Inland
SR legt vorläufigen Abschlussbericht im Fall Wedel vor
Justiziar Radeck: Funktionsträger wurden ihrer Verantwortung nicht gerecht
Saarbrücken (epd). Der Saarländische Rundfunk (SR) hat nach dem vorläufigen Abschlussbericht zum Fall Dieter Wedel Konsequenzen für die Unternehmenskultur angekündigt. "Es war hart, erfahren zu müssen, wie die damaligen Ereignisse als ,Privatsache' behandelt worden sind", sagte SR-Intendant Thomas Kleist am 12. April in Saarbrücken. Machtmissbrauch könne in jedem Unternehmen von der Größenordnung des SR vorkommen. Umso wichtiger sei es, dass Betroffene Hilfe bekämen und Unternehmen Angstfreiheit sowie ein Klima des gegenseitigen Respekts schafften.

Der vorläufige Abschlussbericht des SR zu den Vorwürfen gegen Wedel wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe umfasst 14 Seiten und kritisiert Machtkonzentration und fehlendes Handeln der damals Verantwortlichen. "Insgesamt sind die damaligen Funktionsträger bei Telefilm Saar und SR an heutigen Maßstäben gemessen der besonderen Verantwortung, die nach der Erhebung der Vorwürfe angebracht gewesen wären, nicht gerecht geworden", erklärte der Leiter der Taskforce, Justiziar Bernd Radeck. Es sei allerdings nicht Aufgabe der Untersuchung gewesen zu klären, ob die von den zwei Schauspielerinnen erhobenen Vorwürfe zutreffen. Für den Bericht wurden neben der Sichtung von Akten auch Zeitzeugen befragt.

Im Januar hatte die Wochenzeitung "Die Zeit" über Anschuldigungen mehrerer Darstellerinnen berichtet, die dem heute 75 Jahre alten Regisseur Wedel Übergriffe am Rande von Dreharbeiten vorwerfen. Sie reichen von Machtmissbrauch bis hin zu sexueller Nötigung und Vergewaltigung (epd 5/18). Die mutmaßlichen Fälle liegen mehrere Jahrzehnte zurück. Der Regisseur bestreitet die Darstellungen. Die "Zeit" stützte ihre Berichterstattung unter anderem auf Akten aus dem Archiv des SR zur Serienproduktion "Bretter, die die Welt bedeuten" in den 1980er Jahren.

Nach dem Bericht des SR hatte die erste Hauptdarstellerin, die Schauspielerin Esther Christinat, geschildert, sie sei im Dezember 1980 von Wedel eine Dreiviertelstunde lang "gewalttätig ,bearbeitet'" worden, obwohl sie sich mit allen Mitteln gewehrt habe. Im Januar 1981 sei sie von dem Regisseur während der Dreharbeiten öffentlich gedemütigt worden und zusammengebrochen. Christinat kündigte, statt ihrer wurde die Schauspielerin Ute Christensen für die Rolle besetzt. Diese schilderte später, dass sie, nachdem sie sich den Annäherungsversuchen des Regisseurs verweigert habe, von diesem täglich massiv kritisiert worden sei. Am 6. Mai sei sie schriftlich aufgefordert worden, sich bei Wedel, dem Team und den Ensemblemitgliedern für negative Äußerungen über die Produktion zu entschuldigen. Am 20. Mai habe der Regisseur vor dem versammelten Ensemble von ihr verlangt, dass sie schriftlich erklären solle, "dass es ihr gegenüber keine sexuellen Annäherungsversuche" durch Wedel gegeben habe. Anschließend wurde sie laut Bericht mit einem "Nervenzusammenbruch" im Krankenhaus eingeliefert.

Wedel erklärte laut Bericht, dass "es bereits anlässlich des Vorstellungsgesprächs Anfang November zu peinlichen Annäherungsversuchen" seitens Christinat gekommen sei. In dem Abschlussbericht heißt es jedoch, aus den Akten gehe hervor, "dass die damals unmittelbar Verantwortlichen am Wahrheitsgehalt der Darstellungen der Betroffenen nicht zweifelten". Der Regisseur hatte laut Bericht angeboten, "als Zeitzeuge zur Verfügung zu stehen". Einer Terminvereinbarung sei er jedoch "unter Hinweis auf ärztliches Anraten ausgewichen".

