für epd medien überarbeiteten und erweiterten Text setzt er bei den Rezeptionsmechanismen des Publikums an. Dieses könne letztlich aus allem „Unterhaltung“ machen, ebenso wie Zuschauerinnen und Zuschauer aus allem „Information“ ziehen könnten, stellt Hallenberger fest. Er fragt danach, welche Unterhaltungsangebote genau von bestimmten Sendungen gemacht werden - und wie sich dadurch ein Mehrwert ergibt, der die Einstufung als Dienstleistung von gesellschaftlichem Wert rechtfertigt. In epd 47/21 haben wir den Beitrag von Heike Hupertz zum ersten Werkstattgespräch mit dem Titel „Unterhaltung ist Vielfalt“ veröffentlicht. Eine dritte Werkstattrunde fand am 29. November statt.

epd In Deutschland über „Unterhaltung“ zu sprechen, ist traditionell eine schwierige Angelegenheit: Natürlich ist Unterhaltung erfolgreich - aber die Inhalte! In kaum einem anderen Land wird immer noch so stark zwischen „hoher“ und „niederer“ Kultur unterschieden, zwischen dem Wahren, Guten, Schönen und dem, was bloß gefallen will. Zwar hat sich schon viel verbessert, aber von der Selbstverständlichkeit, mit der etwa ein William Shakespeare im England des 16. und frühen 17. Jahrhunderts zwischen Ernsthaftigkeit und Unterhaltung wechseln und sogar beides verbinden konnte, sind wir noch ein ganzes Stück entfernt. Sogar der alte Reflex „ist es gut, ist es keine Unterhaltung; ist es Unterhaltung, ist es nicht gut“ ist immer noch nicht ausgestorben.

Dabei hat sich schon oft gezeigt, dass das, was nur gefallen will, viel mehr als das leisten kann, gerade weil es viele Menschen erreicht. Der besondere gesellschaftliche Wert, der Public Value der Unterhaltung, basiert darauf, dass sie Themen in Publika tragen kann, die ambitionierte Produktionen zu den gleichen Themen nie einschalten oder anklicken würden. So ist beispielsweise die „Heute Show“ (ZDF) sehr erfolgreich darin, tagesaktuelle Informationen an Zuschauerinnen und Zuschauer zu vermitteln, die von konventionellen Nachrichtensendungen nur bedingt erreicht werden; die Bedeutung von Florian Silbereisens Einsatz für die LGBTQ-Community kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, da seine Schlagershows auch Menschen ansprechen, die rein gar nichts von gleichgeschlechtlichen Ehen halten. Und wer wissen will, wie heute junges jüdisches Leben in Deutschland aussieht, braucht nur eine Talkshow des WDR anzuschauen: die „Freitagnacht Jews“ mit Daniel Donskoy.

Eigenleistung des Publikums

Trotzdem gilt Unterhaltung immer noch oft als Guilty Pleasure: Man genießt es zwar, schämt sich aber auch irgendwie dafür. Medien- und Kommunikationswissenschaft sind da längst ein ganzes Stück weiter - und das Publikum ebenfalls. Vor allem im Hinblick auf das für die meisten Menschen immer noch wichtigste Medium, das Fernsehen. Weitgehend unbestritten sind vor allem zwei Beobachtungen, die für die Beurteilung des Wertes der Unterhaltung ausschlaggebend sind.

Erstens: „Unterhaltung“ ist nichts, was Medienanbieter wie Fernsehsender frei Haus liefern, sondern etwas, das Zuschauer mit dem anstellen, was sie ins Haus geliefert bekommen. Ohne Eigenleistung des Publikums wäre Fernsehunterhaltung bloß Flimmern und Rauschen. Ein wenig muss es schon dazutun, um aus den visuellen und auditiven Sinneseindrücken Bilder und Klänge, Geschichten und Sprache und Musik zu machen und diese an eigene Vorlieben und Interessen anzudocken, selbst bei den schlichtesten Varianten von Unterhaltung. Diese Beobachtung ist zwar banal, muss aber erwähnt werden, so lange im Zusammenhang mit Unterhaltung noch von „berieseln“ gesprochen wird. Wer bloß „berieselt“ wird, erlebt keine Unterhaltung, sondern wird bestenfalls nass.

