Debatte
Poet des Beiläufigen
Ein Nachruf auf den Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn
Frankfurt a.M. (epd). Klaus Wildenhahn und seine Filme. Eine spontane Selbstbefragung, welche davon im Gedächtnis geblieben sind, ergibt: "Emden geht nach USA", "Bandonion" und "Ein kleiner Film über Bonn". Ein Film über und aus der Arbeiterbewegung, einer über ein Musikinstrument und einer über Abschiede. Keine schlechte Wahl, aber natürlich nur ein kleiner Ausschnitt. Mehr als 60 Filme hat Klaus Wildenhahn fürs Fernsehen gedreht, fast alle für den NDR, dem er ein Berufsleben lang verbunden blieb - abgesehen von der Episode, als der NDR mit seinem Film "Emden geht nach USA" so mies umging, dass Klaus Wildenhahn einige Zeit für den WDR arbeitete.

Stilbildender Filmemacher
epd Der Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn ist am 9. August im Alter von 88 Jahren in Hamburg gestorben. NDR-Intendant Lutz Marmor würdigte Wildenhahn als Dokumentarfilmer, der bis heute für viele Filmschaffende stilbildend sei. Kaum einer habe den Dokumentarfilm so geprägt wie er. Wildenhahn, der als Redakteur im NDR arbeitete, war Mitbegründer des "Direct Cinema" in Deutschland und arbeitete auch als Hochschullehrer und Dozent. Die Berliner Akademie der Künste erklärte, das Werk des Dokumentarfilmers sei "fester Bestandteil der deutschen Film- und Fernsehgeschichte". Wildenhahn war Mitglied der Akademie seit 1984 und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Sektion Film- und Medienkunst.

Dokumentarfilmer zu werden, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Er hatte studiert, Soziologie und Publizistik in Berlin, war ein Jahr Austauschstipendiat in den USA. Vom Leben hat er einiges mitbekommen, zum Beispiel in den drei Jahren, in denen er in London als Pfleger in der Psychiatrie arbeitete. Zurück in Deutschland kam er an einen Job bei der Fernsehlotterie, drehte kurze Beiträge, lernte das Handwerk und landete in der "Panorama-Redaktion". Dort wurde journalistisch gearbeitet, die Kamera hatte die Illustrationen zum Text zu liefern.

Die Wende kam mit der Begegnung mit den Dokumentarfilmern Richard Leacock und Don Allen Pennebaker. Wildenhahn drehte ein Interview mit ihnen und als er zurückfuhr nach Hamburg, wusste er, welche Art von Filmen er machen wollte: "Ab dann konnte ich die üblichen Fernsehdokumentationen nicht mehr herstellen, die ich gut drei Jahre lang mit großer Energie und Freude gemacht hatte", sagte er später einmal. Und das hatte etwas durchaus Aufsässiges. "Der Dokumentarfilm hat etwas" schrieb er, "das sich der Kontrolle entzieht. Und der Zugriff der Leute, die im Fernsehen arbeiten, ist auch gleichzeitig ein Zugriff, eine Art Kontrolle über das, was mit den Zuschauern passiert." Das gefährlichste am "uncontrolled cinema", am "Direct Cinema" sei, "dass es die Zuschauer dazu bringen könnte, sich selbst eine Meinung zu bilden".

Leacock und Pennebaker waren Vertreter des Direct Cinema, und Klaus Wildenhahn entdeckte diese Filmform für das deutsche Fernsehen. Die technischen Bedingungen dafür waren reif: 16-mm-Kameras, Synchronton, die Erfindung des Zooms. Die Kameras waren plötzlich beweglich, Regisseure mussten nicht mehr arrangieren, sondern konnten sich mitten unter den Menschen bewegen. Pennebaker und die Brüder Maysles hatten Furore gemacht mit ihrem Film "Primary" über den amerikanischen Vorwahlkampf zwischen John F. Kennedy und Hubert Humphrey (1960). Wildenhahn machte es ihnen nach. Für "Panorama" drehte er unter ähnlichen Bedingungen den Film "Parteitag 64", einen Parteitag der CDU, es war auch ein Ausprobieren der neuen Möglichkeiten.

