Bericht aus der Jury des Grimme Online Awards 2022

epd Am 23. Juni sind in Köln acht herausragende Webangebote mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet worden. Die Jury vergab Preise in den vier Kategorien Information, Spezial, Wissen und Bildung sowie Kultur und Unterhaltung. Der Publikumspreis ging an den Youtube-Kanal „Scobel“ des Journalisten Gert Scobel (vgl. Meldung in dieser Ausgabe). Für den Grimme Online Award waren mehrere Hundert Webangebote vorgeschlagen worden, die Nominierungskommission wählte daraus 27 als preiswürdig aus (https://www.grimme-online-award.de/2022/nominierte). Mit dem nicht dotierten Grimme Online Award zeichnet das Grimme-Institut seit 2001 Websites, Apps, Podcasts, Social-Media-Angebote oder andere online veröffentlichte qualitativ hochwertige Beiträge mit publizistischem Charakter aus. Unser Autor Christian Bartels war Mitglied der Jury.

epd Das derzeit alle Medien beherrschende Nachrichtenthema kommt beim Grimme Online Award 2022 nicht vor. Das hängt, ähnlich wie beim Grimme-Preis für Fernsehprogramme, mit dem gründlichen Sichten und Auswählen der Nominierten aus Hunderten Einreichungen zusammen: Die Einreichungsfrist für Vorschläge endete am 1. März - fünf Tage nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. So dynamisch es im echtzeitgetriebenen Internet auch zugeht, so gut sich der Krieg scheinbar live auch in den sogenannten sozialen Medien verfolgen lässt: In dieser Kürze können keine originären onlinepublizistischen Ansätze entstehen, sich bewähren und ihr Publikum finden. Insofern konnte sich der Krieg mitten in Europa nicht im Feld der Einreichungen widerspiegeln.

Die Jury behalf sich, indem sie eine lobende Erwähnung für die beispielhaft schnelle Initiative der Redaktion von „Katapult“ aussprach. Das vor allem für die grafische Aufbereitung von Daten bekannte Magazin aus Greifswald hatte bereits am 26. Februar mitgeteilt, dass die Redaktion auf das halbe Gehalt verzichten werde, um ukrainische Kollegen einstellen zu können.

Medienhistorisch interessant

Themen, die mit Kriegen zusammenhängen und, wie sich zumindest im Rückblick zeigt, auch mit dem Krieg in der Ukraine, bestimmten dennoch den Jahrgang des Grimme Online Awards: Fragen nach preiswerter, aber umweltschädlicher Energie, nach Flucht und Vertreibung, Migration und Exil.

Die nominierte Website „Die fünfte Wand“, die sozusagen das Lebenswerk der im April verstorbenen Journalistin Navina Sundaram (epd 18/22) online kuratiert, blieb am Ende ohne Preis. Die gebürtige Inderin war eine der ersten deutschen Fernsehjournalistinnen mit Migrationshintergrund. Wer sich das Archiv ansehen will, muss sich bei „die-fuenfte-wand.de“ einloggen; das ist aus urheberrechtlichen Gründen nötig, allerdings etwas arg kompliziert. Die Mühe lohnt sich aber wegen vieler zeit- und medienhistorisch empfehlenswerter Fundstücke. Beispielhaft sei die 45-minütige NDR-Dokumentation „Fahndung nach einem Rebellen“ von 1971 hervorgehoben, die, von einem deutsch-indischen Treffen von Veteranen des Zweiten Weltkriegs ausgehend, über den indischen Kampf gegen die Kolonialherrschaft erzählt. Und die hand- und schreibmaschinengeschriebenen Texte Sundarams zu Wachstum und Rohstoffen, die ebenfalls auf der Website zu sehen sind, wirken verblüffend aktuell und auf der Höhe gegenwärtiger Diskussionen.

Vor allem die sich laufend erweiternde Vielfalt der Formen im Metamedium Internet macht die Juryrunden ebenso wie die Diskussionen der Nominierungskommissionen spannend. Von „Webspezifik“ ist im Statut des Grimme Online Awards und in den Diskussionen oft die Rede - womöglich ein inzwischen unscharfer Begriff, da sich eigentlich längst alle Medien primär am Internet orientieren, von gedruckt erscheinenden Zeitungen bis hin zum linearen Fernsehen.

