Kritik
Serie mit Suchtpotenzial
VOR-SICHT: "Servus Baby", vierteilige Serie, Regie: Natalie Spinell, Buch: Natalie Spinell, Felix Hellmann, Kamera: Jan-Marcello Kahl, Produktion: Lüthle Schneider Hörl Film (BR, 11.9.18, 20.15-22.15 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Als Lou, Mel, Eve und Tati gar nicht mehr wissen, ob sie lachen oder weinen sollen über ihre Männermisere, kommt unter Gekreische der schwarze Edding zum Einsatz. Dann haben alle ein "D" auf der Stirn. "D" wie "Desperate", hoffnungslos. Vergeblich, umsonst alle Liebesmüh. Entweder ist mit 30 nämlich alles vorbei oder es fängt gerade wieder irgendwie irgendwas an. Oder beides gleichzeitig, leider kann man das erst im Nachhinein deuten.

Aber wenn diese vier Frauen um die 30 eines wissen, dann, dass sie wandelnde Zeitfenster kurz vorm Zuschlagen sind. Das ist die Vernunftvariante ihrer Selbsteinschätzung. Unter Einfluss von Freundinnen und Alkohol wird daraus: Sie sind tickende Zeitbomben kurz vor der Explosion. Denn es wird dauernd und in jeder Hinsicht Zeit in dieser Serie: Zeit für einen festen Arbeitsvertrag, eine feste Beziehung, ein Baby (für die Großfamilie ist es schon zu spät). Schnell den noch knackigen Hintern hoch, Schluss mit dem Rumprobieren, raus aus dem Provisorischen.

Dass sie in einer Großstadt mit scheinbar unendlichen Möglichkeiten leben, einer Art Tinder-Materialisierung, macht die Sache mit der Zukunftsverbindlichkeit nicht leichter. Persönlicher Druck, vor allem selbst gemachter, zeitigt Komik. Immer wieder schaffen es die vier, sich selbst ihrem Glück in den Weg zu stellen. Bye bye Manhattan, servus München: An "Sex and the City" erinnert die vierteilige Miniserie des Bayerischen Rundfunks, "Servus Baby", unausweichlich, aber sie nimmt in Erzählweise und schnellem Witz das Vorbild eher aufs Korn. Statt für Hochglanz-Optik entscheidet sie sich lieber für die "Dahoam is Dahoam"-Krachledern-Herzlich-Variante.

Lou (Josephine Ehlert), Mel (Genija Rykova), Eve (Teresa Rizos) und Tati (Xenia Tilling) interessieren sich nicht übermäßig für Modedesign oder Schuhe, sie müssen auch nicht in Szenerestaurants oder angesagte Hotspots rennen wie Carrie oder Miranda. Ihnen reicht es auch so, als bald schwer Vermittelbare mit gefühlt hundert Optionen. Regisseurin und Autorin Natalie Spinell, Jahrgang 1982, weiß offenbar genau, wovon sie erzählt. Und sie erzählt mit Sympathie statt Lakonie oder Larmoyanz. Ihre vier Frauen jedenfalls wachsen einem unmittelbar ans Zuschauerherz.

Jede der vier Folgen, "Hölle", "Manisch", "Himmel" und "Panisch" nimmt die Erzählperspektive einer der Protagonistinnen ein. Lou entschließt sich am Vorabend ihres 30. Geburtstags, mit Freund Domi (Frederic Linkemann) endlich aufs Kondom zu verzichten. Eigentlich sollte die Reihenfolge so sein: Erst Festanstellung, dann Nachwuchs. Kommt alles anders, ganz plötzlich. Annabelle (Sina Reiß), Kollegin und Jobkonkurrentin, ist nämlich schon schwanger. Von Domi. Was tun, wenn man mit 30 plötzlich wieder Single ist? Ausrasten und Donuts futtern, findet Lou. Immerhin kriegt sie die Festanstellung, zu üblen Konditionen.

Mel liebt Sex, aber keine Intimitäten. Der Arztkollege ist gar nicht ihr Typ, will bloß ausgehen statt gleich flachlegen, bleibt aber irritierend hartnäckig. Dass sich hinter Mels Gefallsucht eine tragische Geschichte versteckt, entbirgt "Servus Baby" unsentimental beiläufig. Eve setzt die Liebe zu Basti (Maxi Schafroth) aufs Spiel. Weil ihr Drama lieber ist als ein Blick auf die eigene Unsicherheit.

Für Kumpeltyp Tati schließlich, deren schlimm unverkrampfte Eltern gerade aus dem Thailand-Urlaub zurück sind, wo sie sich mit Vagina-Pingpong und anderen langzeitbeziehungsbelebenden Praktiken beschäftigt haben, kommt es am Überraschendsten. In dieser, der letzten Folge, gibt es überaus lustige Szenen aus dem Oktoberfest-Biotop. Viel Erbrechen, das nicht immer auf Saufen zurückzuführen ist. Viele männliche Tatsachen, einige uninspirierte Rammeleien und manch zartes Pflänzchen der Hoffnung in einer Geschichte, die vor dem Altar einer Südtiroler Dorfkirche und einem Pfarrer mit schriller Brille noch kein Ende findet.

Denn auch das macht "Servus Baby" so charmant und wie wahr: Wann immer hier ein Plan gemacht wird, kommt der große Witzemacher, das Schicksal, dazwischen und drängt sich ungefragt vor die Fantasie eines rosaroten Horizonts. Spinell beweist Beobachtungstalent bis in die stimmigen Details, sie zeigt Offenheit, die kaum eine Peinlichkeit scheut, aber nicht um der Pointe willen das Personal verrät. Hinzu kommen ein rasanter Schnitt (Carolin Biesenbach, Amparo Mejias, Julia Drache), die bildstarke Kamera (Jan-Marcello Kahl) und Gastauftritte beispielsweise von Ulrike Kriener, die vor 33 Jahren in "Männer" das Frauen- und Beziehungsbild ihrer Zeit auf den Punkt brachte.

Wenn man der Serie etwas ankreiden will, dann höchstens, dass nach vier halbstündigen Folgen schon Schluss sein soll. "Servus Baby" hat Suchtpotenzial. Wie geht es weiter mit Tatis Baby, Mels aufkeimender Liebe, Lous erotischem Verhältnis zu Backwaren, Eves und Bastis Zu-schön-um-dauerhaft-zu-sein-Romantik? Und was kann beim Geschlechtsverkehr mit Kondomen noch alles schiefgehen? Fortsetzung folgt - hoffentlich!

Aus epd medien Nr. 36 vom 7. September

Heike Hupertz