Aufmerksamkeit und Ignoranz

Die öffentliche Meinung als Konstrukt

epd Was ist die öffentliche Meinung? Wie äußert sie sich, und wie kann man sie vermessen? Wie hat sie sich durch soziale Netzwerke verändert? Diesen Fragen geht der Soziologe Michael Jäckel in diesem Gastbeitrag nach. Die Möglichkeiten, sich zu informieren, sind durch das Internet vielfältiger geworden, schreibt er, doch wem vertraut der Einzelne auf der Suche nach Information? Das Informationsverhalten im Alltag beruht auf Konventionen und Gewohnheiten, Alte informieren sich anders als Junge, wer in der Stadt lebt, nimmt andere Informationen wahr als die Menschen auf dem Land. Jäckel ist Professor für Konsum- und Kommunikationsforschung an der Universität Trier, deren Präsident er auch ist.

epd Gleich mehrfach wurde in der jüngeren Vergangenheit bestätigt, dass gerade in Zeiten einer langandauernden Krise das Bedürfnis nach verlässlichen Informationen hoch ist. Ob über große oder kleine Bildschirme: Die Nähe zu „Quellen langer Dauer“, also Nachrichtenvermittlern, die auf eine lange Tradition verweisen können, steigt - auch in der jüngeren Bevölkerung. Zugleich ist das Thema „Vertrauen in öffentliche Institutionen“ selbst Teil der Berichterstattung. Ein skeptisches Allgemeininteresse ist somit das eine, ein mehr oder weniger starkes Bezweifeln der Vorstellung, sich noch in einem von Aufrichtigkeit geprägten Umfeld zu bewegen, das andere.

Die Wirklichkeit zu hinterfragen und Zweifel an den Dingen zu hegen, wie sie sich nun einmal darstellen, begleitet uns seit langer Zeit. Das Bestreben des Menschen, den Dingen auf den Grund zu gehen, hat nicht nur zu wissenschaftlichen Methoden, Messungen und Verfahren geführt. Es hat auch die Fantasie derjenigen beflügelt, die mit diesem Verlangen nach Wahrheit spielerisch umgehen.

Erwartet wird Verlässlichkeit

„Seemannsgarn spinnen“ steht beispielsweise für Geschichten, die zwar eine wahre Begebenheit vorweisen können, aber mit Übertreibungen arbeiten. Auf hoher See sind auch seltener Zeugen zur Hand. Letztlich nimmt man es mit der Wahrheit ohnehin nicht so genau und erfreut sich mehr an dem Erfindungsreichtum des Erzählers. Quizformate und Wissenssendungen erfreuen sich ebenso großer Beliebtheit, auch solche, die sich aus dem Kuriositätenkabinett des Ungewöhnlichen bedienen. Es hat wenig von dem Lernen auf der Schulbank, mehr dagegen von einem spielerischen Umgang mit Klugheit.

Im alltäglichen Leben, dessen Gelingen von der Aufmerksamkeit Dritter mitbestimmt wird, gelten andere Maßstäbe. Erwartet wird Verlässlichkeit. Wenn es um das öffentliche Leben und die Fragen, die eine Gesellschaft umtreiben, geht, wird ein aktiver Umgang mit den Informationsquellen, die zur Verfügung stehen, als Normalfall betrachtet. Wer also etwas nicht weiß, aber aufmerksam durchs Leben geht, wird deshalb nicht als Ignorant eingestuft. Wer bewusst verneint, was ihm als Orientierung dienlich sein kann, wird seine Gründe dafür geltend machen können. Für Außenstehende aber wirkt dieses Handeln fahrlässig.

Je nach Maßstab können Informationen offenbar variierende Qualitätsansprüche erfüllen. Die Schattenseite dieser Differenz manifestiert sich in Formen des Unvollständigen und Unzutreffenden. Diskrete Formen der Indiskretion nennt man auch Gerücht. Aber es gibt viele Spielarten einer falschen Gewissheit.

