Kritik
Neongreller Humor
VOR-SICHT: "Tanken - mehr als Super“, Sitcom, Regie: Schlegel/Plura/Orr, Buch: Gricksch/Drache, basierend auf "The Night Shift" von Sagafilm, Kamera: T. Holzhauser, Produktion: Letterbox (ZDFneo, dienstags ab 31.7.18, 22.45-23-15 Uhr)
. (epd). Über Humor lässt sich (nicht) streiten. Aber so richtig lustig wirkt die neue ZDFneo-Sitcom leider nicht. Von ihr zu erzählen, ist fast komischer, als sie anzugucken, was natürlich eine gewisse Problemanzeige ist. Spielort ist die neonblau beleuchtete Tankstelle "Super" bei Nacht. Dort schieben abwegigerweise gleich drei "Super"-Leute in entwürdigend neongelb-blauer Uniform Nachtschicht, obwohl kaum jemand zum Tanken kommt.

Der dicke Olaf (Daniel Zillmann), der abgebrochene Medizinstudent Daniel (Ludwig Trepte) und last but not least der neue Chef der Nachtschicht: Georg Bergstedt (Stefan Haschke). Georg, zweite Hälfte 30, schwindendes Haar, sieht in sich selbst eine aufstrebende Führungskraft im Management: "Dienstbesprechung, zack, zack!" Tatsächlich wurde er gerade degradiert, weil ihm als Leiter der Tagschicht die Waschstraße explodiert war - und er im Zweifel leider zu blöd ist, zur Tür reinzukommen.

Der im BWLer-Jargon daherfaselnde Georg ist nicht nur ein Klugschnacker, sondern auch noch ein sehr unsympathischer Mensch – ein "Vorschriftsnazi", wie eine ältere Dame schimpft, weil er ihren Enkelsohn, der dringend zur Toilette muss, ohne Mindestverzehr im Tankstellenshop nicht aufs Klo lassen will. Natürlich vergrößert Georg seine Probleme zuverlässig. Der Junge kann nicht mehr und pinkelt schließlich vor die Kasse.

Die Art, wie sich Georg selbst überschätzt und sich dauernd ins Bein schießt, erinnert an eine andere Arbeitsplatz-Serie: "Stromberg". Der Versicherungsmann war unter anderem deshalb so lustig, weil er bei aller "Arschigkeit" ein armer Tropf, ein Mensch, war. Stromberg buhlte armrudernd darum, von irgendwem gemocht zu werden; Mr. Bean weckt noch in seinen unangenehmsten Rollen durch seine Tollpatschigkeit Sympathie. Georg hingegen wirkt eindimensional. Was soll man an diesem engstirnigen Antihelden mögen, so böse, wie Georg Haschke ihn gibt? Ein klein wenig mehr muss man sich wohl auch mit Negativfiguren identifizieren können, um über sie lachen zu können.

Die Humorfarbe? Absurd. Beziehungsweise neongrell und manchmal fast schon comicartig. Es eskaliert Folge für Folge grotesk vor sich hin. Ob nun der demente Opi von Olaf, der in den Elektroraum ausgebüxt ist, die komplette Tankstelle ruiniert. Oder durch die missverstandenen Hilfeschreie einer von Georg schikanierten muslimischen Kundin mit Kopftuch Terroralarm ausgelöst wird. Wenn alles zu spät scheint, muss Tagschichtleiterin Jana LeLeur (Christine Petersen) - Georgs Meinung nach eine ehemalige Pornodarstellerin - zu Hilfe kommen. Vom phrasendreschenden Georg wird die pummelige Kollegin und Konkurrentin ebenso gehasst, wie vom dicken Olaf angehimmelt.

Zwölf Folgen hat die Serie, die auf der isländischen Serie "Night Shift" basiert. Entwickelt sich noch was? Wird man Georg mit der Zeit doch noch menschlich, allzumenschlich finden? Es wäre insbesondere in Hinblick auf diese Figur interessant, die deutsche "Regelnazi"-Version mit dem Original zu vergleichen. Da ist Georg, laut Website der TV-Produktion Sagafilm ein "typischer übermäßig gebildeter Kommunist", der nach seinen eigenen bizarren Regeln lebt. Klingt irgendwie origineller.

Aus epd medien Nr. 30/31 vom 27. Juli 2018

Andrea Kaiser