Nicht nur technisch war die Zeit reif, sondern auch politisch. Direct Cinema bedeutete eine Demokratisierung des dokumentarischen Blicks, eine Ausweitung, neue Freiheiten für die Filmemacher und eine direkte Zuwendung zu Protagonisten. Das betraf natürlich auch die Wahl der Themen. Klaus Wildenhahn war da ein Kind seiner Zeit, durchaus affiziert von den Ideen und Motiven der 68er. Eine wesentliches Element war die Entdeckung des Alltags und eine Art filmische Gegenwartsbeschreibung von unten.

Eberhard Fechner hatte mit "Nachrede auf Clara Heydebreck" 1969 eine Tür geöffnet und von da an ein filmisches Soziogramm der bundesdeutschen Gesellschaft geschrieben. Klaus Wildenhahn richtete seine Aufmerksamkeit auf das Leben der Arbeiter und Bauern. "In der Fremde" (1967) beobachtet den Bau eines Silos in der norddeutschen Provinz. "Die Liebe zum Land" (1973/74) befasst sich mit Landwirtschaft. Und natürlich "Emden geht nach USA": Das VW-Werk Emden, in dem 6.000 Arbeiter hauptsächlich für die USA produzierten, sollte in die USA verlegt werden, Arbeiter und ihre Gewerkschaften widersetzten sich. Damals fing Globalisierung an. Für den ersten Teil - "Abbauen, abbauen" - bekam Wildenhahn 1978 den Grimme-Preis, die Jury begründete: "In langen einprägsamen Sequenzen kommen die Menschen in ihrer eigenen Umwelt, und nicht zu Objekten einer allzu hektischen Fernsehreportage degradiert, zu Wort. Diese Art, sozialdokumentarisch zu arbeiten, lässt die Arbeit des Dokumentarfilmers fast als alternatives Fernsehmachen erscheinen."

Wildenhahn selbst ließ dazu fast programmatisch verlauten: "Es kann keine Frage sein, dass Dokumentarfilm eine Plattform für jene sein muss, die sonst nicht zu Wort kommen und zwar in einer Sprache, die sonst nicht gehört wird im Medium." Kamerafrau in diesen Jahren war Wildenhahns langjährige Arbeits- und Lebenspartnerin Gisela Tuchtenhagen.

Chronist des Strukturwandels

In der Öffentlichkeit erzeugte der Vierteiler heftige Reaktionen in der Regionalpresse und vor allem bei CDU-Landespolitikern. Die störten sich an der Aufmerksamkeit, die der Film den Funktionären der IG Metall und ihrer Politik widmete - durchaus kritisch-solidarisch übrigens und auch nicht zur Freude aller Gewerkschafter.

Der Film wird auch Ausgangspunkt für eine Entwicklung Wildenhahns zu einer Art Chronist des Strukturwandels im Ruhrgebiet - Arbeitswelt als Leitthema. Dazu gehörten Filme wie "Yorkshire - November/Dezember 84", "Stilllegung" über Oberhausen (1987), "Rheinhausen - Herbst’88" und "Reiseführer durch 23 Tage im Mai 1993" über den Kampf der Belegschaft eines ehemaligen DDR-Betriebs gegen Abwicklung.

Klaus Wildenhahn hat auch zahlreiche Filme über Künstler gedreht, nicht zuletzt auf Anregung des NDR-Musikredakteurs Hansjörg Pauli. Es entstanden Filme über die Tanztruppe von Merce Cunningham oder "Smith, James O. Organist, USA" über den Jazz-Organisten James Smith. Dieser Film ist vielleicht auch deshalb symptomatisch für Wildenhahns Oeuvre, weil er immer eine Affinität zum Jazz hatte, persönlich, und in der Form. Dokumentarfilm und Jazz sah er als verwandte Künste: "Was mir bei der Filmerei immer am meisten gefallen hat, ist das Moment der Improvisation. Dieses Moment ist uneinholbar. Ohne die spontane Begegnung macht mir der Film keinen Spaß mehr. Wenn alles zu sehr verabredet wird und man zu sehr vorher verabredeten Mustern folgt, dann ist das für mich langweilig."

Seine Künstlerfilme sind keine Künstlerfilme herkömmlicher Art. Wildenhahn interessierte sich weniger für das fertige Produkt als für dessen Herstellung. Also für die Arbeit, die man mit der Kunst hat. Das verbindet diese Filme auch mit seinen anderen Filmen aus der Arbeitswelt: das Interesse am Herstellen, am Prozess.