Zweitens: „Unterhaltung“ ist nicht einfach das Gegenteil von „Information“. Seit empirische Studien über Unterhaltung erstellt werden, hat sich immer wieder gezeigt, dass sich beides gegenseitig nicht ausschließt. Wer sich unterhält, kann dabei durchaus auch Informationen erlangen; wer sich informiert, kann dies auch als Unterhaltungserlebnis erfahren, etwa bei Boulevardthemen in der „Tagesschau“. Das bemerkenswerteste Ergebnis einer frühen deutschen Untersuchung zum Thema (Ursula Dehm 1984) war etwa, dass aus Publikumssicht das Gegenteil von „Unterhaltung“ keineswegs „Information“ war, sondern Langeweile. Und mehr als das: Das Erlangen von Informationen galt sogar als wesentliche zusätzliche Gratifikation, wenn man sich beim Fernsehen unterhalten fühlte.

Mit diesem Wissen wird die Problemlage allerdings nicht einfacher, sondern schwieriger. Zusammengenommen haben beide Beobachtungen ja zur Konsequenz, dass das Fernsehpublikum letztlich aus allem „Unterhaltung“ machen kann - und aus allem „Information“. Daraus folgt jedoch nicht völlige Beliebigkeit, sondern ein Plädoyer für das genaue Hinsehen: Welche Unterhaltungsangebote macht eine Sendung? Und welche Informationsangebote?

Natürlich gelingen Unterhaltungserlebnisse leichter mit speziell dafür produzierten Angeboten, umgangssprachlich: Unterhaltungssendungen, aber erstens transportieren diese immer auch mehr als das, und zweitens ist bei allen anderen Sendungen Unterhaltung keineswegs ausgeschlossen. Der Wert der Unterhaltung lässt sich also nicht einfach durch eine Analyse der Inhalte so etikettierter Sendungen ermitteln, es geht vielmehr um ein komplexes Verhältnis zwischen Inhalten und Publikum in bestimmten Nutzungssituationen und das in spezifischen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten.

Die ganze Aufmerksamkeit

So gesichert es lange Zeit galt, dass „Information“ und „Unterhaltung“ einander ausschließende Bereiche darstellen, so klar war in der Anfangszeit des Fernsehens, dass das neue Medium weder ein Unterhaltungsmedium sein konnte noch sollte. In den 50er Jahren gingen viele Verantwortliche davon aus, dass das Fernsehen durch die Verbindung von Bild und Ton die ganze Aufmerksamkeit des Publikums erfordere, also nicht nebenbei konsumiert werden konnte wie das Radio - und damit als Unterhaltungsmedium weniger geeignet war. Es sollte ein Ort der Bildung sein, in zeitgenössischer Metaphorik ein mit guten geistigen Gaben gefülltes Gefäß, und nach einem bis heute gerne aufgegriffenen Bonmot, das dem damaligen NWDR-Generaldirektor Adolf Grimme zugeschrieben wird: „Senden, was die Leute sehen wollen sollen.“

Gleichzeitig wollten die ersten Zuschauerinnen und Zuschauer neben aktuellen Informationen vor allem Unterhaltung haben, in der Bundesrepublik wie in der DDR. In beiden deutschen Staaten fanden FernsehmacherInnen den gleichen Ausweg aus dem Dilemma: das Quiz. Es war zwar Unterhaltung, konnte aber auch als niederschwelliges Lernangebot betrachtet werden. Tatsächliche Lerneffekte dürften aber eher gering zu veranschlagen sein, denn wenn auf knapp formulierte Fragen nur eine Zahl, ein Stichwort oder ein Halbsatz als Antwort kommt, ehe die nächste Frage gestellt wird, bleibt es bei isolierten Informationen, mit denen sich bestenfalls bei Partygesprächen punkten lässt.

Damit aus Informationen Wissen, gar Bildung wird, braucht es mehr: vor allem Kontext. Entsprechende Bemühungen gibt es heute sowohl im Vorabendprogramm wie in der Primetime. Dank ausführlicher Rätselauflösungen mit Einspielfilmen entsteht in Formaten wie „Wer weiß denn sowas?“ oder „Das große Deutschland-Quiz“ durch Kontextualisierung so etwas wie ein verdecktes Bildungsangebot, das nicht als solches auffällt und dadurch auch keine alten Aversionen gegen die Schule weckt.

