Debatte
Neues für Nischen
Streaming-Portale verändern die Produktionslandschaft
Frankfurt a.M. (epd). Eine deutsche Web-Serie über ein Ehepaar, das mit Problemen des Alterns hadert? Zielgruppe 40 plus? Eine Comedy mit acht bis zehn Minuten langen Episoden? Die man an der Bushaltestelle nebenbei auf dem Smartphone schauen kann? Vor zehn Jahren wäre ein solches Projekt noch undenkbar gewesen. Doch die Miniserie "Der Lack ist ab", erfunden von dem Schauspieler Kai Wiesinger ("Kleine Haie"), der auch die Hauptrolle spielt und Regie führt, ist inzwischen etabliert: In einer Nische, die bis vor kurzem kaum jemand im Blick hatte.

Frei von Formatvorgaben
epd Der Streaming-Anbieter Netflix hat seine zweite deutsche Produktion angekündigt: "Dogs of Berlin" mit Fahri Yardim und Felix Kramer soll ab dem 7. Dezember abrufbar sein. Die erste deutsche Netflix-Serie, "Dark", war so erfolgreich, dass derzeit die zweite Staffel produziert wird, und die Kunden der Telekom-Tochter Entertain können dort ab November die neue deutsch-französische Serie "Deutsch-Les-Landes" mit Christoph Maria Herbst und Sylvie Testud bingen. Streaming-Portale gewinnen mit ihren Produktionen Fernsehpreise, sie sind erfolgreich, auch und gerade weil sie nicht den üblichen Anforderungen an Fernsehproduktionen genügen müssen. Losgelöst von Sendeplätzen und Formatvorgaben können neue Erzählformen ausprobiert werden. Manfred Riepe ist der Frage nachgegangen, wie sich durch die neuen Player die Arbeitsbedingungen für Produzenten und Autoren verändern.

So wie die Münchener Produktionsfirma Phantomfilm, die "Der Lack ist ab" produziert, erproben immer mehr deutsche Produzenten neue Formate für neue Nischen. Ermöglicht werden sie von Streaming-Diensten, die auf der Suche sind nach alternativen Inhalten für neu definierte Zielgruppen.

Internationale Standards

Zuschauer, die dem zeitgebundenen Raster des linearen Fernsehens und dessen festgefügten Erzählformen den Rücken kehren, nehmen andere Angebote wahr. Während bei traditionellen Videotheken, deren Geschäft auf dem Verleih materieller Datenträger basiert, Krisenstimmung herrscht, wird der Markt der Online-Videotheken gegenwärtig neu strukturiert. Video-on-Demand-Plattformen bieten nämlich nicht nur traditionelle Filme und Serien auf einem neuen technischen Verbreitungsweg an. Wenn neues - vor allem horizontales - Erzählen für neue Märkte ausgelotet werden soll, spielen deutschsprachige Produktionen eine immer wichtigere Rolle.

Amazon, einer der größten Anbieter für Video-on-Demand (VoD), hat als Erstes erkannt, dass auf dem Streaming-Markt auch deutschsprachige Serien gefragt sind. Zwar ist nicht alles, was Amazon hier erprobt, innovativ. Mit "You are wanted", der ersten deutschen Streaming-Serie, von der inzwischen zwei Staffeln produziert wurden, knüpfte Amazon noch an die Sehgewohnheiten des linearen Fernsehens an. Zumindest von der visuellen Anmutung her wurde diese Serie aber internationalen Standards gerecht.

Nicht gerade das Rad neu erfunden hat Amazon auch mit den Comedy-Serie "Pastewka", von der sieben Staffeln auf Sat.1 ausgestrahlt wurden. Nachdem der Privatsender die Serie 2014 abgesetzt hatte, wurde die achte Staffel der Brainpool-Produktion auf Amazon angeboten.

