Internationales
Watergate-Enthüller: Mit kühlem Kopf über Trump berichten
Weltkongress der Nachrichtenmedien sieht "Licht am Ende des Tunnels"
Washington (epd). Der US-amerikanische Journalist Bob Woodward, bekannt wegen seiner Enthüllung des Watergate-Skandals Anfang der 1970er Jahre, hat dazu aufgerufen, weiter tiefgründig über Donald Trump zu recherchieren und zu berichten, ohne dabei feindselig und streitlustig aufzutreten. Es helfe den Medien nicht, wenn sie selbst Teil der Politik würden, sagte der 75-jährige Woodward am 5. Juni beim Weltkongress des Internationalen Verbandes der Nachrichtenmedien (INMA) in Washington.

Woodward warb um Geduld. Die Watergate-Nachforschungen in der "Washington Post", die 1974 zu Präsident Richard Nixons Rücktritt führten, hätten mehr als zwei Jahre gedauert, und viele in der Öffentlichkeit hätten den Artikeln anfangs nicht geglaubt. Woodward wollte sich nicht an Spekulationen über die Russland-Ermittlungen gegen den derzeitigen Präsidenten Trump beteiligen. Man wisse nicht, wo sie hinführten. Journalisten sollten sich auf Reporterarbeit konzentrieren und persönlich vorsprechen bei möglichen Quellen. Das habe bei Watergate funktioniert.

Die Hauptstadtbüro-Chefin der "New York Times", Elisabeth Bumiller, sagte, Präsident Trump frustriere Reporter mit seinen zahlreichen Twitter-Verlautbarungen. Sie müssten sich ständig fragen, ob alle Tweets wirklich Nachrichtenwert hätten. Zugleich betrachte sie die Trump-Jahre als "goldene Ära" für den Journalismus, sagte Bumiller.

Beim INMA-Kongress vom 31. Mai bis zum 5. Juni ging es um Journalismus unter Trump und um die digitale Transformation der Medien. Die INMA ist eine Organisation mit mehr als 9.000 Mitgliedern, vornehmlich Führungskräfte aus großen Medienunternehmen. INMA-Exekutivdirektor Earl Wilkinson sagte, Medien müssten bei der Berichterstattung "durchatmen und Geschwindigkeit reduzieren". Fehler würden von populistischen Regierungen zu einer "Waffe gemacht". Wilkinson äußerte sich zuversichtlich über die Zukunft der Medien. Man erlebe eine Renaissance.

INMA-Präsident Eduardo Garces rechnet trotz der Herausforderungen durch die Digitalisierung mit einer Renaissance des Journalismus. Es sei schwierig, mit technologischen Veränderungen Schritt zu halten, doch viele Medienfirmen hätten "einen Platz in der digitalen Welt gefunden", sagte Garces. Man habe "das Licht am Ende des Tunnels" gesehen, betonte er.

Nach Darstellung des Medienexperten Juan Señor von der international tätigen Beraterfirma Innovation Media Consulting zeige sich bei der Finanzierung von Journalismus weltweit eine Orientierung hin zum Leser und weg von Werbung. Bei guter Qualität stelle man fest, dass Leser "bereitwillig ihre Daten und ihr Geld locker machen", sagte Señor.

Erfolgsgeschichten kamen von den großen US-Tageszeitungen "New York Times" und "Wall Street Journal". Die "Times" setze auf hohe Qualität, sagte der "Times"-Präsident für Internationales, Stephen Dunbar-Johnson. Die Zeitung konnte demnach im ersten Quartal 2018 3,7 Million digitale und Print-Abonnenten verzeichnen. 70 Prozent der Einnahmen kämen von den Lesern. Das "Wall Street Journal" hat vor drei Jahren ein dreistufiges Mitgliedermodell eingerichtet, sagte "Journal"-Marketingmanager Karl Wells. Die Anzahl der Mitglieder sei von 1,8 Millionen auf 2,4 Millionen gestiegen.

Bei der digitalen Transformation komme es nicht vorrangig auf neue Technologie an, erklärte David Rogers, Unternehmensforscher der Columbia-Universität in New York. Man müsse anders denken lernen und die Frage beantworten, "warum man existiert". Das gelte für alle Unternehmen, die vor dem Internet gegründet worden seien.

Thema der Konferenz waren auch veränderte Lesegewohnheiten. Nur fünf Prozent der Leser schafften es "bis zum Ende des 800 Wörter langen Artikels, den sie angeklickt haben", sagte die Vizepräsidentin des vor eineinhalb Jahren gegründeten Politikmagazins "axios.com", Kate Meissner. Mit dem Prinzip "intelligente Kürze" habe "axios.com" 8,6 Millionen Unique Visitors pro Monat erreicht. Die Texte seien etwa 200 Wörter lang.

Bei der Konferenz hat die INMA zudem zahlreiche Medienpreise vergeben. Der prestigeträchtigste "Best in Show"-Preis ging an die "New York Times" für ihre Werbekampagne mit dem Titel "Truth is Hard". Im INMA-Direktionsrat sitzen unter anderem leitende Mitarbeiter der australischen News Corp, der norwegischen Zeitung "Aftenposten", des "Wall Street Journals", der koreanischen Zeitung "JoongAng Ilbo" und des indischen Medienkonzerns Jagran Prakashan Ltd. Aus Deutschland sind Pit Gottschalk, Chefredakteur Sport bei der Funke Mediengruppe, und Frank Mahlberg, Verlagsleiter der Auto-, Computer- und Sport-Gruppe bei Axel Springer, vertreten.

Aus epd medien Nr. 23 vom 8. Juni 2018

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