Aufmerksamkeit ist ungleich verteilt. Diese Unterschiede sind auch gewollt und begründen unterschiedliche Kompetenzfelder. Zur Arbeitsteilung gehört, dass Menschen sich spezialisieren und Sonderaufmerksamkeiten entfalten. Das gilt zum Beispiel für unsere Berufswelt. Es gilt auch für die Praxis bereichsspezifischer Arbeitsweisen.

Texte etwa, die während des eigenen Studiums als bedeutsam empfunden wurden, gehören in der Regel auch viele Jahre später zu jenen Dokumenten, die noch einmal gelesen oder zitiert werden. Wer wissenschaftlich aktuell sein möchte, muss zugleich einen Weg finden, der immer weiter ausufernden Literatur noch gerecht werden zu können. Ohne das Weglassen und das Setzen von Prioritäten kann die Vollendung eines eigenen Textes kaum noch gelingen.

Selektive Wahrnehmung

Wer seine eigene Arbeitsweise unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, wird eher nicht dazu tendieren, darin eine Form von Ignoranz zu sehen. Stets wird uns bewusst, dass mit der Festlegung auf ein Thema nicht nur eine selektive Form der Aufmerksamkeit in Gang gesetzt wird, sondern mit dem Entstehen des Textes auch Formen einer selektiven Wahrnehmung greifen. Ein Thema vollkommen „durchsichtig“ zu machen, kann dem Text gegebenenfalls auch schaden. An die Stelle von „auch Autor A … und Autor B … und Autor C …“ treten dann häufiger summarische Betrachtungen, für die stellvertretend ein kleinerer Kreis von Autorinnen und Autoren stehen muss. Auch die Begründung des Weglassens ist eine Kunst für sich.

Dass unsere Medienentwicklung eine sehr dynamische ist, kann täglich erlebt werden. Auch hier ist das Weglassen gefordert, und der Umgang mit dieser Herausforderung kennt ebenfalls viele Gesichter. In der Medienwirkungsforschung hat sich eine Tradition etabliert, die untersucht, ob die Massenmedien tatsächlich zu einer allgemeinen Erhöhung des Informationsniveaus/des Wissens in der Bevölkerung beitragen. Sie mögen diesen Auftrag erfüllen, aber sogleich in verschiedenen Gruppen unterschiedlich erfolgreich. Das Gegenteil ist in der sogenannten Wissenskluftforschung häufig belegt worden. Zugleich darf die Verwunderung darüber doch nicht allzu groß sein. Vor gut 30 Jahren wurde daher auch kritisch formuliert: „Daß Personen mit Abitur oder gar Universitätsdiplom im Laufe ihrer langen Ausbildung gelernt haben, sich Informationen schneller, leichter und tiefer anzueignen als andere, erscheint nicht mehr als recht und billig.“

Deutlich früher ist bereits ein Versuch unternommen worden, diese Differenz in der Expertise über den Grad der Informiertheit in einer Gesellschaft abzubilden. Ein bekanntes Beispiel geht auf den Soziologen Alfred Schütz (1899-1959) zurück, der im Jahr 1946 eine idealtypische Unterscheidung des Umgangs mit fraglos hinzunehmenden Dingen vorgelegt hat. Er sprach in diesem Zusammenhang vom „Mann auf der Straße“, dem „gut informierten Bürger“ und dem „Experten“.

Vor 75 Jahren lautete die Beschreibung in etwa so: Der Mann auf der Straße lebt in einer Welt aktueller Reichweite. Das, was in seinem primären Erfahrungsbereich vonstattengeht, ist für ihn ein bedeutender Kosmos. Das ausführliche Nachdenken über Informationen ist ihm eher fremd. In der Zeitung interessiert ihn am Ende das Ratespiel mehr als der politische Kommentar. Der gut informierte Bürger hingegen hat für sich den Anspruch formuliert, ein hinreichend begründetes Urteil zu wichtigen Fragen in Wirtschaft und Gesellschaft anzustreben. Er interessiert sich für viele Dinge und klagt deshalb auch über fehlende Relevanzkriterien. Aber sein Anspruch ist stets: informiert zu sein. Der Experte wiederum muss kein Wissenschaftler sein, kommt aber aufgrund seines Habitus, ein spezifisches Detailwissen zu pflegen, diesem Transparenzanliegen nahe.