Zwischen Amazon und der Münchener Forma Pantaflix Technologies, die ebenso im Streaming-Geschäft mitmischt, gibt es eine Querverbindung. Pantaflix hat einen eigenen Zugangsweg gefunden. So diente der weltweite Amazon-Erfolg der Serie "You are wanted", produziert von der mit Pantaflix eng verflochtenen Produktionsfirma Pantaleon, als Türöffner. Als Zugpferd fungierte der Name Matthias Schweighöfer, der in "You are Wanted" die Hauptrolle spielt, als Koregisseur und sogar Produzent (Pantaleon Entertainment) verantwortlich zeichnet. Schweighöfer hat sich mit erfolgreichen Kinokomödien einen Namen gemacht. Sein Marketing-Konzept funktioniert auch im Streaming-Sektor. Bereits wenige Tage nach dem Start von "You are wanted" kündigte Amazon eine zweite Staffel an (epd 12/17). Abrufzahlen gibt der Streaming-Dienst zwar nicht bekannt. Dafür wurde mitgeteilt, dass die erste deutsche Amazon Original-Serie "das stärkste Startwochenende einer Serie in der Geschichte von Amazon Prime Video in Deutschland" gefeiert habe.

Die in rund 200 Ländern und in fünf Sprachen gestartete Serie rangierte in etwa 70 Ländern - darunter Kanada, Mexiko, Brasilien, Frankreich, Italien und Spanien - unter den fünf meistgesehenen Serien des Startwochenendes. Laut Christoph Schneider, Geschäftsführer von Amazon Video Germany, war "You are wanted" die erfolgreichste Show für Amazon in Deutschland.

"You are Wanted", bestätigt der Pantaleon-Vorstand Dan Maag, "war nur der Einstieg unseres Unternehmens in den Markt der VoD-Serien. Es gibt verschiedene hochkarätige Projekte, an denen wir in diesem Bereich nun arbeiten." Der Fokus der cloudbasierten VoD-Plattform Pantaflix, die als eines der am schnellsten wachsenden Medienunternehmen in Europa gilt, liegt allerdings weniger auf der Produktion eigener, neuer Filme und Serien. Es geht hier eher um die weltweite Auswertung von bereits bestehenden Inhalten im Ausland, darunter die Erfolgs-Serien "Anna und die Liebe" mit Jeannette Biedermann und Roy Peter Link, "Danni Lowinski" mit Annette Frier, "Der Bulle von Tölz" mit Ottfried Fischer und "Alphateam" mit Marlies Engel und Karen Böhne. Laut Stefan Langefeld, Geschäftsführer der Pantaflix AG, verfügt der Katalog des Streaming-Anbieters derzeit über bis zu 23.000 derartige Inhalte.

Filme aus der Heimat

Das Streaming-Portal Pantaflix, das nach eigenen Angaben aktuell in 45 Ländern online ist, soll als Netflix-Alternative weltweit ausgerollt werden. Netflix bietet gegenwärtig nur etwa 5.000 Filme an, auf dem Portal von Pantaflix waren nach Angaben des Unternehmens bis Ende vergangenen Jahres bereits 40.000 Filme abrufbar. Als primäre Zielgruppe werden Menschen anvisiert, die im Ausland leben und sich dort nach Filmen aus der Heimat sehnen. Das heißt: Türken, Spanier oder Deutsche können sich Filme oder Serien, die es auf Netflix nicht gibt, auf Pantaflix in ihrer jeweiligen Landessprache ansehe. Allein in den USA gibt es etwa eine Million deutschsprachige Menschen - und die, so das Kalkül von Pantaflix, haben ein großes Interesse an deutschen Filmen.

"Wir möchten", sagt Dan Maag, "für im Ausland lebende Menschen" - sogenannte ‚Expatriates'- "die beste ,Away from Home'-Plattform sein". Weltweit gibt es nach Angaben des Pantaflix-Managements rund 250 Millionen geschätzte Auswanderer. Nach einem viel beachteten Interview in der "Welt" im Juli 2017 stieg der Aktienkurs bis auf 200 Euro, brach dann aber im August dieses Jahres auf unter 70 Euro ein. Anleger bleiben skeptisch. Auch die Nachricht, dass mit der Schweighöfer-Komödie "Der geilste Tag", die gegenwärtig neu verfilmt wird, erstmals eine Pantaflix-Lizenz nach China verkauft wurde, entzündete kein Kursfeuerwerk.

