Das Wir-Gefühl

Das Radio im 21. Jahrhundert

epd Die Medien verändern sich. Rundfunk wird über das Internet verbreitet, und durch die vielen Möglichkeiten, Sendungen zeitversetzt in Mediatheken oder bei Abrufdiensten zu nutzen, verändern sich auch die Hör- und Sehgewohnheiten. Was bedeutet das für das Radio? Und was für die Programmmacher? Wollen die Hörer überhaupt noch ein Programm, das ihnen 24 Stunden am Tag Information, Musik, Gespräche und zwischendurch vielleicht sogar Hörspiele und Features bietet? Brauchen Programme noch eine Dramaturgie und feste Sendezeiten? Gemeinsam mit dem "Dokublog" von SWR2 fordern wir dazu auf, über lineares Radio sowie Programmdramaturgien und -strategien nachzudenken. Wir setzen unsere Reihe fort mit einem Beitrag von Anke Mai, Programmdirektorin Kultur beim SWR. Für sie ist Radio seit fast 100 Jahren das erste soziale Medium überhaupt, weil Menschen es allein hören können, aber trotzdem beim Hören ein Wir-Gefühl entstehen kann. Die bisherigen Beiträge unserer Reihe erschienen in epd 30-31, 33, 45, 47, 48/17, 7, 9, 12, 24/18, 34, 44, 51-52/19 und 10/20.

Es ist sicher nicht die letzte, auch nicht die erste große Krise des 21. Jahrhunderts. Aber es ist eine Krise, die unser aller Leben nachhaltig verändert. Und das reicht bis hinein in das Mediennutzungsverhalten unserer Gesellschaft. Man wird die Geschichte der Gegenwart in eine Zeit vor und nach Corona einteilen können.

Der elfte September 2001, der erste krisenhafte Meilenstein des gerade angebrochenen Jahrhunderts, hat die Parameter der Außen- und Sicherheitspolitik weltweit neu bestimmt. Die Bankenkrise hat unser Finanzsystem dauerhaft umgekrempelt. Die Corona-Pandemie aber beeinflusst das globale Leben in all seinen Facetten und wird zur Zäsur, manche sprechen von einer nie dagewesenen Krise. Sie hat einen Veränderungsprozess in Gang gesetzt, der viele jahrzehntelang gültige Regeln unserer Gesellschaft über den Haufen wirft, viele Entwicklungen beschleunigt und andere aushebelt: Disruption allerorten.

Das digitale Leben, das mitunter auch ein vereinzeltes, vereinsamtes Leben ist, wird noch konsequenter vorangetrieben. Social Media als Kur gegen das Social Distancing, die Videoschalte im Homeoffice als Ersatz für die dicht gedrängte Sitzung im Büro. Das einsame Wohnzimmerkonzert rückt an die Stelle des Erlebnisses im Saal mit seinem Wir-Gefühl - vor und auf der Bühne, bis plötzlich und völlig unerwartet das ganz analoge Autoradio zum Eventmedium der Stunde mutiert. Auf einmal macht das Relikt einer vergangenen Zeit, das Autokino, es möglich, dass Menschen irgendwie Teil eines Ereignisses sind, das zwar auf der Bühne sichtbar ganz in der Nähe stattfindet, als Film, Comedy oder Konzert, aber doch in Kleinstgruppen konsumiert wird. Der Ton kommt aus den Lautsprechern im Radio.

Und das ist der Idee Radio nicht unähnlich, es ist eigentlich die Geschichte des Radios, in all ihrer Vielfalt und Faszination, auf den Punkt gebracht. Das Radio war von Beginn an das Medium, bei dem sich Menschen auch ganz allein als Teil einer großen Gruppe fühlen konnten, als Ohrenzeugen eines unerhörten Ereignisses, als Mitglied einer Gemeinschaft, die nun gerade einem Orchester, einer Schauspielerin, einem Sportreporter oder einem Staatschef, im Zweifel auch einem Diktator oder Kommentator lauschte.