Das skeptische Element

Es gibt somit offenbar unterschiedliche Grade der Gelassenheit im Umgang mit Nichtwissen. Das Thema hat tiefe Spuren in der Geschichte der Philosophie und Erkenntnistheorie hinterlassen, die hier nicht erörtert werden sollen. Jedenfalls kennt der Alltag vieler Gesellschaften den institutionalisierten Zweifel nicht. Die Idee der Aufklärung hat in der modernen Wissenschaft einen wichtigen Fürsprecher erhalten, zugleich ist mit den Gewissheiten über die Funktionsweise natürlicher und sozialer Ordnungen das skeptische Element ein wichtiger Teil der eben dann auch kritischen Auseinandersetzungen über diese Wirklichkeitsvorstellungen geworden.

Die Befürworter dieses Grundprinzips sehen darin einen wichtigen und entscheidenden Motor für Fortschritt überhaupt und das beste Mittel zur Vermeidung von Scheingewissheiten. Darin liegt der Kern der Überzeugungskraft. Ein allgemein anerkannter Verständigungsmodus, der sich jenseits dieses Systems bewegt, ist nicht in Sicht. Aber zugleich ist bekannt, dass dieses Radar nicht von allen Mitgliedern einer Gesellschaft geteilt wird.

Die Wissenschaft hat ihr eigenes Barometer entwickelt und konnte vor der Corona-Pandemie für das Thema Wissenschaft und Forschung bei immerhin nahezu 60 Prozent der Bevölkerung ein eher großes oder sehr großes Interesse registrieren. Weniger als zwei von zehn Befragten äußerten ein sehr geringes oder eher geringes Interesse. Der Bedarf an Expertinnen und Experten ist unvermindert hoch. Das Wort scheint immer noch viel Vertrauen einzuflößen. Aber die Vielfalt der Expertengebiete intensiviert auch Diskussionen über die Verlässlichkeit der Positionen.

Von dem fraglos Gegebenen, wie es bei Alfred Schütz noch formuliert wurde, ist heutzutage ohnehin kaum noch die Rede. Die Zurückhaltung gegenüber zuverlässigen Beobachtungen und Messungen ist stattdessen eher die Normalhaltung geworden. Diese Seite der Distanz ist bereits facettenreich. Sie wird indes durch weitere Formen der variierenden Umweltbeobachtung flankiert. Einblicke in diese Art von Sensorik eröffnen den Blick in ein anderes Feld von Ignoranz.

Theorie der Schweigespirale

Jedes Mal aber, wenn der Begriff „Ignoranz“ fällt, erlebt man ihn als hartes Urteil. Es war in den 1920er Jahren, als erstmals der Begriff pluralistic ignorance aufkam. Bereits damals wollte dieser Begriff verdeutlichen, dass sich in der Beurteilung der Meinungen und Einstellungen dritter Personen ein Konflikt mit den eigenen Überzeugungen auftun kann. Für die Geschichte der Erforschung der öffentlichen Meinung und ihrer Funktionsweise war die Beobachtung einer solchen Fehleinschätzung von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Unterstützt durch demoskopische Instrumente hat Elisabeth Noelle-Neumann in ihrer Theorie der Schweigespirale die Entstehung von Minderheits- und Mehrheitsmeinungen auf die Fähigkeit zur quasistatistischen Wahrnehmung der Umwelt zurückgeführt. Wer sich persönlich mit seiner Auffassung in der Minderheit wähnt, tendiert eher zum Schweigen, weil er/sie sich öffentlich nicht isolieren möchte. Wer sich dagegen in einer großen Gruppe von Gleichgesinnten sieht, ist auch eher bereit, die eigene Auffassung zu artikulieren. Aus dieser Asymmetrie können dann Mehrheitsverhältnisse entstehen, die den tatsächlichen Proportionen nicht unbedingt entsprechen. Seinerzeit hat man dieses Instrument auch für die Vorhersage des Ausgangs von politischen Wahlen eingesetzt.