Geht es um das Verhältnis von Unterhaltung und Bildung, ist das Quiz zwar die naheliegendste Assoziation, aber gerade einmal die Spitze eines metaphorischen Eisbergs. Sehr verkürzt formuliert: Unterhaltung ist Kommunikation, Kommunikation ist die Vermittlung von Informationen, und vernetzte Informationen machen Bildung aus.

Neuartige Abendschule

Der entscheidende Punkt dabei ist: Informationen und damit Bildungsmöglichkeiten können überall lauern. Wenn etwa in „Bares für Rares“ Gegenstände aller Art verkauft werden, kommen so ganz nebenbei auch Firmengeschichten, Technologie- und Kulturgeschichte zur Sprache. In Kochshows geht es längst nicht mehr nur um Rezepte (was allein natürlich auch zumindest Informationswert hat), da werden etwa zusätzlich Besonderheiten regionaler Landwirtschaft und Küche thematisiert wie in „Stadt, Land, Lecker“ oder Grundlagen der Biowirtschaft („Land und lecker“).

In den letzten Jahren hat sich ein Unterhaltungsgenre geradezu als neuartige Abendschule herausgestellt: Satire-Formate. Die „Carolin Kebekus Show“ kooperiert schon einmal mit dem Politmagazin „Monitor“; „Die Anstalt“ arbeitet komplexe Zusammenhänge nicht nur in „Tafelbildern“ auf, sondern veröffentlicht zu jeder Sendung einen umfangreichen Faktencheck; das „ZDF Magazin Royale“ versteht sich sogar explizit als Late-Night-Show mit investigativem journalistischem Ansatz. Zahlreiche Recherchekollaborationen unter anderem mit „netzpolitik.org“ oder dem Recherchezentrum Correctiv belegen diesen Anspruch. Die dabei erzielten Ergebnisse werden nicht nur ausführlich in der Sendung vorgestellt, sondern zusätzlich in der Mediathek oder auf speziellen Microsites hinterlegt.

Es wäre jedoch kurzsichtig, bezüglich des möglichen Bildungswertes von Unterhaltung nur an non-fiktionale Formate zu denken. Lange vor der Durchsetzung von Schrift- und Buchkultur und allgemeiner Lese- und Schreibfähigkeit war das Geschichtenerzählen ein zentrales Medium der Weitergabe von Informationen und Wissen, von Traditionen und Gebräuchen. Neben dem Erzählen spielte auch der Gesang dabei eine wesentliche Rolle, etwa in Bänkelsang und Moritat, außerhalb Europas beispielsweise durch die westafrikanischen Griots.

Wird weiterzugebendes Wissen in Geschichten oder Lieder eingebunden, an Personen, bestimmte Orte, Zeitpunkte und Ereignisse gekoppelt, wird es nicht nur lebendig, sondern kann auch besser erinnert werden, weshalb Storytelling heute als wichtiges pädagogisches Hilfsmittel anerkannt ist. Und es war unbestritten eine fiktionale Miniserie aus den USA, die Ende der 70er Jahre in Deutschland entscheidend dazu beigetragen hat, dass die Verbrechen der NS-Diktatur nicht nur Stoff für den Geschichtsunterricht blieben, sondern zum Gegenstand aktueller Auseinandersetzung wurden: „Holocaust“ - die Geschichte der Familie Weiss.

Lebenswelten erfahrbar machen

Durch das Erzählen von Geschichten können fiktionale Unterhaltungsangebote vor allem auf zwei Wegen zur Wissensvermittlung beitragen. Erstens lassen sich ohne erkennbar pädagogische Absicht Informationen aller Art einbringen, die für die Handlung oder für das Verständnis handelnder - vor allem sympathischer - Personen wichtig sind, was den Informationszugang erleichtert. So kann jeder Krimi nebenbei Informationen über Polizeiarbeit, jede Arztserie medizinisches Wissen anbieten - sofern sie es will.

