Tagebuch
Zucker für den Affen. Der Boulevard und nackte Brüste beim Kika
Frankfurt a.M. (epd). Drei männliche Teenager stehen hinter einer goldenen Schaufensterpuppe und öffnen ihren pinkfarbenen BH. Was der öffentlich-rechtliche Kika da in einem Online-Video zeigte, war als Angebot an die Zielgruppe der Zehn- bis 13-Jährigen gedacht, die am Beginn der Pubertät stehen und in deren Lebensalltag Themen der körperlichen Veränderung naturgemäß eine wichtige Rolle spielen. Unglücklicherweise haben die drei Protagonisten des Clips eine dunkle Hautfarbe.

Anders als in der gerade erst abgeflauten Debatte über den im Kika ausgestrahlten Film "Malvina, Diaa und die Liebe" kritisierte diesmal jedoch nicht die AfD den Clip zuerst. Das Springer-Blatt "B.Z." brachte am 24. Januar die Schlagzeile: "Neuer Wirbel um den Online-Kummerkasten des Kindersenders Kika". Die Boulevard-Zeitung sorgte sich offenbar um die Frauenrechte und hatte das Video Inge Bell gezeigt, Vorstand von Terre des Femmes. Diese entdeckte in der Wahl von Protagonisten mit offenbarem Migrationshintergrund gar ein Zeichen von Rassismus (!): "Diese Auswahl hat Signalwirkung, nach dem Motto: Migranten-Jungs brauchen besonderen Nachhilfeunterricht beim BH-Öffnen. Gerade in Zeiten der #MeToo-Debatte sollte so eine Instrumentalisierung von Migranten-Jungs in den Medien ein No-Go sein", sagte Bell dem Blatt.

Es dauerte nur rund 24 Stunden, bis die AfD das Thema aufgriff. Die Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, Alice Weidel, schrieb auf ihrer Facebook-Seite: "Begrapschen als Bildungsauftrag: Kika sofort vom Netz nehmen!" Der Kinderkanal vermittele "die Erkenntnis, dass es völlig in Ordnung ist, sich von denen an den Brüsten herumfummeln zu lassen, die noch nicht so lange hier leben", empörte sich Weidel und verlinkte dazu unter anderem auf den "B.Z."-Artikel. Dieser wiederum hatte, und das muss offensichtlich betont werden, einen Rassismus-Vorwurf gegen den Kika transportiert.

Bereits sechs Tage vor dem "B.Z."-Bericht hatte sich auch die große Schwester "Bild" für das Aufklärungsthema Brüste beim Kika-"Kummerkasten" interessiert. Obwohl (oder gerade weil) das Blatt sonst eher selten durch Prüderie, gerade im Umgang mit Brüsten auffällt, thematisierte es das "Busen-Legespiel" im Kika-Onlineangebot und zitierte dazu Kritik des Deutschen Staatsbürgerinnen-Verbandes ("ältester Frauenrechtsverband in Deutschland"): "Hier wird die Weiblichkeit und die weibliche Brust zum Spaß objektifiziert." Mancher "Bild"-Leser dürfte das geradezu als Aufforderung verstanden haben, das "Busen-Memory" beim Kinderkanal mal auszuprobieren.

Die öffentliche Debattenkultur hat sich längst vom sachlichen Austausch der Argumente verabschiedet. Doch es braucht nicht mal mehr Fake News, um der Hetze Auftrieb zu geben. Es reicht schon, einen harmlosen Online-Clip, gedacht für Teenager und im Online-Angebot des Kinderkanals nur durch gezielte Suche auffindbar, durch die - mit Verlaub - latent an den Haaren herbeigezogene Rassismus-Kritik einer namhaften Frauenrechtsorganisation an die Oberfläche zu zerren. Flankiert von der Busen-Berichterstattung des Springer-Flagschiffs "Bild" ist die Aufmerksamkeit sicher. Wenn es dann noch vermeintlich um das Wohl unserer Kinder geht, ist sicher: Der Affe findet den Zucker immer. Der Kika hat das Online-Video "BH öffnen" indes aus der Mediathek genommen, "zum Schutz der minderjährigen Protagonisten".
Aus epd medien Nr. 5 vom 5. Februar 2018

Ellen Nebel