Damals hieß es in Bezug auf mögliche Polarisationen der öffentlichen Meinung auch: „Indem Menschen Andersdenkenden aus dem Weg gehen, verlieren sie die quasistatistische Fähigkeit, die Ansichten der Umwelt richtig einzuschätzen.“ Naheliegend wäre nun die Erklärung, dass solche quasistatistischen Organe gar nicht korrekt oder einigermaßen verlässlich sein können.

Welche Art von Beobachtung also ist es, die zu einer Selbstpositionierung in einem Meinungsspektrum führt? Selbst Vorhersagen der Demoskopie können ja gelegentlich danebenliegen. Jedenfalls werden auch hier der Mann auf der Straße, der gut informierte Bürger und der Experte in unterschiedlichem Maße auf Drittquellen zurückgreifen. Es beginnt bei Gesprächen im eigenen Umfeld und endet bei unterschiedlich intensiven Beobachtungen der Medienumwelt, die uns kontinuierlich Beobachtungen von Beobachtungen vermittelt.

Das Ideal der politischen Willensbildung

Wenn also in diesem Zusammenhang von der Möglichkeit einer „sozialoptischen Täuschung“ gesprochen wird, kann dieser Verzerrung vieles zugrunde liegen. Im Ergebnis wird man immer wieder konstatieren müssen, dass dem Ideal der politischen Willensbildung mehr oder weniger große Abweichungen davon entgegenstehen. Ein begründetes Urteil in wichtigen Angelegenheiten zu treffen, kennt viele Formen des Aufwands.

Zum Ideal der politischen Willensbildung gehören auch Idealvorstellungen einer politischen Öffentlichkeit. Kürzlich hat Jürgen Habermas sein Diskursmodell erneut einer kritischen Revision unterzogen und mit Blick auf die Kommunikation in sozialen Medien einen Verlust der öffentlichen Verpflichtung des privat Gemeinten festgestellt. Die Zunahme von Meinungsäußerungen und Spontanbeurteilungen unterschiedlichster Phänomene hat nicht dazu beigetragen, dass sie wirklich für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Daher müssten die neuen Seismographen eines politisch aufgeklärten Bürgers auch ein Urteil darüber erlauben, was davon denn eigentlich gelten soll.

Die große Politik kennt Arkanphänomene, der geschützte elektronische Austausch ebenso. Hier wie da fehlt es an Publizität. Selbst der Mann auf der Straße redet im geografischen Sinne mit anderen (Tele-)Nachbarn.

Während also auf der einen Seite alles durchsichtiger zu werden scheint, erschwert dieses ständige Rauschen die Bereitschaft zur distanzierten und differenzierten Wahrnehmung. In den Anfängen der Informationsgesellschaft meinte ein Beobachter: „Voices have multiplied, but not ears.“

Grenzen der Erkenntnis

Für eine Welt, die noch in massenmedialen Kommunikationsabläufen denkt, passt diese Generalisierung noch. Was also kann die Ursache dieser Diskrepanz auf verschiedenen Ebenen sein? Viele werden nach wie vor auf die fehlende Zeit verweisen, die auf dem Weg zu einem gut begründeten Urteil fehlt. Vielleicht liegt darin auch die unverminderte Kraft von Stereotypen und Ressentiments begründet.

Nur an dieser Stelle soll kurz an eine frühe Verwendung des Begriffs Ignoranz erinnert werden. In frühen philosophischen Schriften (etwa von Nikolaus von Kues) wurden damit Grenzen der Erkenntnis beschrieben, also allenfalls Möglichkeiten der Annäherung an das Verstehen einer bereits gegebenen Ordnung. Natürlich war hier die göttliche Ordnung gemeint. Selbst wenn man diese Referenz vernachlässigt, bleibt für diese Argumentation typisch, dass bestimmte Formen der Komplexität die Fähigkeiten eines Einzelwesens überschreiten, selbst für den Fall, dass es sich - vom Wunsch der Erkenntnis beseelt - mit anderen verbündet. Wer wiederum heute für sich den Anspruch erhebt, die Funktionsweise von Gesellschaften und die Handlungslogiken in verschiedensten Bereichen nachvollziehen oder gar vorhersagen zu können, stößt ebenfalls an die Grenzen der Beherrschbarkeit eines solchen Unterfangens.