Teil einer Gemeinschaft

Radio war also das erste große soziale Medium, auch wenn der Kanal eine Einbahnstraße zu sein schien. Interaktion fand nicht oder jedenfalls nicht öffentlich statt. In der eigenen kleinen,analogen "Filterblase" Familie wurde dann aber doch über das Gehörte kommuniziert. Auch wenn der Begriff "Filterblase" erst im digitalen Zeitalter geprägt wurde, gibt es sie schon lange. Meinungen zum Gehörten wurden nicht gepostet, sie wurden geäußert, in einem überschaubaren Kreis an Menschen, der gerade mithörte. Und der vielleicht die Sicherheit gab, im geschützten Raum mit Gleichgesinnten sich gegenseitig der Richtigkeit der eigenen Gedanken oder Haltung zu versichern.

In Zeiten von Corona werden wir wieder auf diesen ersten großen Auftrag des Mediums Radio, die Gemeinschaftsbildung, zurückgeführt, wir erinnern uns der Anfänge - und sind doch ganz weit davon entfernt. Im Autokino hören wir nicht digital, nicht zeitversetzt, wir sind unmittelbar dabei und können davon ausgehen, dass alles authentisch ist, weil wir es auch sehen, mit den eigenen Augen, und spüren, dass das, was wir jetzt über eine nicht perfekte UKW-Frequenz hören, tatsächlich gerade passiert. Dessen können wir uns sonst nicht mehr überall sicher sein, denn die Digitalisierung der Medien hat ihnen auch einen Teil ihrer Unmittelbarkeit genommen.

Sie sind nun nonlinear, dem Strom der Zeit entzogen, online jederzeit verfügbar. Das hat so unglaublich viele Vorteile, wir verpassen nichts, wir können uns unser Programm nach unseren Vorstellungen selbst komponieren, sind unabhängig von Zeit und Ort.

Und wo bleibt das Wir? Im linearen Fernsehen spricht man von den Lagerfeuer-Formaten, die allerdings immer mehr verschwinden. Die Familie versammelt sich nicht mehr vor dem Bildschirm, um irrwitzige Wetten zu verfolgen oder Filmstars beim Small Talk zu bewundern. Im Radio waren es vielleicht noch die Bundesliga-Sendungen am Samstagnachmittag, bevor der Stream auch dieses Gemeinschaftserlebnis ablöste.

In der digitalen Welt der Immer-und-Überall-Verfügbarkeit sind wir durch die Vereinzelungsanlage geschickt worden und konsumieren vor uns hin. Und da macht das UKW-Autokino-Event plötzlich deutlich, was Radio auch heute kann und soll: Es bringt einer Gesellschaft den Augenblick zurück, das gemeinschaftliche Erleben. Dazu gehört auch Authentizität, Unmittelbarkeit, das Jetzt-Gefühl, das Wir.

Hohe Kunst der Programmgestaltung

Selbstverständlich ist Radio noch viel mehr als das, mehr als ein Live-Erlebnis. Auch die einzelnen Programmbestandteile von Radio, also die einzelnen, für sich genommenen, abrufbaren Inhalte, sind gerade so wertvoll, weil sie uns die komplexe Welt verständlich machen, weil sie uns - zum Beispiel - eine Corona-Krise erklären, weil sie den Zusammenhang herstellen, weil wir uns anhand der Informationen und Hintergründe eine Meinung bilden können und Dinge, die wir genauer wissen wollen, auch vertiefen.

Dafür gibt es Apps und Audiotheken, die unsere digitale Radiowelt grenzenlos machen. Wir können forschen und recherchieren, wir können uns unterhalten lassen, uns unsere Comedy aussuchen oder das Hörspiel, das uns entführt aus der Corona-Realität, wir hören Konzerte oder Nachrichten, wir lassen uns von Kommentaren anregen oder ärgern, wir haben alles auf Klick. Das ist Radio im Netz, eine nicht endende Fülle an Inspiration und Wissen, an Bildung und Orientierung, Einordnung und Geist, Witz und Lebensfreude. Zunächst einmal sind das Audios, Content. Ist es auch Radio?

Radio, wenn es linear ist, ist mehr. Es ist nicht die Befriedigung des einen Bedürfnisses, die errechnete Folge des persönlichen Algorithmus. Radio, das sind Hunderttausende Algorithmen. Die hohe Kunst der Programmgestaltung. Und ein bisschen auch der Verweigerung. Und vielleicht ist es gerade dieser Aspekt, der lineares Radio so wunderbar anachronistisch und gleichzeitig so inspirierend macht. Denn ich wische den Content nicht weg, ich schalte im schlimmsten Fall um.

