Das Hinhörmedium

Radio ist mehr als Audiojournalismus

Die Medien verändern sich. Rundfunk wird über das Internet verbreitet, und durch die vielen Möglichkeiten, Sendungen zeitversetzt in Mediatheken oder bei Abrufdiensten zu nutzen, verändern sich auch die Hör- und Sehgewohnheiten. Was bedeutet das für das Radio? Und was für die Programmmacher? Wollen die Hörer überhaupt noch ein Programm, das ihnen 24 Stunden am Tag Information, Musik, Gespräche und zwischendurch vielleicht sogar Hörspiele und Features bietet? Brauchen Programme noch eine Dramaturgie und feste Sendezeiten? Gemeinsam mit dem „Dokublog“ von SWR2 fordern wir dazu auf, über die Zukunft des linearen Radios nachzudenken. Für Diemut Roether ist der derzeitige Podcastboom ein deutliches Zeichen für eine Renaissance des Wortes. Höchste Zeit also für eine Rückbesinnung des Mediums Radios auf seine Stärken als Geschichtenerzähler. Die bisherigen Beiträge unserer Reihe erschienen in epd 30-31, 33, 45, 47, 48/17, 7, 9, 12, 24/18, 34, 44, 51-52/19, 10, 32, 39/20, 2, 11 und 15/21.

epd Der Medienkonzern Axel Springer überraschte die Branche Ende Juli mit der Mitteilung, dass er seine Audio-Angebote ausbauen will. Bis 2025 will Springer nach eigenen Worten „zum führenden Medienunternehmen für Audio-Journalismus im deutschsprachigen Raum werden“. Geplant sind spezielle Audio-Formate, „aufwendige und mitunter mehrteilige Produktionen“, in denen die großen Themen der Zeit aufgegriffen werden. Entstehen sollen sie überwiegend in Zusammenarbeit mit den Redaktionen von „Bild“ und „Welt“.

Es ist bezeichnend und folgerichtig, dass Springer in seiner Pressemitteilung von Audiojournalismus spricht und nicht von Radiojournalismus. Schließlich ist das Unternehmen auch an zahlreichen Privatsendern wie Antenne Bayern, Hit Radio FFH, Radio Hamburg oder Radio FFN beteiligt, die aber für die neue Audioplattform offensichtlich keine Rolle spielen werden. Kein Wunder, haben doch die meisten Privatsender in den vergangenen drei Jahrzehnten den Journalismus in ihren Programmen mehr oder weniger erfolgreich auf das gerade noch notwendige Minimum reduziert. Was früher Radiojournalismus hieß und was die Öffentlich-Rechtlichen in ihren Kultur- und Informationswellen noch immer als solchen ausstrahlen, wird nun im Netz als Audiojournalismus neu erfunden.

Die Entwortung der Programme

Der neue Audioboom, der mit der starken Zunahme erfolgreicher Podcasts im Web ausgerufen wurde, hat wohl vor allem die Radioberater überrascht, die seit Beginn der 90er gepredigt hatten, Radio sei allenfalls ein „Nebenbeimedium“, dem keiner genau zuhören wolle. Ihr Credo lautete, polemisch zugespitzt: Die Hörerin will hier nicht mit langen Beiträgen belästigt werden, Wort stört. Und die Hörer wollen gern immer wieder die gleichen Musiktitel hören, je beliebter, desto häufiger. - Was zur Folge hatte, dass die beliebtesten Hits in der sogenannten heavy rotation mehrmals am Tag wiederholt werden.

Im Zuge der Entwortung der Programme wurde den Radio-Moderatoren eingetrichtert, sie sollten bloß nicht zu viel labern, ihre Aufgabe sei, gute Laune zu verbreiten und die jeweilige angenommene Stimmung des Publikums zu unterstützen. „Mood management“ nennt sich das. So kam es, dass gefühlt alle Radiomoderatoren in den populären Wellen nur noch vom Wetter sprechen und jedes Frühjahr wieder, sobald die Temperaturen steigen, dazu aufrufen, den Grill anzufeuern. Die Woche ist in ihren Moderationen ein einziges Hinleben auf das Wochenende: Da wird der Mittwoch zum „Bergfest“, der Donnerstag zum „Vizefreitag“ und am Freitag heißt es endlich: „Hoch die Hände, Wochenende!“

Unterstützt wurden solche Tendenzen durch die Media-Analyse Radio, die zwei Mal im Jahr erfasst, wie viele Hörer welchen Sender einschalten. Diese Art der Hörerforschung ist nicht vergleichbar mit den Einschaltquoten, die im Fernsehen gemessen werden. Für die Media-Analyse werden rund 70.000 Personen befragt, welchen Sender sie am Vortag gehört haben. Um einen Eindruck davon zu gewinnen, wann die Menschen Radio hören und wie sie das Medium im Tagesverlauf nutzen, wird der Tag in Viertelstunden-Schritten abgefragt. Wenn eine Hörerin angibt, sie sei um 6.30 Uhr morgens aufgestanden, wird gefragt, ob sie nach dem Aufstehen, beim Duschen oder beim Frühstück Radio gehört hat.

