Kritik
Schlimme Geschichte
VOR-SICHT: "Gladbeck", zweiteiliger Fernsehfilm nach einer wahren Begebenheit, Regie und Buchbearbeitung: Kilian Riedhof, Buch: Holger Karsten Schmidt, Kamera: Armin Franzen, Produktion: Ziegler Film (ARD/RB/Degeto, 7. und 8.3.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Innenminister möchte man lieber nicht sein. Polizeichef auch nicht. Und so ein armer Polizist, der ausführen muss, was auch immer "die da oben" anordnen, schon gar nicht. Einer, dem verboten wird, den sogenannten "Zugriff" auf zwei Geiselnehmer bei günstiger Gelegenheit zu starten. Einer, dem der Zugriff bei ungünstiger, die Geiseln gefährdender Gelegenheit befohlen wird - und dessen Protest nichts gilt.

Die Geiselnahmen nach einem Banküberfall in Gladbeck vor 30 Jahren haben sich ins nationale Gedächtnis eingebrannt. Und zwar, weil ganz Deutschland bei der Flucht per Auto und gekapertem Linienbus quer durch West- und Norddeutschland "live dabei" war. Von Bild- und TV-Reportern mit spektakulären Bildern und Interviews versorgt. Den Entführern Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski wurden Mikros unter die Nase gehalten und ihr Gequatsche ungefiltert ausgestrahlt, unter anderem von der ARD, die sich seinerzeit nicht mit Ruhm bekleckert hat.

Die schlimme Geschichte, die drei Menschen das Leben gekostet und zahlreiche weitere schwer traumatisiert hat, ist bis heute Lehrstoff in Seminaren über Medienethik. Polizei und Behörden dürften ebenfalls ihre Lehren gezogen haben, denn das damalige Chaos war unter anderem dem deutschen Föderalismus geschuldet: Gelangten die Entführer von einem Bundesland ins nächste, waren neue Leute zuständig.

Die ARD, also eine Sendergruppe, die die Sensationsbilder und das ungefilterte Verbrecher-Gerede damals wie andere auch auf den Bildschirm brachte, präsentiert nun also einen zweiteiligen, spannungs- und emotionsgetriebenen Film über das Geiseldrama. Dabei unterschlägt das Erste die eigene unrühmliche Rolle nicht. Und doch stellt sich die Frage: Wozu noch ein fiktionaler Film zu einem bereits derart ausführlich bearbeiteten und diskutierten Thema? Begeht die ARD da nicht in gewisser Weise zum zweiten Mal den selben Fehler und benutzt das echte Leid echter Menschen, um Zuschauer anzulocken? Bevor wir auf diese übergeordnete Frage zurückkommen: Wie ist der Film?

Regisseur Kilian Riedhof ist auf Grundlage des Buchs von Holger Karsten Schmidt ein ausgesprochen spannender Zweiteiler gelungen, der emotional mitnimmt. Zumindest auf der großen Leinwand haben die Filme diese Wirkung - und der Zweiteiler war vorab nur auf zwei Pressekonferenzen zu sehen, wo er auf große Leinwände projiziert wurde. Zu groß war die Angst vor einstweiligen Verfügungen gegen die Ausstrahlung, sollte sich eine dargestellte Person in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt fühlen. Hinsichtlich möglicher juristischer Schritte durch den Kidnapper Hans-Jürgen Rösner, der im Vorfeld versucht hatte, gegen den Film vorzugehen (epd 20, 23, 31, 32/16, 1/17) zeigte sich Produzentin Regina Ziegler unbesorgt: "Ich glaube, dass Herr Rösner gar keine Möglichkeiten mehr hat."

Chronologisch erzählt der Zweiteiler von der Geiselnahme in der Gladbecker Bank am 16. August 1988 - und von den 54 Stunden danach. Und dann und dann und dann. Das Gefühl von Authentizität wird unter anderem durch Originalschauplätze (wie etwa die Bank, die heute ein Blumengeschäft beherbergt und für den Film zurückgebaut wurde) oder das Nachsprechen von auf Tonträgern original erhaltenen Dialogen durch die Schauspieler erzeugt. In der Originaldiktion der Entführer und im Jargon der Polizei.

Angenehm sparsam dazwischen geschnitten werden zeitlich parallele Szenen aus dem Lebens- und Familien-Alltag der beiden jungen Menschen, die am Ende tot sein werden, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort in einen Linienbus steigen: Der 15-jährige Emanuele de Giorgi (Riccardo Campione) und die 18-jährige Silke Bischoff (Zsa Zsa Inci Bürkle). Erst im zweiten Teil übertreibt man es mit der Zahl emotionalisierender Angehörigen-Einsprengsel - als hätte man der Kraft des eigenen Konzepts nicht länger vertraut.

Die Filme sind spannend, weil spannend war, was sich seinerzeit ereignet hat. Sie sind spannend, weil sie gut gemacht sind (ein Lob für Geräusche und Musik), aber auch weil man als Zuschauer im mehr oder auch minder diffusen Erinnerungs-Wissen gleichsam nagelkauend davor sitzt: Oje, da kommt doch noch was, das ging doch nicht gut aus, das wird alles gleich noch viel schlimmer.

