Tagebuch
Die Kraft des Dokumentarischen. Ein Hörspiel und seine Folgen
Frankfurt a.M. (epd). Zu den medienhistorischen Anekdoten, die zeigen, wie aufgeheizt das gesellschaftliche Klima in den Jahren um 1968 war, gehört die Rezeptionsgeschichte des Hörspiels "Die Falle" von Peter O. Chotjewitz, das der Süddeutsche Rundfunk (SDR) am 29. Januar 1969 sendete. In "Die Falle - oder: die Studenten sind nicht an allem schuld" hatte Chotjewitz dokumentarisches Material des Jahres 1968 bearbeitet und collagiert. Es waren, wohlgemerkt, keine Original-Tondokumente, alle Zitate - Äußerungen von Politikern, Richtern, Studenten und auch von Bürgern, die die Demonstrationen beobachteten - wurden von Schauspielern nachgesprochen. Diese agierten jedoch so natürlich, dass sie sehr lebensecht wirkten.

So konnte es geschehen, dass der damalige baden-württembergische Kultusminister Wilhelm Hahn, als er an jenem Januarabend mit dem Auto nach Hause fuhr und das Radio einschaltete, dachte, er höre eine Reportage von Heidelberger Studentenunruhen. Höchst beunruhigt forderte er am folgenden Tag das Manuskript der Sendung an. Zwei Wochen später wurde dem Intendanten des SDR ein Kabinettsbeschluss zugestellt, in dem es hieß, das Hörstück sei nach Ansicht der Landesregierung mit den Aufgaben und Satzungen einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt nicht zu vereinbaren.

Nach einem Gespräch zwischen Ministerpräsident Hans Karl Filbinger (CDU) und SDR-Intendant Hans Bausch beschäftigten sich zwei Ausschüsse des Rundfunkrats mit dem Hörspiel. Wie epd Kirche und Rundfunk (heute epd medien) damals berichtete, wurde "von einer Seite der Kopf des verantwortlichen Redakteurs gefordert" und dem Intendanten vorgeworfen, er habe seine Aufsichtspflicht versäumt. Ein Ausschuss empfahl, "für die Auswahl solcher Stücke erfahrene Politiker heranzuziehen" - gemeint waren Kollegen aus der Politischen Redaktion, aber, so merkte der Kommentator mit dem Kürzel "Z." in dem epd-Artikel an, "wie die Dinge heute liegen, liefe das fast auf dasselbe hinaus. Politische Zensur." Immerhin habe der Hörfunk-Programmdirektor des SDR, Peter Kehm, "dem epd gegenüber ein solches Konsultationsverfahren entschieden" abgelehnt.

Karin Zeller berichtete wenig später in der "Zeit", dass der Rundfunkrat schließlich nach kurzer Debatte befand: "Die Mehrheit des Rundfunkrats lehnt das Stück ab, aber die gleiche Mehrheit ist auch der Meinung, man müsse auf die Barrikaden gehen, um die Freiheit der Sendung eines solchen Stückes zu wahren." Die Meinungsfreiheit war noch einmal gerettet.

Heute gilt das Stück, das wegen dieser Affäre Hörspielgeschichte schrieb, auch als wegweisendes Beispiel für das dokumentarische Hörspiel. Chotjewitz schrieb im Rückblick, die Ausstrahlung der "Falle" habe "damals ein politisches Beben und Bibbern ausgelöst, das ich nicht vorhersehen konnte, da ich nicht wusste, wie klein die Demokratie und wie groß der Kadergehorsam der politischen Erfüllungsgehilfen schon wieder waren".

Es war wohl das Dokumentarische, was die Zeitgenossen damals so aufregte. Peter Faecke, seinerzeit Redakteur der Abteilung Kultur und Wissenschaft im WDR, schrieb 1969, das Stück habe nicht so sehr deswegen Ärger erregt, weil der Autor seine Tendenz zu deutlich habe werden lassen, "sondern vielmehr, weil wir kaum noch gewohnt sind, Dokumente präsentiert zu bekommen". Fast immer sei zwischen ihnen und den Hörern "der lindernde Kommentator, lindernd deswegen, weil wir ihm zustimmen oder weil wir ihn ablehnen können". Schwierig werde es, wenn die Hörer dem Material gegenüber selbst Stellung beziehen müssten.

Auf den "lindernden Kommentator", der die Hörer und Zuschauer an die Hand nimmt, verzichten die öffentlich-rechtlichen Feature- und Dokumentarfilm-Redaktionen bis heute ungern. Einzig im Minderheitenprogramm Hörspiel traut man den Hörern inzwischen mehr ungefiltert Dokumentarisches zu.
Aus epd medien Nr. 25 vom 22. Juni 2018

Diemut Roether