Kritik
Träne im Knopfloch
VOR-SICHT: "Trauung mit Hindernissen", Fernsehfilm, Regie: Anna-Katharina Maier, Buch: Sophia Krapoth, Kamera: Doro Götz, Produktion: Ariane Krampe (ARD/MDR/ORF, 13.6.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Heiraten macht alles nur komplizierter, davon ist Katrin (Nicolette Krebitz) überzeugt. Mehr Zeit miteinander verbringen, das wäre es. Ein Wochenende mit Häuschen in der Natur und "Blubberbad". Ohne alle anderen. Wunderbar, findet die Patchwork-Mutter. Zwischen Lehrerkonferenz, eigenen und angenommenen Kindern, der neuen Frau des Ex, deren Kindern, neuerdings getrennter Mutter und Vater mit dessen neuer Freundin geht es schon ausreichend turbulent genug zu. Ein Ring schmiedet die Kette der Pflichten nur unnütz fester.

Ihr Lebensgefährte Philipp (Hary Prinz, rührend, aber etwas blass) sieht das romantischer: Liebesfunken sollen sprühen bei seinem Antrag, unter Auf-immer-und-ewig-Schwüren will er die Beziehung mit Riesenfest und Brimborium feiern und das Für-den-Rest-unseres-Lebens zelebrieren. Sein perfekt geplanter, aber kläglich scheiternder Antrag mit furchtbarem Karaoke-Gekrächze nach Bruno Mars ("I think I'm gonna marry you"), Partylichtern und Let's dance-Gruppenchoreografie der Lehrerkollegen im Konferenzraum setzt die Marke. Ein Moment zum Fremdschämen. Im Gegensatz zu Referendarin Melanie (Laura Preiss) will Katrin den selbst designten Verlobungsring gar nicht erst an den Finger stecken.

Zu Hause ist gerade Julia (Lisa Bitter), die zweite Frau ihres ersten Mannes, auf der Flucht vor Schwiegermutter Diana (Daniela Ziegler) eingezogen. Der Ex-Mann, im Nachfolgefilm zu "Familie mit Hindernissen" nur mehr ein egoistisch zweifelnder Schatten im Zelt am Lagerfeuer, ist auf Selbstfindungstrip mit unabsehbarem Ende, hat aber aus Versehen die Joints im häuslichen Küchenschrank zurückgelassen. Tochter Saskia (Emilie Neumeister) und Sohn Leo (Luis August Kurecki) muss Katrin selbst den Turnbeutel hinterhertragen. Ihre Mutter Renate (Patricia Hirschbichler), von Philipp aufgescheucht, zieht bei der Tochter ein, um bei den Festvorbereitungen zu helfen. Absagen nimmt sie nicht zur Kenntnis. Bald steht auch Vater Horst (Peter Prager) mit seiner neuen Flamme Beate (Nicole Beutler) auf der Matte. Alle wollen Katrins Aufmerksamkeit und Fürsorge. Ruhe gibt es höchstens beim Zähneputzen. Gelegentlich.

Der Vorgängerfilm "Familie mit Hindernissen" (Kritik in epd 14/17) hatte einige dramaturgisch skurrilere Momente, aber das Motiv der berufstätigen Mutter mit Kümmergen am Rand des Familienwahnsinns ist vollständig gleich geblieben. Regisseurin Anna-Katharina Maier und Autorin Sophia Krapoth sehen die Komödienwelt vor allem mit Katrins Augen. Das ganz normale Familienchaos, hier durch die angehängten Neu- und Altlastangehörigen potenziert, erzeugt und frisst gleichermaßen den Charme des gedeihlichen Zusammenlebens. Vor allem Nicolette Krebitz spielt das alltägliche Kopf-über-Wasser-halten-und-nicht-die-Laune-verlieren lebensnah und mit dem nötigen Quäntchen Selbstdistanz.

Die Darstellung der Turbulenzen allein reichte für eine unterhaltsame, nicht allzu anspruchsvolle Mittwochskomödie. Das Buch aber setzt überflüssigerweise auf die anscheinend unumgänglichen Liebesverwicklungen, die zu überkonventionellem Ende führen. Mit Julias Halbbruder Marcel (Michael Steinocher) muss ein junger, etwas verwegen aussehender Weltenbummler her, der mit seinem Camper ausgerechnet in Leipzig Station auf seinem Seidenstraßentrip nach China macht. Auch Marcel bleibt wie Philipp als Figur recht blass. Klar ist nur, dass er an Gefühlen mitnimmt, was am Wegesrand liegt. Katrins brachliegende Abenteuerlust zum Beispiel. In der Liebesarithmetik der TV-Filme muss Philipp im selben Moment Kollegin Melanie nahekommen. Mit der Frage "Haben sie nun oder nicht?" rettet sich die Liebesverwicklung künstlich über die Zeit bis zum Schluss. Zum Happy End.

In der Zwischenzeit trifft Mutter Renate der Schlag, was die Planung der Bestattung und Trauerfeier unumgänglich macht. Mit diesem Handlungsstrang nimmt "Trauung mit Hindernissen" noch einmal Fahrt auf. Katrin und ihr Vater streiten und versöhnen sich, begreifen vielleicht etwas von der Liebe. Horst macht seiner Frau am Sarg eine rührende Liebeserklärung. Hier, zwischen Lächeln und einer Träne im Knopfloch, hat die Komödie ihre stärksten Momente. Sie mag zwar kein origineller Wurf sein, aber zwischen Pietätsinstitut und Treuebesinnung gibt es doch einige rührende Szenen. Das Buch aber, so scheint es, vertraut diesen ganz und gar nicht, sondern muss die Dosis Familiensinn statt mit dem Teelöffel mit der Suppenkelle verabreichen: Katrin ist schwanger. Klar: Der vermutlich vorgesehene dritte Teil kann gar nicht anders als "Baby mit Hindernissen" heißen.
Aus epd medien Nr. 23 vom 8. Juni 2018

Heike Hupertz