Der "Weltspiegel" als Opfer der ARD-Programmreform

Seit Anfang des Jahres hat das fast 60 Jahre alte Auslandsmagazin „Weltspiegel“ einen neuen Sendeplatz im Ersten: Die Auslandsredaktionen der ARD senden jetzt am Sonntag direkt nach dem „Bericht aus Berlin“ um 18.30 Uhr. Mit dem neuen Sendeplatz verbunden ist auch eine stärkere Zusammenarbeit zwischen dem ARD-Hauptstadtstudio, das über Innenpolitik berichtet, und den Auslandskorrespondenten. ARD-Programmdirektorin Christine Strobl sagte zu der Reform, im Mittelpunkt habe die Frage gestanden: „Wie können wir die Inhalte aus der Welt optimal an unser Publikum bringen?“ (epd 42/21). René Martens hat sich die ersten vier Ausgaben des Magazins im neuen Format angeschaut.

epd „Omikron, Kriegsgefahr, Flucht - wo man auch hinschaut: Nur Krise, könnte man meinen. Wir vom 'Weltspiegel‘ möchten mit Hintergrund und Reportagen dazu beitragen, dass Sie das alles ein bisschen besser einordnen können.“ Mit diesen Worten richtete sich Andreas Cichowicz, der Moderator der ersten „Weltspiegel“-Ausgabe in diesem Jahr, an die Zuschauer der Sendung. Solche Worte überraschen zunächst, denn immerhin gibt es das Auslandsmagazin der ARD bereits seit fast 60 Jahren. Andererseits war die Ausgabe vom 9. Januar die erste auf dem neuen Sendeplatz am Sonntag um 18.30 Uhr. Cichowicz' Worte richteten sich also möglicherweise an jene Zuschauer, die den „Weltspiegel“ bis dato gar nicht oder selten gesehen hatten.

Im Zuge der Verlegung des Sendeplatzes von 19.20 Uhr auf 18.30 Uhr hat sich, so viel lässt sich bereits nach wenigen Ausgaben sagen, der „Weltspiegel“ formal und inhaltlich erheblich verändert. Die offensichtlichsten Neuerungen: Die Sendungen beginnen mit einer direkten Übergabe durch den Moderator des vorher laufenden „Berichts aus Berlin“, jedenfalls dann, wenn dieser nicht vorher aufgezeichnet wird. Der „Weltspiegel“ hat nun keinen Vorspann mehr, somit fällt am Anfang auch die Erkennungsmusik des Magazins weg, sie ist nur noch am Ende zu hören. Damit wird der Sendung ein Teil ihrer Eigenständigkeit genommen.

Sport ist wichtiger

Der Übergang zwischen „Bericht aus Berlin“ und „Weltspiegel“ ist jeweils auch inhaltlicher Art: Der erste Beitrag der ersten vier Auslandsmagazin-Sendungen in diesem Jahr - einmal zu Corona, dreimal zur Ukraine - bezog sich jeweils auf ein Thema, das auch in der Sendung direkt davor vorkam oder dort dominierte.

Die Verlegung des „Weltspiegels“ auf 18.30 Uhr war zugleich die erste spürbare Maßnahme der im Oktober von den Intendanten und Intendantinnen verabschiedeten ARD-Programmreform (epd 42/21). Nach dieser Sendeplatz-Premiere am 9. Januar fiel der „Weltspiegel“ aber gleich zweimal aus, statt dessen liefen Spiele der Handball-Europameisterschaft. Dass die Programmstrategen der ARD einem Handball-Turnier eine größere Bedeutung beimessen als der Etablierung eines sehr renommierten und traditionsreichen Auslandsmagazins auf einem neuen Sendeplatz, kann man bezeichnend finden.

Das Publikum scheint die Sendung auf dem neuen Sendeplatz zu finden: Die ersten vier Ausgaben hatten zwischen 2,13 und 2,47 Millionen Zuschauer, im Vorjahr waren es im Januar zwischen 2,16 und 2,74 Millionen Zuschauer. Der Marktanteil lag 2021 im Schnitt bei 7,5 Prozent, in diesem Jahr waren es 9,1 Prozent.