Netflix, der Marktführer im Streaming-Sektor, hat mit seiner ersten deutschen Serie "Dark" im Gegensatz zu "You are wanted" auch qualitativ neue Maßstäbe gesetzt. Nicht zufällig wurde "Dark" als erste Streaming-Serie mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Die zweite Staffel wird derzeit von der Münchener Firma Wiedemann & Berg produziert. Neben der Polizeiserie "Dogs of Berlin" produziert Netflix gegenwärtig "Die Welle", ein Serien-Remake des gleichnamigen dystopischen Jürgen-Vogel-Films von 2008, bei der das identische Team um Regisseur Dennis Gansel am Start ist. Darüber hinaus kooperiert der Streaming-Dienst bei seinem vierten deutschsprachigen Projekt, der von Bavaria Fiction produzierten Psychoanalyse-Serie "Freud", auch mit einem öffentlich rechtlichen Sender, dem ORF, der sich in dieser Hinsicht als experimentierfreudig erweist.

Für die neue Serie "Das Parfüm" kooperiert auch das ZDF mit Netflix. Der Streaminganbieter hat sich die weltweiten Vermarktungsrechte für die Adaption von Patrick Süßkinds Bestseller gesichert, die im Herbst zunächst auf ZDFneo zu sehen sein wird. Regisseur Philipp Kadelbach versetzt die Handlung in die Gegenwart. Als Produzent verantwortlich zeichnet Oliver Berben, dessen Name für traditionelle Fernsehformate steht.

Clash der Kulturen

Auch die Deutsche Telekom will nun im Streaming-Markt einen Fuß in die Tür bekommen. Der Telefonanbieter setzt in seinem IPTV (Internet Protocol Television) auf eine Mischform zwischen Inhalten des traditionellen linearen Fernsehens, die lediglich via Streaming übermittelt werden, und neuen Angeboten aus dem Bereich VoD. So hat das zur Telekom gehörende Portal EntertainTV seine erste eigene Serie produziert: Die zehnteilige Dramedy "Deutsch-Les-Landes", die ab dem 1. November bei EntertainTV Serien verfügbar sein wird, ist eine Koproduktion mit Telfrance und Bavaria Fiction.

Um die Geschichte eines französisch-deutschen Culture-Clashs, der ursprünglich "Germanized" heißen sollte, möglichst glaubhaft zu vermitteln, wurden alle Funktionen vor und hinter der Kamera zweigleisig, das heißt zweisprachig besetzt. So spielt unter der Regie des französischen Filmemachers Denis Dercourt und der Grimme-Preisträgerin Annette Ernst der aus "Stromberg" bekannte Christoph Maria Herbst an der Seite der markanten französischen Darstellerin Sylvie Testud.

Das Ergebnis, so der verantwortliche Produzent Moritz Polter von Bavaria Fiction, ist eine Mischform zwischen linearem Fernsehen und einem Streaming-Format: "Die Erzählweise und das Genre von Deutsch-Les-Landes sind für beide Ausstrahlungsformen geeignet", sagt Polter. Man "könnte die Serie sowohl linear zeigen als auch bingen" - also alle Folgen am Stück sehen. Ohne eine Streaming-Plattform wäre dieses Format allerdings "schwer unterzubringen gewesen". Die Telekom habe jedoch von Anfang an großes Interesse signalisiert und sich "die Serie sehr schnell gesichert".

Die Auswertung in Frankreich übernimmt die Plattform Amazon France, "Deutsch-Les-Landes" ist Amazons erste französische Produktion. Als besonders angenehm empfand Moritz Polter, "dass man nicht eine bestimmte Episodenlänge abliefern muss". Die Figuren der Geschichte seien "horizontal erzählt" - das heißt, die Charaktere entwickeln sich über die Episoden hinweg erst allmählich. Man habe, so Polter, die Klischees einer nicht ganz freiwilligen französisch-deutschen Begegnung "lustvoll auf die Spitze getrieben".

