Kritik
Was Deutschland bewegt
"Endlich Feierabend!" Magazin mit Annett Möller und Daniel Boschmann, Produktion: Maz and More TV GmbH (Sat.1, seit 30. Juli, werktags, jeweils 18.00-19.00 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Ein "abendliches Frühstücksfernsehen" kündigte der Sat.1-Geschäftsführer Kaspar Pflüger vor ein paar Monaten an, und mit diesem Oxymoron ist bereits alles gesagt. Am 30. Juli ging "Endlich Feierabend!" erstmals auf Sendung: "Annett Möller und Daniel Boschmann laden zur blauen Stunde in ihr ,Wohnzimmer' ein. Gut informiert, gut gelaunt und gut beraten fassen sie zusammen, was Deutschland bewegt. Kontroverse Diskussionen, raffinierte Servicetipps, persönliche Schicksale sowie Geschichten hinter den Schlagzeilen des Tages: Das After-Work-Programm in Sat.1 ist bunt, immer aktuell - und garniert mit prominenten Talkgästen oder unterhaltsamen Studio-Aktionen." So weit die Eigenwerbung.

Warme Töne dominieren das Ikeaesk aufgemachte Studio mit Ess- und Living-Bereich, und auch sonst geht es hier deutlich weniger dramatisch zu als zur selben Zeit nebenan bei RTL oder ProSieben. Annett Möller und Daniel Boschmann moderieren sich fröhlich und fidel durch die eine Live-Stunde, und wenn es doch mal ernst wird, pressen sie kurz die Lippen aufeinander und senken den Blick ein wenig. Und gleich geht's wieder weiter, "von den ernsten zu den lustigen Dingen" - oder war's umgekehrt?

Kaum eine Spur von internationalen Nachrichten - außer, es gibt eine deutsche Beteiligung - und von Politik natürlich noch viel weniger. Was die Zielgruppe nach Meinung von Sat.1 stattdessen braucht: Schnäppchentests, Tausch-Experimente, Service-Tipps, Internetnews, Galileo-Anti-Wissenschaft, Yellow Press und Tiervideos. Bloß niemanden zum Denken anregen - das könnte womöglich gefährlich werden um 18 Uhr abends. Oder, in den Worten von Annett Möller, die im "Schnäppchenlabor", dem "schnellsten Schnäppchentest Deutschlands" noch schneller erkennt, dass der billige Kontaktgrill das Werbeversprechen von der gleichmäßigen Hitzeverteilung nicht einhält: "Da brauch ma keine Doktorarbeit!" Der Sprecher aus dem Off sekundiert, hier herrschten "keine wissenschaftlichen Bedingungen - eben ein Schnelltest". Na dann.

"Endlich Feierabend!" macht sich nicht die Mühe, die bekannt sedative Mischung aus nationalen Erfolgsgeschichten, wohltemperierter Angstmache und der Simulation von Konsumentenservice allzu kapriziös zu verpacken. Schon der Einzeltitel jeder Folge spannt den Bogen recht hemmungslos. Mit einer einfachen Und-Konjunktion werden jeweils ein prominenter Name - der Studiogast - und ein als superbrisant vorgestelltes Thema miteinander verknüpft. Das klingt dann so: "Boris Becker und die große Brandgefahr im heißen Sommer". Oder: "Angelo und Gabriel Kelly und die gefährliche Hitzefalle ‚Kinderwagen'" (verstehe wer mag die Anführungszeichen bei dem Wort "Kinderwagen"). Oder: "Sophia Thomalla und das große Geschäft mit der Hitze."

Zwischen diesen beiden Top-Acts der Sendung - die eigentlich nur Nebensachen sind wie alles andere auch - werden lustige Youtube-Videos, die "Helden des Tages" (etwa deutsche Feuerwehrmänner, die im Ausland beim Löschen eines Waldbrandes helfen, siehe deutsche Beteiligung) oder das "Wow des Tages" präsentiert. Mit den Prominenten veranstaltet man aufwendig ausstaffierte Frage-Antwort-Spiele, die "Hau raus!", "Mehr oder weniger" oder "Ich oder Du" heißen, nur um dann wiederholt Fragen zu stellen, die sich mit keiner der genannten Requisiten beantworten lassen. Asyl erhalten hat bei "Endlich Feierabend!" zudem das Tauschformat "Plötzlich arm, plötzlich reich", das im Programm von Sat.1 lief: gleichsam als Spinoff hat man zwei ehemalige Tauschfamilien den Urlaub der jeweils anderen durchleben lassen und zeigt das als tägliche Miniserie. Und immer wieder die Frage: "Wie wichtig ist Luxus im Urlaub?"

Was sonst noch geschah: Als Anerkennung für die "Kameraden" von der deutschen Feuerwehr stellte Daniel Boschmann ein gerahmtes Foto des Trupps an einen Ehrenplatz im "Endlich Feierabend!"-Studioregal. Auch bedankte er sich bei den deutschen Dachdeckern, Grill-Angestellten und Busfahrern dafür, dass sie trotz der Hitze arbeiten. Die Fakten über Waldbrände flackerten als brennende Schrift auf einer Landkarte von Deutschland. Auch Möller und Boschmann verurteilten die Erschießung eines Eisbären, und Boris Becker fand, dass beim Abgang von Mesut Özil irgendwie beide Seiten Fehler gemacht haben. Und so weiter. Da kann man tatsächlich ganz wunderbar abschalten.

"Endlich Feierabend!" erreichte bei Sat.1 zum Start 7,5 Prozent Marktanteil - ein Ergebnis, das laut ProSiebenSat.1 "hoffen lässt".

Aus epd medien Nr. 32 vom 10. August 2018

Katrin Schuster