Inland
Sexuelle Belästigung: Prüferin sieht "strukturelle Defizite" beim WDR
Gutachterin Wulf-Mathies fordert in Abschlussbericht einen Kulturwandel
Bonn (epd). Die externe Gutachterin Monika Wulf-Mathies hat die Fälle von sexueller Belästigung im WDR als "Spitze des Eisbergs" bezeichnet. Dahinter würden sich "Machtmissbrauch, vielfältige Diskriminierungserfahrungen und eine Unzufriedenheit mit dem Betriebsklima" verbergen, sagte sie am 12. September bei der Vorstellung ihres Abschlussberichts in Bonn. Darin bescheinigt die ehemalige EU-Kommissarin und Gewerkschafterin dem WDR "strukturelle Defizite". Sie war im April von WDR-Intendant Tom Buhrow beauftragt worden, den Umgang des Senders mit den in der Öffentlichkeit bekanntgewordenen Fällen zu untersuchen (epd 15, 17/18).

Die SPD-Politikerin wirft dem WDR vor, in der Vergangenheit zu wenig zur Aufklärung unternommen zu haben. Führungskräfte hätten keine eigenen Nachforschungen angestellt, und es habe auch bis zu einer im Jahr 2015 erlassenen Dienstverordnung keine festen Regeln im Umgang mit solchen Fällen gegeben. "Es wäre größerer Ermittlungseifer nötig gewesen", sagte die Gewerkschafterin. Die meisten Fälle lägen allerdings schon lange zurück. "Man muss berücksichtigen, dass die Sensibilität in der Gesellschaft für dieses Thema insgesamt nicht sehr groß war", sagte sie. "Wir alle haben durch die #MeToo-Debatte einen Stoß bekommen."

Seit Mai hat die Gutachterin rund 35 Gespräche mit Beschäftigten, Führungskräften, Personalrat, Anwaltskanzleien und externen Experten geführt. Der WDR habe ihr vorbehaltlos Einsicht in Akten und Dokumente gewährt, sagte sie, das sei "durchaus mutig". Dem Sender bescheinigte sie, nun sehr viel schneller und konsequenter zu handeln. Allerdings scheine es "ein großes Misstrauen gegenüber Vorgesetzten" zu geben. Kaum ein Opfer habe sich direkt an den WDR gewandt. Auch der 2015 eingeführte Interventionsausschuss sei nur sehr selten in Anspruch genommen worden.

Nach Ansicht von Wulf-Mathies benötigt der Sender einen Kulturwandel. Bei der Vergabe von Führungspositionen werde zu wenig Wert auf soziale Kompetenz und charakterliche Eignung gelegt. Auch das Fehlen eines wertschätzenden Arbeitsklimas sei beklagt worden. Viele ihrer Gesprächspartner hätten "Silo-Strukturen" kritisiert, die zur Abschottung und Verfestigung hierarchischer Abhängigkeitsverhältnisse führen. "Kosmetische Korrekturen werden nicht ausreichen", sagte sie und schlug konkrete Maßnahmen wie die Einrichtung einer Clearingstelle und ein verbindliches Regelwerk im Umgang mit Fällen sexueller Belästigung und Machtmissbrauch vor. Der Intendant müsse das Thema zur Chefsache machen.

Die Gewerkschafterin erklärte, sie wolle verhindern, "dass sexuelle Belästigung als Skandal- und Schlüsselloch-Thema durch die Gazetten wandert, aber sich nichts ändert".

Buhrow: "Da hat sich einiges aufgestaut"

Buhrow versprach, dass der Bericht "nicht in der Schublade verschwinden wird". Wulf-Mathies' Vorschläge würden nun bei der Erstellung einer neuen Dienstvereinbarung berücksichtigt. "Ich möchte einen WDR, in dem wir angstfrei zusammenarbeiten", sagte er. Ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass mit den öffentlich gewordenen Fällen ein allgemeiner Unmut in der Belegschaft zutage getreten sei. "Da hat sich einiges aufgestaut und dem müssen wir ins Auge sehen", räumte er ein. Der Intendant entschuldigte sich "persönlich und im Namen des WDR" bei den Opfern.

Mehrere Medien hatten seit Anfang April über mutmaßliche Fälle sexueller Belästigung durch verschiedene WDR-Mitarbeiter berichtet. Wegen entsprechender Vorwürfe kündigte die Rundfunkanstalt einem langjährigen Auslandskorrespondenten sowie dem ehemaligen Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie, Gebhard Henke. Beide Männer reichten Kündigungsschutzklagen vor dem Arbeitsgericht ein. Mit Henke, der über seinen Anwalt selbst an die Öffentlichkeit gegangen war und die Vorwürfe mehrerer Frauen gegen ihn bestreitet, schloss der WDR im Juli einen außergerichtlichen Vergleich.

Die Kündigungsschutzklage des Auslandskorrespondenten ist noch vor dem Arbeitsgericht Köln anhängig. Der Mann soll unter anderem einer ehemaligen Praktikantin des Senders in einem Hotelzimmer einen Porno gezeigt und einer weiteren Mitarbeiterin anzügliche Nachrichten geschickt haben. Insgesamt soll es Vorwürfe gegen "ungefähr ein Dutzend Mitarbeiter" gegeben haben, sagte Buhrow (epd 32/18).

Ein weiterer WDR-Mitarbeiter, gegen den Vorwürfe wegen sexueller Belästigung erhoben wurden, ist inzwischen wieder im Dienst (epd 34/18). Der Umgang des Senders mit den Anschuldigungen gegen diesen Mann war in die Diskussion geraten. WDR-Korrespondent Arnim Stauth hatte die Senderspitze bereits 2010 auf die Vorwürfe aufmerksam gemacht. Der damalige Fernseh-Chefredakteur und heutige Fernsehdirektor Jörg Schönenborn verteidigte sich mit dem Argument, es habe damals weder einen konkreten Vorwurf noch namentliche Opfer gegeben. Intendant Buhrow sprach Schönenborn am 12. September sein Vertrauen aus. Er habe sich nach damaligem Kenntnisstand gewissenhaft mit den Vorwürfen auseinandergesetzt.
Aus epd medien Nr. 37 vom 14. Septemberg 2018

tgr