Kommt die Supermediathek?

Für die im September 2017 gestartete Streaming-Plattform 7TV kooperierte der Medienkonzern ProSiebenSat.1 von Anfang an mit dem US-Konzern Discovery, seit März gehören auch die Sender Welt und N24 Doku zu diesem Verbund. Medieninteresse erweckte dieses Projekt, weil hier nicht nur die Sendungen aus den frei empfangbaren Programmen der beteiligten Unternehmen zu sehen sind, sondern auch andere Inhalte. Alles wird - auch als Livestreaming - in einer gemeinsamen Mediathek angeboten. Die Fusion von 7TV mit dem VoD-Anbieter Maxdome ist im Juli vom Kartellamt genehmigt worden (epd 30-31/18). Darüber hinaus sind auch die Mediengruppe RTL Deutschland und die öffentlich-rechtlichen Fernsehanbieter ARD und ZDF zur Kooperation eingeladen.

Ähnlich wie bei Schweighöfers Pantaflix wurde spekuliert, die projektierte "Supermediathek" könne Netflix und Amazon Konkurrenz machen. Ob es hier aber tatsächlich gelingt, Amazon- und Netflix-Kunden Alternativen anzubieten, scheint aus mehreren Gründen fraglich zu sein. Das Bundeskartellamt hat 2011 zunächst den Plänen von RTL und ProSiebenSat.1, und 2013 auch denen von ARD und ZDF, eine gemeinsame Internetvideoplattform zu starten, eine Absage erteilt (epd 17/11, 37/12, 11/13). Zu der von ARD und ZDF geplanten Plattform "Germany's Gold" sagte Kartellamts-Präsident Andreas Mundt, die Inhalte, die dort angeboten werden sollten, seien "gebührenfinanziert und verursachen bereits deshalb eine erhebliche Wettbewerbsverfälschung". Das Kartellamt störte sich damals auch daran, dass ARD und ZDF für bereits finanzierte Inhalte beim Online-Abruf noch einmal Entgelte kassieren wollten.

Und selbst wenn, wie gegenwärtig spekuliert wird, das Kartellamt aufgrund der inzwischen veränderten Marktlage einer "Supermediathek" zustimmen sollte, also einer Kooperation zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen, die Anfang des Jahres wieder vom ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm ins Gespräch gebracht wurde, so stellt sich dennoch die Frage, ob ein solches Projekt von den etablierten Streaming-Anbietern Marktanteile zurückgewinnen könnte. Ein Blick auf die Produktionen "Der Lack ist ab", "Dark" und "Being Mario Götze" führt vor Augen, dass Amazon, Netflix und das Sportportal DAZN konzeptionell andere Wege gehen als traditionelle Fernsehanstalten.

Selbstironischer Tonfall

Wie differenziert der Markt gegenwärtig neu sondiert wird, zeigt die Produktion "Der Lack ist ab". Das Projekt startete 2015 auf dem Streaming-Portal Myvideo, einem mit Youtube vergleichbaren VoD-Anbieter, der mittlerweile in die ProSiebenSat.1-Tochter Maxdome integriert wurde. Inzwischen gibt es eine vierte Staffel der Serie, die im Dezember 2017 auch auf Amazon Prime startete. Im März 2018 wurden alle Episoden auf Englisch synchronisiert. Sie sind nun in 200 Ländern abrufbar. Ob es eine fünfte Staffel geben wird, konnte Tac Romey, Geschäftsführer der Münchener Phantomfilm, die "Der Lack ist ab" produziert, noch nicht sagen.