Die erste Sendung hatte noch relativ viel Ähnlichkeit mit einer „Weltspiegel“-Sendung des Jahres 2021, seitdem sind die Veränderungen aber deutlich spürbar geworden. Der Auftakt zur Sendung am 30. Januar wirkte wie ein verlängerter „Tagesthemen“-Beitrag. Zu sehen war eine Sammlung von Korrespondenten-Aufsagern zur Ankündigung westlicher Staaten, die Truppenstärke in Osteuropa zu erhöhen, die durch kurze Einspieler ergänzt wurden. Eine Woche später gab es dann im „Bericht aus Berlin“ einen ähnlich gebauten Beitrag mit mehreren Stimmen von Auslandskorrespondenten, dabei ging es darum, wie die Menschen in anderen Ländern, etwa in Großbritannien, Frankreich und Polen, bisher den neuen deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz wahrgenommen haben.

Der erste Abschnitt der dritten und vierten „Weltspiegel“-Sendung war jeweils auf eine Art gebaut, die wieder an die „Tagesthemen“ der ARD denken ließ. Das Prinzip hier: Korrespondentenbeitrag plus Schalte. Nach Aufmacherbeiträgen zur Ukraine von Korrespondentin Ina Ruck folgte ein Interview mit ihr (am 13. Februar kombiniert mit einer zusätzlichen Schalte, zu Kerstin Klein in Washington). Ein weiteres bisher nicht für den „Weltspiegel“, wohl aber für die „Tagesthemen“ typisches Element ist die Kombination aus Bericht und Experteninterview.

Auch der Anteil der Beiträge, die jenseits der Tagespolitik einen direkten oder zumindest vagen Bezug zu Deutschland haben, scheint gestiegen zu sein. So wird eine einmalige Sonderzahlung für einkommensschwache Haushalte, mit der die Bundesregierung auf steigende Energiepreise reagiert, zum Anlass genommen, einen Blick darauf zu werfen, wie die Regierungen in anderen europäischen Ländern agieren. Den mit grafischen Elementen angereicherten Beitrag steuerte kein Auslandskorrespondent bei, sondern Philipp Wundersee, sonst beim WDR Autor für „Tagesthemen“ und „Tagesschau“. Natürlich spricht nichts gegen eine solche Übersicht, aber eine wesentliche Stärke des „Weltspiegels“ bestand bisher darin, Einblicke in die Lebenswelten von Menschen zu geben, die größere Sorgen haben als steigende Energiepreise.

Autoren vor der Kamera

Damit der Zuschauer Bezugspunkte zu seinem eigenen Alltag findet, nimmt Moderator Andreas Cichowicz auch mal einen Müllsack in die Hand, wenn es darum geht, die Unterschiede zwischen der eher groben und oft auch noch misslingenden Mülltrennung in Deutschland und dem sehr ausgefeilten Trennungssystem in Japan zu veranschaulichen. Es folgt ein sich in der Betrachtung von Possierlichkeiten verlierender Beitrag aus Japan, in dem „die weltweit vermutlich einzige Müllsammelstelle mit angeschlossenem Hotel“ zu sehen ist.

Als weitere Neuerung ist ein relativ hoher Anteil von Zweitverwertungen zu nennen - mit entsprechend vielen Cross-Promotion-Hinweisen. Am 25. Januar startete im Netz „Liebe, Sex, Tabu - weltweit“, die „erste originäre Reihe von Korrespondent:innen der ARD für die Mediathek der ARD“, wie es in der Ankündigung des verantwortlichen WDR hieß. Die Magazinsendung am Sonntag zeigt pro Ausgabe jeweils eine Kurzfassung der 20 bis 30 Minuten langen Reportagen.

Ebenfalls eine Zweitverwertung war am 30. Januar ein Beitrag über Kinder, die in Indien beim Abbau des in zahlreichen Elektro-und Kosmetikartikeln zu findenden Minerals Mica zum Einsatz kommen. Die ausführlichere, knapp über 15 Minuten lange Fassung für den Youtube-Kanal des „Weltspiegels“ war bereits vor der Ausstrahlung der linearen Sendung online gegangen.