Die Plattform Tiktok war in diesem Jahr mit drei Nominierungen stärker präsent denn je. Mit ihrer an Smartphonedisplays angepassten vertikalen Form, der gesichterfixierten Bildsprache und der besonders schnell gesprochenen Sprache ist die Plattform eines der wichtigsten Medien für junge Menschen. Der produktive Umgang mit der Gesichterfixierung auf den Vorschaubildern, die im englisch geprägten Internetjargon „Thumbnail“ heißen, springt im preisgekrönten Tiktok-Kanal „Safespace.offiziell“ ins Auge. Offensichtlich geht es nicht wie sonst meist um „normschöne“ Frauen, wie ein Jurykollege sagte, sondern um multikulturelle Vielfalt. Das Angebot der RBB-Gesundheitsredaktion will junge Frauen unabhängig von ihrer Herkunft über universelle Themen wie Ausfluss, juckende Brüste und Verhütung informieren. Sein Nutzwert auf der schnellen und populären Plattform Tiktok liegt auf der Hand.

Freilich hat die Plattform ihren Hauptsitz in China, dessen Umgang mit Demokratie und Menschenrechten auch in Deutschland derzeit scharf beobachtet wird. Europäische Datenschutzideale gelten dort nicht. Auch über die dominanten Plattformkonzerne aus den USA wurde in der Jury diskutiert. In diesem Jahr waren zwei Podcastproduktionen von Audible nominiert, über die die Jury lange debattierte. Beide Produktionen der Hörbuchtochter von Amazon wurden mit Recht gelobt, weil sie brisante Themen aufgreifen: den behördlichen Umgang mit als schwierig eingestuften Jugendlichen und die unheilbare Krankheit Alzheimer. Einen Preis bekamen letztlich beide nicht.

Podcasts in Bestform

Von Instagram, der Plattform, die zum Facebook-Konzern Meta gehört, war in diesem Jahr nur ein Angebot in der Jurydiskussion. Mit der Nominierung von „@nichtsophiescholl“ setzte die Nominierungskommission ein deutliches Signal gegen den SWR/BR-Kanal „@ichbinsophiescholl“, der im vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit erfuhr, nicht zuletzt von den dahinterstehenden ARD-Anstalten, aber auch viel fundierte Kritik (epd 9/22). Das kleine, von drei Macherinnen gestemmte Gegenprojekt kam in den Juryabstimmungen nicht durch, obwohl aus Sicht des Autors einiges dafür sprach - etwa, dass die Inhalte großteils auch im freien Internet ausspielt werden und niemand gezwungen wird, sich einen Instagram-Account zuzulegen.

Podcasts spielen seit Jahren eine Hauptrolle beim Grimme Online Award. Inzwischen scheinen sie zur besten Form zu avancieren, um aufwendige Recherchen differenziert und ohne jene Formatzwänge aufzubereiten, denen sich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk zunehmend unterwirft. Der Podcast „Slahi - 14 Jahre Guantánamo“ besteht aus zwölf Episoden zwischen 20 und 39 Minuten Dauer. Die Dauer ergibt sich aus dem, was erzählt wird, nicht aus Sendeflächen, die im linearen Programm zur Verfügung stehen beziehungsweise gefüllt werden müssen. Ins formatierte Radioprogramm passt so etwas nicht, ins Fernsehen gleich gar nicht, auch wenn Co-Host John Goetz mit „Slahi und seine Folterer“ eine Fernsehdokumentation in Fassungen von knapp 60 und knapp 90 Minuten zum Thema drehte.

Ist der Podcast also eine „Zweitverwertung“? Auch solche Fragen diskutiert die Jury immer wieder. Die Antwort der Jury lautete hier klar Nein. Angesichts der voranschreitenden Fragmentierung von Medien und Öffentlichkeit müssen aufwendige Reportagen auf mehreren Kanälen ausgespielt und für jeden bestmöglich aufbereitet werden - und sich für den Teil des Publikums, der sich mehr dazu anhören oder anschauen will, idealerweise ergänzen.

