Sozial-Politik
Transportbox für eine Spenderniere
© epd-bild/Werner Krüper
Widerspruchslösung in der Organspende: Fortschritt oder Eigentor?
Gesundheitsminister Spahn hat sich für die umstrittene Widerspruchslösung ausgesprochen. Sie solle ins deutsche Organspenderecht Einzug halten. Doch bringt eine solche Reform wirklich mehr Spender?
Frankfurt a.M. (epd). Würde im Transplantationsgesetz die Widerspruchslösung eingeführt, dann wäre per se jeder Bürger, der zu Lebzeiten nicht ausdrücklich sein Veto eingelegt hat, ein potenzieller Organspender. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat nun eine solche Reform vorgeschlagen - mit dem Ziel, die schlechten Zahlen bei der Organspende merklich zu erhöhen. Die Kernfrage aber ist: Würden die Bürger dies überhaupt akzeptieren?

Viele Ärzte und Gesundheitspolitiker legen sich seit Jahren für die Einführung der Widerspruchslösung ins Zeug. Es gebe keine sinnvolle Alternative, um mehr Transplantationen zu erreichen, heißt es unisono. Und stets erfolgt der Hinweis, dass rund 10.000 Patienten in Deutschland auf der Warteliste für ein Organ stehen - statistisch betrachtet sterben täglich drei von ihnen.

"Bekommen Probleme nicht in den Griff"

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sagt: "So, wie die Situation jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Ohne die Widerspruchslösung bekommen wir das Problem nicht in den Griff." In Ländern wie Österreich und Spanien, wo es die Widerspruchslösung schon gibt, "stehen mehr Spenderorgane zur Verfügung. Bei uns verschärft sich die Lage von Jahr zu Jahr." Hans-Albert Gehle, Vorsitzender des Marburger Bundes Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz, ist überzeugt: "Aus ärztlicher Sicht ist klar: Wir können mit der Widerspruchslösung Menschenleben retten."

Die Jahresbilanzen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), die für das bundesdeutsche Spendewesen die Verantwortung trägt, zeigen das fortwährende Dilemma. Die Zahl der Organtransplantationen geht zurück. Wie die DSO am 27. August in Frankfurt am Main mitteilte, wurden 2017 insgesamt 3.385 Organe in rund 50 Transplantationszentren übertragen. Im Jahr 2016 waren es 3.708 übertragene Organe, 2015 wurden 3.778 Transplantationen registriert. Die bundesdurchschnittliche Spenderrate lag bei 9,7 Spendern pro eine Million Einwohner.

Vor diesem Hintergrund schlug auch die Bundesärztekammer Alarm. "In Deutschland lag die Zahl der Organspenden auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Unter den acht Eurotransplant-Ländern sind Deutschland und Luxemburg die Organspendeschlusslichter."

Spanien ist führend in Europa

Zum Vergleich: In Spanien, das die Widerspruchslösung nutzt und regelmäßig als Vorbild genannt wird, stieg die Spenderzahl seit 2005 (1.546) ständig an. 2015 betrug der Wert 1.851, 2017 dann 2.183. Weil einem Spender meist mehrere Organe entnommen werden, gab es in Spanien im Vorjahr 5.261 Transplantationen. Damit sind die Iberer mit 43,6 Spendern pro eine Million Einwohner (2016) führend in Europa - das sind fast fünf Mal mehr als in Deutschland.

Doch beim Vergleich der Daten ist Vorsicht geboten. Denn neben dem Hirntodkriterium kommt in Spanien das sogenannte NHBD-Verfahren (non heart-beating donor) zum Einsatz. Hier dürfen, anders als in Deutschland, Organe auch entnommen werden, wenn ein Herz- und Kreislaufstillstand von zehn Minuten bei normaler Körpertemperatur festgestellt wurde. Die so gewonnenen Organe machen mittlerweile ein gutes Drittel aller Organspenden in Spanien aus.

Zu berücksichtigen ist auch, dass Spanien auf eine schon sehr lange geübte Tradition im Organspendewesen zurückblickt, denn das Gesetz dazu wurde schon 1979 verabschiedet. Professor Dr. Gunnar Duttge, Straf- und Medizinrechtler von der Universität Göttingen, erklärt die hohen Quoten deshalb auch damit, dass "Organspende in den Familien eine andere Ausprägung von Solidarität hat".

