Tagebuch
Simulierte Realität. Berichte aus der Fernsehhölle
Frankfurt a.M. (epd). Hätte Dante Alighieri seine "Göttliche Komödie" 700 Jahre später geschrieben, würden die neun Höllenkreise vermutlich ganz anders aussehen. Kai Tilgen hat jedenfalls eine Ahnung, was in seiner ganz persönlichen Hölle auf ihn warten wird. Deshalb hat er seine Autobiografie "Wie ich mir meinen Platz in der Fernsehhölle verdient habe" genannt. Tilgen, Jahrgang 1961, hat eine Karriere gemacht, wie sie wohl nur beim Fernsehen möglich ist: angefangen als Kabelhilfe, nach neun Jahren Regisseur, seit 1994 Realisator bei allen möglichen TV-Formaten, die sich "Reality" nennen, mit der Realität aber nichts zu tun haben, und mit denen viele Menschen nachmittags ihre Lebenszeit verschwenden.

Das bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienene "unterhaltende Sachbuch" ist die perfekte Lektüre für mehrere Zielgruppen: Den treuen Fans dieser Sendereihen bietet es desillusionierende Blicke hinter die Kulissen. Zuschauer wiederum, die von solchen Formaten gar nichts halten, aber trotzdem immer wieder mal hängenbleiben, erfahren, warum das deutsche Privatfernsehen so ist, wie es ist.

Dringend empfohlen sei das Werk außerdem jungen Menschen, die "irgendwas mit Medien" machen wollen: Erst platzen die Träume wie Seifenblasen, dann wird man zum Zyniker. Das gilt auch für Tilgen, und er macht keinen Hehl daraus. Wenn er sich über die "Gaukler" auslässt, jene Laiendarsteller, die sich für "Verdachtsfälle, Betrugsfälle, Durchfälle" zur Verfügung stellen, spricht allerlei Verachtung aus seinen Zeilen. Hochachtung empfindet er nur für Profis, zu denen er sich selbst zählt, die versuchen, aus dem Mist, mit dem sie tagtäglich konfrontiert werden, das Beste zu machen.

Es hat durchaus seine Berechtigung, wenn der Regisseur schreibt, er stehe "auf der dunklen Seite der Macht". Schonungslos, aber auch ohne Reue schildert er, wie er "DSDS"-Kandidaten vor ihrem Auftritt manipuliert hat, so dass Menschen, die sich ihrer stimmlichen Limitiertheit sehr wohl bewusst waren, vor laufender Kamera plötzlich größenwahnsinnig wirkten. Eine von Tilgens gemeinsten Taten war die "Pissfleck"-Affäre: Ein Kandidat wurde damals mit einem vermeintlichen Urinfleck auf der Hose vor den Kameras denunziert. Die Geschichte gilt in der Branche als warnendes Beispiel, wenn auch nicht aus moralischen Gründen - RTL musste damals eine empfindliche Strafe zahlen. Genau diese Bekenntnisse eines "Fernsehfuzzis" (wie Tilgen sich und seinesgleichen tituliert) sind es jedoch, die seine Erzählungen in den Status eines Enthüllungswerks heben.

Tilgens Hinweis auf Günter Wallraffs berühmtes "Bild"-Buch "Der Aufmacher" hat also eine gewisse Berechtigung, mit dem kleinen Unterschied, dass der Regisseur seiner Arbeit mit großer Freude nachgeht, wenn er nicht gerade wieder von Idioten umzingelt ist oder sich mit inkompetenten Auftraggebern rumplagen muss. Die Rahmenbedingungen erinnern eher an Harald "Toni" Schumachers Buch "Anpfiff" (1987), in dem der frühere Nationaltorwart über Dopingpraktiken und Saufgelage schrieb. Das brachte ihm damals den Ruf eines Nestbeschmutzers ein und kostete ihn seinen Job. Ähnliches könnte Tilgen blühen. Er war zwar nie direkt bei RTL angestellt, weil er stets im Auftrag von Produktionsfirmen gearbeitet hat (laut Verlag noch im September), aber natürlich muss er damit rechnen, dass der Sender ihn auch indirekt nicht mehr beschäftigen möchte.

Davon abgesehen ist kaum nachzuvollziehen, dass dem Regisseur seine Arbeit noch Spaß macht, denn den seltenen Erlebnissen größter Befriedigung stehen unzählige frustrierende Erfahrungen gegenüber. Erstaunlich, dass unter den geschilderten Bedingungen überhaupt sendefähiges Material entstehen kann.
Aus epd medien Nr. 42 vom 19. Oktober 2018

Tilmann Gangloff