Was den Cast angeht, kann man Regisseur Riedhof nur zustimmen, der sich während der Pressekonferenz bei Produktion und Sender ausdrücklich dafür bedankte, dass die Rollen nicht mit den üblichen Fernsehnasen besetzt wurden, sondern Schauspieler zum Einsatz kamen, die man nicht letzte Woche im "Tatort" gesehen hat und die, so Riedhof, "meine Mutter jetzt nicht unbedingt kennt".

Wäre das nur häufiger der Fall im deutschen Fernsehfilm! Die Täter Rösner und Degowski werden von Sascha Alexander Gersak und Alexander Scheer gespielt und strahlen eine unangenehme physische Präsenz aus. Einige Bekannte sind natürlich trotzdem mit von der Partie, etwa Ulrich Noethen als Einsatzleiter in Recklinghausen, August Zirner als Innenminister von Nordrhein-Westfalen oder Martin Wuttke als Leiter der Kripo Bremen.

Opferverbände kritisieren regelmäßig, dass die Opfer nach der Tat alleine sehen müssen, wie sie klar kommen, während Täter zur "Belohnung" für ihre Taten auch noch jede Menge mediale Aufmerksamkeit bekommen. Im Gladbecker Fall war dies in extremer Weise so. Dass es auch anders geht und wie, zeigt dieser Film: Die beiden Verbrecher sind zu sehen, wie sie ihre Verbrechen begehen, als Individuen interessieren sie kaum. Die Opfer schon.

Im Fokus steht, was eigentlich auch interessanter ist als die sich häufig stark ähnelnden und rein individuell gesehen fast immer tragischen und mitleiderregenden Täterbiografien: Was ist auf politischer und polizeilicher Ebene schief gegangen und warum? Wie schrecklich war und ist so ein Ausmaß von Gewalt für Opfer und Angehörige - aber auch für Verantwortliche? Also für die Mehrheit der nicht-kriminellen Menschen - wie das Gros der TV-Zuschauer.

Zentrales Thema war natürlich auch der historische Live-Dabei-Sündenfall der Medien, der mit dem Polizeiversagen erstaunlich eng verzahnt war. Fehlende Absperrungen noch eine halbe Stunde, nachdem ein Linienbus gekapert wurde. Nicht-Erreichbarkeit der Verhandlungsgruppe für die Geiselnehmer, so dass sie schließlich einen Bremer Bildreporter als Emissär benutzten. Ohne damit Verfehlungen der eigenen Branche relativieren zu wollen: Als Journalistin können einem einige der Kollegen, die hier in etwas reingeschliddert sind, das sie nachträglich lieber nie getan hätten, auch leidtun.

Das Drehbuch von Holger Karsten Schmidt vermittelt einen gut recherchierten Eindruck. Auch wenn man (aus rechtlichen Gründen?) betont, es handle sich um einen fiktionalen Film - so oder so ähnlich wird es wohl gewesen sein. "Der Film beinhaltet fiktionale Elemente und bewertet die historischen Abläufe eigenständig. Basierend auf einem in der bundesdeutschen Geschichte beispiellosen Verbrechen", heißt es im Vorspann.

Das Erste bietet mit dem bereits im Sommer 2016 gedrehten Zweiteiler seinen Zuschauern also zwei spannende Fernsehabende, an denen man außer Schrecken und Mitleid durchaus manch Einordnendes erfährt. Dennoch bleibt ein komisches Gefühl: Wurden die Opfer hier nicht zum zweiten Mal benutzt, um das Fernsehpublikum in Spannung zu versetzen und zu unterhalten? Was ist der Mehrwert dieses Fernsehfilms gegenüber einer guten Dokumentation? Eine gute Dokumentation gibt es längst, zudem zeigt das Erste im Anschluss an den zweiten Film eine weitere. Sascha Schwingel, zuständiger Redaktionsleiter bei der federführenden ARD-Produktionstochter Degeto sagt, dass er sich diese Frage auch vorgelegt habe. Seine Antwort: "Der Vorteil von Fiktion ist, dass man den Zuschauer auf emotionaler Ebene ansprechen und Zeitgeschichte erlebbar machen kann. Durch die erzeugte Emotionen brennt sich alles stärker ein, als bei einer Botschaft, die nüchtern vermittelt wird."

Ja, das ist wohl so. Aber wie lautet die wichtige Botschaft, die dem Zuschauer hier eingebrannt werden soll? Du sollst keine Verbrechen begehen? Du sollst nicht gaffen? Von beidem hat man schon vorher gehört. Um sein Argument zu stärken, verweist Schwingel aufs Smartphone-Zeitalter, in dem alle mit Kameras ausgestattete "Bürger-Reporter" sind. Er ist guter Hoffnung, dass die Zuschauer von selbst den Transfer leisten werden, sich mit den Reportern von damals zu identifizieren und sich zu überlegen, wie liefe das wohl heute? Wie sollte ich mich mit meiner eigenen Handykamera und meinem eigenen Mikro verhalten? Möge diese Hoffnung in Erfüllung gehen. Wahrscheinlich ist das aber nicht.

Aus epd medien Nr. 09 vom 02. März 2018

Andrea Kaiser