Widerspruchslösung kein Allheilmittel

Allein die Widerspruchslösung als Allheilmittel gegen den Mangel an Spenderorganen zu setzen, wäre falsch. Denn es gibt durchaus Länder wie etwa Zypern (4,4 Spender je eine Million Einwohner), wo trotz bestehender Widerspruchslösung die Spenderzahlen extrem niedrig sind. Gleichwohl ist diese Regelung längst auf dem Vormarsch. Sie gilt aktuell in verschiedenen rechtlichen Spielarten in 23 Ländern Europas. Neun Staaten setzen auf Zu­stim­mungs­lö­sung und in zwei Län­dern enthält die Rechtslage Elemente beider Systeme. Die Widerspruchslösung wurde zuletzt zum Jahresbeginn in den Niederlanden eingeführt. Es ist mit dieser Gesetzesänderung das 18. europäische Land, das zu dieser rechtlichen Regelung wechselt.

Und es scheint, dass die Widerspruchslösung immer mehr Befürworter in Deutschland findet. Auch unter den Gesundheitsministern der Bundesländer. Diese haben im Juni 2017 mehrere Beschlüsse zum Thema Organspende gefasst. Die Konferenz sprach sich einstimmig für eine verpflichtende Erklärung der Bürger oder die Einführung der Widerspruchslösung aus.

Der Deutsche Ärztetag gab in diesem Jahr in Erfurt erstmals ein Votum für eine solche Reform ab. Begründung: "Die derzeit im Transplantationsgesetz formulierte Entscheidungslösung, nach der jeder Versicherte von seiner Krankenkasse alle zwei Jahre per Brief auf das Thema angesprochen wird, verursacht einen hohen Kostenaufwand, ohne dass in jedem Fall eine Entscheidung getroffen wird." Die Mediziner halten es für zumutbar, dass jeder Bürger, der kein Spender sein will, mündlich oder schriftlich widerspricht.

"Nicht für zu viel verlangt"

Oliver Hakenberg, der Vizevorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Urologie, betont, niemand sollte gezwungen werden, seine Organe zu spenden, aber sehr wohl, sich zu entscheiden: "Das halte ich zum Wohl der Allgemeinheit nicht für zu viel verlangt."

Doch ganz ohne Risiko ist ein solches Vorgehen nicht. Das wissen auch die Mediziner. Frank-Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, rät deshalb, vor dieser Reform "mit großer Sensibilität ethische, religiöse und rechtliche Fragen zu diskutieren". Man dürfe nicht riskieren, dass die Menschen weiter verunsichert werden und sich am Ende der Organspende gar komplett verschließen.

Rolf Henke, Vorsitzender der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, steht einer Widerspruchsregelung kritisch gegenüber. Das Transplantationswesen lebe vom Vertrauen der Menschen und das werde durch eine Widerspruchslösung nicht gestärkt: "Es ist eher das Gegenteil zu befürchten." Man müsse mit den Leuten reden, sie überzeugen "und zugleich die Organisation der Organtransplantation in den Kliniken verbessern".

"Ausdruck einer Vertrauenskrise"

Der Göttinger Straf- und Medizinrechtswissenschaftler Duttge warnt indes nachdrücklich davor, auf die Widerspruchslösung zu setzen. Gesellschaftspolitisch wäre das außerordentlich unklug, wenn man sagt: "Ihr seid misstrauisch, künftig werden wir euch einfach nicht mehr fragen." Das wäre ein Eigentor. So gewinne man kein Vertrauen, sagte der Hochschullehrer dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Auch die Medizinethikerin Claudia Wiesemann von der Universität Göttingen ist skeptisch. "Ich persönlich bin der Ansicht, dass der Rückgang der Zahl der gespendeten Organe auf einer Vertrauenskrise beruht. Die Einführung der Widerspruchslösung wird diese Vertrauenskrise aller Voraussicht nach nicht beheben, sondern eher verschlimmern", warnte die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Gefordert seien vielmehr Maßnahmen, die die berechtigten Sorgen der Bevölkerung und die ambivalenten Gefühle der professionellen Mitarbeiter im Gesundheitswesen ernst nehmen und dadurch neues Vertrauen schaffen.

Aus epd sozial Nr. 36 vom 7. September 2018

Dirk Baas, Markus Jantzer

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