Mit dem Setting einer Berliner Stadtwohnung, in der ein Werbeprofi und eine Kinderbuchautorin leben, wendet sich die Sitcom an ein gesetztes Publikum mit einer gewissen Bildung. Der selbstironische Tonfall der Serie, in der Kai Wiesinger sich als alterndes Alphamännchen immer wieder um Kopf und Kragen redet, setzt Lebenserfahrung voraus. Themen wie Darmspiegelung schließen die X-Box- und auch die Smartphone-Generation aus.

Die verbleibende Zielgruppe ist vergleichsweise klein und für das lineare Fernsehen nicht mehr ganz so interessant. Für sie kann man aber eine Serie produzieren, die Themen auf eine andere Weise ausreizt. So erhalten beispielsweise in der Episode "#swingerclub" in der zweiten Staffel Tom (Kai Wiesinger) und Hanna (Bettina Zimmermann), die beiden Hauptfiguren der Serie, Besuch von einem befreundeten Paar, das den beiden einen Partnertausch vorschlägt. Für sich genommen ist das Thema nicht originell, in der auf acht bis zehn Minuten Länge abzielenden Dramaturgie, die auf alles Überflüssige verzichtet, werden solche Sujets jedoch so zugespitzt wie man das bei deutschen Comedys selten sieht. Während Tom den Vorschlag irritiert zurückweist, weil er sich nur mit Unbehagen vorstellen kann, dass seine Frau mit einem anderen ins Bett geht - den er obendrein nicht leiden kann -, signalisiert Hanna unterschwelliges Interesse - wodurch Toms Irritation sich noch steigert.

Man folgt diesen Dialogen mit gemischten Gefühlen, die zwischen Neugier, Amüsement und Fremdschämen changieren. Dank namhafter Gaststars (unter anderem Ben Becker, Ralph Herforth, Benjamin Sadler, Uwe Ochsenknecht) nutzt sich das Konzept nicht so schnell ab wie in einer konventionellen Serie.

15 Jahre hat Kai Wiesinger erfolglos für das Projekt geworben. Erst direkte Werbeformate und neue Finanzierungsmöglichkeiten machten sie möglich. So wurden die ersten drei Staffeln von Opel und Vodafone unterstützt. "Indem wir auf das Geld und die Strukturen von den Fernsehsendern verzichten, haben wir hier ganz andere Freiheiten als früher", erklärte der Schauspieler in einem Interview.

Um die Grundidee zu einer tragfähigen Serie zu formen, haben die damals noch recht wenig bekannten Autoren Madeleine Fricke, Frederick Schofield und Sebastian Stojetz die erste Staffel nach dem Prinzip des Writers Room entwickelt. Tac Romey von der produzierenden Firma Phantomfilm, der an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) serielles Erzählen lehrt und in den USA in Schauspiel, Regie und Dramaturgie graduierte, erläutert die aus den USA stammende Arbeitsweise: "In den USA hatten die Serien schon immer ihre Staffeln, für die zwischen 22 bis 24 Episoden geschrieben wurden. Das heißt, während bereits produziert wurde, hat ein Autorenteam im Writers Room immer noch geschrieben." Wenn man außerdem "während der Ausstrahlung merkte, ein bestimmter Handlungsstrang ist besonders spannend, konnten die Autoren gezielt darauf reagieren". In Deutschland wurde meist erst geschrieben, dann produziert und schließlich ausgestrahlt. So etwas führe zu "erheblichen Qualitätsunterschieden", erklärt Romey.

"Being Mario Götze"

Wie innovativ deutsche Streaming-Formate sein können, führt auch die Dokumentation "Being Mario Götze" vor Augen. Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Projekt ersannen Programmverantwortliche des Sport-Portals DAZN, das man auf den ersten Blick für die Online-Version eines typischen "Vertreterfernsehens" halten könnte. Zwischen Livestreams von Fußballspielen und Boxkämpfen entdeckt der Nutzer dort unerwartet eine dreieinhalbstündige Dokumentarfilm-Serie über Ausnahmetalent Götze.