Aber ganz oft bleibe ich halt dran. Höre treu meinen Sender, ich kenne meine Moderator*innen, ich lasse mich von der Musikauswahl überraschen, fühle Nähe durch Sprache und Themen. Es ist nicht einfach nur meine Playlist, es ist nicht mein personalisierter Stream. Ich gebe mich hin, nicht meinem eigenen Diktat, sondern dem Diktat eines Kuratoriums, das die Nachrichten auswählt, das die Themen bestimmt und mir Musik vor die Nase setzt. Dass wir das zulassen, hat etwas mit Vertrauen und auch mit Bequemlichkeit zu tun - aber eben auch mit dem Autokinoeffekt: dem Wir-Gefühl.

Die Summe aller Filterblasen

Das könnte eine der großen gesellschaftlichen Aufgaben des Radios im 21. Jahrhundert sein. Die Menschen, die zuhören, sind Teil einer großen Gruppe. Wenn es Radio richtig gut macht, dann sind diese Menschen jedenfalls nicht nur in ihrer eigenen Filterblase unterwegs, sondern sie hören auch mal Musik, die nicht in ihrer Playlist läuft, sie hören Dinge, die sie so noch nicht wussten und vielleicht auch gar nicht wissen wollten, sie vernehmen Meinungen, die ihrer eigenen durchaus auch mal widersprechen, sie erfahren Dinge, nach denen sie niemals gesucht hätten, die nichts mit ihrer Kultur zu tun haben, werden informiert über Ereignisse, die sich nicht vorprogrammieren ließen. Sprich, der Algorithmus kommt hier schon lange nicht mehr mit.

Demokratie ist dann die Summe aller Filterblasen. Vielfalt der Kulturen, Erfahrungen, Haltungen und Meinungen.

Ja, die Radionutzung nimmt ab, auch und gerade bei der jüngeren Zielgruppe. Ja, das Nutzungsverhalten hat sich verändert. Ja, Radio muss in die digitale Welt übersetzt, ich will fast sagen: hinübergerettet werden. Denn wie arm wäre unsere Gesellschaft, wenn jeder nur noch in seiner Social-Media-Blase sich seiner selbst vergewissern würde. Damit das nicht passiert, muss Radio einen Weg in die smarten Geräte finden und in den vernetzten Autos auch dann seine Stellung behaupten, wenn die Mediasysteme, die einst Autoradio hießen, nur noch über das Internet laufen.

Natürlich muss Radio auf diesem Weg auch flexibler werden, das heißt, der Generation, die nun mal die Musik oder einen Beitrag nutzen möchte, auch erlauben, ungeliebte Titel und Themen wegzudrücken. Personalisiertes, also selbst kuratiertes öffentlich-rechtliches Radio ist erst dann möglich, wenn zum Beispiel die Musikrechte-Frage geklärt ist. Auch die Auswahl des Contents, der Inhalte, kann personalisiert werden, so dass wir uns vom linearen Gemeinschaftserlebnis schon sehr weit entfernen.

Aber Corona hat vielleicht gerade auch diese Zukunft verändert. Wir entdecken den Wert einer redaktionell kuratierten Sendung wieder. Denn damit erst entsteht Orientierung im Datendschungel, wird ein Weg gezeichnet durch die Fülle an Informationen. Auch das hat die Corona-Krise sehr deutlich gemacht: Wenn es ernst wird, suchen die Menschen nach genau dieser Orientierung und Einordnung, sie verlangen nach fundierter Recherche, nach schneller und direkter Information, nach Verlässlichkeit, Sicherheit. Und sie suchen in der verordneten sozialen Distanz nach dem gemeinschaftlichen Erleben.

Für diese Vielfalt an Menschen und Interessen muss das Radio, zumal das öffentlich-rechtliche, Antworten finden. Entscheidend wird sein, diese Vielfalt und Verlässlichkeit auch in einem personalisierten, digitalisierten Audioangebot zu ermöglichen, das nur noch rudimentär etwas mit dem eigentlichen Antennenradio zu tun hat. Am Ende ist es dann auch die große Chance des Radios, dass die Summe der Wirs, die sich vor diesem akustischen Lagerfeuer versammeln, ein Abbild einer diversen Gesellschaft ist und ein Pfeiler der Demokratie.

Aus epd medien 32/20 vom 7. August 2020

Anke Mai