Improvisation, Zufall und Handwerk

Auch sonst gibt es länger laufende Verbindungslinien, wie bei vielen Dokumentaristen. Über sein Interesse an der Arbeiterbewegung kam Klaus Wildenhahn an den Arbeiterdichter Günter Westerhoff, darüber wiederum an das Bandoneon, ein Instrument, das in der Arbeiterschaft verbreitet war und nach Südamerika exportiert wurde. Die Geschichte des Instruments hat er in einem Zweiteiler erzählt, auch als Geschichte einer hier verschwundenen Kultur: "Bandonion: Deutsche Tangos" und "Bandonion: Tango im Exil". Darüber wiederum stieß er auf Pina Bauschs Ballett "Bandoneon", daraus entstand "Was tun Pina Bausch und ihre Tänzer in Wuppertal?" und schon der Titel verrät etwas über Wildenhahns Herangehen. Ihn interessierte an Pina Bausch, dass sie - wie er - montierte.

"Das Anarchische, das Improvisieren, der Zufall, das sind geradezu wunderbare Güter." Mit diesem Satz wird Wildenhahn gern zitiert. Er hat aber auch gesagt: "Immer, wenn ich davon geredet habe, dass das Anarchische, das Improvisieren, der Zufall, dass das geradezu wunderbare Güter sind, bedeutet das ein gewisses handwerkliches Vorverständnis. Das fällt einem nicht in den Schoß. Nur dadurch, dass man dreht, kriegt man das nicht."

Viele Bezeichnungen würden auf Klaus Wildenhahn passen. Rainer Komers, der lange für ihn als Kameramann gearbeitet hat, hat ihn in seinem Nachruf einen "man of many parts" genannt: Filmemacher, Dichter, Lehrer, Theoretiker "und weltoffener Denker, ein Mann mit tiefer Empathie für Menschen aus vielen Berufen und Schichten". Man könnte ihn auch nennen: Poet des Beiläufigen. Wobei "beiläufig" nicht nebenbei heißt, Wildenhahn war bekannt für lange Drehzeiten und ein hohes Drehverhältnis, und "poetisch" nicht landläufige Poesie meint.

Wildenhahn selbst hat mehrfach von der Poesie des alltäglichen Lebens gesprochen, die ihn anzog: "Der sogenannte Alltag, der Zustand nach der Sensation, das Befinden der sogenannten kleinen Leute, nachdem der Flügelschlag der Geschichte vorbeigerauscht ist, die eingekehrte Lange-Weile." Seine wesentliche Methode war die Beobachtung, die er als Aufklärung begriff und seine Aufmerksamkeit für das scheinbar Periphere und das Fragmentarische. Zugleich aber war ihm Selbstreflexion wichtig, die Beobachtung des Beobachters. Explizit etwa in "Ein Film für Bossack und Leacock", implizit immer wieder auch in seinen Texten.

Er textete immer selbst und sprach auch diese oft sperrigen, lakonischen und unprätentiösen Texte mit seiner unverwechselbaren Stimme. Etwa in "Ein kleiner Film über Bonn", in dem er den Abschied des Parlaments aus Bonn aus der Perspektive der Angestellten beobachtet, sich selbst als gebürtigen Bonner und politischen Kopf in aller Bescheidenheit und Nachdenklichkeit mittendrin: "Noch einmal Augenzeuge sein, aber nicht notwendig Zusammenhänge verstehen. Noch einmal die schöne Neugier, Zuhören, merkwürdig Vertrautes. Oberflächen. Die kleinen Zwischenräume. Dann vorbei."

Mut zur eigenen Wirklichkeit

Klaus Wildenhahn hat sich auch immer wieder theoretisch zu seinem Metier geäußert, diskutierte mit anderen über die Mittel dokumentarischen Erzählens und blieb dabei offen, sprach von der Unmöglichkeit, etwas Bestimmtes über den Dokumentarfilm auszusagen. Und sagte dann doch etwas Bestimmtes, etwa: "Es gibt ganz wenige Filme, die den Mut zu ihrer eigenen Wirklichkeit haben und der Poesie, die in ihnen durchaus möglich angelegt ist: dem Geräusch, dem Gesicht, der Geste, dem unbeholfenen Ausdruck." Dabei aber mit einer gewissen Strenge in der Machart, die in ihrem Rigorismus beeindruckt: "Nichts wird wiederholt. Hat man eine gute Situation verpasst, weil man geschlafen hat, kein Film eingelegt war, dann ist sie verpasst. Nichts wird gestellt, rein gar nichts." Und: "Keine ziehende Wolke wird gefilmt, um zu sagen, das Leben sei eine flüchtige Angelegenheit. Hat man die direkte Aussage nicht geschafft, lässt man derartiges."

