Kritik
Urkomische Dialoge
VOR-SICHT: "Eltern allein zu Haus", Trilogie, Regie: Josh Broecker, Buch: Nina Bohlmann, Kamera: Eckhard Jansen, Peter Joachim Krause, Produktion: Aspekt Telefilm (ARD/Degeto, 24.3., 31.3. und 7.4.17, jeweils 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Von wegen "Nesthocker" und "Hotel Mama": In dieser als Komödie angelegten Trilogie ist die Welt, zumindest im Milieu der gut verdienenden Mittelschicht, noch in Ordnung: Die Kinder gehen aufs Gymnasium und gleich nach dem Abitur zum Studium oder einer anderen Ausbildung in die Welt hinaus. Zurück bleiben die Eltern, die ihr Leben neu organisieren müssen und plötzlich vor Problemen stehen: Was fangen wir jetzt an mit uns? Wie füllen wir die Zeit, die bleibt? Gibt es ohne Kinder für uns beide überhaupt noch ein Wir? Oder sind wir nur noch zwei Ichs, die erst jetzt merken, dass sie schon seit Jahren in verschiedene Richtungen auseinanderstreben? Lieben wir uns eigentlich noch? Oder haben wir bisher nur nicht wahrhaben wollen, dass wir uns nichts mehr zu sagen und kein erotisches Interesse mehr aneinander haben?

Die Schröders, Sabine und Bernd (Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer), haben drei Söhne. Zwei sind bereits von Hamburg nach Köln gezogen. Jetzt hat auch Max, der Jüngste (Anton Rubtsov), Abitur gemacht und geht zum Studium nach Kanada. Vater Bernd leitet eine kleine Elektronikfirma, die Alarmanlagen herstellt, Sabine war Hausfrau und Mutter, früher einmal Krankenschwester. Sie träumt von einer Reise nach Rio, ihr Mann schwärmt vom Eismeer. Aber eigentlich will er nirgendwohin, alles soll bleiben, wie es war.

Nur wegen des Fernsehens soll es nun keine Konflikte mehr geben. Deshalb schenkt er seiner Frau ein riesiges Fernsehgerät, das er im ehemaligen Zimmer von Max - jetzt das Zimmer für seine Frau - an die Wand gedübelt hat, damit sie "ihr" Programm sehen und er im Wohnzimmer unten in Ruhe Fußball gucken kann. Eins aber steht fest: ein Tanzkurs in Samba, den Frau Schröder mit ihrem Mann machen will, kommt für ihn keinesfalls infrage.

Bei den Winters, Tanja und Matthias (Susanna Simon und Walter Sittler), sind die Rollen vertauscht: Tanja ist eine tüchtige Karrierefrau und verdient den Lebensunterhalt für die Familie. Matthias dagegen, ein antriebsloser "Hausmann" mit Hang zum Chaos, war ehemals Lehrer, wurde aber eines Herzleidens wegen frühpensioniert und ist mit seiner Schluffigkeit ein ständiges Ärgernis für die pragmatische, dominante Tanja. Er behauptet, an einem Buch über "Reformation" zu schreiben für einen "renommierten Verlag", kümmert sich aber hauptsächlich um das regelmäßige Messen seines Blutdrucks, und um den weißen Kakadu, der mit "Hallo Süße, leck mich", auf sich aufmerksam macht.

Zum Entsetzen der Eltern eröffnet ihnen die Tochter Marie (Sinje Irslinger), sie gedenke nicht, wie es ihr von den Eltern eingeredet worden ist, in Hamburg Politik zu studieren und weiterhin daheim zu wohnen, sondern zu ihrer Freundin in eine WG nach Berlin zu ziehen und eine Ausbildung zur KfZ-Mechatronikerin zu machen.

Katrin Busche (Anna Schudt), Physiotherapeutin, steht kurz vor der Eröffnung einer eigenen Praxis und ist schon seit sechs Jahren alleinerziehend. Ihr Ex-Mann Daniel (Oliver Mommsen) hat wieder geheiratet, seine zweite Frau, Julia (Silja von Kriegstein), erwartet ihr zweites Kind, weshalb Daniel mit seiner neuen Familie in das mit der ersten Familie bewohnte Haus einziehen will, in dem Katrin Wohnrecht zu haben glaubt. Eric (Sven Gielnik), der gemeinsame Sohn von Katrin und Daniel, geht zum Studium nach Kopenhagen, kehrt aber schon bald mit seiner ungeplant schwanger gewordenen holländischen Freundin Mia (Sonja Bruns) nach Hamburg zurück und hat vorerst keine Lust, weiter zu studieren.