Indien-Korrespondent Oliver Mayer spricht hier oft direkt zum Zuschauer. Das ist bei Online-Reportagen üblich, man glaubt, so Nutzer bei der Stange halten, die sich die Filme auf einem kleinen Bildschirm anschauen. Der Einsatz solcher Stilmittel bringt es aber mit sich, dass durch die Vermittlung nur bedingt relevanter Informationen - „Wir fahren hier wirklich mehrere Kilometer ins Nichts, das sind quasi gar keine Straßen mehr“, „Jetzt sitzen wir schon wieder im Auto zurück zum Hotel“ - Zeit verloren geht, die man dem eigentlichen Thema des Films hätte widmen können.

Auch der Beitrag über Kinderarbeit hatte einen deutschen Bezug. Das Filmteam drehte bei der Seifenfirma Lush in Düsseldorf, die nicht das unter fragwürdigen Bedingungen abgebaute Naturmineral nutzt, sondern künstliches Mica. Mayers Interviewpartnerin ist die Einkäuferin Franziska Götz, die der Reporter mit den Worten „Hey, Franzi, schön, dass du Zeit hast“ begrüßt. Was daran „schön“ ist, dass ein Unternehmen zustimmt, sich bei einem öffentlich-rechtlichen Senders positiv darzustellen, weiß wohl nur Mayer. Seit dem Wechsel auf den neuen Sendeplatz gab es im „Weltspiegel“ noch eine weitere solche Presenter-Reportage aus der estnisch-russischen Grenzstadt Nawra. Bislang war der „Weltspiegel“ sehr gut ohne dieses Ins-Bild-Setzen der Autoren ausgekommen.

Erschütternd belanglos

Die schwächste „Weltspiegel“-Ausgabe des Jahres war bisher die vom 6. Februar, die der WDR verantwortete. Über der von Isabel Schayani moderierten Sendung lag eine Art Beschaulichkeits-Firnis. Sogar ein inhaltlich eigentlich brisanter Beitrag über eine ältere Frau, die angesichts der hohen Energiepreise in Großbritannien nur noch für eine halbe Stunde am Tag die Heizung einschaltet, mutete an wie ein Beitrag für ein Regionalmagazin. Das lag auch daran, dass man im weiteren Verlauf des Films noch einen Deutsch-Briten kennenlernte, der sein Haus zwecks besserer Isolierung mit neuen Fenstern ausstatten will. Tja, Menschen machen so was. Aber muss man darüber im „Weltspiegel“ berichten?

Von markerschütternder Belanglosigkeit war in dieser Sendung schließlich ein kurzer Bericht über auf Euro-Scheinen abgebildete Brücken, für die es ursprünglich kein Vorbild in der Realität gab. Der Beitrag drehte sich darum, dass diese „fiktiven Brücken“ mittlerweile in den Niederlanden nachgebaut werden.

Das Problem sind aber nicht die eher leichten Inhalte, denn die waren in den vergangenen Jahren stets Bestandteil der „Weltspiegel“-Mischung. Das Problem ist eher, dass im neuen Konzept der Sendung politische Auslandsberichterstattung vor allem eine Berichterstattung meint, die einen klaren Bezug zur aktuellen bundesdeutschen Parteien- und Regierungspolitik hat. Es gab zwar in der Auftaktsendung des Jahres gute Beiträge aus einem Flüchtlingslager im Sudan und von der kolumbianisch-panamaischen Grenze („Zu Fuß durch den Dschungel - Der Traum vom guten Leben in den USA“), aber insgesamt kommen in dieser Mischung aus außenpolitischen „Tagesthemen“, außenpolitischem „Bericht aus Berlin“ und Belanglosem aus aller Welt Beiträge aus Krisenregionen, über die die Zuschauer in den Nachrichten wenig erfahren, zu kurz.

Das Unbehagen, das die ersten „Weltspiegel“-Ausgaben des Jahres auslösen, wird manifest in einer Äußerung Isabel Schayanis am Ende der von ihr moderierten Sendung: „Hier geht es jetzt direkt weiter mit der 'Sportschau‘ und Alexander Bommes, und die beginnen gleich mit Berichten von der Zweiten Bundesliga“, sagte sie. Werbe-Hinweise auf folgende Sendungen sind zwar in der ARD gang und gäbe. Aber wenn eine zu Recht vielfach ausgezeichnete Journalistin so einen Satz sagt, fühlt sich das falsch an.

Aus epd medien 07/22 vom 18. Februar 2022

René Martens