Zweitens können fiktionale Produktionen darüber hinaus Lebenswelten - in medialen Grenzen natürlich - erfahrbar machen. Dies gilt sowohl für die Gegenwart und Lebenswelten, die sich von denen der ZuschauerInnen signifikant unterscheiden, als auch für frühere. Zeitgeschichtliche Produktionen wie „Ku’damm 56“ und ihre Nachfolgeproduktionen oder die Serie „Charité“ ermöglichen zumindest eine Ahnung davon, wie es sich angefühlt haben mag, in der betreffenden Zeit zu leben.

Keine zwei Menschen erleben die gleiche Fernsehsendung auf dieselbe Weise, und selbst die gleiche Person wird zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Situationen die gleiche Sendung anders erleben. Der einfache Grund: In jedem Fall werden zumindest leicht differierende Ziele mit möglicherweise unterschiedlichem Einsatz und der Konzentration auf unterschiedliche Aspekte der Sendung verfolgt werden. Im Laufe unserer Mediensozialisation hat jeder und jede von uns ein Portfolio entsprechender Strategien entwickelt.

Manchmal möchte ich unter Einsatz all meiner Medienkompetenz und mit voller Konzentration ein ganz besonderes Erlebnis haben, da mir erzählt worden ist, dieser spezielle Film lohne die Mühe. Manchmal, wenn ich müde und abgespannt bin, reicht mir irgendwas halbwegs Interessantes, das ich eher nebenbei rezipiere. In beiden Fällen kann das Resultat ein gelungener Abend sein, weil Aufwand und Ergebnis zusammenpassen: Hoher Aufwand und ein begeisterndes Erlebnis oder geringer Aufwand und ein „Geht so“-Erlebnis. Unbefriedigend wird es erst, wenn rezeptives Engagement nicht belohnt wird oder eine Sendung mehr Aufmerksamkeit erfordert, als ich zu investieren bereit bin

Voraussetzung für individuelle Nutzungsstrategien ist natürlich, dass Medienproduktionen dafür offen sind, also unterschiedliche Zugänge für unterschiedliche Interessen bieten. Und das tun sie. In fiktionalen Produktionen agieren Schauspieler in Rollen an bestimmten Orten, um so eine Geschichte mit einer spezifischen Dramaturgie zu erzählen. Das heißt, Setting, Akteure, Figuren, Plot, Thema, Genre stellen jeweils für sich eigenständige Einstiegspunkte in Nutzungsprozesse dar, die sich natürlich auch kombinieren lassen. Ich kann beispielsweise einen Krimi sehen, weil ich die Ermittelnden oder diejenigen mag, die sie darstellen, mir der Handlungsort gefällt, ich den Fall interessant finde oder er spannend erzählt wird: Hauptsache ist, ich finde irgendeinen Zugang.

Unkonkrete Ergebnisse

Das gleiche gilt für alle Formen non-fiktionaler Unterhaltung: Ich kann beispielsweise eine Talkshow anschauen, weil mich die Moderatorin oder die Teilnehmenden interessieren oder das verhandelte Thema - oder ich warte bloß darauf, dass irgendwer aus der Rolle fällt. Musikshows können durch opulente Inszenierung und dadurch angespielte Sehnsüchte reizen, durch die performierte Musik oder durch die Kombination mit anderen Genres, etwa einem Wettbewerb. Reality-TV kann Einblicke in mir fremde Lebenswelten bieten oder etwas, das ich für echte Einblicke halte, weshalb ich für die AkteurInnen Mitgefühl oder Ablehnung (Hauptsache: irgendein Gefühl) empfinde oder mich freue, dass es mir besser geht.

Kochshows können nicht nur Anregungen für neue kulinarische Genüsse bieten, sondern auch Wettbewerb, (Wieder-)Begegnung mit aus Medien bekannten Menschen, die hier in einer eher privaten Situation agieren und vielleicht neue Facetten von sich zeigen oder es lässt sich einfach die mediale Inszenierung einer sozialen Situation genießen: Wir kochen zusammen, wir essen zusammen, uns geht es gut. Diese wenigen Beispiele mögen genügen: Fernsehunterhaltung in egal welcher Form ist nicht so simpel, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag: Es gibt immer viele Wege, auf denen eine Zuschauerin oder ein Zuschauer mit Unterhaltungsinhalten etwas anfangen kann.