Als dramaturgische Klammer in dieser überaus amüsanten Trilogie fungiert die Abschlussfeier der Abiturienten: Jeder der drei Filme beginnt mit dem großen Ereignis, zu dem sich die Familien auf dem Schulhof treffen und begrüßen. Denn man kennt einander aus der Schulzeit der Kinder. Es sind jedes Mal dieselben Szenen, danach aber wechselt die Perspektive und konzentriert sich auf die jeweilige Familie.

Hinzu kommt Sybille Merz (Christina Große), Paartherapeutin, die als Schulpsychologin auf der Abschlussfeier eine aufmunternde Rede über den Weg ins Leben hält - und bald schon die Schröders und Herrn Winter, mehr oder weniger widerwillig, in ihrer Praxis vor sich sitzen hat. Dass auch sie verheiratet ist, mit dem Anwalt Stefan (Tim Bergmann), rückt erst im dritten Film in den Vordergrund. Und dass es auch in der Ehe der Paartherapeutin heftig kriselt, trotz all der guten Ratschläge, die sie für ihre Klienten hat, aber bei ihr selbst offenbar nichts nützen, ist bei einem auf Eheprobleme konzentrieren Setting wie in dieser Trilogie zu erwarten.

Was aber nicht zu erwarten war, obwohl ja bei den berüchtigten Degeto-Filmen am Freitag das Niveau schon seit einiger Zeit merklich angehoben wurde: das enorme Vergnügen, das diese komödiantische Trilogie bereitet, dieser Humor, diese urkomischen, dem Leben abgelauschten Dialoge, die den Eltern in den Mund gelegt worden sind. Es muss auch den Schauspielern Spaß gemacht haben, sich vom Regisseur so geschmeidig durch die Probleme ihrer Figuren führen zu lassen und sie mit derart überzeugender Ernsthaftigkeit zu gestalten, dass man über sie lacht, ohne sie lächerlich zu finden.

Allein schon diese Szene (die in ihrer trockenen Komik für viele andere Szenen steht): Tanja Winter hat sich eine eigene Wohnung genommen und ist im Begriff, mit ihrem attraktiven Kollegen Sebastian (Bernd-Christian Althoff) eine Affäre zu beginnen. Da klingelt ihr Mann stürmisch an der Tür, weil er ihr unbedingt - "die Schröders machen das auch" - eine Paartherapie vorschlagen will. "Und deshalb machst du Klingelterror?", fragt Tanja. "Ich wusste ja nicht, dass du da bist", verteidigt sich ihr Mann. "Aha", sagt Tanja, "du klingelst also, weil du denkst, ich bin nicht da? Ich glaube, DU brauchst eine Therapie. Bei mir ist soweit alles in Ordnung."

Ist es natürlich nicht. Alle Beteiligten sind durch den Auszug der Kinder aus ihrem Ehetrott gerissen, bei keinem von ihnen ist "soweit alles in Ordnung". Es wird auch am Ende bei Schröders, Winters, Frau Busche und Frau Merz nur angedeutet, wie es in Zukunft weitergehen könnte, ob sich die Paare wiederfinden, in Freundschaft verbunden bleiben oder sich scheiden lassen, um mit einem - oder einer - anderen neu zu beginnen. Vielleicht nimmt sich ja Herr Winter, der hinreißend komische Walter Sittler, die Bemerkung des spanischen Barkeepers zu Herzen: "Meine Frau ist weg", vertraut er ihm an. "Das ist manchmal nicht das Schlechteste", tröstet der den Verlassenen. Mit dieser Trilogie jedenfalls ist - von ein paar allzu vorhersehbaren kleinen Übertreibungen abgesehen - soweit alles in Ordnung.

VOR-SICHT: "Eltern allein zu Haus", Trilogie: 1. "Die Schröders", 2. "Die Winters", 3. "Frau Busche", Regie: Josh Broecker, Buch: Nina Bohlmann, Kamera: Eckhard Jansen, Peter Joachim Krause, Produktion: Aspekt Telefilm (ARD/Degeto, 24.3., 31.3. und 7.4.17, jeweils 20.15-21.45 Uhr)

Aus epd medien Nr. 12 vom 24. März 2017

Sybille Simon-Zülch