Die Verantwortlichen von DAZN kontaktierten Aljoscha Pause, der spätestens seit den Grimme-Preisen für "Tabubruch - Der neue Weg von Homosexualität im Fußball" und "Trainer!" als einer der renommiertesten Dokumentarfilmer im Sportsektor gilt. Die vierteilige Dokumentation, die Pause für das Sportportal realisierte, ist "ein Prestigeprojekt", das "nicht gerade billig war", denn es mussten Rechte für zahlreiche Fernsehbilder erworben werden. Der Regisseur erhielt dennoch einen kreativen Spielraum, weil das "Projekt sich nicht in erster Linie refinanzieren musste".

Bereits der Titel "Being Mario Götze" ist eine Ansage: Mit dieser Anspielung auf Spike Jonzes Arthouse-Hit "Being John Malkovich" zeigt das Portal DAZN, dass es Sport nicht mit einem Tunnelblick vermarkten will, sondern an den Rändern auch ein kulturell interessiertes Publikum mit ansprechen möchte. "Von Anfang an", sagt Pause, "war von einer Serie die Rede". Dass deren Episoden zwischen 45 und 58 Minuten dauern, ist der inneren Logik des Materials geschuldet. Auf einer Länge von insgesamt dreieinhalb Stunden lotet der Filmemacher das Prinzip des "horizontalen Erzählens" im dokumentarischen Genre aus. Mit einer streckenweise hypnotischen Intensität wird man hineingesogen in das Leben des WM-Torschützen des Jahres 2014, den nach diesem sportlichen Erfolg das Schicksal eines gefallenen Engels ereilte.

Beobachtung eines Ausnahmesportlers

Das Fernsehbild dieses sensationellen Tores, ein Produkt weltweiter Live-Übertragung, wird für gewöhnlich von der Rhetorik und der Verwertungslogik der Sportberichterstattung geprägt. Aljoscha Pause rückt diesen ikonisch gewordenen Moment in den Mittelpunkt, um ihn in verschiedene Richtungen zu "dekonstruieren". Videobilder vergegenwärtigen die Kindheit Mario Götzes, der mit seinen beiden Brüdern unbekümmert im Vorgarten kickt. Zu Wort kommen der Vater, Trainer wie Jürgen Klopp und Joachim Löw sowie Funktionäre wie Matthias Sammer. Der fußballerische Aufstieg Götzes wird chronologisch aufgerollt, auf das WM-Siegtor folgt ein gespenstischer und von der Sportberichterstattung kolportierter Abstieg.

Die Liste der Topfußballer, die sich wie Robert Enke umbrachten oder wie Shootingstar Sebastian Deisler dem Druck nicht standhielten, die wie Diego Maradona oder Paul Gascoigne, drogen- oder alkoholabhängig oder depressiv wurden, ist lang. Umso interessanter ist Aljoscha Pauses tiefenscharfe Beobachtung eines Ausnahmesportlers, der sich nach einer diffusen Störung mühsam zurückkämpft. Mit einer Mischung aus Alltagsbeobachtungen, langen Gesprächen und auch mit Hochglanzbildern begibt sich dieser Film buchstäblich in den Kopf von Mario Götze. Auch im Vergleich mit der kürzlich veröffentlichten Dokuserie "All or Nothing: Manchester City", einer reinen Hochglanz-Serie über den von Pep Guardiola trainierten Club aus Nordengland, ist "Being Mario Götze" einer der interessantesten Sportfilme der vergangenen Jahre.

Als Reed Hastings, der Geschäftsführer von Netflix, erstmals Baran bo Odar traf, schwärmte er von dessen im Kino gerade angelaufenen Cyberthriller "Who Am I". Hastings hatte den Film im Flugzeug gesehen, auf dem Handy. Zunächst war ein Remake für Netflix im Gespräch. Doch als Filmemacher, sagt Odar, "hast du ja immer ein paar Ideen im Gepäck. Eine davon war ‚Dark', damals noch als reines Crime-Drama ohne die übernatürlichen Elemente. Und eine andere Idee war ein Zeitreisefilm. Und als die beide nebeneinander auf dem Tisch lagen, hatten wir plötzlich diese Eingebung: Wenn wir das verbinden, wird es etwas Besonderes. Das fanden sie super."