Die zunehmende Spezialisierung der Berufe kommt also nicht von ungefähr und spiegelt die Notwendigkeit, Sonderaufmerksamkeiten zu entwickeln, deutlich wider. Aber so, wie es diese Sonderaufmerksamkeiten gibt und diesen die Kunst des Weglassens gewissermaßen innewohnt (man denke zum Beispiel an curriculare Standards im Bildungswesen), gibt es eben auch zahlreiche Variationen von Unaufmerksamkeit, willentlicher oder unwillentlicher.

Ungleiche Informationsbedürfnisse

Viele Formen des Informationsverhaltens im Alltag beruhen auf Konventionen und Gewohnheiten, deren Verletzung erst sichtbar macht, wie wichtig im Grunde genommen die Wiederkehr solcher Informationen jenseits ihres Inhalts ist. Am deutlichsten wird dies, wenn unerwartet Ausfälle zentraler Vertriebssysteme, sei es durch einen Stromausfall, eintreten. Plötzlich ist dann Unordnung, wo vorher die Eingewöhnung in Gemütlichkeitsstrukturen dominierte.

PierreBourdieu hat einmal von den „Grenzen des Hirns“ gesprochen, um damit zu verdeutlichen, dass verschiedene soziale Gruppen sich auch danach unterscheiden lassen, ob sie sich bestimmte Dinge vorstellen können oder nicht. Seine Archäologie des Alltags hat neben vielen anderen Detailanalysen der Soziologie mit dazu beigetragen, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen, also die Welt so zu betrachten, wie sie nun einmal ist. Selbstverständlich hat auch das seine Grenzen und seine Spielarten der Interpretation. Aber zur Ungleichheit in dieser Welt gehört auch, dass es ungleiche Informations- und Wissensbedürfnisse gibt. Viele Studien belegen zudem, dass durch eine Vermehrung der Information oder der Wissensangebote diese Kluft eher wächst als schrumpft. Überraschen - siehe oben - muss das nicht.

Die Idee der vollständigen Information ist also nicht nur ein theoretisches Konstrukt der Ökonomie. Sie belichtet eben auch Differenzen zwischen Alt und Jung, Arm und Reich, Stadt und Land und so weiter. Angesichts dieser Vielheit wird auch deutlich, wie fragil die Vorstellung von einer öffentlichen Meinung eigentlich sein muss.

Mehr Kontrollinstanzen

Was eine Vielzahl von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade denkt, ist immer ambitioniert mit den Instrumenten der Sozialforschung abzubilden versucht worden. Der Vorstellung, damit Tatsachen zu schaffen, hat ein kritisch-reflexiver Blick stets widersprochen. Außerhalb dieser wissenschaftlichen Debatten müssen zutreffende Beobachtungen ebenfalls damit rechnen, trotz ihrer Evidenz missachtet zu werden. Die Zunahme von Kontrollinstanzen, die einen prüfenden Blick auf den Wahrheitsgehalt von (Medien-)Beobachtungen werfen, hat die Sensibilität in Fragen der Glaubwürdigkeit ebenfalls erhöht.

Die Überzeugungskraft hängt aber häufig nicht nur von den Fakten selbst ab. Das bessere Argument hat es nicht leicht. Dennoch ist das Feld der Nachrichten nicht zu einem Bereich deformiert worden, der sich in Routinen erschöpft. Vor 100 Jahren erschien das Buch „Public Opinion“ des US-amerikanischen Publizisten Walter Lippmann. Den Schlüssel zu seiner damaligen Untersuchung beschrieb er wie folgt: „Wir werden behaupten, daß alles, was der Mensch tut, nicht auf unmittelbarem und sicherem Wissen beruht, sondern auf Bildern, die er sich selbst geschaffen oder die man ihm gegeben hat.“

Aus epd medien 10/22 vom 11. März 2022

Michael Jäckel