Kritik
Schwesternsolidarität
VOR-SICHT: "Aufbruch in die Freiheit", Fernsehfilm, Regie: Isabel Kleefeld, Buch: Andrea Stoll, Heike Finke, Ruth Olshan, Kamera: Martin Langer, Produktion: Relevant Film (ZDF, 29.10.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Die Geschichte, die der Film "Aufbruch in die Freiheit" erzählt, ist fiktiv, doch als Zuschauerin, die in der erzählten Zeit um 1971 ungefähr so alt war wie die Protagonistinnen, möchte frau immerzu rufen: Ja, genau, so war es!! Die Frauenbewegung war nämlich keineswegs bloß das Werk einzelner Protagonistinnen, die von den Universitäten, aus Künstlermilieus oder aus den Medien kamen und für die Freiheit trommelten, sondern sie wurde erst zu einer mächtigen sozialen Bewegung, weil sie immer mehr Frauen wie die Heldin von "Aufbruch in die Freiheit" anzog und verwandelte, sogenannte einfache Frauen ohne Abitur, Familienmütter, Heimchen am Herd, die plötzlich sagten: Nee, so geht das nicht weiter.

Der Film beginnt mit Erikas Gang zum Arzt. Der untersucht sie und gratuliert zur vierten Schwangerschaft. Erika (Anna Schudt) ist tief unglücklich. Sie lebt mit ihrem Mann Kurt (Christian Erdmann), der Schwiegermutter und drei Kindern in einer Kleinstadt nahe Köln, die Familie führt eine Fleischerei in der soundsovielten Generation. Wenn Erika nicht Kaffee kocht oder Stullen für die Kinder schmiert, steht sie am Tresen und klopft Schnitzel weich. Jetzt will sie nicht noch mal Mutter werden. Zumal die Stimmung daheim nicht die beste ist. Die älteste Tochter ist eine kleine Intelligenzbestie, sie könnte aufs Gymnasium, aber der strenge Papa sagt Nein. Rieke werde im Geschäft gebraucht. Der Konflikt geht tief, die Tochter ist nicht nur schlau, sondern auch aufmüpfig, und der Papa Argumenten nicht zugänglich. Was er sagt, gilt. Erika lädt Riekes Lehrerin zum Kaffee ein, damit diese ihren Mann überzeugt, aber Kurt setzt auf die Basta-Methode und brüllt rum. Die Lehrerin flüchtet.

Der Film ist auch die Geschichte zweier ungleicher Schwestern. Erikas jüngere Schwester Charlotte, genannt Charly (Alwara Höfels), lebt in Köln in einer Wohngemeinschaft und macht bei der Aktion "Ich habe abgetrieben" gegen den Paragrafen 218 für den "Stern" mit. Sie lebt den Hippie-Style, aufgeräumt wird in der Bude selten, dafür gekifft und geflirtet. Der erste Schritt Erikas in die Freiheit ist der Entschluss zur illegalen Abtreibung. Der Kölner Arzt, der den Abbruch vornimmt, wird mitten in der Operation von der Polizei heimgesucht, die blutende Erika muss fliehen und bricht auf der Straße zusammen. Das ist schon arg melodramatisch, aber gut, auch da kann frau sagen: So war das.

Hilfe in der Not leistet Charly, die ihre Schwester ins Krankenhaus bringt. Es geht gut aus, doch Kurt kriegt mit, was läuft und stellt seine Frau zur Rede. Die hatte in die Kasse gegriffen, um den Abbruch zu bezahlen, nun muss sie sich von Kurt sagen lassen: "Wo drei satt werden, werden es auch vier." Darauf Erika, fassungslos: "Es geht doch nicht ums Sattwerden."

Es sind zwei Welten, die hier aufeinanderstoßen: die alte wohlgeordnete mit der Frau im Haus und der Kinderschar drumrum und die neue, bunte mit Mädels, die studieren und ein selbstbestimmtes Leben wählen. Dieser Crash erzeugt jede Menge Härten, Ängste und seelische Trümmerhaufen, aber auch die Glückserfahrungen der Freiheit, der Lebenslust und der Selbstwirksamkeit. Als Erika feststellt, dass mit Kurt nicht zu reden ist, bricht sie aus, nimmt die Kinder an die Hand und steht mit ihnen - eine wunderbare Einstellung im Film - plötzlich als kleine, zu allem entschlossene Viererbande vor der Tür von Charlys WG. Charly lässt sie alle rein.

Anna Schudt ist die Heldin in diesem Film. Ihr zunächst so frommer und zur Fügsamkeit bereiter Gesichtsausdruck wandelt sich von der Anfangssequenz bis zum Ende in eine selbstbewusste, entschlossene Miene, die aber ihre Freundlichkeit nie verliert. Es ist eine Studie in Sachen Emanzipation, die diese Schauspielerin hier mit den Mitteln der Mimik hinlegt - wunderbar! Die Handlung stößt sie dabei unsanft voran - das Drehbuch verzichtet auf ausschweifende Nebenhandlungen oder gar ideologische Nachhilfestunden, es konzentriert sich ganz auf Annas Werdegang von der braven Hausmaus zur unabhängigen Persönlichkeit. Sie muss kämpfen. Kurt - Christian Erdmann ist außergewöhnlich gut in dieser Rolle - verklagt sie wegen "böswilligen Verlassens" und will ihr die Kinder wegnehmen.

Alwara Höfels als tolle Schwester liefert auch eine reife Leistung ab. Ihre Charlotte hat den Sprung zur eigenen Meinung und zur Selbstständigkeit schon hinter sich, wenn der Film beginnt; die Art, wie sie ihrer Schwester voranhilft, ohne Überheblichkeit, ohne Druck, dafür mit viel Verständnis für deren Bedrängnis ist ein weiterer Punkt, wo frau sagen möchte: So war es. Diese Schwesternsolidarität auch unter nicht verwandten Frauen, die ihr Leben neu starten wollten, gab es wirklich.

Heute ist davon nicht mehr viel übrig, was damit zu tun haben mag, dass viele Ziele erreicht worden sind. Aber die Verhältnisse heute hatten die Filmemacherinnen womöglich durchaus mit im Blick. Ihr Werk ist kein rein historisches, es hat einen aktuellen Bezug. Die neuerlichen Erschwernisse des Schwangerschaftsabbruchs unter dem Vorwand, es würde verbotene Werbung gemacht, wo nur informiert wird, zeigen, dass das alte Aufreger-Thema Paragraf 218 beziehungsweise 219a noch lange nicht vom Tisch ist. Mithin: Schwestern, der Kampf geht weiter.

Aus epd medien Nr. 43 vom 26. Oktober 2018

Barbara Sichtermann