Kritik
Willkommen in Bullerbü
VOR-SICHT: "Südstadt", Fernsehfilm, Regie: Matti Geschonneck, Buch: Magnus Vattrodt, Kamera: Theo Birkens (ZDF, 26.2.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Die Aufbruchstimmung der Jugendzeit haben sie schon länger hinter sich. Jetzt sind sie im Alter zwischen Mitte 40, Anfang 50, aber noch jung genug, um den Drang zu verspüren, aus dem Trott ihres Lebens auszusteigen: drei befreundete Paare, die in einem großzügigen Altbau in der Kölner Südstadt wohnen: Anne und Martin (Anke Engelke und Matthias Matschke), kinderlos, verheiratet seit 20 Jahren. Anne arbeitet als Grundschullehrerin und hat eine heimliche Affäre mit ihrem Kollegen Wolf (Pierre Besson), Martin ist Soziologe an der Uni; Saskia und Kai (Bettina Lamprecht und Alexander Hörbe) haben eine kleine Tochter, Kai ist Wirtschaftsjournalist beim Fernsehen, Saskia will nach Jahren des Hausfrauendaseins "zwischen den verstrahlten Muttis auf dem Spielplatz" zurück in den Beruf. Und die Notärztin Eva (Andrea Sawatzki), die nach zahlreichen Beziehungen "mit den falschen Männern" in Thomas (Dominic Raacke), einem erfolgreichen Headhunter, endlich ihren Traummann gefunden zu haben glaubt: Zwar ist er noch verheiratet und hat eine Tochter, Greta (Emma Drogunova), die bei der Mutter lebt. Aber wie es scheint, hat er sich für Eva entschieden.

Diese Konstellation, die Beziehungen verschiedener zivilisierter Menschen zueinander zu beleuchten, ihre Lebenslügen in geschliffenen Dialogen aufzudecken und ein hinreißendes Schauspielerensemble mit Eleganz zu führen, ist ein Spezialgebiet des Duos Matti Geschonneck und Magnus Vattrodt. Man muss nur an "Liebesjahre" und "Ein großer Aufbruch" denken. Und obwohl die drei Paare nur ein einziges Mal, zu Beginn, an einem Esstisch zusammenkommen, wird hier schon der bissige Ton gesetzt, der zwischen den einzelnen Paaren herrscht.

Als Eva den Freunden ihren neuen Partner vorstellt, den sie als Patienten mit Bandscheibenvorfall in ihrer Klinik kennenlernte, platzen gleich zwei Bomben: Saskia eröffnet ihren Freunden - und ihrem ahnungslosen Mann -, sie wolle ihren "Marktwert testen" und habe sich schon um eine Stelle beworben. Und Eva überrumpelt ihren neuen Freund mit der Behauptung, sie hätten beschlossen, "dass Thomas zu mir zieht".

Martin gesteht später am Abend seiner Frau, er sei nicht mehr an der Uni, er sei ein Opfer der "Behindertenquote", man habe seinen Vertrag nicht verlängert, sondern ihm eine "Kollegin im Rollstuhl" vorgezogen. Er wisse das seit letzter Woche. Aber beides wird sich als Lüge erweisen: Martin verheimlicht seiner Frau die Kündigung schon seit Monaten, lässt auch die Mahnbriefe der Wohnungsgesellschaft ungeöffnet ("ich weiß ja, was da drin steht"), und eine Kollegin im Rollstuhl hat es nie gegeben.

Wunderbare Charakterminiaturen werden da geliefert: Matthias Matschke als beruflicher Versager, der über den "Scheiß-Betrieb" an der Uni schimpft, sich aber nicht eingestehen kann, dass er sich seine Karriere durch Faulheit und Schwindeleien selbst verbaut hat. Anke Engelke als seine frustrierte, heimlich zur Trennung entschlossene Ehefrau, die ihre Freizeit lieber im Chor der Schule verbringt als zu Hause bei ihrem Mann, mit dem sie sich nichts mehr zu sagen hat. Stattdessen umgarnt sie ihren Schwiegervater (Manfred Zapatka), den Leiter des Chors, mit dem Geständnis, sie habe Martin nur geheiratet, weil sie ihn, seinen Vater, so mochte.

Andrea Sawatzki ist großartig als Eva, die leicht verblühte Liebende, die sich mit naiver Tapferkeit und krampfhaft guter Laune um ein freundschaftliches Verhältnis zu Greta, der Tochter von Thomas, bemüht, aber so bitter an dem Mädchen scheitert, dass sie sich nur noch mit einer Ohrfeige Luft verschaffen kann. Schon bei ihrer ersten Begegnung mit Greta, als Thomas seiner Tochter eröffnet, er wohne jetzt bei Eva, schickt Greta eine SMS an ihre Mutter: "Tolle Neuigkeit! Papa zieht jetzt zusammen mit seiner Schlampe." Doch Eva scheitert nicht nur an dem Mädchen - sie scheitert auch an Thomas, der mit heimlichen Telefongesprächen den Kontakt zu seiner Frau Karen (Julia Stemberger) aufrechterhält und am Ende der ahnungslosen Eva die größte Demütigung bereitet: Er kehrt zu ihr zurück, verschweigt ihr aber, dass Karen sein Angebot, in die Ehe zurückzukehren, abgewiesen hat.

Matti Geschonneck nennt "Südstadt" einen "Gegenwartsfilm". Es ist ja auch weder eine Tragödie noch eine Komödie der Beziehungen, obwohl, wie stets bei Geschonneck und Vattrodt, alle Tonlagen zwischen dem Tragischen und Komischen gestreift werden. Insofern ist das Casting sowohl überraschend als auch kongenial. Denn mit Anke Engelke, Matthias Matschke, Bettina Lamprecht und Dietrich Hollinderbäumer (als Vater von Thomas) ist zwar ein nicht unbeträchtlicher Teil der Mitwirkenden aus "Ladykracher" und "Pastewka" beisammen. Aber so exzellente Komödianten wie diese zeichnen sich eben auch dadurch aus - und haben es anderswo schon oft bewiesen -, dass sie als Schauspieler in ernsten Rollen glänzen. Sie treffen auch hier genau den angemessen tragikomischen Ton, ohne aus der fantastischen Ensembleleistung auszuscheren.

Und mit keinem Satz wird in die Doppeldeutigkeit des Vergnügens, das dieser Film bereitet, besser eingeführt als mit der sarkastischen Bemerkung, mit der Bettina Lamprecht als Saskia den neuen Bewohner Thomas auf die Hausgemeinschaft vorbereitet: "Willkommen in Bullerbü."

Aus epd medien Nr. 8 vom 23. Februar 2018

Sybille Simon-Zülch