Kritik
Shakespeare, Drama, Balkon und so
VOR-SICHT: "Unzertrennlich nach Verona", Fernsehfilm, Regie: Andreas Herzog, Buch: Uli Brée, basierend auf einer Idee von Tim Tremper, Kamera: Markus Kanter, Produktion: Construction Filmproduktion (ARD/Degeto, 3.10.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Am Tag der Deutschen Einheit plant das Erste für die Hauptsendezeit nicht mit historischem oder politischem Stoff, sondern mit leichter Muse. Statt um Deutschland dreht sich alles um die Wiedervereinigung des Helikopterelternpaars Ulla und Jan (Veronica Ferres und Heiner Lauterbach): Weil vor allem die Mutter der 17-jährigen Julia (überzeugend und sympathisch: Paulina Rümmelein) sich ständig Sorgen macht, die Tochter könnte schwanger werden, jagen die getrennten Eltern dem Teenager, der mit seiner Freundin Lea (Olivia Müller-Elmau) einen Kurztrip nach Verona macht, bis nach Italien hinterher.

In Verona kommt es nicht nur zur Wiedervereinigung der Münchner Eltern. Nein, Julia fängt sich auch noch ihren Romeo (Lukas Schmidt), mit dem sie vorher nur online Kontakt hatte. Siehe da: Er ist, anders als so oft in Wirklichkeit, im real life mindestens genauso toll! In Verona! Shakespeare. Drama. Balkon und so. Sie wissen schon.

Der Film richtet sich mit seiner Starbesetzung Ferres/Lauterbach an ein großes Publikum, produziert wurde er von Ferres' Firma Construction Film. Wer die Stars und das Genre mag, wird wahrscheinlich nicht unbedingt begeistert, aber auch nicht enttäuscht sein: Schöne kleine Einfälle und gelungene Dialogzeilen lockern die arg vorhersehbare Handlung immer wieder auf.

Beispielsweise, wenn die Mutter ziemlich zu Anfang des Films der Geburtstagsrunde ihrer Tochter streng erklärt, dass Sex unter ihrem Dach verboten sei. Und die peinlich berührte Tochter Mutter Ulla darauf hinweisen muss, dass nur noch Mädchen da seien. Die Mutter habe doch verlangt, dass die Jungs um zehn gehen müssen. Wenn die Teenie-Mutter dann völlig verblüfft sagt: "Und du hast darauf gehört?", dann ist das die Art von Witz, die der Film immer wieder mal aufweist und die ihn hinreichend unterhaltsam machten, um dranzubleiben.

Vermischt wird die Familiengeschichte mit einem Kriminalplot. Die Mutter ist Richterin, der Vater verdeckter Ermittler bei der Polizei. Ein Mafioso hat dem Polizisten Falschgeld untergeschoben, das die Mutter versehentlich ausgibt, sodass es zu einer Reihe von - wie es in der TV-Ankündigungslyrik dann immer so schön heißt - "turbulenten Verwicklungen" kommt. Eine sieht man gleich zu Beginn, die mehlbestäubten Eltern werden erkennungsdienstlich behandelt, der Film springt 61 Stunden zurück und erzählt bis zu diesem Punkt - und noch ein wenig darüber hinaus.

Die Themen Überbehütung, übersteigertes elterliches Kontrollbedürfnis und Loslassen scheinen für die Einzelkindgesellschaft von heute ein größeres Thema denn je, meist wird das Problem allerdings am Schicksal jüngerer Kinder diskutiert, die nicht mehr allein zur Schule laufen dürfen. Doch Teenager trifft es genauso. Dass ihr Verhalten problematisch ist, ist diesen TV-Eltern bedingt bewusst, doch im Zweifel ist die Angst größer.

So ähnlich wie womöglich damals im Geburtsvorbereitungskurs versuchen Julias Eltern die Angst, dass ihre Preziose an den falschen Romeo gerät, schließlich gemeinsam wegzuatmen. Gewissermaßen hechelnd will das Paar wieder zusammenfinden - schließlich läuft der Film am Tag der Einheit.

Aus epd medien Nr. 39 vom 28. September 2018

Andrea Kaiser