Kritik
Undurchsichtige Verflechtungen
VOR-SICHT: "Saat des Terrors", Fernsehfilm, Regie: Daniel Harrich, Buch: Gert Heidenreich, Daniel Harrich, Kamera: Gernot Roll, Produktion: Diwafilm GmbH (ARD/SWR/BR/RBB/SR/Degeto, 21.11.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Gar nicht lustig ist das Agentenleben. Jana Wagner (Christiane Paul) ist als BND-Agentin in Pakistan stationiert. Ihr Chef in Islamabad ist Kommissar Borowski aus Kiel. Nein, natürlich nicht. Axel Milberg heißt hier Thomas Günther und ist Geheimdienstmann. Doch längst sitzt Milberg, wie viele Schauspieler vor ihm, in der "Tatort"-Falle. Heiner Lauterbach hat sich als Sicherheitsbeauftragter Nicholas und bester Freund von Jana einen aparten Schnurrbart zugelegt. Lauterbach wirkt, das muss mal gesagt sein, auch wenn es weder nett noch höflich ist, mit 65 Jahren nicht mehr wie die Idealbesetzung für Harte-Männer-Rollen. Und dass man ihn väterliche Gefühle für Jana hegen lässt, macht das Problem auch nicht geringer.

Mehrere ARD-Sender und die Degeto haben sich hier zusammengetan, um die beliebten deutschen Schauspieler nebst Crew nach Indien und Marokko (das hier Pakistan darstellen soll) auszufliegen und das Wirken der westlichen Geheimdienste im Ausland zu problematisieren. Wie genau, das soll vorab nicht verraten sein, aber die Rezensentin ist froh, den Plot im Rahmen einer "Vor-Sicht" nicht detailliert nachvollziehen zu müssen.

Undurchsichtig seien die "Verflechtungen und Operationen der Geheimdienste" hält Programmdirektor Volker Herres im Vorwort zum Presseheft fest. Oder, um die Worte von TV-Agentin Jana zu wählen: "Aber das ist doch genau das Problem, wir wissen überhaupt nicht mehr, was wir hier tun." Schlussendlich gelingt es Jana jedenfalls nicht, eine geplante Anschlagsserie in Mumbai zu verhindern, obwohl sie rechtzeitig davon erfahren hatte.

Unglaubwürdig ist die Darstellung, dass eine so kluge Frau, wie Christiane Paul sie hier spielt, erst nach Jahren des Dienstes langsam mal dahinter kommen soll, dass das mit dem Gut und dem Böse nicht so einfach ist und fragwürdige Geschäfte vor ihrer Nase laufen. Versteht es sich nicht von selbst, dass Geheimdienste immer wieder eine unfreiwillig - oder auch freiwillig - höchst unselige Rolle spielen und ausländische Geldzuwendungen die Terrorindustrie mitfinanzieren? Lernt man das nicht in der Schule für kleine Nachrichtendienstler, weiß man das nicht aus der Zeitung oder aus Geschichtsbüchern?

Doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail und wo genau die Probleme liegen und wie westliche Geheimdienstarbeit in Pakistan und Indien vor zehn Jahren verlief, versteht man vermutlich besser, wenn man die Dokumentation im Anschluss an den TV-Film guckt. Spätestens während der anschließenden Doku über den amerikanisch/pakistanischen Doppelagenten David Coleman Headley wird auch dem Letzten klar: Das soll ja alles echt sein! Es geht um die tatsächlichen Anschläge von Mumbai im Jahr 2008 (und später in Europa).

Dieser Film ist von Daniel Harrich, der sich mit "investigativen Spielfilmen" unter anderem auch schon mit Waffenexporten (Kritik in epd 40/15) und Medikamentenfälschungen (Kritik in epd 20/17) beschäftigt hat. Dass man sich bei der fiktionalen Gestaltung nicht frei fühlen konnte, weil man "irgendwie" ja bei der Wahrheit bleiben musste oder wollte, erklärt die Schwächen des Drehbuchs von Gert Heidenreich und Harrich. Die Vorab-Fassung für die Presse war, nebenbei bemerkt, unsäglich synchronisiert. Ein Mangel, der bis zur Ausstrahlung hoffentlich behoben sein wird.

Die Nachteile der Fernsehfilmform liegen auf der Hand, doch was ist der "Mehrwert" eines "investigativen Spielfilms" gegenüber anderen medialen Aufbereitungsformen? Dass man emotional versteht, dass es den Agenten mit ihrem Job auch nicht immer gutgeht? Konnte man sich denken. Dass es Zyniker jeder Abstufung gibt? Auch. Will man Menschen, die weder Dokus gucken noch Zeitung lesen, über das Vehikel "Agententhriller mit beliebten Schauspielern" ein kritisches politisches Bewusstsein unterjubeln? Da dankt man aber herzlich! Aufklärung über die Sache an sich? Nein, da sind Dokumentationen überlegen. Ist der Vorteil also, dass man so - und im Rahmen eines "Themenabends" - aufgrund der größeren Zuschauerzahl eine höhere politische Welle machen kann, wie es Harrich in der Vergangenheit unter anderem in Sachen Waffenexporte gelang? Und dass man Recherchen, für die man mehrfach - wie Harrich sagt - "rund um den Globus" fliegen muss, so eher finanziert bekommt?

Aus epd medien Nr. 46 vom 16. November 2018

Andrea Kaiser