Kritik
Sissi und Jesus
VOR-SICHT: "Die Heiland - Wir sind Anwalt", Regie: Schnee/Grass, Buch: Burbach (Headautorin)/Schulz-Dornburg/Callenberg/Gantenberg/Barth/Sanio, Kamera: Prengel /Kley, Produktion: Olga Film (ARD/RBB, ab 4.9.18, dienstags 20.15.-21.00 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Falls es den Zuschauern nach zwei Folgen noch nicht aufgefallen sein sollte - in der dritten Folge werden sie mit der Nase darauf gestoßen: "Romy Heiland, das ist ja wie eine Mischung aus Sissi und Jesus", staunt eine Mandantin der Anwältin, die sich, geschlagen mit diesem törichten Namen, durch die neue Serie um eine Rechtsanwältin tasten muss. Ja: tasten. Denn Romy Heiland (Lisa Martinek) ist von Geburt an blind, nur "ein Prozent Sehkraft" steht ihr zur Verfügung. Deshalb hat man ihr die muntere Hilfskraft Ada Holländer (Anna Fischer) an die Seite gestellt. Die hat zwar, wie sie sagt, "von Jurasachen keine Ahnung", ist aber mit gesundem Menschenverstand gesegnet und so unerschrocken, dass sie sich auch an der Aufklärung juristischer Fälle beteiligen kann.

Entdeckt das Fernsehen jetzt die Blinden? Im Mai gab es in der ARD ja schon den österreichischen Krimi "Blind ermittelt". Angeblich soll daraus eine Reihe werden. Und nun schon wieder eine Hauptfigur, der die Herausforderung zugemutet wird, blind zu spielen. In diesem Fall inspiriert von der blinden Strafverteidigerin Pamela Pabst, die ein Buch geschrieben hat: "Ich sehe das, was Ihr nicht seht".

Die Serie ist also nur in den Fällen ausgedacht, die Hauptfigur dagegen soll ein reales Vorbild haben. Für Zuschauer ist aber der Anblick dieser "blind gecoachten" Schauspielerin ziemlich irritierend. Unwillkürlich formuliert man den Titel des Buchs von Pamela Pabst um: "Wir sehen das, was Lisa Martinek auch sieht." Denn man nimmt dieser Schauspielerin die Blindheit nicht ab. Es genügt nicht, mit aufgerissenen Augen an den Gesprächspartnern knapp vorbeizublicken, mit schief geneigtem Kopf und klapperndem Blindenstock durch die Gegend zu schreiten. Zumal die Drehbücher die Glaubwürdigkeit der Blinden zusätzlich unterminieren: Romy Heiland besucht, ganz selbstverständlich, eine "Vernissage". Sie behauptet, "ich habe diese Filme auch gesehen". Sie will sogar "auf einer Teststrecke mit stolzen 130 Auto gefahren" sein. Auch dass sie "eine heimliche Faszination hegt für Männer in Uniform", ist bei dieser von Geburt an Blinden eher ungewöhnlich. Wenn nämlich den Zuschauern gezeigt werden soll, was Romy Heiland mit einem Prozent Sehkraft gerade noch erkennen kann, sind es nur unförmige, dunkelgraue Flecken.

Die Blindheit und das damit verbundene feinere Sensorium der anderen Sinne, was ja schon im Titel des Buchs von Pamela Pabst zum Ausdruck kommt, also auch das Besondere der Serienfigur sein soll, bleibt auf Unbedeutendes beschränkt: Ihr Geruchssinn ist so "verfeinert", dass sie es riecht, wenn Ada Döner isst; ein Rest Marmelade klebt an ihrem Mundwinkel und wird von Ada abgewischt; das Fleisch muss für sie in mundgerechte Stücke geschnitten werden, und ab und zu stößt sie sich an einer Tischkante. Die Serie könnte aber auch als Werbesendung für die Segnungen des digitalen Fortschritts gesehen werden, der Blinden das Leben erleichtert. Denn ohne Smartphone, Anrufbefehle, PC mit großen Leuchttasten und digitaler Kommunikation in jeder Lebenslage wäre Romy Heiland mit nur einer Hilfskraft kaum arbeitsfähig.

Und was für knifflige juristische Fälle werden der blinden Anwältin präsentiert? In der ersten Folge ("In dubio pro reo") ist ihr ehemaliger Professor (Peter Davor) von einer "leistungsschwachen" Studentin wegen Vergewaltigung angezeigt worden. Nach umständlichem Hin und Her stellt sich heraus: Der Professor hatte eine "Schwäche" für diese Studentin und ihr - gegen Sex - versprochen, die Lösungen der Staatsexamensarbeit zu verraten. Die Lösungen waren aber auch ihm vom Prüfungsamt verweigert worden, was er der Studentin allerdings erst gestanden hat, nachdem er bekommen hat, was er bekommen wollte. Also ein Racheakt der betrogenen Studentin.

In der zweiten Folge ("Tödliche Tropfen") wird eine polnische Pflegerin, Alina, die "leckeres Gulasch" kochen kann und von Ada freundschaftlich geduzt wird, beschuldigt, ihren an Parkinson leidenden Patienten in den Tod getröpfelt zu haben. Ada weiß aber sofort: "Alina war das nicht." Und als Zuschauer hat man sowieso bereits beim Anblick der geldgierig grimassierenden Schwiegertochter begriffen, dass dies eine Familienangelegenheit ist, weil es um das Erbe der - wie Ada sagt - "behämmerten Firma" geht.

Die dritte Folge ("Wenn du mich liebst") hat das Thema Homosexualität im SEK-Milieu am Wickel. Dies aber völlig unerwartet, nach etlichen Wendungen einer Zick-Zack-Dramaturgie, erst in den allerletzten Szenen aus dem Hut gezaubert. Und was es für die Ehefrau bedeutet, die nach jahrelanger Ahnungslosigkeit von ihrem Mann verlassen wird, weil er sich nun zu seiner Homosexualität bekennt - das kommentiert Ada mit berlinerischer Kaltschnäuzigkeit: "Die ist sicher froh, dass sie ihn los ist."

Am Ende der dritten Folge bekommt Ada ihren Arbeitsvertrag von Romy Heiland ausgehändigt. Bis dahin war sie nur auf Probe, als Ersatz für die juristisch ausgebildete Assistentin, die gekündigt hat, weil sie nach Australien ausgewandert ist. Und der Vertrag für Ada wäre der einzige Grund, weitere Folgen dieser konventionell erzählten, langweilig dahinplätschernden Serie anzuschauen. Denn sobald Anna Fischer auftaucht, lüftet sie mit ihrem Charme und ihrer hinreißenden Lebendigkeit die Bude aus.

VOR-SICHT: "Die Heiland - Wir sind Anwalt", sechsteilige Serie, Regie: Christoph Schnee, Bruno Grass, Buch: Jana Burbach (Headautorin), Nikolaus Schulz-Dornburg, Christoph Callenberg, Michael Gantenberg, Stephan Barth, Tamara Sanio, Kamera: Diethard Prengel, Hendrik A. Kley, Produktion: Olga Film (ARD/RBB, ab 4.9.18, dienstags 20.15.-21.00 Uhr)
Aus epd medien Nr. 35 vom 31. August 2018

Sybille Simon-Zülch