"Dark" ist eine Hommage an Zeitreise-Abenteuer im Stil von "Zurück in die Zukunft". Die Geschichte über einen deutschen Wald, ein Atomkraftwerk und sauren Regen ist aber auch auf eine typisch deutsche Art schwermütig. Sie wirft Fragen auf, die wohl jeder kennt: Würde ich, falls ich in die Vergangenheit reisen könnte, den Verlauf der Geschichte so zurechtbiegen, dass mir Ungemach erspart bleibt? Oder würde ich durch diese Manipulation die Misere, in der ich stecke, überhaupt erst herbeiführen? Und was wäre, wenn ich mir in der Vergangenheit selbst begegnen würde? Erzählt wird eine kaleidoskopische Geschichte, in der leblose Vögel vom Himmel fallen, Schafe tot zusammensinken und der Schokoriegel Twix auf charmante Art wieder zu Raider wird.

Das Image stärken

Hätten Dramaserien wie "Dark", Dokumentationen wie "Being Mario Götze" oder eine Comedy wie "Der Lack ist ab" im öffentlich-rechtlichen System entstehen können? Das Grundproblem bei deutschen Fersenfilmprojekten sei, sagte Baran bo Odar der "Welt am Sonntag", dass zu wenig "in Nischen gedacht" werde. Das Fernsehen versuche immer, "so viel abzudecken, statt zu sagen, lass uns ganz speziell sein, am Anfang nur wenige anzusprechen und darauf zu vertrauen, dass es sich, wenn es gut ist, schon rumsprechen wird". Netflix gehe es darum, mit der deutschen Serie "Dark" sein eigenes Image zu stärken.

Netflix, der Videoanbieter aus Los Gatos, will ein Anbieter von Inhalten sein, die es sonst nirgends gibt. Diese Strategie bestätigt auch der Produzent Quirin Berg von der Münchener Produktionsfirma Wiedemann & Berg, die gegenwärtig die zweite Staffel der von Baran bo Odar und Jantje Friese gemeinsam kreierten Serie "Dark" produziert. Im Gegensatz zum linearen Fernsehen orientierten sich Streaming-Dienste wie Netflix mehr an den Kreativen, also den Regisseuren und Autoren, mit denen sie zusammenarbeiten wollten. Verantwortliche des linearen Fernsehens, sagte Berg bei den Medientagen München 2017, hätten genau umrissene Vorstellungen davon, was für welchen Sendeplatz bestimmt ist (epd 43/17). Produzenten müssten entsprechend versuchen, dafür passende Projekte zu entwickeln. Bei den Streaming-Diensten und Bezahlsendern stünden dagegen die "Kreativen im Fokus".

Ein Grund für diese abweichende Strategie ist möglicherweise in der long tail theory zu finden, ein ökonomischer Ansatz, den der Amerikaner Chris Anderson 2004 im Magazin "Wired" vorstellte. Ihm zufolge wird im Internet durch den Verkauf kleinerer Stückzahlen, aber vieler Nischenprodukte auf Dauer ein vergleichbarer Profit erwirtschaftet wie mit dem massenhaften Absatz weniger Premium-Produkte. Diese Entwicklung markiert den Unterschied zwischen einer prädigitalen Ökonomie und dem Handel mit virtuellen Gütern, zu denen auch Fernsehinhalte zählen. Bestseller, Blockbuster und Quotenhits wird es weiterhin geben - sie sind aber nicht mehr das einzige Geschäftsmodell. Im Unterschied zum linearen Fernsehen führt diese Entwicklung bei Streaming-Plattformen zu einem vielfältigeren Angebot, das verstärkt kleinere Zielgruppen anvisiert. Die sukzessive Ausdifferenzierung von Nischen-Interessen und die Bedienung marginaler Minderheitsthemen durch Streaming-Portale markiert eine Zäsur, die durch die digitale Medienentwicklung entstand.