SR bestand auf Zusammenarbeit mit Wedel

Nach dem Bericht des SR hatte die ebenfalls an der Produktion beteiligte Firma von Wedel, Active Film, nach diesen Vorfällen angeboten, die Serie mit einem anderen Regisseur weiterzudrehen. Dies habe der SR jedoch nicht gewollt. In einem Telefonat habe der Redaktionsleiter der Fernsehunterhaltung gesagt, es gebe "keinen einleuchtenden Grund..., ... bereits verpflichtete Regisseure auszutauschen". In einem Schreiben habe der Redaktionsleiter gegenüber der Telefilm Saar erklärt, die Entscheidung für die Serie sei mitbestimmt gewesen "von der Bindung des Projektes an den Autor Wedel... und an die Active Film, die uns eine überdurchschnittliche Besetzung garantieren sollte".

Der Leiter der Taskforce, Radeck, betonte, es sei Aufgabe der internen Untersuchung gewesen, das Verhalten der damaligen Verantwortlichen bei der Produktionsfirma und beim SR aufzuklären. Den Ergebnissen zufolge waren der Geschäftsleitung der Telefilm Saar und damit mindestens dem SR-Programmdirektor im Dezember 1980 die Vorwürfe einer Darstellerin bekannt, da der damalige Programmdirektor in Personalunion auch Geschäftsführer der Telefilm Saar gewesen sei: "Er war also bei diesem Serienprojekt anfangs zugleich Auftraggeber und Auftragnehmer." Spätestens im Herbst 1981 hätten auch der Intendant und die übrigen Mitarbeiter der damaligen Geschäftsleitung davon erfahren.

Aus den Akten gehe hervor, dass die damals Verantwortlichen am Wahrheitsgehalt der Darstellungen nicht gezweifelt hätten, hieß es. Die Taskforce geht davon aus, dass die Produktionsfirma und der SR mit großer Wahrscheinlichkeit ein Gespräch mit Wedel geführt haben, zweifelt allerdings die Ernsthaftigkeit dieses Gesprächs an. Es sei damals auch um die Vermeidung eines "Presseskandals" gegangen, hieß es. Zudem wiesen Honorarstreitigkeiten darauf hin, dass die Produktionsfirma "unter erheblichem finanziellen Druck stand und dies einer der Gründe für die ausbleibenden Untersuchungen oder Sanktionen war". Die Produktionskosten von "Bretter, die die Welt bedeuten", waren völlig aus dem Ruder gelaufen und lagen schließlich bei 8,6 Millionen Mark. Ursprünglich waren die Kosten für die Serie auf vier Millionen Mark kalkuliert worden.

"Wir wissen auch, dass in der Folge seitens der Verantwortlichen nicht konsequent gehandelt worden ist", erklärte die Taskforce. "Den Betroffenen wurde kein nachhaltiger Schutz gewährt." Die SR-Taskforce bezeichnet ihren Bericht als vorläufig, da nicht ausgeschlossen werden könne, "dass es weitere aussagekräftige Unterlagen gibt, die aber derzeit nicht bekannt sind".

Musterklausel für Verträge

Neben dem SR hatten auch die Produktionsfirma Bavaria Film, weitere öffentlich-rechtliche Sender und Sat.1 Untersuchungen eingeleitet. Bavaria Film erklärte zuletzt, dass keine Belege für sexuelle Übergriffe gefunden wurden, allerdings einige Verhaltensweisen von Wedel nach dem heute gültigen Verhaltenskodex nicht tolerabel gewesen wären (epd 14/18). ZDF und NDR hatten bereits im Februar mitgeteilt, keine Hinweise auf Übergriffe gefunden zu haben (epd 8, 9/18).

Bereits vor Bekanntwerden der Vorwürfe hatte der SR das Projekt "Wir im SR: Zusammen besser" gestartet, das nach Angaben der Rundfunkanstalt das Thema offene Kommunikation und partnerschaftliche Führung fördern soll. Zu den nun weiteren angekündigten Maßnahmen zählen laut Kleist etwa eine deutliche Verurteilung von sexuellen Übergriffen und Belästigungen in den Unternehmensrichtlinien und eine bessere Schulung von Führungskräften. Im SR gibt es laut Bericht für Fälle von Machtmissbrauch und Diskriminierung verschiedene Ansprechpartner und Vertrauenspersonen.

In dem Bericht weist der SR darauf hin, dass die Unterlagen der Telefilm Saar zugänglich gewesen seien, da das Unternehmen inzwischen liquidiert sei (epd 40/07). Auftragnehmende Produktionsfirmen hätten jedoch ein Recht auf Schutz ihrer Geschäftsgeheimnisse. Der SR fordert daher für künftige Produktionen eine Transparenzklausel im Falle von begründeten Verdachtsmomenten. Eine solche Musterklausel könne "günstigstenfalls im Konsens mit der Produzentenallianz" entwickelt werden. Parallel dazu wird eine unabhängige Anlaufstelle für alle Beschäftigten der Filmbranche gefordert.

Aus epd medien Nr. 16 vom 20. April 2018

dir/lwd