Aber was sind überhaupt diese Unterhaltungserlebnisse? Da sie so vielfältig sein können und immer individuelle Erlebnisse sind, fallen Verallgemeinerungen schwer. Publikumsbefragungen, was denn von Unterhaltung erwartet wird, erbringen daher verlässlich relativ unkonkrete Ergebnisse. Unterhaltung soll Spaß machen, entspannen, Abwechslung bieten, nicht anstrengen und eine Flucht aus dem Alltag ermöglichen. Erkennbar ist immerhin, dass es um Genuss und Selbstgenuss geht, um schöne Erlebnisse, die im realen Alltag (zu) selten sind. Es sind zwar nur Medienangebote, die ich dafür benutze, aber die Gefühle, die ich dabei erlebe, sind real; von der Bestätigung meines Selbstbildes als kluger Mensch, die mir Quizsendungen ermöglichen, bis zum empathischen Mitfühlen mit dem Schicksal eines Akteurs oder einer Akteurin, egal ob in einem fiktionalen oder einem non-fiktionalen Format.

Gesellschaftliche Zusammenhänge

Gleichzeitig geschieht dieses Erleben nicht in einem luftleeren Raum, es ist immer in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden - und reflektiert gesellschaftliche Werte. Wenn davon die Rede ist, dass Fernsehunterhaltung eine (kleine) Flucht aus dem Alltag ermöglicht, gilt diese Feststellung in der Regel als ausreichend, dabei lädt sie erst zu den wirklich interessanten Fragen ein: Wie hat man sich diese „Flucht“ konkret vorzustellen? Jede Flucht hat einen Ausgangs- und einen Zielpunkt, also wer versucht aus welcher Situation mittels Unterhaltung wohin zu fliehen?

„Unterhaltung“ wird üblicherweise kaum Eigenwert zugestanden; wenn sie akzeptiert wird, dann vor allem wegen zusätzlicher Elemente, einem Mehrwert, wie etwa einem zusätzlichen Bildungswert. Dabei ist sie an sich bereits ausgesprochen werthaltig, aber auf andere Weise: „Unterhaltung“ strengt nicht an, sie ist alltäglich und Teil des Alltags ihres Publikums, und all die Werte, die für den Publikumsalltag relevant sind, sind folglich auch Teil von Unterhaltung. Dies schließt Grundsätzliches explizit ein: Wie wollen wir leben? Wie wollen wir mit unseren Mitmenschen umgehen? Für welche Ziele wollen wir uns einsetzen? All das spielt in der Unterhaltung eine wichtige Rolle - wird aber kaum wahrgenommen, weil es ja „nur“ um Unterhaltung geht.

Tatsächlich bietet Unterhaltung aller Genres, in fiktionaler wie non-fiktionaler Form, einen fortwährenden indirekten Wertediskurs - und beweist so ihren eigenen Wert. So geht es zwar beispielsweise im mit Abstand beliebtesten Genre in Deutschland, dem Krimi, vordergründig bloß um die Aufklärung von Verbrechen, dabei werden aber zahlreiche weitere Themen berührt: Was verstehen wir unter Recht und Ordnung? Wie sollte sich unsere Polizei verhalten? Und wer sollte eigentlich bei der Polizei arbeiten? Wovor haben wir als Gesellschaft am meisten Angst? Wird diese Angst im Krimi verstärkt oder kontextualisiert? Warum geschehen überhaupt Verbrechen? Wer ist schuld? Und wie sollten Strafen aussehen? Das sind nur einige wenige von sehr vielen möglichen wertbezogenen Fragen, die in Krimis explizit oder implizit immer eine Rolle spielen. Und die am häufigsten gegebenen Antworten darauf verändern sich natürlich im Laufe der Zeit.