Dagegen sind Redakteure des linearen Fernsehens, eines traditionell analogen Mediums, aufgrund struktureller Vorgaben des Rundfunkwesens gezwungen, ihre Inhalte nach dem klassischen betriebswirtschaftlichen Modell zu konzipieren. Programmverantwortliche müssen eine möglichst große Zielgruppe ihres Ausstrahlungsgebietes, das Image des Senders und die Vorgaben des Sendeplatzes im Auge behalten.

Nichts für den Donnerstag

"Wenn ich", sagte Kai Wiesinger im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung", "beim Sender mit einem Drehbuch zu einem Redakteur kam, von dem ich vermutete, er könnte zuständig sein, dann sagte er zu mir: Dein Buch ist ganz schön, aber ich mache den Donnerstag. Und am Donnerstag passt es nicht. Du musst es dem Lektor geben, der für den Freitag zuständig ist. Und der sagte mir dann: ‚Die Hausfrau muss insgesamt selbstständiger sein, die wirkt mir zu bevormundet. Das ist für unseren Sendeplatz wichtig.' Am Ende dauert es Monate, bis es durch alle Hände gelaufen ist und jeder seine Anmerkungen gemacht hat." Daher wünscht Wiesinger sich "eine radikale Befreiung von der Fernsehbürokratie" und eine viel flexiblere Produktion.

Sind Netflix und Amazon die Lösungen? Weil diese Plattformen ihr Publikum im Gegensatz zum linearen Fernsehen weltweit finden, können sie Nischen bedienen, die früher kaum jemand beachtete. In einem Land mag es nur wenige Fans anspruchsvoller Formate wie "Dark" geben. Doch global betrachtet, addieren sich diese Anhänger zu einer Masse, einem ökonomisch relevanten Markt. "Wir sind ein sehr nischiges, deutsches Produkt", sagt die "Dark"-Autorin Jantje Friese über ihre Serie. Und Baran bo Odar ergänzt: "Ich freue mich mehr über 10.000 koreanische als über 10.000 ,Tatort'-Zuschauer."

Bringen Netflix, Amazon und andere VoD-Anbieter also frischen Wind in das angestaubte dualen System des linearen Fernsehens? Nach Ansicht des britischen Regisseurs Peter Kosminsky ist das nicht der Fall. In einem Interview mit "Zeit Online" behauptet er, Streaminganbieter würden derzeit den Markt übernehmen und Kreative exklusiv an sich binden, die nirgendwo anders mehr arbeiten dürften. Er wirft VoD-Anbietern "kulturellen Imperialismus" vor und moniert, dass sie sich auf populäre Themen fixieren und formal einen "amerikanischen TV-Look" präferieren würden: "Es gibt keine Düsternis oder Tiefe."

Die Stimme des Briten ist ernst zu nehmen, seine bemerkenswerte Serie "The State" über den Islamischen Staat, die auf Sky zu sehen war, erregte auch in Deutschland Aufsehen. Doch solche Produktionen die "eher informieren als unterhalten", so Kosminskys Vorwurf, hätten bei Netflix keine Chance. Wer die brasilianische Netflix-Serie "O Mecanismo" über das erst kürzlich aufgedeckte Kartell aus Politik und Wirtschaft gesehen hat, das seine korrupten Geldströme ausgerechnet durch eine Auto-Waschanlage leitete, oder die Netflix-Serie "Fauda" über den Krieg des israelischen Geheimdienstes gegen Hamas-Terroristen, wird dem Argwohn des Briten wohl nicht zustimmen.

Ob Streaming-Anbieter also, wie Wiesinger sagt, "eine radikale Befreiung von der Fernsehbürokratie" bringen oder im Gegenteil neue Abhängigkeiten schaffen, wird sich zeigen müssen. Die Debatte ist eröffnet.

Aus epd medien Nr. 37 vom 14. September 2018

Manfred Riepe