Diese Art der Befragung, das sagen die Medienforscher selbst, eignet sich nicht dazu, Aussagen zum Erfolg einzelner Sendungen zu treffen. Denn nach diesen wird gar nicht gefragt. Die Hörer werden auch nicht nach ihren Interessen oder Höreindrücken befragt. Die Medienforschung geht davon aus, dass Radiohörer nicht gezielt einzelne Sendungen einschalten, sondern dass sie ein oder zwei Lieblingssender haben, die sie in der Regel täglich hören - egal, was sie gerade im Programm haben. Die Daten der Media-Analyse gelten als „Währung im Werbemarkt“, sie sollen also den Werbekunden Auskunft darüber geben, wie viele Menschen sie zu welcher Uhrzeit in welcher Radiowelle erreichen - und danach werden die Preise für die Spots festgelegt.

Audio-Erzählungen

Daher ist es nicht seriös, wenn ein Sender sich auf die Zahlen der Media-Analyse beruft, um eine Radiosendung zu verändern oder gar abzuschaffen, wie es zum Beispiel im vergangenen Jahr die WDR-Geschäftsleitung in einer Vorlage für den Rundfunkrat tat: „Seit Jahren erreichen die Informationssendungen ‚Mittagsecho‘ und ‚Echo des Tages‘ zunehmend weniger Hörer*innen“, stand in dem Papier (epd 1/21). Leider lassen sich Rundfunkräte von solchen scheinbar objektiven Zahlen leicht beeindrucken. Es kann viele Gründe geben, eine Sendung zu verändern, die Zahlen der Media-Analyse geben solche Aussagen jedoch nicht her.

Das zunehmende Interesse an Podcasts im Internet zeigt jedoch: Die Lust der Menschen am Zuhören und ihr Interesse an Geschichten ist ungebrochen. Der Podcastboom zeigt auch, dass gerade junge Menschen im Netz nach Persönlichkeiten suchen, denen sie vertrauen und denen sie gern zuhören, weil sie wirklich etwas zu erzählen haben. Der Filmemacher und Autor Alexander Kluge sagt: „Das Ohr unterscheidet besser, wem ich vertrauen kann, als das Auge, das sich durch Werbung schneller täuschen lässt.“ Das Radio kann davon profitieren, indem es sich wieder auf seine Stärken besinnt. Indem es Geschichten erzählt, die so nicht woanders erzählt werden können. In unserer mit Bildern übersättigten Welt ermöglichen es uns die Audio-Erzählungen, eigene Bilder im Kopf zu erschaffen.

Die Art der persönlichen Ansprache zeichnet gute Radiomoderatoren seit jeher aus. Viele heute bekannte Medienpersönlichkeiten haben im Radio angefangen. Nicht nur Thomas Gottschalk und Günther Jauch, auch Oliver Welke, Jan Böhmermann oder Sophie Passmann haben zuerst Hörfunk gemacht. Sie konnten sich dort ausprobieren und neue Formate erfinden. Und als sie bei den Radiowellen nicht mehr die Möglichkeit sahen sich zu entfalten, wechselten sie das Medium. Das Fernsehen versprach mehr Aufmerksamkeit - und damit auch höhere Honorare.

Dass das Radio lange so wenig Beachtung fand, hat die Radiomacher zu Recht gekränkt. Inzwischen hat sich die Zahl der Medienangebote so inflationär vermehrt, dass einzelne Radiosender wieder als Marken und Leuchttürme wahrgenommen werden.

Renaissance des Wortes

Die Radiosender haben es in der Hand, dass die Jungen das Medium durch das Internet neu entdecken. In den Audiotheken der öffentlich-rechtlichen Sender gibt es vieles, was auch junge Menschen als guten Audiojournalismus schätzen. Das Deutschlandradio hat im vergangenen Jahr knapp 50 Menschen zwischen 25 und 45 Jahren zu ihrer Radionutzung befragt. Die eine Hälfte nutzte bereits Programme des Senders, die andere kannte die Programme nicht, nutzte jedoch Online-Audio-Inhalte. In der Diskussion zeigte sich, dass auch diejenigen, die bisher kaum Radio hörten, den Wegfall linearer Radio-Programme nicht akzeptieren würden. Sie befürchten, dass dies „negative Auswirkungen auf die freie Meinungsbildung“ haben könnte. Auch die sozial-integrative Funktion des Radiohörens wurde hervorgehoben.