Teilnahme am Wertediskurs

Als Folge eignen sich langlaufende Reihen hervorragend als Spiegel der Zeitgeschichte. Betrachtet man alle „Tatort“-Folgen seit 1970, erhält man etwa einen plastischen Eindruck von gesellschaftlichem und kulturellem Wandel: War Polizeiarbeit zunächst noch reine Männersache, die - abgesehen von einer legendären Ausnahme - von typischen Bürokraten erledigt wurde (die natürlich auch einmal ein Auge zudrücken konnten), wurden Polizeibeamte allmählich zu Menschen (mit Privatleben), und auch erste Beamtinnen kamen hinzu. Verbrechen und VerbrecherInnen wurden häufiger in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet und das Genre gegenüber anderen Genres geöffnet.

Und diese Genres veränderten sich ebenfalls und erlaubten eigene Einblicke in gesellschaftlichen Wandel - wie etwa die „Lindenstraße“, die über Jahrzehnte geradezu als fiktionale TV-Begleitung dieses Prozesses galt. Aber nicht nur sie: Wer wissen will, wie sich in Deutschland Vorstellungen über das Zusammenleben in familiären oder anderen Konstellationen verändert hat, tut beispielsweise gut daran, einen genauen Blick auf Familienserien und Daily Soaps zu werfen; Komödien deuten an, wo in einer Gesellschaft der Schuh drückt, ohne das gleich deren Fundamente bedroht sind.

Non-fiktionale Genres nehmen ebenfalls am Wertediskurs teil, jedes mit eigenen Mitteln und auf eigene Weise. Wo etwa Talkshows seismographisch den Stand der Gesprächskultur erkennen lassen, Castingshows Einblicke in Berufswünsche und - tatsächliche oder vermeintliche - Gepflogenheiten des Arbeitsmarktes gewähren, Datingshows indirekt über Beziehungsvorstellungen und Lebensentwürfe informieren, kommentieren Quizsendungen, was in einer Gesellschaft als wissenswert gilt und was sie von Leistung hält.

Auch in diesem Fall ermöglicht der Blick in die Fernsehgeschichte erstaunliche Beobachtungen: Im typischen Quiz der 50er Jahre galten Kenntnisse über Oper und Operette noch als Allgemeinwissen, heute eher als exotisch. Im Quiz der frühen Fernsehjahre mussten Fragen offen beantwortet werden, heute gibt es in der Regel Antwortvorgaben. Das heißt, früher wurde schlicht Leistung verlangt, heute kann man sich auch mit vager Ahnung und blindem Raten durchmogeln - es zählen nur der Erfolg und die Erleichterung der Publikumsbeteiligung.

Frühe Musikshows ließen vor allem erkennen, was in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit schmerzlich vermisst wurde - ein bisschen Glanz und Glamour, ein bisschen Las Vegas und große Welt („Bonsoir, Kathrin“) - und die Möglichkeit, endlich mal wieder in Urlaub fahren zu können („Hotel Victoria“).

Ein paar Jahre später war es ebenfalls eine Musikshow, die einen radikalen Bruch andeutete - der „Beatclub“. Mit diesem musikalischen Bruch, weg von der generationenübergreifenden Unterhaltungsmusik hin zu einer reinen Jugendmusik, war auch ein massiver gesellschaftlicher und politischer Wandel verbunden, der nicht zuletzt in einer Spielshow medialen Ausdruck fand: In „Wünsch dir was“ mussten keine Quizfragen beantwortet werden, sondern in Spielen wurden gesellschaftliche Normen und Wertvorstellungen hinterfragt. Damit symbolisierte „Wünsch dir was“ nachdrücklich den Abschied von der konservativen Adenauer-Ära und den Aufbruch, den die erste sozialliberale Koalition unter Willy Brandt einleiten wollte.

Fernsehen, und nicht zuletzt das Unterhaltungsfernsehen, fungiert als „kulturelles Forum“, als medialer Ort, an dem gesellschaftliche Wertvorstellungen vorgeführt, zur Diskussion gestellt und heute dank neuer digitaler Medien auch debattiert werden können. Und damit erbringt das Unterhaltungsfernsehen eine wichtige gesellschaftliche Dienstleistung - wobei insbesondere öffentlich-rechtliches Fernsehen in der Pflicht steht.

Aus epd medien 5/22 vom 4. Februar 2022

Gerd Hallenberger