Internationales
Norwegen: Sinkende Hörerzahlen nach UKW-Abschaltung
Digitalradiobüro wirbt jetzt für Online-Verbreitungswege
Oslo (epd). Im Jahr nach der UKW-Abschaltung in Norwegen ist in dem skandinavischen Land eine Debatte über eine Wiedereinführung des analogen Sendestandards entbrannt. Die tägliche Reichweite der Radioprogramme im Land sank im Juli auf 49,4 Prozent, wie aus den vom Marktforschungsinstitut Kantar TNS veröffentlichten monatlichen Hörerzahlen hervorgeht. Im Vorjahreszeitraum und somit vor dem Abschluss der landesweiten Abschaltung hatte die Reichweite noch bei 56,7 Prozent gelegen. Landesweite Programme werden in Norwegen seit dem vergangenen Jahr zugunsten des digitalen Standards DABplus nicht mehr über Ultrakurzwelle gesendet.

Im Juni hatte die tägliche Reichweite noch bei 57,4 Prozent gelegen (Juni 2017: 63,7 Prozent). Befürworter der Umstellung verwiesen angesichts der Zahlen auf die zur Ferienzeit stets sinkenden Hörerzahlen. Allerdings lag die Reichweite bereits im Januar, dem Monat nach Vollendung der Umstellung, mit 56,9 Prozent deutlich niedriger als im Vorjahresmonat (67,8 Prozent). Die höchste Monatsreichweite im laufenden Jahr wurde im April erreicht (57,6 Prozent, Vorjahreszeitraum: 65,3 Prozent).

30 landesweite Radiowellen

Norwegen hatte 2017 als erstes Land weltweit die Übertragung landesweiter Radioprogramme über Ultrakurzwelle beendet (epd 2/17). Die Umstellung auf den Digitalradiostandard DABplus wurde ab Januar schrittweise nach Regionen vollzogen und im Dezember abgeschlossen. Lokale Programme außerhalb von Großstädten dürfen noch bis 2022 über UKW senden. Seit der Umstellung gibt es rund 30 landesweite Radiowellen. Sie werden wie die ehemals fünf nationalen UKW-Programme vom öffentlich-rechtlichen NRK, der schwedischen Modern Times Group und der deutschen Bauer Media Group betrieben.

Kritiker erklärten, der UKW-Aufstieg sei angesichts der sinkenden Reichweiten gescheitert. Für einen seriösen Vergleich der Reichweitenentwicklung nach der Umstellung sei es indes noch zu früh, betonten Befürworter. Die Entwicklung in Norwegen zeige, dass eine technologische Veränderung den Verbrauchern nicht politisch verordnet werden könne, sagte der Vorsitzende des Fachbereichs Radio und Audiodienste im deutschen Branchenverband Vaunet, Klaus Schunk, am 16. August. "Wir gehen von einer weiteren Erholung der Hörerzahlen aus", sagte dagegen der Geschäftsführer des reichweitenstärksten privaten Radiosenders P4, Kenneth Andresen, in einer am 14. August vom Digitalradiobüro Deutschland verbreiteten Mitteilung.

Das norwegische Digitalradiobüro Digitalradio Norge AS rechnet ebenfalls damit, dass sich die Reichweiten auf ein ähnliches Niveau wie vor der Umstellung einpendeln. Das Unternehmen, dass die Umstellung auf DABplus seit 2010 vorbereitet hatte, hat seinen Arbeitsschwerpunkt mittlerweile verlagert: Es firmiert nun als Norsk Radio AS und soll neue Empfangswege wie etwa die Radionutzung mit Smart Speakern oder auf Streamingdiensten vorantreiben, wie am 19. August mitgeteilt wurde. Die Firma vertreibt unter anderem die App "Radioplayer Norge", über die sich Angebote aller landesweiten Radioprogramme abrufen lassen. Norsk Radio AS wird von NRK, Bauer und der Modern Times Group gemeinsam betrieben.

Sendetechnik nach Afrika verkauft

Im Sommer wurden in Norwegen erneut Forderungen laut, den Umstieg auf DABplus wieder rückgängig zu machen. Die an der Regierung beteiligte rechtspopulistische Fortschrittspartei hatte bereits im Mai einen entsprechenden Parteitagsbeschluss gefasst. Im Juli forderte auch die medienpolitische Sprecherin der oppositionellen Zentrumspartei, Åslaug Sem-Jacobsen, das Netz wieder in Betrieb zu nehmen. Allerdings sind weite Teile der Sendetechnik bereits nach Afrika verkauft. Kulturministerin Trine Skei Grande von der sozialliberalen Venstre-Partei äußerte sich skeptisch gegenüber einer Rückkehr zur UKW. In Medienberichten wurde über mangelnde Verkehrssicherheit für ausländische Touristen geklagt, die im Sommer mit UKW-Autoradios im Land unterwegs sind.

Die öffentlich-rechtliche Anstalt NRK teilte mit, sie arbeite daran, dass die Hörerzahlen wieder steigen. "Uns war immer klar, dass es Zeit brauchen wird, bis wir zurück bei den alten Reichweiten sind. Aber das dauert länger als zunächst erwartet", sagte NRK-Mediendirektor Marius Lillelien der Zeitung "Dagbladet" (2. August).

Die dänische Regierung hat sich unterdessen von einem UKW-Ausstieg bis 2021 verabschiedet. Die Mitte-Rechts-Koalition hatte das Vorhaben Ende Juni auf Eis gelegt. Über einen neuen Zeitpunkt könne erst dann entschieden werden, wenn 50 Prozent der Hörerkontakte über digitale Verbreitungswege stattfinde - Autoradios inbegriffen. Schweden hatte entsprechende Pläne 2016 gestoppt, nachdem ein Gutachten bezweifelt hatte, dass über DABplus eine flächendeckende Abdeckung des gesamten Staatsgebiets möglich sei.
Aus epd medien Nr. 35 vom 31. August 2018

dsp