Wenn das Radio sich nicht auf den Radiojournalismus und auch seine Funktion als Kulturproduzent zurückbesinnt, droht es sich überflüssig zu machen, weil es als Medium zu wenig Eigenständiges zu bieten hat. Angesichts der vielen Wahlmöglichkeiten im Internet und eines sich immer weiter ausdifferenzierenden Publikums scheint die Idee der Massenwelle nicht mehr so überzeugend wie der Gedanke, mit spezialisierten Angeboten ein ganz bestimmtes Zielpublikum zu erreichen.

Der Erfolg der Podcasts deutet auf eine Renaissance des Wortes hin. Nachgefragt sind Angebote, deren Protagonisten und Protagonistinnen die Nutzer vertrauen können. Der im Februar 2020 vom NDR ins Leben gerufene Podcast „Coronavirus-Update“ mit Christian Drosten gehörte nach einem Jahr mit insgesamt 86 Millionen Abrufen zu den erfolgreichsten Podcasts in Deutschland. Hier hat eine Radioredaktion schnell auf die Pandemie-Lage reagiert und mit dem Podcast ein Angebot geschaffen, das vielen Orientierung bietet und sich unabhängig von Sendezeiten und Sendeplätzen nutzen lässt.

Der Erfolg des „Coronavirus-Updates“ zeigt, wie wichtig es ist, in diesem Meer von Audio im Netz Inseln der Verlässlichkeit zu finden. Und hier kommen jetzt wieder die Radiosender mit ihren eingespielten redaktionellen Prozessen als Absender ins Spiel. Sie haben die Erfahrung und die Kapazitäten, diese Inseln der Verlässlichkeit zu schaffen.

Gewiss unterliegen Podcasts anderen Regeln als Radiosendungen. Podcast-Hörer wollen, dass Podcasts wie Podcasts klingen, sie wollen Gespräche, manchmal auch Plauderei und verzeihen technische Unzulänglichkeiten. Doch zugleich rückt die Nachfrage nach diesen individuellen Produktionen, in denen alle Ich sagen und von ihren persönlichen Erfahrungen berichten, die Bedeutung der Redaktion wieder in den Fokus. Redaktionen setzen das Persönliche in Relation zum Allgemeinen. Denn nicht alles Persönliche ist relevant: Beim ersten Mal mag es noch ganz lustig sein zu hören, welches T-Shirt der Gesprächspartner heute trägt. Bei der 40. Wiederholung wird das jedoch ähnlich nervig wie die zwanghaft gute Laune vieler Radiomoderatoren.

Auch die Corona-Pandemie hat dazu beigetragen, dass das Radio neu entdeckt wird. Für viele wurde es im Homeoffice wieder zu einem Begleitmedium, das den Tag strukturierte und die Öffentlichkeit herstellte, die durch die Schließung aller öffentlichen Veranstaltungsräume verloren gegangen war. Und als sich kürzlich die Flüsse Ahr und Erft in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen über Nacht in reißende Ströme verwandelten, die Häuser und Brücken wegschwemmten, stellte sich die Frage nach der Rolle des Radios in der Katastrophe: Hatte es ausreichend vor den Folgen der heftigen Regenfälle gewarnt und angemessen darüber berichtet?

Die Katastrophe rückte auch die Bedeutung der (noch) funktionierenden UKW-Infrastruktur wieder ins Bewusstsein. Denn was nützen Warn-Apps, wenn der Mobilfunk, das Internet und der Strom ausfallen? UKW würde mit einem Batterie-betriebenen Radio dennoch funktionieren. Allerdings muss dann auch jeder und jede daran denken, ein solches Radio bereitzuhalten. Sonst ist man bei Stromausfall wirklich von der Außenwelt abgeschnitten.

Medium und Kulturfaktor

Video hat den Radio Star nicht gekillt, und auch das Internet wird nicht das Ende des Mediums Radio sein. Im Gegenteil. Das Radio hat in den vergangenen 100 Jahren bewiesen, wie wandlungsfähig es ist. Wenn Radio relevant bleiben will, darf es den Hörerinnen und Hörern nicht nur Hintergrundmusik bieten, die möglichst wenig von störenden Sprechern unterbrochen wird, dann muss es HINHÖR-Radio bleiben, Radio, das Diskussionsstoff bietet und zum Weiterdenken anregt. Zuhören ist eine Kulturtechnik, die gerade angesichts hitziger Diskussionen in sozialen Netzwerken, wo sich kaum einer noch die Mühe macht, die Argumente der anderen zu verstehen, an Bedeutung gewinnt.

Radio ist mehr als Audiojournalismus. Es ist auch mehr als ein polyphones Streamingangebot. Es ist ein Medium und ein Kulturfaktor, es ist Teil des Gesprächs der Gesellschaft über sich selbst. The audience is listening. Das Publikum hört zu - und das wird es auch weiterhin tun.

Aus epd medien 34/21 vom 27. August 2021

Diemut Roether