Sein Berufsleben lang war Klaus Wildenhahn dem NDR verbunden, anfänglich prominent, bald immer mehr ins Dritte Programm abgedrängt. Einmal hat er lakonisch notiert: "Ich bin in meinem Berufsleben im NDR durch drei, vier Hauptabteilungen gegangen, durch sechs Redaktionen. Natürlich drückt das auch etwas darüber aus, wie schwer sich das Haus tut, mit diesem Genre umzugehen."

Ziemlich oft ist er angeeckt. Der Film "Parteitag 64" wurde auf Anordnung des Hauptabteilungsleiters Joachim Fest vom NDR von den Westdeutschen Kurzfilmtagen zurückgezogen und erst 17 Jahre später gesendet, um ein Drittel gekürzt. Einen Film über den "Tagesspiegel" ließ der Zeitungsverleger zurückziehen und den zweiten Teil des Films vernichten. Gegen "Emden geht nach USA" setzte der NDR eine Diskussionsrunde an, in der sich die Autoren für ihren Film rechtfertigen mussten, der Programmdirektor des NDR distanzierte sich und der WDR-Programmdirektor ließ wissen, er hätte einen Grimme-Preis dafür nicht vergeben.

Als Klaus Wildenhahn der Emden-Tetralogie noch einen fünften Teil nachschickte, den Film mit dem schönen Titel "Im Norden das Meer. Im Westen der Fluss. Im Süden das Moor. Im Osten Vorurteile", rief er wie man heute sagen würde einen Shitstorm in Ostfriesland hervor: Schaden für Strukturpolitik, Schaden für den Fremdenverkehr, Verächtlichmachung der Region. Was den NDR dazu veranlasste, ein PR-gemäßeres Stück von Hans Werner Berg (bekannt mit "Gesichter Asiens") anfertigen zu lassen, der dann als "Wiedergutmachungsfilm" am 1. Weihnachtsfeiertag 1978 prominent ausgestrahlt wurde. Auch das ist Fernsehgeschichte.

Dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist Klaus Wildenhahn dennoch treu geblieben. "Alle von mir positiv benannten Arbeitsmomente und Arbeitsverhältnisse mit Kollegen, Freundinnen, Freunden sind entwickelt worden unter dem System der öffentlich-rechtlichen Anstalt, der guten Erbschaft der Besatzungsmächte. Sie machten das Nicht-Kommerzielle in Arbeitsweise und Methode möglich. Damit auch eine andere Ästhetik. Ich arbeite besser als Gehaltsempfänger denn als freier Unternehmer. Sicher oft gesagt und noch mal wiederholenswert. Produktionsmittel sind beim Fernsehen vergesellschaftet. Dass das so wenig oder so falsch genutzt wird, ist was anderes. Wir haben uns bemüht, das richtig zu nutzen."

Der Charme des Menschen

Am 9. August ist Klaus Wildenhahn im Alter von 88 Jahren gestorben. Der NDR strahlte einige seiner Filme in der Nacht vom 14. auf den 15. August aus, darunter "Noch einmal HH4: Reeperbahn nebenan", "Liebe zum Land" und "Smith, James O., Organist". Die Filme stehen jetzt für ein Jahr in der ARD-Mediathek. Leider nicht dabei: Quinka F. Stöhrs schöner Film über Klaus Wildenhahn, "Ostende, 3 Uhr nachmittags", eine Art biografisches Resümee (Kritik in epd 47/10).

Vor einigen Jahren ist eine sehr schöne DVD-Ausgabe erschienen mit fünf Filmen, die Wildenhahn selbst als seine wichtigsten ausgewählt hat. Einige der hier erwähnten Filme sind enthalten, dazu auch zwei theoretische Schriften. Ein aufschlussreiches Interview ist in der Buchreihe "Dokumentarisch arbeiten" erschienen, darin der schöne Satz: "Ich versuche, auf die Momente zu achten, wo der Charme des Menschen zum Vorschein kommt. Sein innerer Zauber."

Aus epd medien Nr. 33 vom 17. August 2018

Fritz Wolf
Tagebucharchiv
Die wöchentliche Kolumne aus den Untiefen der Medienwelt.