Raum für Ambivalenz

Der Podcast über den aus Mauretanien stammenden Ingenieur Mohamedou Slahi, der 14 Jahre ohne Anklage in Guantánamo festgehalten wurde, erzählt seine zwischen Deutschland und Mauretanien, Afghanistan und dem US-amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo spielende Geschichte ausführlich und mit Raum für Ambivalenz, denn die kann angesichts des islamistischen Terrorismus einerseits und der Folter durch die westliche Supermacht andererseits nicht ausgeräumt werden.

Auch das ist eine Stärke des Mediums Podcasts: dass es diese Ambivalenz zulässt. Die Moderatoren nehmen immer wieder unterschiedlichen Perspektiven ein, hier erscheint das klassische Prinzip dialogischer Präsentation, das in so vielen Fällen zu „Laberpodcasts“ ausartet, produktiv. Der junge Bastian Berbner argumentiert emotional und äußert auch mal Mitleid mit Folterern, wenn die inzwischen Bedauern bekunden. Investigativjournalist Goetz dagegen, deutlich älter und gebürtiger US-Amerikaner, lässt gerne anklingen, dass er schon viel gesehen hat und dass man solche Aussagen nicht immer für bare Münze nehmen muss. Zur Meinungsbildung, einer zentralen Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, tragen solche Podcasts idealtypisch bei.

Auch Archive lassen sich in Podcasts besonders gut nutzen. Seit Beginn der Digitalisierung sind sie prallvoll mit Onlinevideos, aber auch mit Radiosendungen und anderen Audioschnipseln. „Cui bono: WTF happened to Ken Jebsen“ profitiert davon, dass Onlinevideos immer auch eine Tonspur enthalten und dass sich die Frage, ob Gesichter verpixelt werden sollten, bei einem Podcast nicht stellt. Diese ebenfalls ausgezeichnete Produktion zeichnet die Laufbahn des ehemaligen Moderators des RBB-Senders Fritz nach und zeigt, wie Verschwörungstheorien groß wurden - aber auch, wie schnell die Medienlandschaft sich veränderte und verändert und wie lange ältere Medien wie der RBB die Entwicklung zum „Trimedialen“, also ins Internet, unterschätzten.

Podcasts erzählen linear, daher fehlt es in einzelnen Podcastfolgen nicht an Hinweisen im Stil von „Wenn Du Folge 1 noch nicht gehört hast ...“. Widerspricht also ihre Beliebtheit dem Trend zu nonlinearen Medien? Ist das ausgefeilte „Storytelling“ der Podcasts eine Gegenbewegung zur multimedialen, webspezifischen Erzählform des „Scrollytelling“ - die zur Auflösung der Linearität beitrug und lange als Inbegriff für preisgekrönte Internetangebote auf hohem Niveau galt? Auch darüber haben wir diskutiert.

Neue Brisanz

Die Jury zeichnete auch in diesem Jahr herausragende Beispiele für multimediale, individuell „scrollbare“ Internetangebote aus. „Kandvala“, von Sitara Thalia Ambrosio und Iván Furlan Cano jenseits aller Institutionen mit minimalem Budget und umso mehr Engagement auf eigene Faust im bosnischen Nordwesten konzipiert und recherchiert, gefilmt und aufgenommen, bietet Videos, Audioelemente, Texte sowie eindrucksvolle Fotos. Die Multimediareportage der gerade mal 20-jährigen Fotojournalisten schildert, was Flüchtlinge an dieser Außengrenze zur Europäischen Union antreibt und ausharren lässt.

Der Preisträger „Nuclear Games - Die atomare Bedrohung“ arbeitet mit einer Mischung aus Graphic-Novel-Animation und klassischer Dokumentation mit Videos und Text. Inhaltlich greift die Webdokumentation des Schweizer Rundfunks SRG in Zeit und Raum aus, sie geht zurück bis zu den Atombombenabwürfen 1945. Auch der medial oft wenig beachtete Kontinent Afrika, der sowohl im Kolonialismus als auch gegenwärtig unter Aktivitäten der Atommächte litt und leidet, wird beleuchtet. Dass jetzt erstmals seit Jahrzehnten die Gefahr eines Atomkriegs schrecklich real erscheint und zugleich die Nutzung von Kernenergie auch dort neu gefordert wird, wo wie in Deutschland bereits die Abschaltung beschlossen wurde, konnte bei der Erstellung des Angebots noch keine Rolle spielen. Die aktuelle Lage lässt das Angebot aber nun umso brisanter erscheinen, in welcher Reihenfolge und welchem Tempo auch immer man sich durch die Seite scrollt und klickt.

Auch kulturelle Themen sind komplex, die Kunst besteht darin, diese Komplexität darzustellen, ohne dabei auszuufern oder die Themen unzulässig zu verkürzen. Für Kulturplattformen wie die des ZDF und die gerade entstehende der ARD besteht die Herausforderung zusätzlich darin, für unterschiedliche Geschmäcker unterschiedliche Nutzungsarten anzubieten. „Ostkunstwest: deutsch-deutsche Kunstgeschichten“ vom MDR blieb lange in der Diskussion, weil die Seite deutsch-deutsche Nachkriegskunst eindrucksvoll zugänglich macht - vor allem naturgemäß in Form von Bildern, leuchtenden Gemälden. Die Website erhielt jedoch am Ende keinen Preis.

Berückend schlicht

Dafür wurde das datenjournalistische interaktive Dokuprojekt „Umwelt in Ostdeutschland“ ausgezeichnet, für das der MDR deutsche Umweltgeschichte aufbereitete. Auch dieses Projekt ist multidimensional, da es zum einen entlang einer Zeitachse bis in die Gegenwart hinein erzählt, zum anderen die gesamte Biosphäre abbildet. So treten ambivalente Entwicklungen zutage und es zeigt sich, dass das, was für das Klima gut ist, der Artenvielfalt schaden kann. Zwar war die Schwefeldioxidbelastung einst in Bitterfeld unvorstellbar hoch, zwar lagern noch immer Schadstoffe tief in den Böden und verursachen Folgeschäden, doch Singvögel sind im deutschen Osten erst vom Aussterben bedroht, seit nach der politischen Wende in viel größerem Ausmaß Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt werden. Auf dem wichtigen Feld des Datenjournalismus zieht „www.umwelt-im-osten.de“ viele Register.

Wie ein Gegenpol mag da in seiner berückenden Schlichtheit der Preisträger „Im Dunkeln - ein Leuchten“ erscheinen. Die Staatsgalerie Stuttgart präsentiert hier - mit Ver- und Enthüllungen - die eindrucksvollen Werke, die der jüdische Stuttgarter Fred Uhlmann im britischen Exil schuf. Uhlmann war vor nationalsozialistischer Verfolgung nach Großbritannien geflohen, wo er aber nach Kriegsbeginn zunächst als Deutscher interniert wurde. Die dezente Interaktivität einer „digitalen Taschenlampe“ zeigt, dass auch im Jahr 2022 einfache Mittel große Wirkung entfalten können. Das Internet bleibt faszinierend wegen seiner Dynamik, der Fülle der Formen und der Bandbreite der Inhalte, die auf immer mehr Geräten präsentiert werden können.

Das Spezifischste am Netz aber ist die Vernetzung, daher ging der Spezialpreis in diesem Jahr an „Correctiv.Lokal“. Das Recherchekollektiv Correctiv, das auch mit der gemeinsam mit dem BR unternommenen Recherche „Das unsichtbare Kind“ über Missbrauch in der katholischen Kirche vorgeschlagen war, wird mit schöner Regelmäßigkeit alle Jahre wieder für den Online Award nominiert. Der Ansatz von „Correctiv.Lokal“, Redaktionen zu gemeinsamen Recherchen zusammenzubringen, damit sie über bundesweit relevante Themen im Lokalen berichten können, kann im Feld des Lokaljournalismus viel bewegen.

Aus epd medien 26/22 vom 1. Juli 2022

Christian Bartels